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Publicly Available Published by De Gruyter Oldenbourg May 20, 2016

Kulturtheorie, Systemtheorie und das sozialtheoretische Muster der Innen-Außen-Differenz

Andreas Reckwitz

Zusammenfassung

Niklas Luhmanns konstruktivistische Systemtheorie und die neueren Ansätze einer kulturtheoretischen Analyse wissensangeleiteter sozialer Praktiken, wie sie exemplarisch bei Pierre Bourdieu und Anthony Giddens präsentiert wird, vollziehen die ‘interpretative Wende’ in den Sozialwissenschaften in einer jeweils konträren Theoriearchitektur. Luhmann baut mit seiner Leitunterscheidung zwischen psychischen Systemen und sozialen Systemen in Anlehnung an Descartes, Husserl und Dürkheim auf einer Innen-Außen-Differenz zwischen Bewußtsein und Sozialwelt auf. Die Kulturtheorien bei Bourdieu und Giddens distanzieren sich hingegen in Anlehnung an Saussure und den späten Wittgenstein von dieser Innen-Außen-Differenz und gehen stattdessen von der analytischen Leitdifferenz zwischen Wissensstrukturen und Handlungspraxis aus. Rekonstruiert man Systemtheorie und Kulturtheorien in dieser Weise, verschieben sich die Fronten gängiger Theoriekritik: Die Kulturtheorien erscheinen nicht als ‘individualistisch’, sondern umgekehrt als Vertreter eines sozialen Regelholismus. Demgegenüber besitzt Luhmanns vorgeblicher Holismus im Begriff des psychischen Systems eine individualistische Kehrseite und sieht sich mit der kulturtheoretischen Kritik konfrontiert, soziales ‘Wissen’ auf Semantik zu reduzieren.

Online erschienen: 2016-5-20
Erschienen im Druck: 1997-10-1

© 1997 by Lucius & Lucius, Stuttgart

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