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BY 4.0 license Open Access Published by De Gruyter October 14, 2021

„The power of Christ compels you!“

Eine religionswissenschaftliche Analyse von Macht und Machtpositionen im katholischen Exorzismus

Nicole Maria Bauer ORCID logo EMAIL logo

Zusammenfassung

In diesem Beitrag wird die gegenwärtige katholische Exorzismus-Praxis in Hinblick auf Macht, Machtdynamiken und Machtverhältnisse erläutert. Dabei werden die Hauptakteur*innen des katholischen Exorzismus, der Exorzist (männlicher katholischer Priester), die „Besessenen“ (Männer und Frauen) und der/die Besetzer*innen (Teufel, Dämonen*innen) in den Blick genommen und anhand der Analyse von Primärquellen wie kirchenrechtlicher und liturgischer Dokumente (Rituale Romanum, Codex Iuris Canonici) sowie aktueller Publikationen und Webseiten untersucht. Der katholische Exorzismus bezieht sich in seiner gegenwärtigen Umsetzung auf einen Ritualtext des frühen 17. Jahrhunderts, der in den 90er-Jahren des 20. Jahrhunderts einer Überarbeitung unterzogen wurde. Das Rituale Romanum (1614) stellt die Grundlage der weltweit durchgeführten kirchlichen Exorzismus-Praxis dar und ist kirchenrechtlich verankert. In der gegenwärtigen Praxis des Exorzismus werden Machtpositionen sichtbar, die in den religiösen Heilungspraktiken repetiert und zementiert werden und fundamentale Machtstrukturen der katholischen Kirche widerspiegeln.

Abstract

This article explains the current Catholic exorcism practice in terms of power, power dynamics, and power relations. The protagonists of Catholic exorcism – the exorcist (manly Catholic priest), the “possessed” (women or men) and the occupying force (devils, demons) – are examined based on the analysis of primary sources, such as canonical and liturgical documents (e. g. Rituale Romanum, Codex Iuris Canonici), and the current publications and websites of Catholic exorcists. The current implementation of Catholic exorcism refers to a ritual text from the early 17th century, which was revised in the 1990 s. The Rituale Romanum (1614) represents the basis of the ecclesial exorcism practice across the world and is anchored in canon law. The current practice of exorcism constructs positions of power, which are repeated and cemented in religious healing practices, and which reflect the fundamental power structures of the Catholic Church.

1 Einleitung[1]

„The power of Christ compels you!“ („Die Macht Jesu Christi zwingt dich!“), so lautet wohl einer der bekanntesten Aussprüche im Hollywoodfilm „The Exorcist“ (1973). Während des dort dargestellten katholischen Exorzismus-Rituals bezwingt der Priester Father Merrin mithilfe göttlicher Macht („power of Christ“) den Dämon „Pazuzu“[2], der von der 12-jährigen Regan Besitz ergriffen hat.[3] Regisseur William Friedkin und Autor William Peter Blatty inszenieren dabei einen Topos, welcher in den 1970er-Jahren in den USA eine Debatte über die Möglichkeit dämonischer Besessenheit und die Notwendigkeit der katholischen Exorzismus-Praxis in Gang setzte. Eine unüberschaubare Anzahl an Filmen und Fernsehserien greifen seither explizit römisch-katholische Narrative auf. Im Horrorfilm „The Rite“ (2011) wurde beispielsweise dem kürzlich verstorbenen römischen Exorzisten Gabriele Amorth (1925–2016)[4] ein Denkmal in der Populärkultur gesetzt. Weitere Filme wie „The Exorcism of Emily Rose“ (2005) oder „Requiem“ (2006) nehmen ebenfalls Bezug auf tatsächliche Ereignisse und reale Personen.[5] Aber auch andere antike jüdisch-christliche Mythen über das Böse wie die Idee des „Antichristen“[6], die „Zahl des Tieres“ (666)[7] oder Satan als das personifizierte Böse[8] werden in Unterhaltungsmedien wie Büchern, TV-Serien, Filmen, Musikvideos oder Videospielen aufgegriffen und finden großen Anklang in der Populärkultur.[9] Die Idee der realen Existenz transempirischer Wesen, die sich des Menschen bzw. dessen Körpers bemächtigen und im Erleben der „Besessenheit“ zum Ausdruck kommen, hat somit Einzug genommen in die Alltagswelt von Gläubigen (und Nicht-Gläubigen).[10]

In der oben zitierten Szene aus „Der Exorzist“ werden Macht und Machtverhältnisse filmisch inszeniert, die auch die Dynamiken der gegenwärtigen Exorzisten-Szene widerspiegeln.

Ausgehend von der Frage, welche auf Macht beruhenden Dynamiken sich in diesem Feld identifizieren lassen, sollen in diesem Beitrag Konstruktionen und Transformationen von Macht und Machtverhältnissen in den Blick genommen werden, die sich auf unterschiedlichen Ebenen der katholischen Exorzismus-Praxis zeigen und zu einer Stärkung der Machtposition der Exorzisten führen.

Die Hauptakteur*innen des katholischen Exorzismus (Priester, Besessene und Besetzer*innen) werden in diesem Beitrag in Hinblick auf deren Machtposition, Machtdynamiken und Machtverhältnisse zueinander diskutiert.

Macht wird dabei nicht als „Phänomen“ betrachtet bzw. als eine Menschen und Gruppen innewohnende Essenz, sondern als Produkt diskursiver Aushandlungsprozesse, welches in historischen und sozialen Kontexten konstruiert und in religiösen Praktiken repetiert und zementiert wird. Dabei wird auf den Foucault’schen Machtbegriff Bezug genommen. Foucault formuliert ein Verständnis von Macht, das Macht als „viele einzelne, definierbare und definierte Mechanismen [betrachtet], die in der Lage scheinen, Verhalten zu induzieren“.[11] Macht zeigt sich demzufolge auf der Ebene von Interaktion und Beziehung. Macht, als ein auf andere Akteur*innen Einfluss nehmendes Verhalten oder Diskurs, ist dabei konstitutiv sowohl für Beziehungen zwischen Individuen als auch Gruppen.[12]

Macht wird in diesem Beitrag in erster Linie als eine Zuschreibung an menschliche und nicht-menschliche Akteur*innen, Dinge und Praktiken gesehen, welche diskursiv erzeugt wird und in Interaktionen und Kommunikation zum Ausdruck kommt. In religiösen Praktiken, so die hier vertretene These, werden emische Machtdiskurse performativ inszeniert und Zuschreibungen an Machtpositionen gefestigt. Praktiken der Heilung in religiösen Kontexten sind daher meist eingebettet in Rollenmuster (Rolle der/des Heiler*in und Rolle der/des zu Heilenden), die auf Zuschreibungen von Macht beruhen.

Machtpositionen stellen somit den Rahmen religiöser Heilungspraktiken dar und haben damit möglicherweise auch Auswirkung auf die Wirkung der Praktik bzw. die Wirkungszuschreibung.

Daran anknüpfend werden in diesem Beitrag auch Dynamiken in den Blick genommen, die sich in der Interaktion und Kommunikation zwischen Exorzisten und Besessenen zeigen und auf Zuschreibungen von Macht beruhen. Die diskursive Konstruktion von Macht im katholischen Exorzismus und die Wechselwirkung zwischen den spezifischen Narrationen und der religiösen Praxis des Exorzismus stehen somit im Zentrum dieses Beitrags.

Während sich die ‚Besessenen‘ von einer übernatürlichen Macht des Bösen überwältigt fühlen und dieser ohnmächtig gegenüberstehen, nimmt der Priester den Kampf mit den finsteren Mächten auf. Der Körper der Besessenen, der Energumenen[13], der für den Zeitraum der Besessenheit unter der zeitweiligen Kontrolle der Besetzerin bzw. des Besetzers oder der Besetzer (Teufel und/oder Dämon*innen) gedacht wird, stellt dabei das Kampffeld dar.[14] Über eben diese Energumenen wurden schon im christlichen Altertum nach dem Vorbild des biblischen Jesus von Nazareth Praktiken der Austreibung von Dämon*innen überliefert, die gegenwärtig wieder aufgegriffen, neuinszeniert und mit gegenwärtigen Heilungsdiskursen synchronisiert werden. Durch die Bezugnahme auf eine jahrtausendealte, auf biblische Quellen zurückgehende Austreibungspraxis nehmen die katholischen Exorzisten eine Sonderstellung im katholischen Heilungsdiskurs ein.

Diese Jesus zugeschriebenen Dämon*innenaustreibungen, die in zahlreichen Bibelstellen[15] Erwähnung finden, demonstrieren Macht gleichzeitig auf zwei Ebenen: Zum einen verdeutlichen sie die Ohnmacht des Menschen gegenüber übermächtigen Akteur*innen (Gott/Teufel), zum anderen versinnbildlichen diese die Macht Jesu, dem es aufgrund seines besonderen ‚Charismas‘[16] bzw. durch die Unterstützung der übernatürlichen Macht des christlichen Gottes („wenn ich aber Dämonen durch den Geist Gottes austreibe“[17]) gelingt, die Macht der übernatürlichen Besetzer*innen (Teufel/Dämon*innen) zu brechen und die leidenden Menschen zu befreien. Im Exorzismus, der auf die Austreibungspraxis Jesu zurückgeführt wird, verdichten sich somit folgende Machtpositionen: die Machtposition des Exorzisten, die auf eine nicht-menschliche, transempirische Macht, die als positiv bzw. gut bewertet wird (Jesus), rekurriert, und die Ohnmachtsposition der Besessenen, die auf eine als negativ bewertete nicht-menschliche, transempirische Macht zurückgeführt wird.

Theologisch betrachtet, das sei hier anzumerken, wird dem Exorzisten selbst keine besondere Macht zugesprochen. Diese begründe sich vielmehr durch die Bezugnahme auf Jesus und die Macht Gottes, um die der Exorzist bereits vor dem eigentlichen Ritual zu bitten hat: „divinoque auxilio piis precibus implorato“ („und Gottes Hilfe mit frommen Gebeten zu erbitten“).[18] Diese Machtposition, die ihm dadurch jedoch zugeschrieben wird, räumt ihm wiederum eine Sonderstellung im Kampf gegen den christlichen Gegenspieler Gottes, den Teufel, ein. Im Ritual selbst, so es zu einem erfolgreichen Abschluss gebracht wird, wiederholt sich die christliche Heilsgeschichte als Sieg des Guten (Exorzist als Symbol der göttlichen Macht) oder des Bösen (Teufel, der sich symbolisch in der Besessenheit zeigt). Der Körper der/des Besessenen wird dabei zum Schauplatz des Kampfes, auf dem der spirituelle Krieg ausgetragen und Machtpositionen zementiert werden. In der Ohnmachtsposition der/des Besessenen spiegelt sich das christliche Narrativ des ‚ohnmächtigen‘ Menschen, der Erlösung und Heilung erst durch die Macht Gottes findet.[19]

Während die/der Besessene als Vehikel einer transempirischen Macht eigener Handlungsmacht beraubt wird, wird dem Exorzisten als Vehikel der göttlichen Macht eine Machtposition zugeschrieben. Diese beiden Positionen werden in der Durchführung des Exorzismus durch die Wiederholung der christlichen Narrative im Rezitieren der Ritualtexte festgeschrieben. Die von den Akteur*innen eingenommenen Machtpositionen stellen gleichzeitig den Rahmen des Heilungsrituals dar, sie sind sozusagen Voraussetzung für den Heilungseffekt und werden im Exorzismus gefestigt. Anliegen dieses Beitrags ist es daher, sprachliche und performative Prozesse und Dynamiken in den Blick zu nehmen, die zur Verfestigung der Machtverhältnisse im katholischen Exorzisten-Feld führen.[20]

2 Religionswissenschaftlicher Blick auf „Besessenheit“ und „Exorzismus“

2.1 Besessenheit

Der Begriff der „Besessenheit“ findet sich in unterschiedlichen Religionen und Kulturen und bezeichnet meist bestimmte Zustände (außergewöhnliche Bewusstseinszustände, Transphäno­mene etc.), die mit dem Erleben der Inbesitznahme durch eine transempirische Entität (Gött*innen, Geister, Dämon*innen etc.) einhergehen.[21] In der eher phänomenologisch ausgerichteten Forschungsliteratur[22] werden unterschiedliche Zustände der Besessenheit benannt, die je nach kulturellem bzw. situativem Kontext variieren.[23]

Eine ‚Phänomenologie‘ der Besessenheit ist auch in die katholische Praxis integriert. Das Rituale Romanum (1614), eine Sammlung liturgischer Handlungen, in dem die Liturgie des Exorzismus geregelt wird, dient als Richtlinie für die Identifikation sowie den Umgang mit Besessenen.[24] Die Besetzer*innen sind im katholischen Diskurs klar benannt als Teufel oder Dämon*in. Während in unterschiedlichen Weltanschauungen und Praktiken unterschiedliche Arten von Besetzer*innen angenommen werden, die nicht zwangsläufig als negativ beurteilt werden, sind Besessenheitsvorstellungen im christlichen Feld nur vor dem Hintergrund eines stark dualistischen Weltbildes und der Dichotomisierung von „Gut“ und „Böse“ zu sehen, vor deren Hintergrund sich im Christentum eine vielschichtige Dämon*innenlehre entwickelt hat.[25]

Als Merkmale der „dämonischen Besessenheit“[26] dienen folgende Symptome der Orientierung: „Wenn einer ausführlich eine ihm unbekannte Sprache spricht oder einen versteht, der in einer solchen redet; wenn er Entferntes oder Verborgenes kundtut; eine Kraft aufweist, die über sein Alter und seinen Zustand hinausgeht“[27]. Ebenso zählen eine ablehnende Haltung gegenüber Gott, der Kirche, christlichen Symbolen und Ritualgegenständen als Anzeichen für eine Besessenheit.[28] Diese recht eng gefasste ‚Schablone’ dient katholischen Exorzisten der Identifikation einer dämonischen Besessenheit. Die gegenwärtige religiöse Praxis des Exorzismus, die seit der Neuauflage des lateinischen Ritualtextes De exorcismis et supplicationibus quibusdam (1999) eine Wiederbelebung erfährt, zeigt sich jedoch durchaus komplexer.

Um den Begriff „Besessenheit“ für die religionswissenschaftliche Analyse fruchtbar zu machen, soll hier auf die diskursive Bedingtheit der Kategorie hingewiesen werden, die in unterschiedlichen religiösen Kontexten mit divergierender Bedeutung gefüllt wird. Besessenheit kann demzufolge als Worthülse betrachtet werden, der in unterschiedlichen historischen, kulturellen, religiösen und sozialen Kontexten von Akteur*innen, die damit bestimmte Intentionen verfolgen, Bedeutung zugeschrieben wird. Essentialistische Definitionen, die „echte“ von „unechter“ oder „unauthentischer“ Besessenheit unterscheiden, werden hier zurückgewiesen. Vielmehr steht der Prozess der Bedeutungszuschreibung im Fokus der religionswissenschaftlichen Analyse. Anknüpfend an die Definition von Zinser (1999), der feststellt, dass „als besessen [...] vielmehr immer derjenige anzusehen [ist], der sich selbst als besessen bezeichnet oder von einer sozialen Gruppe als solcher bezeichnet wird“[29], sollen hier ebendiese diskursiven Aushandlungsprozesse von Besessenheit im katholischen Kontext (mit besonderem Fokus auf Macht und Machtdynamiken) in den Blick genommen werden. Wenn in diesem Beitrag die Rede von „Besessenheit“, „besessen“ oder der/die „Besessene“ ist, dann liegt dem ein anti-essentialistisches Begriffsverständnis zugrunde und meint damit Zuschreibungen, die an bestimmte Zustände, Verhaltensweisen oder Personen in dem hier untersuchten Forschungsfeld gemacht werden.

2.2 Exorzismus

Ähnlich wie mit dem Begriff Besessenheit verhält es sich auch mit dem Begriff „Exorzismus“. Exorzismen, so Horst Figge in seinem Beitrag „Exorzismus“ in Religion in Geschichte und Gegenwart (RGG), ist eine „weltweit geübte Praxis und integraler kultischer Bestandteil der meisten Religionen“[30]. „Exorzismus“ stellt demzufolge ebenfalls einen Allgemeinbegriff dar, dessen Bedeutungsinhalt diskursiv in unterschiedlichen religiösen, kulturellen und historischen Kontexten ausgehandelt wird. Abgeleitet vom griechischen Verb exorkizein („Hinausbeschwörung“)[31], umschreibt der Begriff Exorzismus zunächst einmal eine religiöse Heilungspraktik, „deren Ziel es ist, psychische, soziale oder materielle Störungen zu beseitigen“[32], die auf die Anwesenheit einer oder mehrerer transempirischer Entitäten zurückzuführen sind. Während der religiösen Heilungspraktik werden ‚besessene‘ Personen, aber auch Gegenstände oder Orte, mit Hilfe eines speziellen Rituals dem Machtbereich der ‚Besetzer*innen‘ entzogen.

Exorzismus ist ein Terminus, der im Kontext religiöser Heilungspraktiken Verwendung findet, und meist die Austreibung eines nicht-menschlichen, transempirischen Wesens aus dem Körper einer leidenden Person mit Hilfe einer spezifischen religiösen Praktik bezeichnet.[33] „Seiner Herkunft nach ein Prozess der Heilung, erfüllt der Exorzismus darüber hinaus eine Vielzahl von Funktionen und Interessen.“[34] Das Handbuch religionswissenschaftlicher Grundbegriffe verweist dabei besonders auf die therapeutische, psychologische und soziale Funktion von Heilungspraktiken, wie die Reintegration Betroffener in die Gesellschaft.

Im Blick der religionswissenschaftlichen Forschung stehen somit Prozesse der Bedeutungs­zuschreibung in den divergierenden Kontexten und die damit einhergehende diskursive Konstruktion sozialer Realitäten.[35]

3 Katholischer Exorzismus in der Gegenwartsgesellschaft

3.1 Theologische und kirchenrechtliche Positionen

In der römisch-katholischen Kirche bezeichnet der Begriff Exorzismus ein „öffentliches und autoritatives Gebet der Kirche im Namen Jesu Christi, dass eine Person oder ein Gegenstand vor der Macht des bösen Feindes beschützt und seiner Herrschaft entrissen wird“[36]. In der katholischen Kirche regelt bis heute das Rituale Romanum (1614) die Umsetzung des Exorzismus.[37] Die konkrete Vorgehensweise beim Exorzismus ist ebenfalls kirchenrechtlich geregelt und orientiert sich am Ritualbuch, welches erst im 20. Jahrhundert einige Überarbeitungen erfahren hat.[38] Es enthält Regeln für das liturgische Vorgehen während des Exorzismus und dient als Richtlinie für die Identifizierung und Behandlung von Besessenen.[39] Der Begriff „Besessenheit“ wird darin für die katholische Praxis definiert, wie bereits oben dargestellt. Voraussetzung für die Feststellung einer Besessenheit im katholischen Kontext ist dabei der Glaube an die Existenz transempirischer Wesen (Teufel oder Dämon*innen), die sich des Menschen (oder Gegenständen) auf unterschiedliche Weise bemächtigen. In katholischen Texten ist die Rede von unterschiedlichen Arten und Varianten der Besessenheit bzw. des Einflusses transempirischer Mächte auf Menschen. Neben der sogenannten „dämonischen Besessenheit als die schwerste Form“[40] berichten Exorzisten von „äußerer Belästigung“[41] durch Dämon*innen, die außerhalb des Körpers wahrnehmbar sind, „teuflischen Quälereien“[42], die sich auf emotionaler, sozialer und physischer Ebene zeigen sowie „teuflischen Obsessionen“, die Menschen sogar zum Selbstmord führen können. Als „teuflische Infestation“ wird die Heimsuchung von Gegenständen und Orten durch transempirische Entitäten bezeichnet.[43] Wenngleich die sogenannten „Sachbeschwörungen“ nicht mehr zum offiziellen kirchlichen Repertoire gehören, finden sich im aktuellen Exorzismus-Ritus von 1999 verschiedene Praktiken (wie Bittgebete, exorzistische Formeln), die bei der Vermutung einer Infestation zur Anwendung gebracht werden können.[44]

Theologische Voraussetzung für diese Vorstellung ist die „Lehre über die Existenz dämonischer Mächte als zum Glauben gehörig“[45]. Bezugnehmend auf unterschiedliche neutestamentliche Quellen, die auf von Jesus durchgeführte Dämon*innen-Austreibungen verweisen,[46] steht „der geistliche Kampf gegen die Macht des Bösen“[47] im Zentrum des christlichen Glaubens.[48] Während die Frage des Bösen unterschiedliche Ausformungen in theologischen Positionen einnimmt und das Böse vielfach als Metapher für menschliches Leid und menschliche Abgründe gedeutet wird,[49] betonen Befürworter*innen der Exorzismus-Praxis den Glauben an den Teufel und Dämon*innen als reale transempirische Entitäten.[50]

3.2 Die Praxis des Exorzismus

Die katholische Kirche unterscheidet zwischen „kleinem Exorzismus“ und „großem Exorzismus“. Der kleine Exorzismus darf auch von religiösen Lai*innen durchgeführt werden und stellt eine Art Bittgebet um „die Befreiung von der Macht des Bösen“[51] dar, das in „deprekativer“ Form an Gott gerichtet ist.[52] Ein bekanntes Beispiel aus dem katholischen Kontext stellt das „Vater unser“ dar, in dem mit den Worten „und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen“ der christliche Gott angerufen wird.[53] Häufig wird der kleine Exorzismus auch mit der Anrufung des „Erzengels Michael“, eines zentralen christlichen Grenzgängers, in Verbindung gebracht, dem eine besondere Schutzwirkung zugesprochen wird.[54]

Der große Exorzismus gehört zu den sogenannten „Sakramentalien[55], eine Bezeichnung für verschiedene liturgische Handlungen, bestehend aus Gebeten und Ritualen, und kommt dann zur Anwendung, wenn eine dämonische Besessenheit vermutet wird.[56] Als liturgische Handlung wird dem Exorzismus die Funktion zugeschrieben, „Dämonen auszutreiben oder vom Einfluss von Dämonen zu befreien“[57].

Hierbei ist anzumerken, dass der Exorzismus grundsätzlich an allen Menschen durchgeführt werden darf, egal, ob diese Teil der katholischen Glaubensgemeinschaft sind („Getaufte“) oder nicht („Ungetaufte“). Voraussetzung hierfür sei „die moralische Gewissheit darüber, der zu Exorzierende sei von einem Dämon besessen“[58]. Dabei ist zu betonen, dass das Kirchenrecht hier zu einer sorgfältigen Diagnosestellung auffordert. Hier ist die Rede „von einer gründlichen Analyse des Sachverhalts“[59] unter Einbezug von medizinischer und psychologischer Expertise. Wird eine ‚dämonische Besessenheit‘ vermutet, kommt die Rolle des Exorzisten zum Einsatz. Dieser übernimmt während des großen Exorzismus die Aufgabe der Kommunikation mit der/dem „Besetzer*in“ (Dämon*in oder Teufel).[60] Die Kommunikation findet entweder direkt statt, indem sich der Exorzist direkt an die transempirischen Akteur*innen richtet und diese auffordert, den Körper der/des Besessenen zu verlassen („imprekatorischer Exorzismus“[61]) oder er erwirkt die Austreibung des transempirischen Wesens durch Gebet oder andere religiöse Praktiken („deprekatorischer Exorzismus“[62]). Zum Einsatz kommen bei diesem Ritual, das meist in Kirchen im kleinen, ausgewählten Kreis stattfindet, unterschiedliche christliche Symboliken und Ritualgegenstände wie das Kruzifix, Weihrauch, Weihwasser, Glocken, heilige Bücher und Gewänder. Zentrale Praktiken nach dem ursprünglichen Ritus von 1614 sind die Erfragung der Namen der Dämon*innen „dicas mihi nomen tuum“ („Nenne mir deinen Namen!“)[63], die Frage nach dem Zeitpunkt des Verlassens des transempirischen Wesens sowie der dreimalige Befehl: „Ich beschwöre dich, unreiner Geist, [...] weiche und fahre aus von diesem Geschöpf Gottes!“[64]. Bei der Durchführung des Exorzismus wird also „unter Anrufung der Macht Gottes die Abwehr des Bösen erfleht“[65]. Dabei werden Dämon*innen aus Menschen herausbeschworen.

Im neuen Exorzismus-Ritual kommen Praktiken wie das Besprengen der besessenen Person mit Weihwasser, das Auflegen der Hand des Priesters, das ‚Anblasen‘ des Gesichts der Person, das Rezitieren verschiedener religiöser Texte (z. B. Gebete, Allerheiligenlitanei, Psalmen, Glaubensbekenntnis, Evangelium), das Zeigen des Kreuzes sowie das Rezitieren der deprekativen oder imprekativen Exorzismus-Formel zum Einsatz.[66]

Wer sich als Exorzist betätigen darf, ist ebenfalls im Kirchenrecht geregelt. Dieser muss zum einen die Priesterweihe empfangen haben und darüber hinaus für das Amt des Exorzisten vom „Ortsordinarius“[67] bestellt werden.[68] Auch für die Auswahl des Exorzisten zieht das Kirchenrecht bestimmte Kriterien heran wie besondere Frömmigkeit des Kandidaten, eine moralisch vorbildliche Lebensführung sowie theologisches und psychologisches Wissen über Besessenheit.[69] Religiöse Lai*innen sind explizit von dieser Tätigkeit ausgeschlossen.[70]

3.3 Das gegenwärtige katholische Exorzisten-Feld

Im Jahr 1999 wurde der Exorzismus-Ritus der katholischen Kirche nach einer längeren Phase der Auseinandersetzung und Überarbeitung in aktualisierter Version veröffentlicht.[71] Zur selben Zeit formierte sich in Rom auch die „Internationale Vereinigung der Exorzisten“ (AIE). Derzeit besteht die Vereinigung aus etwa 250 Priestern aus unterschiedlichen Ländern und von unterschiedlichen Kontinenten.[72] Gabriele Amorth (1925–2016), der kürzlich verstorbene römische Exorzist, führte bis zum Jahre 2000 den Vorsitz der Vereinigung.[73] Ziel der Vereinigung ist es, internationale römisch-katholische Exorzisten in einen Verein einzubinden und in Abstimmung mit praktischen Erfahrungen Richtlinien zur Durchführung von Exorzismen zu erarbeiten.[74] Darüber hinaus wurde an der päpstlichen Hochschule „Athenaeum Regina Apostolorum“ ein Hochschullehrgang für angehende Exorzisten entwickelt, der dort jährlich vom „Instituto Sacerdos“ in Kollaboration mit der „Group for Socio-Religious Research and Information“ (GRIS), einem außeruniversitären Forschungsinstitut, in Rom abgehalten wird.[75] Der Kurs, der sich explizit Fragen zu Besessenheit und der Exorzismus-Praxis zuwendet, wird seit 2005 regelmäßig angeboten und richtet sich an praktizierende Exorzisten, Priester, Seminaristen und andere Interessierte.[76]

Exorzismen stellen, wie hier aufgezeigt werden konnte, eine katholische Praxis dar, die bis heute nichts an Aktualität verloren hat und von Katholik*innen wie Nicht-Katholik*innen nachgefragt wird. Der Glaube an das personale Böse und damit einhergehende Schutz- und Heilungspraktiken werden im (römisch-)katholischen Exorzisten-Feld reaktiviert und popularisiert.[77] Nicht zuletzt durch die akademische Anbindung und Professionalisierung der Ausbildung zum Exorzisten wird der alten Praxis neue Bedeutung beigemessen und damit die Machtposition der Exorzisten, die eine marginale Gruppe in der katholischen Kirche darstellen, legitimiert und potenziert.

4 Die Konstruktion von Machtpositionen im katholischen Exorzismus

4.1 Ebenen der Machtkonstruktion des Exorzisten

Konstruktionen von Macht (und Ohnmacht) lassen sich auf unterschiedlichen Ebenen im Kontext des katholischen Exorzismus identifizieren. Sie konstituieren und legitimieren die Praxis. Katholische Exorzisten nehmen, wie hier aufgezeigt wird, eine bedeutende (Macht)Position im katholischen Heilungsdiskurs ein, die weit über deren eng gefasste Rolle des ‚charismatischen Heilers‘ hinausgeht. Als Heiler, welchen ein besonderes ‚Charisma‘ zugeschrieben wird, wird den Exorzisten eine Sonderstellung in Bezug auf die Heilung der Besessenen oder durch transempirische Mächte Bedrängten zuteil. Exorzisten ist es vorbehalten, einen Exorzismus durchzuführen und leidende Personen zu heilen.[78] Exorzismen sind klar reglementiert und dürfen in der katholischen Praxis, wie oben dargestellt, nur von einem Priester vollzogen werden, der vom Ortsordinarius die ausdrückliche Erlaubnis dafür erhalten hat. „Die Erlaubnis muss peculiaris sein, d. h. sie muss sich auf einen ganz konkreten Fall beziehen; eine allgemeine Beauftragung scheidet somit aus. Der Ortsordinarius hat sich in jedem Fall von der Angemessenheit und Notwendigkeit eines Exorzismus ein Bild zu verschaffen“[79].

Aufgrund der strengen Limitierung und Reglementierung des Exorzismus ergibt sich auch die Exklusivität der Rolle des Exorzisten bereits innerhalb der katholischen Praxis. Zugleich werden hier auch innerkirchliche Hierarchien und Machtdynamiken sichtbar, in welche die Rolle des Exorzisten eingebettet ist. Die Sonderstellung des Exorzisten ergibt sich jedoch nicht allein aufgrund der Exklusivität der Rolle im kirchlichen Kontext, sondern bezieht sich durchaus auch auf die Qualifikationen und Qualitäten der Person, die für diese Rolle ausgewählt wurde. Der Aspekt des ‚Auserwähltseins‘ aus einer Reihe von Priestern wurde bereits im Rituale Romanum in den Richtlinien des „De exorcizandis obsessis a daemonio“ festgelegt, wo es heißt:

„Der Priester, der durch eine besondere und ausdrückliche Vollmacht des Ordinarius [...] die vom Teufel Besessenen beschwört, soll sich durch Frömmigkeit, Klugheit und unbescholtenen Lebenswandel auszeichnen“[80].

Die Rede von besonderer Frömmigkeit, Wissen, Klugheit und Moral findet sich ebenfalls im Gesetzbuch des Kirchenrechts (Codex Iuris Canonici), wo auf die Vorbildfunktion des Exorzisten in der christlichen Gemeinschaft hingewiesen wird.[81]

Eine weitere Sonderposition, die die Machtposition des Exorzisten verfestigt, nehmen Exorzisten im christlichen Erlösungsnarrativ ein. Der Exorzist tritt als Akteur eines ‚spirituellen oder geistigen Krieges‘ in Erscheinung und nimmt dabei eine herausragende Position im christlichen Heilungsnarrativ ein.[82] Zum einen wird dem Exorzisten aufgrund seiner persönlichen Eigenschaft die Macht zugeschrieben, „den Anfechtungen des Bösen zu widerstehen“[83], andererseits wird hier auch auf die Macht Gottes Bezug genommen:

„Nicht auf seine eigene, sondern auf die Kraft Gottes gestützt und losgelöst von jedem menschlichen Verlangen, vollziehe er [...] dieses Gott so wohlgefällige Werk“.[84] Während aus theologischer Perspektive im Handeln des Exorzisten die Allmacht des christlichen Gottes unter Beweis gestellt wird, repräsentiert der Exorzist analog zur besessenen Person ein Vehikel Gottes, der höchsten Macht im Christentum.

In der Metapher des Teufels, der die Antithese zum christlichen Gott versinnbildlicht, verdichtet sich die Machtposition des Exorzisten. Der Exorzist wird zum Krieger im Kampf gegen den Teufel, der in der römisch-katholischen Interpretation als „widergöttliche[s] Wesen“[85] gilt, dessen Intention darin besteht, Menschen beispielsweise zur Sünde, also zu einem Verstoß gegen die christlichen Normen und Werte, zu verführen oder dessen Körper in seinen Besitz zu bringen, wie dies in der Besessenheit angenommen wird. Auch hierauf nimmt das Rituale Romanum Bezug, wenn darauf hingewiesen wird, dass „die Künste und Listen des Teufels zahllos [sind], um den Menschen in die Irre zu führen“[86]. Als nicht-menschlicher, transempirischer Akteur besitzt der Teufel über-menschliche Kräfte, die er gegen den Menschen einsetzt: „Sein Tun bringt schlimme geistige und mittelbar selbst physische Schäden über jeden Menschen und jede Gesellschaft.“[87]

Vor diesem Hintergrund wird die besondere Machtposition des Exorzisten deutlich: Im Kampf gegen übermenschliche Akteur*innen besteht die Aufgabe des Exorzisten sowohl in der Kommunikation mit den nicht-menschlichen Akteur*innen als auch in der Beherrschung derselben.

Bisher konnten drei Ebenen der Machtkonstruktion des Exorzisten identifiziert werden:

  1. die individuelle Ebene durch Bezug auf hervorstechende persönliche Charakteristika der Person des Exorzisten

  2. die Gemeinschaftsebene durch die Sonderstellung der Rolle des Exorzisten in der christlichen Gemeinschaft

  3. die Ebene der Transzendenz durch die Bezugnahme auf eine transempirische, göttliche Macht.

4.2 Die Rolle der Besessenen im katholischen Exorzismus

Was die Rolle der/des Besessenen betrifft, so lässt diese sich vor dem Hintergrund der aufgezeigten Machtkonstruktionen beschreiben. Die Rolle der/des Besessenen steht im Zentrum der katholischen Exorzismus-Performanz und akzentuiert die Position des Exorzisten. Ohne die Identifikation einer Person als „besessen“ kann kein Exorzismus durchgeführt werden. Die Feststellung der „Besessenheit“ und damit einhergehend der Ausschluss einer schulmedizinischen Diagnose für das Leid der Betroffenen stehen daher im Zentrum der katholischen Exorzismus-Praxis.[88] Machtzuschreibungen finden daher bereits im Prozess der Diagnosestellung statt. Dem Exorzisten wird hier die Rolle des Experten über Besessenheit zugeschrieben. Um sich für diese Aufgabe zu qualifizieren, muss er den kirchlichen Vorgaben entsprechend sowohl über spezielles theologisches Wissen verfügen als auch psychologisch-medizinische Kenntnisse besitzen, um eine ‚echte‘ Besessenheit von psychischen oder physischen Leiden unterscheiden zu können.[89] In den „Richtlinien über den Exorzismus an den vom Teufel Besessenen“ wird so in Absatz 3 deutlich darauf hingewiesen, dass ein Exorzist „nicht ohne weiteres annehmen [darf], jemand sei vom Teufel besessen, sondern er muss jene Merkmale kennen, durch die ein Besessener sich von jenen unterscheidet, die an einer Krankheit, namentlich seelischer Art, leiden“[90]. Hiermit kommt dem Exorzisten eine doppelte, aber auch ambivalente Expertenrolle zu. Durch die Bezugnahme auf säkulare (medizinisch-psychologische) Diagnosekriterien wird seine Expertise über das religiöse Feld hinaus legitimiert. Dies stärkt seine Rolle als Experte über Besessenheit gegenüber Hilfesuchenden sowie im religiös-therapeutischen Feld insgesamt.

Auch die Rolle der Hilfesuchenden und ihrer Anliegen wird in diesem Diskurs deutlich verengt. Die Hilfesuchenden werden unter ein enges moralisches Diagnoseschema subsumiert und somit einer ‚ethischen‘ Evaluation unterzogen. Bezugnehmend auf Jean Pliya, dessen „Handbuch für den Befreiungsdienst“ (2004) ein zentrales Werk der Exorzisten-Praxis darstellt, seien hier vier Besessenheitstypen zu unterscheiden:

  1. Personen, die sich freiwillig durch die Teilnahme an einem ‚satanischen‘ Ritual dem Teufel anschließen;

  2. Personen, die sich aufgrund ihrer Beschäftigung mit okkulten Themen oder der Durchführung magisch-esoterischer Praktiken aus Leichtfertigkeit satanischen Mächten öffnen;

  3. Personen, die sich aufgrund ihrer inneren moralischen Disposition heraus für den Teufel öffnen;

  4. Besonders fromme, tugendhafte und gläubige Menschen, die ohne Selbstverschulden Zielscheibe satanischer Attacken werden.[91]

An anderer Stelle wird auch explizit zwischen schuldhaften und unverschuldeten Ursachen für eine Besessenheit unterschieden. Als besonders schuldhaft gilt hier die Teilnahme an nicht-christlichen Praktiken wie Kartenlegen, okkulten oder magischen Ritualen oder spiritistischen Sitzungen.[92] Die Hilfesuchenden unterziehen sich im Prozess der „Diagnostik“ einer doppelten Bewertung. Zum einen werden sie im Hinblick auf ihre körperliche und psychische Unversehrtheit beurteilt, zum anderen wird ihre ethisch-moralische Integrität (aus katholischer Perspektive) einer Prüfung unterzogen. Durch die Zuschreibung „Besessenheit“ wird die Ohnmachtsposition der Besessenen gegenüber dem religiösen Experten zementiert. Als ‚besessene‘ Person gilt sie als vom Teufel in Besitz genommen, welchem die Steuerung der Psyche und Physis der Person zugeschrieben wird.[93] Körperliche Beeinträchtigungen, seelische Belastungen sowie Störungen auf sozialer Ebene werden diesem Kontrollverlust zugeschrieben.[94] Die Rolle der Besessenen wird so als Ohnmachtsrolle in zweifacher Weise konstruiert: Sie sind den transempirischen Besetzer*innen ausgeliefert, unabhängig von der eigenen Schuldhaftigkeit der Besessenheit, sowie ohnmächtig gegenüber dem Exorzisten, dem die Fähigkeit zugeschrieben wird, eine Besessenheit zu identifizieren und eine Dämon*innenaustreibung bzw. Heilung vorzunehmen.

Im Vollzug des Exorzismus-Rituals wird die Machtposition des Exorzisten gestärkt und gefestigt. Durch die Unterwerfung vermeintlich transempirischer Mächte und als Vollstrecker der „power of Christ“ nimmt er Einfluss auf die Selbstwahrnehmung ‚Besessener‘. Der Exorzismus selbst stellt einen performativen Rahmen dar, innerhalb dessen die transempirischen Akteur*innen kontrolliert werden. In einem ‚gelungenen‘ Exorzismus werden die nicht-menschlichen Akteur*innen ‚dialogisch‘ durch ritualisierte Sprechakte in den performativ festgelegten Rollen ausgetrieben und ihre Macht über die oder den Besessenen wird gebrochen. Das christliche Narrativ des Sieges Christi über den Teufel findet im erfolgreichen Exorzismus seine symbolische Bestätigung.

5 Fazit

Machtkonstruktionen konstituieren und legitimieren religiöse Heilungspraktiken, wie es hier am Fallbeispiel des katholischen Exorzismus aufgezeigt werden konnte. Gleichzeitig werden Machtpositionen und damit einhergehende Hierarchien und Dynamiken in Heilungsnarrativen und in den religiösen Praktiken gefestigt.

Die Konstruktion diametraler Machtpositionen zwischen dem Exorzisten (Heiler) und Besessener/Besessenem (zu Heilende/Heilender) erfüllen mehrere Funktionen.

Zum einen findet aus theologischer Perspektive im Exorzismus die Allmacht des christlichen Gottes durch die performative Inszenierung der Bewältigung des Bösen sichtbaren Ausdruck. Zum anderen werden Machtbeziehungen und Hierarchien zwischen Exorzisten und Heilsuchenden im Speziellen und zwischen Klerus und Lai*innen im Allgemeinen reproduziert und auf diese Weise gefestigt. Darüber hinaus wird die Bedeutung der katholischen Exorzisten im kollektiven Heilungsprozess, der im christlichen Erlösungstopos zum Ausdruck kommt, legitimiert.[95]

Machtpositionen werden dem Exorzisten aufgrund dessen Expertise im Bereich der religiösen Heilung und dessen Kompetenzen in der Kommunikation und Interaktion mit transempirischen Mächten (Gott/Teufel) zugeschrieben.

Ihren Höhepunkt erfährt die Macht des Exorzisten im Narrativ des Sieges Christi über den Teufel und der Befreiung der Besessenen. Die Positionierung der Hilfesuchenden wird in dieser Konstellation vor dem Hintergrund der Idee der Existenz unkontrollierter Mächte inszeniert. Indem sie sich der religiösen Heilungspraktik unterziehen und sich auf den Prozess des Exorzismus einlassen, erkennen sie die Machtposition des Exorzisten und die eigene Ohnmachtsposition an. Dieses von einem Machtgefälle gekennzeichnete Verhältnis zwischen Exorzisten und Hilfesuchenden wird in jeder Wiederholung des Exorzismus performativ durch die Ausführung ritueller Handlungen reproduziert und somit weiter festgeschrieben.

Durch die Dynamik im katholischen Exorzismus werden die Machtbeziehung und die Hierarchie zwischen dem Klerus und den Lai*innen konsolidiert, die eine fundamentale Machtstruktur der katholischen Kirche widerspiegeln.[96]

Mit dem Ausspruch „the power of Christ compels you!“ wird somit ein Narrativ angesprochen, das weit über den Aspekt der individuellen Heilung, wie sie im Exorzismus (auch) stattfinden soll, hinausgeht.

Online erschienen: 2021-10-14
Erschienen im Druck: 2021-10-08

© 2021 Nicole Maria Bauer, publiziert bei Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

Dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.

Downloaded on 27.1.2023 from https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/zfr-2021-0017/html
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