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Licensed Unlicensed Requires Authentication Published by De Gruyter October 17, 2017

Der Begriff der Substanz bei Marx

Ulrich Ruschig

Zusammenfassung

Durchsucht man Marxens Schriften daraufhin, wo und in welchem Zusammenhang ‚Substanz‘ vorkommt, dann stellt man irritiert zweierlei fest:

– ‚Substanz‘ findet sich an zentralen Stellen und ist mit einem für die Marxsche Theorie grundlegenden Begriff, dem des Werts, in eminenter Weise verbunden – und obendrein mit dem des sich verwertenden Werts, dem des Kapitals.

– Wiewohl der Begriff des Werts eine herausragende Rolle spielt, verwendet der so systematische Marx ‚Substanz‘ in auffälliger Weise uneinheitlich.

Diese Uneinheitlichkeit sollte nicht als Marginalie eines misslicherweise ausgerechnet in diesem entscheidenden Punkt unklaren Autors abgetan werden. Sie hat vielmehr einen Grund in der Sache; kann die Uneinheitlichkeit geklärt werden, wird die Sache geklärt.

In Marxens Texte gehen Bestimmungen des aristotelischen, eben metaphysischen Substanzbegriffs konstitutiv ein. Zugleich enthalten die Texte eine diesen Substanzbegriff als unwahr zurückweisende Kritik. Für Marxens Aufnahme des Hegelschen Substanzbegriffs, der ja nicht minder metaphysisch ist, gilt Analoges: So wesentlich Hegels Reflexionen über die Substanz für Marxens Kritik der politischen Ökonomie sind, so wesentlich ist zugleich die eine solche Substanz bestreitende Hegel-Kritik. Diese Antinomie ist – theoretisch – nicht zu schlichten, denn sie verdankt sich dem Gegenstand der Kritik der politischen Ökonomie, der kapitalistischen Produktionsweise. Mithin werden weder der Substanzbegriff noch die aufklärerische Kritik desselbigen überflüssig oder gar nichtig: Dialektik ergreift einen zentralen Begriff wie den der Substanz des Werts, der abstrakt menschlichen Arbeit. Deren Antinomie ist Anweisung auf Politik, spezieller den Eingriff in die Geschichte, den Griff des in dem gespenstigen Zug fortschreitender Kapitalakkumulation reisenden Menschengeschlechts nach der Notbremse.

Abstract

If you search in Marx’s work where and in which context the notion of substance occurs, you will, confusingly, find out two different things:

– ‘Substance’ can be found in central places and is eminently connected with the notion fundamental for Marx’s theory, the notion of value – and, on top, with the notion of the value spontaneously expanding (German: „sich verwertender Wert“), the notion of capital.

– Although the notion of value plays an outstanding rôle Marx, in a conspicuous manner, uses ‘substance’ inconsistently. This inconsistency should not be dismissed as an marginalia of an author awkwardly unclear in this crucial point. On the contrary, this inconsistency has a reason in the matter (fundamentum in re). If the inconsistency can be cleared up the matter will be clear.

Determinations of the metaphysical Aristotelian notion of substance are constitutive for Marx’s works. Equally, those works contain a critique which rejects this notion as untrue. For Marx’s reception of the Hegelian notion of substance – which is no less metaphysical – the situation is analogous: Hegel’s reflections on substance are essential for Marx’s critique of Political Economy and, equally, the critique rejecting Hegel’s notion of substance is essential as well. This antinomy cannot – in a theoretical way – be resolved because it is due to the subject of the critique of Political Economy, the capitalist mode of production. Consequently, neither the notion of substance nor the critique of substance by the Enlightenment become superfluous or invalid at all: Dialectics seize a decisive notion as the notion of substance of value, human labour in abstract. Its antinomy is the instruction to politics, especially to the intervention into history, i. e. mankind travelling in the eerie train of progressive capialist accumulation should pull the emergency break.

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Diskussion

Arndt: [...] Zwei Sachen: Einmal eine Frage zum Verständnis: Mir ist nicht ganz klar geworden, inwieweit Du den Substanzbegriff überhaupt mit der Überwindung der Wertsubstanz für erledigt hältst. Das Zweite, was das Verhältnis zu Hegel betrifft: Ich glaube nicht, dass es zwingend ist, die Perspektive so zu drehen, dass man sagt, da findet eine Aufhebung statt und es wird alles irgendwie eingemeindet, ich glaube nicht, dass das die Idee ist, sondern man kann das doch auch berechtigterweise so sehen – zumal es für Hegel ja weiter geht im Prozess dessen, was wir Geschichte nennen –, dass das, was er auf dieser Ebene der absoluten Idee formuliert, natürlich [...] der Begriff der Freiheit ist. Das ist auch der normative Maßstab der Kritik von Abstraktion in der Realität. Das heißt also, diesen Schritt, dass sich ein abstraktes Allgemeines zum herrschenden Allgemeinen gemacht hat, könnte man mit Hegel, glaube ich, sehr gut gehen. Und dass man diesen Schritt gehen kann, liegt daran – und da, glaube ich, sind wir auseinander [...], also das wäre auch ein Missverständnis meiner Position. Ich habe nie gesagt, dass man in der Realität Eins zu Eins den Gang der Wissenschaft der Logik findet ... es sind zwei völlig verschiedene Dinge: Eine reale Bewegung zu rekonstruieren und den internen Gang der Folge von Denkbestimmungen in dem, was Hegel reines Denken nennt, zu konstruieren. Dieser Gang ist nicht so applizierbar auf irgendeine Realität. Das funktioniert nicht.

Ruschig: Zu dem letzten Punkt, da sage ich ja, da hast Du recht, Hegel-immanent. Zu dem vorherigen Punkt: Wenn Du, Andreas Arndt, in den Hegel das hineininterpretierst, dass das abstrakt Allgemeine auch Herrschaft sei und dass daraus zu folgern sei, dass man dieses abstrakt Allgemeine abschaffen müsse, dann glaube ich Dir das subjektiv. Was ich aber dagegen halte, ist die Funktion, die objektive Funktion der Hegelschen Philosophie. Und der Witz ist eben, dass man nicht als ein gutwilliger Mensch immer noch das rettend in den Hegel hineininterpretieren sollte, sondern dass diese Philosophie – objektiv – dadurch, dass Zeit vergangen ist, eine andere Funktion gewonnen hat, und dass sie dann damit die Funktion hat, sich einzupassen in die Affirmation der gegenwärtigen Herrschaft, was ich Dir persönlich auf keinen Fall unterstelle, um das ganz klar zu sagen. Aber diesen Unterschied möchte ich machen. Das hängt auch mit dem ersten zusammen, wo Du nach der Substanz fragst. [...] Ich will nicht einen neuen Substanzbegriff aufmachen, dass ich sage, Aristoteles’ Substanzbegriff, Spinoza, Hegel und dann Marxscher Substanzbegriff – und das als eine besondere Abteilung. Nein, die Marxsche Theorie ist die Kritik jeglicher Substanz als abstrakt Allgemeines. Und daraus folgt dann auch die Kritik jeglicher Philosophie, die sowas hochhält. Ganz analog wie für das, was vorhin mal angeklungen ist mit dieser Dialektik-Frage und der materialistischen Dialektik, ich halte auch nichts davon zu sagen, und jetzt machen wir im akademischen Betrieb noch eine aparte Unterabteilung zur Dialektik, und wenn man dazu Vorlesungen macht, dann macht man platonische, aristotelische, hegelsche und dann in der letzten Stunde auch noch materialistische nach Marx. Davon halte ich überhaupt nichts. Das ist keine Unterabteilung, sondern der Marx ist m. E. radikaler – der frühe Marx auf jeden Fall – und sagt, jegliche Substanz ist abzulehnen, weil Substanz Repression, weil sie Herrschaft bedeutet. Wert ist Repression. Und deshalb ist sie abzuschaffen. Und deshalb gibt es da kein Vertun, dass man dann noch versucht, in irgendwie materialistisch-dialektischer Weise den Wert zu verstehen.

Elbe: Ich wollte nur kurz anmerken, dass man bei dem Begriff der Entsubstantialisierung der Marxschen Werttheorie ja nicht unbedingt auf Sohn-Rethel rekurrieren muss. Insofern hast Du Dir da den leichtesten Gegner ausgesucht, das war sehr geschickt. Entsubstantialisierung muss ja nicht bedeuten, dass man den Substanzbegriff verabschiedet, sondern dass man ihm eine neue Bedeutung gibt, eine spezifische Bedeutung.

Ruschig: Da hätten wir gar keine Differenz.

Elbe: Aber jetzt werden wir eine Differenz haben. Du hast nämlich meines Erachtens mit dem Löwen eine schiefe Analogie benutzt. Die Eigenschaften des Löwen sind natürliche Eigenschaften. Die Eigenschaft, Wert zu sein, eine Ware zu sein, ist gesellschaftliche Eigenschaft, d. h., Du hast das Zitat selber gebracht, eine gemeinsame gesellschaftliche Substanz. Wenn ich auf der Löwen-Ebene argumentiere, komme ich immer zu nicht-relationalen Substanzbegriffen, aber der Begriff der Wertsubstanz ist ein relationaler Substanzbegriff. Das führt mich zum dritten Punkt: Du hast gesagt, die Relata werden in der Relation ja nicht geschaffen. Dem würde ich zustimmen. Ein schönes Beispiel: Ulli und Hans sind Ulli und Hans, auch unabhängig von bestimmten gesellschaftlichen Verhältnissen, aber in bestimmten gesellschaftlichen Verhältnissen werden sie zum Lohnarbeiter Hans und zum Kapitalisten Ulli. D. h. die Relata bekommen neue Eigenschaften, die sie außerhalb der Relation eben nicht haben. Und damit haben wir sozusagen verschieden abgestufte Begriffe von Substanz – und das kann man auf die abstrakte Arbeit übertragen. Die Eigenschaft, abstrakt menschliche Arbeit oder Produkte abstrakt menschlicher Arbeit zu sein, haben Arbeitsprodukte in allen menschlichen Gesellschaften. Das ist zwar eine Denkabstraktion, aber eine, die eine wirkliche Eigenschaft bezeichnet. Und nur, indem es diese wirkliche Eigenschaft gibt, kann ich jetzt die Relation der Wertsubstanz herstellen und kann sagen, dass unter bestimmten historischen Bedingungen, privatarbeitsteiligen, von mir aus auch kapitalistischen Produktionsverhältnissen, Arbeitsprodukte als Arbeitsprodukte schlechthin aufeinander bezogen werden. Und wo werden sie als Arbeitsprodukte schlechthin aufeinander bezogen? Im Tausch. [...] Und damit haben wir eine gestaffelte Form von Substanzbegriffen und wir müssen nicht die meines Erachtens mystische These vertreten, dass eine einzelne Ware als Wertding existieren könnte. Da bist Du nämlich bezeichnenderweise selber auf eine mystische Formulierung gekommen, sie sei ein sinnlich übersinnliches Ding, was mir nichts sagt.

Ruschig: Zu dem Letzten: Ich finde das mit dem sinnlich übersinnlichen Ding gar nicht so schwierig. Wenn man das so versteht, dann ist der Löwe auch ein sinnlich übersinnliches Ding, weil der Speziesbegriff selber nicht aufgeht in den Beobachtungsprädikaten an dem einzelnen Löwen. Das ist ja das, was ich meinte, was das Gefährliche ist an – also nicht nur an Sohn-Rethel – das Gefährliche, dass man, weil man dem Zeitgeist des anti- oder nach-metaphysischen Denkens so verhaftet ist, eine furchtbare Angst hat vor der Verwendung von Begriffen, die durchaus für uns etwas erklären und die dann nicht gleich, weil sie metaphysisch sind, mit mystischen gleichgesetzt werden sollten. Dann bliebe nur all das, was nicht metaphysisch ist, also die Beobachtungsprädikate. Das stimmt schon bei den Naturwissenschaften nicht.

Und der zweite Punkt, den Du anführtest, zur Relation und den Eigenschaften: Ich habe versucht darzustellen, dass, wenn man sagt, der Wert ist eine Eigenschaft, dies dem Begriff der Substanz widerspricht. Da bist Du zumindest nicht mehr auf der Ebene des Marxschen Textes. Substanz kann überhaupt keine Eigenschaft sein, wenn man das von Aristoteles aus betrachtet – und auch bei Hegel ist das keine Eigenschaft an einem Anderen, sondern ist immer Subjekt der Prädikation. – Jetzt kannst Du sagen, das ist doch alles Tradition, aber ich gehe erst mal davon aus, dass man eher auf der sicheren Seite ist, wenn man den Marx aus diesen seinen Texten her versteht, und dass man nicht den Fehler machen sollte – aus einem Zeitalter, in dem diese Begriffe wie Substanz out sind (und da muss man die Gründe sagen, weshalb die out sind) –, dass man diese Begriffe erst mal wegstreicht und sagt, jetzt versuche ich das in irgendeiner Weise und einfach so zu verstehen. Also, wenn man das systematisch versteht und ernst nimmt, kann man nicht Relation und Substanz in eins setzen. Deshalb mein Hinweis auf Cassirer, wo das gemacht oder versucht worden ist, den Substanzbegriff zu streichen zugunsten von Relationsbegriffen. Das funktioniert selbst [...] bei den Naturwissenschaften nicht (deshalb die biologischen Beispiele, wo das so offenkundig ist, dass man ohne solche Substanzbegriffe nicht auskommt). Und deswegen: Wenn Du mit ‚Eigenschaft‘ argumentierst, bist Du sofort bei einer Eigenschaft in einer Relation. Und hinzukommt, wenn Du sagst, es ist Substanz, dann ist das keine Eigenschaft: Das Kapital ist auch keine Eigenschaft. Das Kapital ist Subjekt. Das spüren wir sehr viel deutlicher. Das ist nicht bloß eine Eigenschaft an einem Börsenkurs oder an der Deutschen Bank oder so.

Elbe: Das Kapital ist zumindest eine historisch spezifisch gesellschaftliche Form an Gebrauchswerten und damit eine Eigenschaft. Ich habe auch nicht gesagt, dass der Substanzbegriff aufgelöst wird, sondern dass man einen gestaffelten Substanzbegriff braucht, weil abstrakt menschliche Arbeit außerhalb der Relation existiert und wenn sie in eine bestimmte Relation gestellt wird, nur dann ist sie Wertsubstanz. [...]

Ruschig: Dann erscheint sie als Wertsubstanz. Aber wenn Du an der Stelle den Unterschied zwischen Wesen und Erscheinung streichst und sagst, die Substanz ist bloß die Erscheinung, also die Wertform [...]. Aber wenn Du von der Erscheinung das Wesen streichst, das da erscheint und das Du für die Erscheinung annehmen musst, dann musst Du Dich mit diesen theoretischen Schwierigkeiten konfrontieren. Ich sage ja gerade, der Witz ist, dass man diese Substanzbegriffe selber dialektisch verstehen kann, weil in diesen Substanzbegriffen deutlich wird, dass es Herrschaft ist, während, wenn Du sagst, das ist bloß eine Eigenschaft, die in der Relation im Tausch entsteht: Spiele so mal den Verhältnissen ihre eigene Melodie vor! Sage mal, der Wert ist die reflektierte Relation von voneinander unabhängigen Privatarbeiten! Die meisten werden dann mit den Achseln zucken und werden sagen, ich verstehe die Weise nicht. Während, wenn Du sagst, der Wert ist Repression, dann versteht man die Weise.

Elbe: Dann weiß man aber nicht, was Wert ist.

Wolf: Zunächst einmal würde ich mich Ingo anschließen, dass die Eigenschaft abstrakt menschliche Arbeit, die später mit Substanz betitelt wird, vorher gegeben hat. Und zwar nicht nur als Denkbestimmung, sondern als real existierend und ich werde auch noch zeigen, wie die konkret nützlichen Arbeiten zu aliquoten Teilen der Gesamtarbeit herabgesetzt werden. [...] Jetzt ist es wichtig, dass erst, wenn das Austauschverhältnis die historisch gesellschaftlich spezifische Form der Vermittlung ist, [...] der Austausch kann keine abstrakt menschliche Arbeit schaffen, weil es die Eigenschaft, Arbeitsprodukt zu sein, und die Eigenschaft abstrakt menschliche Arbeit schon immer gibt. Es ist ganz eigenartig, dass in der Diskussion immer auf Seite 52 vergessen wird, wo Marx das gemeinsame Dritte näher bestimmt. Auf was stößt er? Auf die Eigenschaft, ein Arbeitsprodukt zu sein, dann macht er einen Rückschluss auf die konkret nützliche Arbeit, und damit auf deren Eigenschaft, abstrakt menschliche Arbeit zu sein. Also erst mal benutzt er das Wort Eigenschaft, bevor überhaupt das Wort Substanz auftritt, ist der Wert, die abstrakt menschliche Arbeit jeweils zuerst Eigenschaft. Marx versäumt leider auf der Seite 52, wo das erste Mal die Eigenschaft Arbeitsprodukt auftaucht, zu sagen, [...] dass ich im Austauschverhältnis auf eine ahistorische Kategorie stoße. Jetzt bewirkt das Austauschverhältnis, dass diese ahistorisch existierende Kategorie gesellschaftliche Formbestimmung erhält. Das betrifft die Eigenschaft des Arbeitsproduktes selbst als gesellschaftliche Form des stofflichen Reichtums, der in Gebrauchswerten existiert [...], die abstrakt menschliche Arbeit als Eigenschaft und gesellschaftlich allgemeine Form der konkret nützlichen Arbeiten. Wie gesagt, es gibt keine zwei verschiedenen Sorten Arbeiten. Es gibt konkret nützliche Arbeit, die die Eigenschaft hat, gleichzeitig überhaupt menschliche Arbeit zu sein. Und im Austausch wird jetzt diese gleiche menschliche Arbeit zur historisch spezifischen Form. Und jetzt kann ich natürlich sagen: Substanz. Eine Geschichte, wo ich Ihnen recht geben muss und wo Ingo nicht recht hat, weil er die Abstraktionsstufen der Darstellung nicht sieht. Dieses Zitat ist vollkommen richtig von Marx mit der Einzelware. Aber dahinter steckt, dass Marx mit der Analyse des Austauschverhältnisses anfängt, wo schon immer die Beziehung zu anderen Waren da ist. Und jetzt hält er in der Darstellung die einzelne Ware als Ergebnis für sich fest. Was hat sich denn jetzt ergeben für die einzelne Ware aus dem Austauschverhältnis und nicht selbständig für sich? Und dann kann er erst auch die einzelne Ware charakterisieren als Gebrauchswert und Wert. Natürlich wissend, dass die einzelne Ware das nicht sein kann. Er hat sie ja auch erklärt aus dem Austauschverhältnis. Wenn Sie nun den Substanzbegriff [...] metaphysisch überfrachten – die abstrakt menschliche Arbeit. Sie machen jetzt Folgendes: Sie vermischen zu sehr Wert und abstrakt menschliche Arbeit. Abstrakt menschliche Arbeit tut nichts, macht nichts, kann nichts. [...] Sie haben aber vergessen, dass alles, was in der ökonomisch gesellschaftlichen Wirklichkeit geschieht – um die Dominanz der abstrakt menschlichen Arbeit zu begründen –, geschieht nicht direkt über die abstrakt menschliche Arbeit, sondern gerade über ihre Erscheinungsform, über die Erscheinungsform des Werts, Wertform Geld, Kapital. Der Mensch handelt und tut nämlich etwas. Und wie tut er etwas? Vermittelt über das Dasein der Erscheinungsformen abstrakt menschlicher Arbeit. [...] Die Substanz hat nicht, auch nicht die mystische Kraft, sich zu vergegenständlichen. Denn Sie müssen mal das Wort ‚gesellschaftlich‘ ernst nehmen und mal fragen, warum erscheint die Substanz? Darauf haben Sie keine Antwort gegeben. Sie erscheint, weil sie etwas Gesellschaftliches ist. Denn, was Gesellschaftliches, was nicht erscheint, ist nicht gesellschaftlich. [...] Und da sollte man mal nachdenken über den Satz: ‚Das Wesen wäre nicht, wenn es nicht erschiene.‘ Und ein gesellschaftliches Wesen, wenn das nicht nach Außen dringt, also in einer Vermittlung ist und sich äußerlich darstellt und im Inneren irgendwo verborgen ist, dann ist das nichts Gesellschaftliches. Also die Erklärung des Erscheinens der Substanz kann ich nicht aus der Substanz, aus ihrem metaphysischen Begriff bekommen, ihr metaphysische Kraft zusprechen, sondern aus ihrem gesellschaftlichen Charakter.

Ruschig: Genau, ich gebe Ihnen ja recht. Es kommt genauso drauf an, die Erscheinung, die Wertform, was Marx immer wieder mit Erscheinung konnotiert, in einen Zusammenhang zu bringen mit der Substanz. Und ich behaupte nur, alle diejenigen, die sagen, mir ist die Substanz zu mystisch oder das sei eine Mystifikation, lenken davon ab, dass das gar nicht so mystisch ist, sondern dass die Wirklichkeit dieser Substantialität – da muss man wirklich mit Hegel gehen: Was ist Substantialität der bürgerlichen Gesellschaft? Das ist die Herstellung von Arbeitsverhältnissen, von Lohnarbeit, von den Bedingungen, unter denen gearbeitet werden muss. Und das ist die Substantialität. Und dazu von linker Seite zu sagen, das ist mystisch, das halte ich für völlig verkehrt. [...] Das ist der entscheidende Punkt: Ich behaupte ja gerade, über den Begriff der Substanz und über den Widerspruch im Begriff der Substanz und darüber, dass man erklären kann, dass die Substanz selbst Repression und Macht über die Menschen ist – die Substanz wohlgemerkt! – da ist nichts Mystisches dran, sondern das ist genau das, was wir zu kritisieren haben.

Wolf: Das ist mystisch. Nur vermittelt über die Wertform, [...] die ökonomische Wirklichkeit mit Erscheinungsformen, in denen Menschen handeln. Das schafft Veränderungen.

Ruschig: Wir sind doch nicht in der einfachen Warenproduktion. An der Stelle kommt überhaupt keine Lohnarbeit vor.

Wolf: [...] Sie haben indirekt ja immer recht. Sie halten also nicht die Substanz und die Erscheinungsform auseinander und wissen dann alles weitere über die gesellschaftlichen Erscheinungsformen und nicht direkt durch die Substanz.

Lange: [...] Ich habe durchaus große Sympathie für Ihr Projekt, [...]. aber die wirklich interessante Frage ist doch nicht: Wie erscheint die Substanz? Sondern die wirklich interessante Frage ist doch: Warum verschwindet das Wesen in der Erscheinung? Warum verschwindet die Substanz, die Wertsubstanz in der Wertform? Und das ist mir ein bisschen zu wenig klar geworden, denn das Kernstück der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie [...] ist eben der Fetischismus der bürgerlichen Verhältnisse. Das ist die eigene Melodie, die den bürgerlichen Ökonomen vorzuspielen wäre. Das ist es und nichts anderes. Das heißt, die Frage ist doch, wie es zum Verschwinden der Substanz kommt, und nicht, wie es zur Erscheinung kommt. Die Substanz erscheint nämlich nicht in der Wertform. Und das ist das Problem, da gibt es zum einen nämlich den Hauptfetischismus der bürgerlichen Verhältnisse, das zinstragende Kapital, das Kapital, das sich selbst als Frucht trägt, wie der Birnbaum, der jedes Jahr neue Früchte trägt. Das ist der eine Fetischismus und der andere ist natürlich die trinitarische Formel und hier ist die Wertsubstanz komplett zum Verschwinden gebracht. Also das Kapital ist total unabhängig von irgendetwas, was als menschliche Arbeit zu bestimmen wäre. Da würde ich mir noch wünschen, dass zu dieser wirklich interessanten Frage, wie nämlich die Wertsubstanz in der Wertform verschwindet, noch ein bisschen mehr zu sagen wäre, was auch zeigen sollte, wie sich dieser Fetischismus immer wieder aufs Neue konstituiert in diesen fetischistischen Erscheinungsformen des Werts.

Ruschig: Klar, das ist eine wichtige Frage, wie das, was Sie beschreiben, nämlich das Verschwinden der Substanz, zu erklären ist, und da rate ich zu unterscheiden dazwischen, wie es im Subjekt ist oder in den Subjekten, die eine Vorstellung haben von diesen Dingen und dass da der Begriff der Substanz verschwindet, auch mithilfe von allerlei Marx-Interpretationen, und ob objektiv die Substanz verschwindet.

Lange: Ja, das natürlich nicht.

Ruschig: Eben. Wenn wir, wie ich versucht habe, das zu skizzieren, von Aristoteles und Hegel den Substanzbegriff begreifen: Es gibt eine Objektivität der Substanz und diese Objektivität ist ja auch da schon mit dem Erscheinen (das wird schon schwierig beim einzelnen Löwen, wenn man da ganz genau hinguckt, was da dasjenige ist, was Spezies ist [...]), aber dieses Verschwinden bezieht sich auf die phänomenale Seite, da finden wir in der Tat ein Verschwinden – alle bürgerlichen Leute von der SPD bis sonstwo hin behaupten ja, das mit dem Wert, das gibt’s eigentlich nicht mehr und der Marx, der hat sich da irgendetwas Metaphysisches ausgedacht oder so. So ist ja der Subtext. Wenn man das so à la lettre nimmt, halte ich das für eine verkehrte Sache, weil man dann die mit dem Widerspruch in der Substanz gesetzte Repression als nicht mehr vorhanden verklärt. Die verschwindet nämlich nicht. Wo Sie sehr wohl recht haben, ist, dass beim zinstragenden Kapital und bei den Wetten an der Börse und so weiter man sich fragt: Wo ist denn hier bitte die Substanz? Ja, nirgendwo mehr. Aber diese Vermittlungsschritte dahin, die kann man dann auch durchbuchstabieren. Dass all dieser ganze Zauber mit diesen Wetten auf Aktienkurse usw. nicht möglich ist, wenn es nicht eine Grundlage des Werts gibt, die aber von allen Leuten wegdebattiert wird.

Published Online: 2017-10-17
Published in Print: 2017-10-10

© 2017 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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