Zusammenfassung
Rechtsethnologen untersuchen vor allem „Verhandlungen“ (direkte Beziehung zwischen den Kontrahenten ) und „einfache Rechtsinstanzen“ (Präsenz eines Richters, aber keine Organisation ). Im Gegensatz zum organisierten „Gericht“ handelt es sich in beiden Fällen um „einfache Streitregelung“. Ihre Merkmale sind: Geringe Ausdifferenzierung der Institution aus der Sozialstruktur und der Rechtsnormen aus den sozialen Normen, Ergebnis des Verfahrens ist kein Urteil, sondern Schlichtung und Kompromiß. Verbreitung und Erfolg werden von Ethnologen durch eine spezifische Rechtskultur oder durch die Sozialstruktur (Dauerhaftigkeit der Beziehung, Kreuzbindungen, Gleichheit ) erklärt. Als zusätzliche Erklärung wird hier die staatliche Gerichtsbarkeit eingeführt. Diese begünstigt die einfache Streitregelung durch: Verbot der gewaltsamen Selbsthilfe, Monopolisierung der schweren Fälle, geringe Kapazität der Gerichte, Einigungszwang durch Drohung eines der Beteiligten mit dem verhaßten Gericht.
Summary
Anthropologists of l aw investigate mainly „negotiations“ and „primitive courts“ (there is a judge but no organisation). In contrast to „organized courts“ we speak in both cases of „dispute institutions“. Their characteristics are that dispute institution and social structure, and legal and social norms are not separated as in organized courts; the outcome of the dispute is not a judgement but a settlement and a compromise. Anthropologists explain the widespread use and success of dispute institutions by cultural factors or by social structure (ongoing relationship, crosscutting ties, equality). Organized courts are added in this article as another explanation. They contribute to the invocation and effectiveness of the dispute institutions due to their limited capacity and by forbidding violent self-help and monopolizing major cases. Another factor is that parties to the dispute may threaten to take the case to the detested court.
© 1980 by Lucius & Lucius, Stuttgart