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Licensed Unlicensed Requires Authentication Published by De Gruyter October 17, 2017

Hegels Begriff des Begriffs und der Begriff des Wertes in Marx’ Kapital

Andreas Arndt

Zusammenfassung

„Bloss der Hegel’sche ‚Begriff’ bringt es fertig, sich ohne äussern Stoff zu objektiviren.“ In dieser Bemerkung Marx’ im ersten Kapitel der ersten Auflage des Kapital, Band 1, fasst sich seine Kritik an Hegel zusammen. Obwohl Marx zum Beleg ein scheinbar schlagendes Zitat aus Hegels Enzyklopädie anführt (aus einem Zusatz zu § 194), beruht seine Kritik auf einem grundlegenden Missverständnis des Status der Hegelschen Logik und insbesondre ihres Verhältnisses zur Realphilosophie. Gleichwohl zeigt der Einsatz der dialektischen Methode Hegels im Kapital und besonders in Bezug auf den Wertbegriff, dass Marx Hegel hier weitgehend folgt, dabei jedoch aus der Differenz zwischen realphilosophischen bzw. einzelwissenschaftlichen Bestimmungen und denen der absoluten Methode in der Logik einen grundsätzlichen Gegensatz zu Hegel begründen zu können meint. Tatsächlich deckt sich aber Marx’ Gebrauch der dialektischen (= absoluten) Methode mit der Art und Weise, wie Hegel realphilosophisch mit ihr umgeht. In der Konsequenz erweist sich das (von Marx im übrigen nie ausgeführte) Projekt einer „materialistischen“ Dialektik als Chimäre. Es sollte endgültig beerdigt werden.

Abstract

“It is only the ‘concept’ in Hegel’s sense that manages to objectify itself without external material.” Marx’s remark in the first edition of the first volume of The Capital sums up his criticism of Hegel. Despite Marx tries to prove this by a quotation from Hegel’s Encyclopedia (addition to § 194), his opinion shows a fundamental misunderstanding of the systematical status of Hegel’s Logic and especially her relation to the philosophy of the real. Nevertheless Marx’s usage of Hegel’s dialectical method in The Capital and in particular regarding the concept of value, shows that he is largely following Hegel here. But at the same time Marx thinks that there is a fundamental difference between his and the Hegelian dialectic on the basis of the difference between the no-tions of the philosophy of the real or the particular sciences on the one side and the dialectical or absolute method in the Science of Logic on the other side. But indeed Marx’s usage of the dialectical method is com-pletely identical with Hegel’s use of the dialectical method in the philosophy of the real. In the consequence, Marx’s never executed project of a ‘materialistic’ dialectic really is a chimera. This project should be buried.

Literatur

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Diskussion[6]

Tagungsteilnehmer: In seiner Geschichtsphilosophie sagt Hegel, der Geschichte ist sich empirisch anzunähern, das gibt ja Ihrer Auffassung scheinbar recht. Aber wenn er dann sagt, der Philosoph muss die Vernunft mitbringen, dann wird doch der Idealismus deutlich. Nach dem 700fachen möglichen Overkill des automatischen Subjekts wird Hegel bestimmt nicht mehr diese These vertreten.

Arndt: ‚Der Philosoph muss die Vernunft mitbringen‘, das heißt nur, er muss das Wissen über die Denkbestimmungen, über die Kategorien mitbringen, mit denen er Geschichte zu thematisieren hat, und um das zu illustrieren: Wenn Sie auf den Historismus schauen, ist es ja so, dass die Historisten nie sagen, sie reden über die Geschichte. Was die Geschichte als solches ist, bleibt dabei völlig unklar, sie reden über irgendwelche Ereignisse, irgendwelche begrenzten Zusammenhänge, die sie zu rekonstruieren versuchen. Als Philosoph, wenn man Geschichtsphilosophie treibt, redet man darüber, was Geschichte ist. Was ist die Geschichtlichkeit der Geschichte? Und die Geschichtlichkeit der Geschichte lässt sich nur rekonstruieren, wenn man irgendeinen Zusammenhang anzugeben weiß, also eine Einheit, denn ansonsten zerfällt das alles in völlig indifferente Teile. Das wäre die Illustration dessen, was Hegels Begriff der Objektivität ist, wie ich ihn vorhin vorgestellt habe: Die Einheit bleibt gleichgültig gegen die einzelnen Teile. Nehmen Sie Ranke, alles gleich unmittelbar zu Gott, dann hat alles den gleichen Status. Wie soll ich da noch eine Entwicklungslinie zeigen? Denn im Grunde genommen ist es das Zerbröseln, das Atomisieren dieses Gegenstandes von Geschichte. Und dagegen behauptet Hegel, man muss sich fragen können: Was ist eigentlich die Einheit? Nebenbei, das wird ja oft falsch interpretiert bei Hegel, Hegel sagt nichts weiter, als dass die Einheit der Geschichte konstituiert wird durch den Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit. Alles andere, was passiert, auch die ganzen Opfer der Geschichte – er sagt, man kann die Geschichte schreiben, ohne sie zu verzerren, als ein einziges Blutbad, die Schlachtbank. Er redet von der Schlachtbank der Geschichte und er sagt, das ist nicht durchgestrichen, wenn ich vom Fortschritt rede, ich rede nur vom Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit. Das ist auch nicht gegeneinander verrechnet. Man kann nicht sagen: Der Fortschritt rechtfertigt die Opfer. Das ist eine simple Feststellung, dass trotz alledem so etwas wie ein Freiheitsbewusstsein sich etabliert hat. Es geht ihm dabei nicht um die Realisierung der Freiheit. Hegel behauptet überhaupt an keiner einzigen Stelle, dass die Geschichte auf eine lichte Zukunft im Sinne seiner Freiheitsidee zuläuft. Überhaupt nicht. Also da muss man sehr genau hingucken, was das bedeutet, und ich glaube nicht, dass da ein großer Unterschied letztlich in der Konsequenz zu Marx besteht, denn Marx geht es auch um genau diesen Gedanken der Freiheit, wenn er die künftige Gesellschaft beschreibt. Die Stichworte: Verein freier Menschen und dergleichen mehr. Im kommunistischen Manifest heißt es schon: Eine Gesellschaft, in der die freie Entwicklung des Einzelnen – in dieser Reihenfolge – die Bedingung der freien Entwicklung aller ist. Das ist oft umgedreht worden: Das Kollektiv repräsentiert die Freiheit, der Einzelne hat sich unterzuordnen, damit er dann zum Schluss auch zu seinem Recht kommt. Das ist genau andersrum gemeint. Ich glaube, wenn man auf der Ebene diskutiert, kommt man auf sehr viele Gemeinsamkeiten zwischen Hegel und Marx und da tut sich wirklich kein Gegensatz auf.

Tagungsteilnehmer: Es ist ja nicht so, dass nur die Vernunft das empirische Material konstruiert, das läuft bei ihm auf die bürgerliche Gesellschaft als Fortschritt hinaus. Und das, was Marx übernommen hat davon, diese Zwangsläufigkeit, das ist gerade das Falsche, würde ich sagen. Wie im Kapital am Schluss, wo er sagt, dass mit Naturnotwendigkeit der Sozialismus entsteht. Das ist falscher Hegel.

Arndt: Ich weiß nicht, ob ich das jetzt richtig verstanden habe. Ich denke, für Marx wie für Hegel ist die bürgerliche Gesellschaft, die für Hegel die Sphäre der Besonderheit darstellt, wo also auch der Einzelne mit seinen egoistischen Interessen zu seinem Recht kommen kann, etwas, was unverzichtbar ist. Marx will ja auch nicht dahinter zurück. Ich glaube, dieses Umkippen einer an Marx anschließenden Theorie einer postkapitalistischen Gesellschaftsform in einen wiederum paternalistischen Staat oder in platonische Staatsvisionen, wie wir es ja auch erlebt haben, das halte ich für einen großen Irrtum. Es geht Marx darum, auch diese Sphäre individueller Freiheit innerhalb einer solchen Gesellschaft zu denken. Er will nicht dahinter zurück. Er will nicht hinter die Moderne zurück. Ich glaube, das eint sie wieder und deswegen haben beide ein, vorsichtig gesagt, ambivalentes Verhältnis zur bürgerlichen Gesellschaft. [...]

Wolf: [...] Sie sind eingestiegen in Hegel, haben das Ganze, das fertige System vorausgesetzt, die Logik, haben dann Probleme gewälzt zwischen der Realität und Hegels Logik. Die Sache sieht umgekehrt aus. Das Problem gibt es für Hegel, nachdem die Logik geschrieben ist, nicht mehr. Sie haben ganz betont immer abgewiesen: Hegel kennt kein Schöpfen, kein Schaffen, kein Erzeugen. Ich mache mal darauf aufmerksam, dass Hegel ausgeht vom Gegensatz von Natur und Geist und wenn Sie auch Arbeit nehmen und meinen, Hegel hätte gesellschaftliche Arbeit begriffen, ist das ein Irrtum, weil er das natürlich nicht hat. Er hat Gesellschaftlichkeit schon immer in Geist aufgelöst. Deswegen erscheint in der ganzen Philosophiegeschichte der grundlegende Gegensatz von Natur und Geist. Warum erwähnen Sie z. B. nicht, dass Hegel sagt, der Gegensatz von Natur und Geist muss gemacht werden. Das ist als das Unbedingte anzuerkennen. Jetzt sage ich, Hegel weiß nicht, wo der Gegensatz herkommt. Man kann mit Marx wissen, was gesellschaftliche Arbeit als Vermittlungsprozess zwischen Mensch und Natur ist. Diesen Gegensatz, der Hegel vorgegeben ist, den er aufgreift, dass er ihn aufgreift – das ist seine Größe, dass er ihn bewusst aufgreift – er muss aufgelöst werden.

Der Gegensatz schreibt Hegel aber vor, wie er aufzulösen ist. Er wird in der Philosophiegeschichte entweder nach der Seite der Natur aufgelöst, dann haben wir den Naturalismus oder groben Materialismus, oder nach der Seite des Geistes, dann haben wir den Idealismus. Hegel löst den Gegensatz nach der Seite des Geistes auf. Deswegen kommt ein Prozess in Gang, ein Widerspruch zwischen Natur und Geist, der sich auflöst nach der Seite des Geistes. D. h. Natur und endlicher Geist lösen sich auf in den absoluten Geist, das Natur und endlichen Geist vermittelnde Dritte. Das vermittelnde Dritte ist der absolute Geist, der rückblickend seinen ganzen Schöpfungsprozess – Schöpfungsprozess der Erde, der absolute Geist ist für Hegel auch Gott, das darf man nicht vergessen – der Schöpfungsprozess, der die Struktur der Lösungsbewegung des sich auflösenden Gegensatzes von Natur und Geist hat, resultiert sich in der Logik, weil der Gegensatz sich auflöst in den absoluten Geist. Und der kann als absoluter Geist, als Resultat dieses Prozesses sich zurückerinnern, was er in dem praktischen realen, wirklichen Leben, dem Schöpfungsprozess der Wirklichkeit, der durch den Gegensatz strukturiert ist, gewesen ist. Deswegen ist die Logik als Resultat schon bewiesene Realität. Und deswegen sind das alles Scheinprobleme mit der Abstraktion, mit der Anwendung der Logik auf die Wirklichkeit. Die hat sich längst bewährt. Die ist Ausdruck aller Erkenntnis, die Hegel als Stellvertreter des absoluten Geistes über die Wirklichkeit gemacht hat. Der Gegensatz resümiert sich im absoluten Geist. Und im Medium des Denkens wird die ganze Auflösung, der Schöpfungsprozess der Wirklichkeit, nachgedacht. Und dann kann das Resultat umschlagen in die Voraussetzung. Dann dient die Logik dazu, die Realität zu erkennen, weil sie bereits weiß, sie ist Resultat des ganzen geschichtlichen Entstehungsprozesses des absoluten Geistes. (vgl. GW 21, S. 34) Wenn die Logik Resultat ist und sich schon bewährt hat, dann kann sie jetzt eingesetzt werden. Jetzt kann ich umgekehrt die Logik anwenden auf reale Bereiche, auf Natur, Gesellschaft und Denken. Und Ihr Reden von der Freiheit der Natur bei Hegel. Es gibt in der Natur nicht eine Bewegung, die nicht die des Geistes ist. Hegel hat überhaupt kein Geschichtsverständnis von Natur, ist doch aufgesetzt. Natur hat für Hegel keine Geschichte. Sie ist als Daseinsweise des Geistes ein wichtiges Moment, ein Aufgreifen in dem Gegensatz und ich wundere mich immer wieder, warum Philosophen niemals auch einen Satz von Marx zitieren: „Der Hegelsche Widerspruch [zwischen Natur und Geist; D.W.] ist der Springquell aller Dialektik.“ (MEW 23, S. 623; MEGA II.6, S. 547) Ich habe von keinem der Marx- und Hegel-Forscher jemals diesen berühmten Satz gesehen. Wo bei Marx der Widerspruch zwischen Gebrauchswert und Wert die ganze Struktur des Kapitalverhältnisses bestimmt, sagt er, parallel zum Doppelcharakter der Arbeit, dem Springquell der Ökonomie, der Hegelsche Widerspruch ist der Springquell aller Dialektik. Und Hegel sagt, der Widerspruch ist der Springquell allen Lebens- und Schöpfungsprozesses des absoluten Geistes. Noch kein Philosoph ist darauf eingegangen. Warum? Weil dann nämlich sichtbar wird, was Marx meint, dass die Philosophie mit ihm in Wissenschaft überführt ist. Und die Liebe zum Wissen in Wissen verwandelt ist. Und das steht und fällt mit dem von Hegel unbewussten Aufgreifen des Gegensatzes von Natur und Geist, als ein Gegensatz, den Hegel noch nicht durchschauen kann, nicht weiß, wo er herkommt und deswegen auch die Auflösungsbewegung macht nach der Seite des Geistes. Und die ganze Verwandtschaft der Bewegungsstruktur zwischen absolutem Geist und Kapital, die rührt daher, dass da etwas Materielles, Natur, Übersinnliches, in ein Widerspruchsverhältnis gebracht wird, das gelöst wird, es damit eine ganz bestimmte Bewegungsstruktur gibt. Und deswegen gibt es da eine Verwandtschaft der Bewegungsstruktur als Lösungsbewegung des Widerspruchs zwischen Gebrauchswert als sinnlich Gegenständlichem und Wert als Gesellschaftlichem und der Bewegungsstruktur des absoluten Geistes als Lösungsbewegungen des Widerspruchs zwischen Natur und Geist. Und genau die gleiche Bewegung: Der zu vermittelnde Gegensatz löst sich nach einer Seite auf. Der Gegensatz Gebrauchswert und Wert löst sich nach der Seite des Werts in die Form des Geldes auf. Das Geld wiederum entwickelt sich weiter zu dem über Ware und Geld übergreifenden Dritten [...] zum sich verwertenden Wert, d. h. zum Kapital als „automatischem Subjekt“.

Arndt: Ich kann eigentlich jetzt nur zur Kenntnis nehmen, dass ich Sie nicht überzeugt habe. Ich muss sagen, Sie haben mich null überzeugt mit Ihrem Einwand. Einfach schlicht deshalb, weil es stimmt nicht – Hegel hat sehr wohl eine klare Auffassung darüber, wie Geist entsteht. Man schaue hinein in die Philosophie des subjektiven Geistes (dazu liegen jetzt die ganzen Vorlesungen vor). Man muss natürlich den damaligen Kenntnisstand der Wissenschaften als Maßstab mit anlegen. Die ganzen Überlegungen, die er anstellt über den Tier-Mensch-Übergangsbereich, über Formen von physischem Austausch mit Natur. Bekannt ist, dass er den freien Willen nicht vom Himmel regnen lässt, er lässt den freien Willen entstehen aus der Bedürfnisstruktur, gerade in der Arbeit und in der Vermittlung mit der Natur. Das ist für ihn die Grundform des Geistes. Ich erinnere daran, dass für ihn das Werkzeug die erste Form der Vernünftigkeit ist usw. Also das stimmt überhaupt nicht. Es stimmt auch überhaupt nicht, dass Hegel das als schon immer gewiss voraussetzt, die logischen Bestimmungen schon, schauen Sie sich an, wie er in der Realphilosophie von Vorlesung zu Vorlesung (man kann das jetzt durch die Hegel-Ausgabe sehr gut verfolgen) immer wieder neu konstruiert, er geht nicht mit dem Schema der Logik ran an die empirischen Gegenstände, die er behandelt. Das ist für ihn tatsächlich eine offene Frage. Ich würde eher sagen, er hat sich mit dieser Behauptung, der Begriff muss zu sich zurückkehren zum Logischen, hat er sich selbst unter einen ungeheuren Druck gesetzt, sein ganzes Projekt – im Durchgang durch die Realwissenschaften muss es tatsächlich bewährt werden, vorher gilt das nicht als bewährt. Das hat er nirgendwo behauptet, dass das so ist. Und ja, er redet von Gott. Ja, mein Gott. Wer hat Angst vorm schwarzen Mann? Muss man heute fragen: Wer hat Angst vorm lieben Gott? Es gibt einen philosophischen Gottesbegriff, dem ist so und das ist das, was er absolute Idee nennt. Da muss man mal fragen, was das bedeutet. Da darf man sich nicht gleich ins Bockshorn jagen lassen, wenn er dann davon spricht, dass das auch der Gottesbegriff ist. Dann können wir die ganze Philosophiegeschichte wegschmeißen, wenn wir an dem Punkt ein Ausschlusskriterium machen. Da möchte ich dann mal erinnern an die Hegel-Lektüre eines gewissen Herrn Wladimir Iljitsch Uljanow, der erst die Maxime hatte, als er sich an die Logik setzte, ich lese Hegel materialistisch, d. h. ohne den lieben Gott und das Absolute, das hat er sofort identifiziert, und als er dann zur absoluten Idee kam, ging ihm auf: Da steckt, wo es ja angeblich um den lieben Gott geht, da steckt am meisten Materialismus drin. Darüber könnte man auch mal nachdenken.

Ruschig: Ich versuche es kurz zu machen und einen Einwand zu formulieren. Was mich überzeugt hat, ist Deine Kritik des Satzes, den Marx nimmt: ‚Nur der Begriff bringt es fertig, sich ohne äußeren Stoff zu objektivieren‘. (vgl. MEGA II. 5, S. 31) Dann hast Du nachgewiesen: Nein, diese Marxsche Kritik trifft den Hegel nicht. Und man kann dagegen den Hegel verteidigen. Jetzt steht aber auf der andern Seite – und ich behaupte, dass Du zu viel dann sagst – dass Du sagst, und damit sei das Projekt von Marx oder, was er immer gesagt hat, mit der materialistischen Dialektik, mit seiner Opposition, seiner Kritik an der Hegelschen Philosophie, sei damit widerlegt, weil Du diesen einen Satz, von dem ich behaupte, dass er nicht unbedingt eine zentrale Rolle bei Marx spielt, widerlegen kannst. Jetzt mal offen argumentiert: Marx sagt das ja nicht von ungefähr, weil er diesen einen Satz da gelesen hat und deshalb fängt er an, Hegel zu kritisieren, sondern Marx sagt, aus politischen und anderen Gründen, dass die Hegelsche Philosophie ihm erscheint als etwas, was zur Affirmation der bürgerlichen Gesellschaft beiträgt, und Marx bekanntermaßen diese bürgerliche Gesellschaft abschaffen will. Und dann ist für ihn doch plausibel zu sagen: Wenn wir in irgendeiner Weise einen historischen Index an diese Philosophie machen und eben auch einen historischen Index an die Hegelsche Philosophie, dass das nicht der Weisheit letzter Schluss sein kann. Und dann finde ich, dass Du zu streng bist mit dem Marx und nimmst einfach nur diesen Satz, wo man dann sehr schulmäßig sagen kann: Ja, da hat der Hegel schon recht, das ist ein Missverständnis. Aber den entscheidenden Punkt, den verpasst Du. Der entscheidende Punkt ist: Solche Philosophien haben einen Zeitindex, sie sind nicht absolut zu setzen und die Hegelsche Philosophie – und das kann man dann ja auch zeigen, wenn man den Übergang macht in irgendeiner Weise [...] zwischen der reinen Logik in der Wissenschaft der Logik und der Realphilosophie – wenn man sich anschaut, was Hegel mithilfe seiner Logik, die er wohl verstanden haben muss, über die bürgerliche Gesellschaft sagt, dann ist das eben grundverkehrt und eine Affirmation der bürgerlichen Gesellschaft. Und dass es doch sehr plausibel ist für den Marx, dann zu sagen, ja Moment mal, wenn der Hegel mit seiner Logik zu solchen Aussagen über die bürgerliche Gesellschaft kommt, dann mache ich das doch viel besser, weil ich über die bürgerliche Gesellschaft viel mehr weiß, und deshalb ist es notwendig, eine materialistische Dialektik zu machen.

Arndt: [...] Also erst mal, ich glaube, dass Marx, das lässt sich auch zeigen, sehr wohl bewusst ist, wie ambivalent Hegel auch die bürgerliche Gesellschaft sieht. Ich glaube nicht, dass er ihn für einen Apologeten der bürgerlichen Gesellschaft hält.

Ruschig: Aber auch für keinen Revolutionär. Man kann den einen oder anderen Satz Hegels über den Pöbel anführen, klar – aber ein Revolutionär ist der Hegel nicht.

Arndt: Man kann auch fragen: Was heißt revolutionär? Woran bemisst sich das? Am Grad der Militanz, oder was?

Ruschig: Am Denken erst mal.

Arndt: Dann nehmen wir das, was Marx im Zentralrat der I. Internationale vorgetragen hat (vgl. MEW 16, S. 558 ff.). Das ist die Hegelsche Strategie, über eine allgemeine Gesetzgebung, über den Staat, dieses Instrument benutzen, um über die Verkürzung des Arbeitstages etc. Eingriffe zu machen in die bürgerliche Gesellschaft. Das ist die Hegelsche Idee, dass das politische Gemeinwesen, wie man sagen müsste, diese bürgerliche Gesellschaft noch irgendwo einhegen und einzäunen kann. [Ruschig: Das macht die SPD heute auch.] Ich glaube, dass in diesem Punkt Marx durchaus auch immer sich in einer gewissen Nähe zu Hegel bewegt. Zweiter Punkt: Diese sogenannte Abschlusshaftigkeit, die Hegel dann auch immer unterstellt wird, nein, für ihn ist das ein offener Prozess. Es ist ein offener Prozess deshalb, weil ja sozusagen, auch wenn dieses Bewusstsein der Freiheit erreicht, in dem Sinne: der Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit in stricto sensu für Hegel Geschichte an ein Ende gekommen ist, geht es ja weiter. Und das beschreibt er ja auch und da muss man mal dann doch horribile dictu reingucken in den Schluss der Vorlesungen über die Philosophie der Religion, wo das thematisiert wird, wo er dann sagt: Jede Zeit muss eben selbst sehen, wie sie sich aus ihren Widersprüchen rauswindet. (vgl. G. W. F. Hegel, Vorlesungen über die Philosophie der Religion II, in: Werke in zwanzig Bänden, Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1969, Band 17, S. 344) Das kann die Philosophie nicht sagen. Diese Haltung: Wir können das nicht sagen; das ist doch nichts anderes als die Marxsche Haltung, wenn er sagt, die Kommunisten haben nicht irgendeine Gesellschaft zu konstruieren oder so (schon im Kommunistischen Manifest; vgl. MEW 4, S. 474 f.), sondern die wirkliche Bewegung, die vor ihren Augen sich abspielt und so weiter. Hegel würde nichts anderes sagen. Ich würde da an dem Punkt nicht so einen großen Gegensatz aufmachen wollen. Dass Marx da zu anderen Konsequenzen in der Frage der Durchsetzung von sozialen Forderungen gekommen ist als Hegel: Ja, natürlich. Aber, ich meine, das spielt sich dann auch ab etliche Jahrzehnte später, nachdem also diese Entwicklung des Kapitalismus auch schon eine ganz andere Fahrt aufgenommen hatte, das muss man auch mal sehen. Umgekehrt müsste man sich, glaube ich, mal fragen, wie erstaunlich es ist, was der Hegel alles an Widersprüchen gesehen hat unter den damaligen deutschen Bedingungen, wo ja der Kapitalismus noch nur eher keimhaft entwickelt war. Er konnte es nur sehen, weil er sich für die fortgeschrittenen Länder, vor allem für England extrem interessiert hat und jede Nachricht da aufgesogen hat.

Published Online: 2017-10-17
Published in Print: 2017-10-10

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