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Licensed Unlicensed Requires Authentication Published by De Gruyter October 17, 2017

8. Kapitel, Der Arbeitstag – Systematisches zu einem historisch verstandenen Kapitel

Hans-Georg Bensch

Zusammenfassung

Das Kapitel „Der Arbeitstag“ hat augenscheinlich einen völlig anderen Charakter als die vorherigen Kapitel in Kapital, Bd. I. Welche Funktion hat es für die Entfaltung des Begriffs des Kapitals? Kann ein historisches Kapitel, d. h. ein nicht-systematisches Kapitel, eine systematische Funktion haben? Ausgehend von dieser Frage sollen Missinterpretationen des 8. Kapitels, denen Marx selbst Vorschub leistet, kritisiert werden. Auf dieser Grundlage kann der Begriff des Kapitals, der nichts an Aktualität eingebüßt hat, weiter entwickelt werden. Die Debatte darum, was wird denn eigentlich – historisch, systematisch, begrifflich, kritisch – in drei Bänden Kapital dargestellt, ist nicht beendet.

Abstract

The chapter “The Working Day” seems to be of a totally different nature than the previous chapters in the first volume of The Capital. Which function does this chapter have for developing the notion of capital? Is a historical chapter, i. e. a non-systematical chapter, to have a systematical function? Based on this question, misinterpretations of chapter 8, as they are fed by Marx himself, are being criticized in this article. On this foundation the notion of capital, which does not suffer the loss of being up-to-date at all, can be further developed. The debate about what is actually depicted in The Capital (historically, systematically, theoretically, critically) has not been finished yet.

Siglen

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Literatur

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Diskusssion

Tagungsteilnehmer: Ja, es ist vielleicht etwas ungewöhnlich, als ersten Diskussionsbeitrag eine Anregung für das nächste Symposium zu geben, das es ja hoffentlich geben wird. Und ich finde das ganz überraschend, aber sehr zentral, die Frage der Maßlosigkeit, die Du in den Mittelpunkt gestellt hast, und ich denke, das wäre noch mal eine gründlichere Reflexion wert in Rückbezug auf Hegel und andere philosophische Traditionen, wie man das eigentlich genauer fassen will. Weil: Maßlosigkeit ist ununterbrochen da, aber alles, was wir sehen und empirisch feststellen können, ist ja immer nur, dass es dort ein Maß und eine Grenze findet, sonst würde ja überhaupt kein Kapital anfangen zu produzieren, wenn es meint, es muss immer noch warten, bis ich noch mehr kriegen kann. [...] Die Grundlage, die Du skizziert hast, finde ich außerordentlich einleuchtend. Und auch da muss man noch tiefer gucken, dass man tatsächlich unterscheiden muss zwischen dem wirklich hergestellten Wert der Ware Arbeitskraft und dem zunächst nur theoretisch konstruierten Inhalt in der Abfolge. Das finde ich sehr einleuchtend.

Bensch: Zur Maßlosigkeit, das kann ich nur aufgreifen, ich habe es ja zitiert mit der Formel G – W – G‘, die Marx schon recht früh nennt, im 4. Kapitel, Widersprüche der allgemeinen Formel, da wird’s ja genannt: die Durchführung, wie realisiert sich das? Dann reicht es natürlich nicht, bloß mit dem ersten Band zu argumentieren, sondern die Realisierung dessen muss durch alle drei Bände des Kapitals hindurch, und dann muss man sehen: Trägt dieser Wertbegriff?

Tagungsteilnehmer: Ich würde dem gewissermaßen widersprechen und [...] es ist natürlich die Frage, was hätte Hegel jetzt dazu wieder gesagt oder Kant oder Aristoteles oder so, da könnte man jetzt noch 70 andere Symposien drüber machen. Mein Eindruck war, dass Sie nachgewiesen haben oder erzählt haben, dass der Marx sein Buch schon richtig geschrieben hat, dass das Kapitel an der richtigen Stelle ist, und die Erkenntnisse, die Sie präsentiert haben, in jedem Marx-Lesekreis – ja, nicht über die Erkenntnisse eines solchen hinausgehen. Die Frage ist jetzt vielleicht etwas ungewöhnlich: Aus welcher persönlichen Motivation machen Sie denn so einen Vortrag?

Bensch: Vielleicht greife ich das auf, was ich am Anfang gesagt habe. Ich habe behauptet, es gibt gängige Interpretationen zum 8. Kapitel. Ich habe drei genannt und habe sogar gesagt, selbst Marx gibt eigentlich eine Interpretation vor, die darum geht, aha, Produktion des absoluten Mehrwerts ist beschränkt, es muss was Neues geben, es muss ein neuer systematischer Begriff her, und das ist der Begriff, der dann im folgenden Kapitel oder Abschnitt auftaucht: Produktion des relativen Mehrwerts. Das ist das eine, was ich jetzt dazu sagen kann: Was motiviert mich, das zu machen? Ich sage, es gibt Missinterpretationen, Marx gibt Vorschub für Missinterpretationen, die nicht völlig falsch sind, die aber den Kern der Sache nicht treffen. Das war meine Behauptung. Das nehme ich schon mal als einen Ansporn, das könnte schon reichen, um einen Vortrag zu machen. Aber muss ja nicht, ich kann ja auch noch weitergehend sagen: Wie ist es möglich, dass, unter der theoretischen Annahme, dass Äquivalente getauscht werden, – dreimal unterstrichen, dass es zunächst eine theoretische Annahme ist – es zu einer Tauschreihe kommt, die mit G beginnt, über Ware fortgeht und G‘ zum Resultat hat? Da muss man doch fragen: Ja, wie kann denn das sein? Und Sie werden mir doch zugeben, dass das als gesellschaftliches Phänomen nicht damit zu erklären ist: Naja, ich bin so ein pfiffiger Geschäftsmann, ich schaffe es, immer billig einzukaufen, und weil ich so ein pfiffiger Geschäftsmann bin, schaffe ich es auch teuer zu verkaufen. Das wäre eine gesellschaftliche Umverteilung. Damit würde kein Gran gesellschaftlicher Reichtum produziert. Sondern, wenn es da welche gäbe, die pfiffig handeln könnten und einige zu deppert sind, zu handeln, dann würde das Gegebene nur anders verteilt. Nein! Es geht darum, dass einmal angenommen wird, es würden tatsächlich Äquivalente getauscht und dennoch kommt es zu G – W – G‘. Wenn das nicht Anlass genug ist, darüber mal nachzudenken, gegebenenfalls einen Vortrag zu halten, dann weiß ich es nicht.

Spekker: Ich fand das durchaus überzeugend, was die systematische Stellung dieses Kapitels angeht. Dennoch: Wenn man sich anschaut, wie Marx auf die Argumente, die er dort ausbreitet, kommt, wie er sie auch in anderen Texten wiederum überhaupt erst entfaltet und dann diesen Übergang von der absoluten zur relativen Mehrwertsteigerung klärt, scheint mir Ihr Punkt problematisierungswürdig. Denn Marx bezieht seine Argumente aus seinerzeit ja realen Forderungen nach der Verkürzung des Arbeitstages und dem Argument der Kapitalistenklasse, dass das auf keinen Fall funktionieren wird, denn wenn wir den Arbeitstag verkürzen, dann bricht der Profit ein. Da hat Marx in der New-York Daily Tribune einige Artikel darüber geschrieben und versucht, dieses Argument zu entfalten und zu zeigen: Nein, das läuft über die relative Mehrwertsteigerung, dass trotzdem die Profite nicht einbrechen, dass sie sogar noch gesteigert werden können und gleichzeitig auch noch die Stellung der Arbeiterklasse sich verbessern kann. [...] Gleichzeitig gibt es dann Marx’ Argumentation in Lohn, Preis und Profit, wo er wiederum gegen Owenisten argumentiert (vgl. MEW 16, S. 147 ff.), die sagen, deshalb dürfen wir keine Lohnkämpfe führen, weil das dazu führt, dass die Löhne doch wieder wegen dieses ehernen Lohngesetzes auf dieses Minimum runtergebrochen werden. Also erst in dieser Auseinandersetzung hat Marx diese Argumente entwickelt. Das heißt, ihre Genese unterscheidet sich von dem, wie Sie das jetzt mit der systematischen Stellung dargestellt haben.

Bensch: Da kann ich überhaupt nicht widersprechen und Sie haben ja auch genug Belege gebracht auf der Osnabrücker Tagung vor drei Wochen, wo das ja auch Thema war: Was sind das jeweils auch für politische Auseinandersetzungen, die Marx aufgreift in den 1850er Jahren, also vor Abfassung des Kapitals? Überhaupt keine Frage. Mir ging es jetzt tatsächlich darum, den systematischen Punkt einmal zu betonen, dass das Phänomen der Verlängerung des Arbeitstages – und dafür hat er genügend Material beigebracht, dass zehnjährige Kinder zwölf Stunden arbeiten mussten oder dass Menschen sich tatsächlich zu Tode gearbeitet haben, 16 Stunden, 17 Stunden haben arbeiten müssen – und dass man sich dann fragt: Ist das tatsächlich eine Produktion von absolutem Mehrwert? Verlängerung des Arbeitstages? Und dass ich einmal daran erinnert habe, denn solche Formulierungen gibt es auch bei Marx: Was ermöglicht denn überhaupt die Verlängerung des Arbeitstages? Dazu sagt Marx: Das ist der Einsatz der großen Industrie, der Maschinerie und der Fabrik und dann denkt man sofort: Moment, das kommt doch aber erst im 13. Kapitel! Das ist doch ausdrücklich die Methode zur Produktion des relativen Mehrwerts. Und das hat mich dann veranlasst, das nicht als historische Abfolge zu nehmen: Erst gab es die Produktion des absoluten Mehrwerts, dann gibt es die Produktion des relativen Mehrwerts. Sondern unter dieser Einsicht: Was bedingt denn überhaupt die Realisierung dieses Kapitalinteresses? Der Einsatz von Fabrik und Maschinerie bedingt das. Und er schreibt ja überraschender Weise, der Einsatz der großen Industrie im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts, das würde also heißen von 1770 bis 1800. Da ist man ja irritiert, dass er da schon von großer Industrie spricht. Das tut er aber. Dennoch wird damit klar – und das sollte eben auch mein Ziel sein – möglicherweise kann man den Begriff der Produktion des absoluten Mehrwerts (Dritter Abschnitt) nur durchdenken und begreifen unter der Voraussetzung des Begriffs der Produktion des relativen Mehrwerts (10. Kapitel und folgende). Dass da irgendetwas dran sein muss, zeigt dann die Überschrift des 14. Kapitels: Produktion des absoluten und relativen Mehrwerts, wo es ganz deutlich wird, dass da ein Zusammenhang bestehen muss und ich kann die nicht einfach statisch nebeneinander stellen, wie das ein oder andere Marx-Zitat es eben doch tat. Und so habe ich mir erlaubt, einzelne Zitate von Michael Heinrich und von Dir [Andreas Arndt] genau unter diesem Blickwinkel herauszusuchen, dass es eine historische Abfolge wäre: Erst Produktion des absoluten Mehrwerts, das geht nicht weiter, dann ist Schicht, also jetzt Produktion des relativen Mehrwerts. Das wollte ich hervorheben. Mit der Frage: Wie ist Marx darauf gekommen? Welche Auseinandersetzungen hat er zur Kenntnis genommen? Wie hat er sich das erarbeitet und über welche Umwege und so weiter? – Bin ich sofort einverstanden.

Elbe: Wenn ich das richtig verstanden habe, würdest Du aber doch mit der traditionellen Interpretation mitgehen und unterstützen, dass Marx im 8. Kapitel systematisch die Notwendigkeit des Klassenkampfes ableitet? Und dass er zeigt, dass die Arbeiterklasse sich kollektiv organisieren muss, damit die Arbeiter sich als individuelle Arbeitskräfte reproduzieren können, und dass jeder Erfolg der Arbeiterklasse ein Erfolg des Kapitals ist. Das sind doch drei Punkte, in denen die traditionelle Interpretation mit Deiner übereinstimmt, oder nicht?

Bensch: Insbesondere der letzte Punkt, den Du erwähnt hast, auf jeden Fall. Aber ich hatte eine Formulierung in meinem Text, wo ich gesagt habe, diese Verkürzung des Arbeitstages über die Durchsetzung des gesetzlichen Normalarbeitstages bloß zum Resultat der Arbeiterklasse zu machen, setzte das Dasein der Arbeiterklasse voraus vor dem Dasein der Arbeiterklasse. Wenn da etwas dran ist, dass die tatsächlich ruiniert werden in einer Phase und dann die Schreie kommen: ‚Wir kriegen überhaupt nicht mehr genug Soldaten rekrutiert, weil die alle so verkümmert sind! [...]‘ Und wenn dann aus ganz verschiedenen Richtungen gesagt wird, dass irgendetwas mit der Reproduktion der Bevölkerung falsch läuft, dann ist das für mich Indiz dafür, dass die Arbeitergeneration derart verschlissen wird, dass die nicht in der Lage sind, sich selbst zu erhalten und ihre Nachfolger heranzuziehen, die dann ja Ersatzmänner sein sollen. Und deswegen sollte mein Punkt sein: Nein, auch die Arbeiterklasse [...] kann sich erst konstituieren, wenn minimale Standards der Arbeitsbedingungen und ja auch des Arbeitstages durchgesetzt sind. Das heißt, ansonsten kann ich nur für den Theoretiker sagen: Die Unterdrückten nenne ich jetzt insgesamt Sklaven, die Unterdrückten (in vorbürgerlichen Zeiten) nenne ich jetzt insgesamt die Leibeigenen, kann immer sagen, die müssen Mehrarbeit leisten, sonst könnte es keine Herrschaft geben und sonst könnte die Herrschaft nicht in Saus und Braus leben. In Ordnung, aber das ist nur für mich als den Theoretiker, der ich das dann so zusammenfasse. Zum Klassenbegriff, behaupte ich, gehört mehr. Da gehört dazu, dass die Reproduktion aller einzelnen Mitglieder einer Klasse wechselseitig von der Reproduktion aller anderen abhängig ist und das stellt sich erst her unter kapitalistischen Bedingungen – und deswegen meine Zitate: es ist völlig gleichgültig, ob er Bäcker in London nimmt, ob er Textilarbeiter, ob er Stahlarbeiter nimmt oder wen auch immer. Es wird jetzt eine Arbeiterklasse konstituiert und dann kommt ein altes Marxsches und Engelsches Theorem wieder zum Vorschein, dass das Proletariat selbst Resultat dieser Produktionsweise ist. Das Proletariat wird selbst hervorgebracht damit und deswegen war es so entscheidend wichtig, dass ich gesagt habe, mit diesen Marx-Zitaten, dass das Kapital wohl ganz offensichtlich doch ein Interesse daran hat, die Arbeiterklasse zu erhalten. Nicht weil die Kapitalisten menschenfreundlich sind, sondern weil sie angewiesen sind auf das für sie entscheidende Produktionsmittel: Die Ware Arbeitskraft muss ersetzbar immer da sein.

Elbe: Meinst Du damit, die Arbeiterklasse existiert als Arbeiterklasse in einem einheitlichen, gesetzlich geregelten nationalen Rahmen? Das ist mir noch nicht so ganz klar, was der Punkt dabei ist.

Bensch: Das sind die Darstellungen, die Marx wählt. Er nimmt die klassische Gestalt England, das am weitesten fortgeschrittene Land zu der Zeit und beschränkt das darauf, ja. Weltweite Arbeiterklasse und so weiter, was man dann als Erweiterung nehmen müsste, da habe ich jetzt gar nichts zu gesagt, und da macht man viele neue Fässer auf.

Lange: Eine kleine Vorbemerkung [...]: In der japanischen Rezeption des Kapitals gibt es eine Schule, die behauptet, das 8. Kapitel wie auch das 24. Kapitel des ersten Bandes gehören nicht in den systematischen Zusammenhang. Das ist die sogenannte reine Theorie des Kapitalismus von Uno Kōzō, worüber ich morgen sprechen werde. Das ist natürlich falsch. – Und jetzt wollte ich fragen, ob Sie der Meinung von Michael Heinrich sind. [...] In der Wissenschaft vom Wert spricht er nämlich über die systematische Funktion dieses Kapitels und da geht es um das, worüber wir vorhin gesprochen haben, nämlich die Grenzen der dialektischen Darstellung. Er sagt – und ich wollte nur fragen, ob das anschlussfähig ist für Sie – dass die Länge des Arbeitstages sich eben nicht rein begrifflich deduzieren lässt. Das heißt, wir brauchen diese Darstellung des 8. Kapitels – Klassenkampf usw. –, weil es sich um empirische Zusammenhänge handelt, durch die erst verstanden werden kann, wie sich bestimmte soziale Formen konstituieren. [...] Ist das eine anschlussfähige Position?

Bensch: Ich habe auch ganz bewusst auf den Begriff der Dialektik hier ganz verzichtet. Das ist das eine. Das andere: Ich gebe Ihnen vollkommen recht und damit dieser Passage bei Michael Heinrich auch. Man kriegt nicht aus einer systematischen Entwicklung heraus, dass es jetzt einen gesetzlichen Arbeitstag von 12 Stunden, von 11 1/2 Stunden, von 13 Stunden geben muss oder von 10 Stunden geben muss. Überhaupt keine Chance, das rauszukriegen, sondern das ist Resultat von ganz bestimmten historischen Konstellationen und Auseinandersetzungen, und zwar – das ist betont – nicht nur der Arbeiterklasse gegen die Besitzenden, sondern in diesen eigentümlichen Konstellationen. Viel wichtiger war mir aber – und da wäre dann entscheidend, ob Michael Heinrich dazu was hat, was man nehmen könnte, mir ist es jetzt nicht präsent – zu zeigen: 4. Kapitel, die Bestimmung des Werts der Ware Arbeitskraft. Wir als wohlmeinende Leser nehmen das zur Kenntnis: Wie ist der Wert der Ware Arbeitskraft bestimmt? Der Wert der Ware Arbeitskraft ist bestimmt durch den Wert der notwendigen Lebensmittel, Lebensmittel im allerweitesten Sinne. Und da sagt jetzt der Leser, der vielleicht nicht ganz so wohlmeinend ist: Was soll denn dieses Zeug mit Wert der Ware Arbeitskraft? Hier wird doch kein Wert der Ware Arbeitskraft gezahlt, hier wird Lohn gezahlt! Und schon ist man auf einer ganz anderen Argumentation. Ich sage aber, wenn ich das ernst nehme mit Äquivalententausch und Wertbegriff und wie kann es auf dieser Grundlage sein, dass G-W-G‘ funktioniert, muss ich den Wert der Ware Arbeitskraft annehmen und damit habe ich ihn aber nur theoretisch angenommen, theoretisch unterstellt. Modellhaft kann ich das durchrechnen: Nehmen wir an, unser Kapitalist ist so schlau, hat nun den Arbeiter sechs Stunden arbeiten lassen, er hat aber noch was in der Hinterhand. Er hat noch weiteres Arbeitsmaterial und Produktionsmittel, sodass er den Arbeiter jetzt sechs weitere Stunden arbeiten lassen kann und kann dann die Rechnung aufmachen und siehe da, das Wunder ist geglückt, er hat auf einmal aus 100 Pfd.St. 110 Pfd.St. gemacht [...]. Das heißt also, Wert der Ware Arbeitskraft ist dezidiert ein systematischer Begriff, den ich erst mal wirklich freihalten muss, das hat erst mal nichts mit Lohn zu tun. Und dann sage ich dennoch: Das erste Mal, wo diese theoretische Unterstellung, es gebe so etwas wie Wert der Ware Arbeitskraft – 4. Kapitel –, wo ich sagen kann, dass so etwas historische Gestalt erhält, ist: in dem allgemein durchgesetzten gesetzlichen Normalarbeitstag. Weil damit auch die Gesellschaft inklusive Kapitalisten, der feindlichen Brüder, damit anerkennt: Wir können die Arbeiterklasse nicht auf Dauer ruinieren, dann fehlt es uns nämlich an unserem ganz entscheidenden Mittel, um unser Kapital am Laufen zu halten. Und deswegen ging es mir vielmehr um diesen Punkt: Das 4. Kapitel ist wichtig, ohne das geht es überhaupt nicht, aber es ist erst mal nur eine systematische Setzung des Theoretikers – nur für uns, für den Theoretiker, wie für uns als Leser. Und da muss noch etwas kommen. Und da sage ich, das liefert er im 8. Kapitel genau mit dieser Darstellung des Verlaufs und dann diesem Ergebnis.

Published Online: 2017-10-17
Published in Print: 2017-10-10

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