Accessible Requires Authentication Published by De Gruyter Oldenbourg May 14, 2016

Zwischen Fakten und Fiktionen

Überlegungen zur Rolle des Vorstellungsvermögens in der richterlichen Urteilsbildung

Christine Künzel

Zusammenfassung

Die Tatsache, dass in Urteilstexten auf das „Vorstellungsvermögen“ von Dichterinnen und Richtern angespielt wird, dieser Begriff jedoch in der juristischen Fachliteratur zum Grundsatz der „freien Beweiswürdigung“ (∫261 StPO) sowie zum Wesen der „richterlichen Überzeugung“ im Grunde nicht thematisiert wird, wirft Fragen hinsichtlich der Bedeutung und der möglichen Funktion des „Vorstellungsvermögens“ im Prozess der richterlichen Überzeugungsbildung auf. Fragen, die aus literaturwissenschaftlicher Perspektive von besonderem Interesse sind, da „Vorstellungsvermögen“, „Einbildungskraft“, „Imagination“, „Phantasie“ als wesentliche Voraussetzungen für die Produktion literarischer Werke - und in gewissem Maße auch für deren Rezeption - gelten. Gerade in dem subjektiven Moment der „richterlichen Überzeugung“, die in der juristischen Lehre als „Freiheit“, als „persönliche Gewissheit“ des Tatrichters verstanden wird, scheint das Vermögen der Vorstellung ebenfalls eine zentrale, aber nicht unproblematische Kalle zu spielen. Ausgehend von einem Fallbeispiel unternimmt der Beitrag einen ersten Versuch, die Bedeutung der Imagination im Prozess des richterlichen Urteilens vor dem Hintergrund literaturwissenschaftlicher Konzepte von „Wirklichkeit“ und „Fiktion“ zu diskutieren.

Summary

Questions concerning the function and meaning of creative capacities such as imagination and fantasy seem generally to be restricted to the domain of literary theory. Although the relevance of imaginative techniques has not yet been discussed in works concerning legal theory or the practise of legal judgment, a close study of a case of rape demonstrates the significant role that imagination plays in judgmental processes in German juris-prudence. According to the axiom of „free assessment of evidence“, a judge is supposed to form a conviction and finally pronounce a sentence after achieving personal certainty. In the process through which a judge arrives at his or her personal conviction about a case, the faculty of imagination serves as a means of closing the narrative gap between objective proof and subjective conclusion. This article attempts to describe the function of imagination in legal discourse and to discuss it in the context of literary concepts of „truth“, „reality“, and „fiction“.

Online erschienen: 2016-5-14
Erschienen im Druck: 2004-5-1

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