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Licensed Unlicensed Requires Authentication Published by De Gruyter October 17, 2017

Die Akkumulation des Kapitals – das Bewegungsgesetz der modernen Gesellschaft

Rückfall in die Geschichtsphilosophie?

Fritz Fiehler

Zusammenfassung

Der „letzte Endzweck dieses Werks“ schreibt Marx, bestehe darin „das ökonomische Bewegungsgesetz der modernen Gesellschaft zu enthüllen“. Ist das eine Anspielung auf die von Herder, Kant und Hegel geführte Debatte über Geschichte und Gesellschaft? Der Beitrag untersucht das allgemeine Gesetz der kapitalistischen Akkumulation unter den Aspekten der Mystifikation, Klassen und Legitimation. Im Ergebnis stellt sich das Gesetz als das einer Zeit des Übergangs heraus.

Abstract

Marx writes: “It is the ultimate aim of this work to reveal the economic law of motion of modern society.” Is this an allusion to the debate between Herder, Kant, and Hegel on history and society? This article examines the general law of capitalist accumulation from the aspects of mystification, classes and legitimation. Concludingly, this law turns out to be a low of a transition period.

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Diskussion

Lange: Eine ganz kurze Frage: Was würden Sie Herrn Piketty sagen? [...] Mit den Ausführungen, also sozusagen mit Ihrem methodischen und auch inhaltlichen, mit Ihrem Forschungspuzzle, wie Sie es jetzt in Ihrem Vortrag gemacht haben, gerade im Hinblick auf das Umschlagen des Gesetzes des Austauschs in ein Gesetz der Aneignung. Was würden Sie vor diesem Hintergrund Herrn Piketty antworten auf seine These, dass das alles ein Problem der falschen Verteilung ist?

Fiehler: Richtig, bei diesem Gegensatz von Reichtum und Armut sind wir ja eigentlich gehalten, einen Maßstab vor Augen zu haben, der diese Reichtumsentwicklung in einer Einkommensgröße darstellt. Das Sozialprodukt ist die entsprechende Größe. Mit diesem Sozialprodukt geht ja die Vorstellung einher, dass die Einkommensklassen, die Klassen, die Verhältnisse über die Verteilung in der Hand hätten und der Staat dann auch verpflichtet werden kann, entsprechend tätig zu werden. Insofern ist es also für Piketty naheliegend, genau an diesem Gegensatz von Reichtum und Armut anzusetzen.

Auf der anderen Seite ist Piketty insofern interessant, weil er ja eben eine Diskussion in Gang bringt, dass nach den Erwartungen der 1950er und 1960er Jahre man eigentlich davon ausgegangen ist [...], dass es in der Verteilung einen ausgleichenden Mechanismus gäbe. Und jetzt muss ja erklärt werden, warum dieser Ausgleich nicht zustande kommt. Und wenn man jetzt Marx ins Spiel bringt mit dem immer wieder kritisierten Akkumulationsgesetz, dann ist meines Erachtens überraschend, dass Marx bei dieser Angelegenheit mit einer technischen, ökonomischen Erklärung ankommt, dass er sagt, je weiter sich das Kapital entwickelt, desto flexibler, desto schneller kann es auf alle möglichen Situationen reagieren und um darauf reagieren zu können, muss es seine Arbeitskraft, muss es Arbeitskräfte disponibel halten. D. h. also, dass es sich immer eine bestimmte Reserve zur Verfügung halten muss. Und das ist dann genau der Punkt, wo das an die vorherige Diskussion anknüpft, dass man auf der einen Seite also eben eine bestimmte Auseinandersetzung hat, haben muss, reflektierte Verhältnisse unterstellen muss, damit so etwas wie der Wert der Arbeitskraft zustande kommt, und auf der anderen Seite haben wir es mit einer Entwicklung zu tun, die genau diese Notwendigkeit unterminiert, indem also mit dieser industriellen Arbeiterarmee, mit den Paupers und so weiter, dann eine Situation geschaffen wird, wo das Kapital auf beiden Seiten des Arbeitsmarktes agiert und die Löhne unter den bisherigen Durchschnitt drückt. D. h. wir haben also hier, ich habe mich auf den ersten Band zu beschränken, wir haben es hier in der einfachen Form durchaus mit einer Entwicklungstheorie zu tun, die auf der einen Seite eben, wie wir heute diskutiert haben, mit dieser einfachen Zirkulation, mit der Kombination mit dem Kapital und so weiter, integrierende Momente hat, die Subjekte integriert, wo die individuelle Reproduktion und die Reproduktion der Klassen miteinander kombiniert werden, so wie Marx gesagt hat: Ich habe die Klassen nicht erfunden, sondern ich habe sie übernommen, ich habe sie in eine ökonomische Fassung reingebracht. Ich erkläre euch, dass wir es mit Klassen zu tun haben, nichtsdestoweniger haben wir es mit Individuen zu tun. – Wo er das erklärt und gleichzeitig aber eben sagt, die Entwicklung wird sich aber eben ihre Mittel verschaffen müssen, um diese Expansivkraft auch immer gewährleisten zu müssen.

Arndt: Sie haben angefangen mit dieser bekannten, als geschichtsphilosophisch interpretierten These von der Selbstnegation. Vielleicht habe ich es nicht richtig mitgekriegt, was daraus geworden ist. Was würden Sie dazu sagen? Welchen Status hat das bei Marx? Kann man das ernst nehmen im Lichte dessen, was Sie dann ausgeführt haben? Oder würden Sie sagen, nein, das ist dann doch geschichtsphilosophischer Restbestand, vergessen wir lieber?

Fiehler: Ich glaube, dass eben dieser Abschnitt über die Tendenzen der kapitalistischen Akkumulation, der hergenommen wird als Rückfall in eine Geschichtsphilosophie, dass dieses Beispiel meines Erachtens nicht ganz sachgerecht ist. Das Bewegungsgesetz, also das ökonomische Bewegungsgesetz, das er da thematisiert, das ist ja in der Diskussion nicht unbedingt festgemacht worden an einem bestimmten Abschnitt, also in den Marx-Engels-Werken wird man in dem entsprechenden Register auf das Mehrwertgesetz verwiesen und das entsprechende Zitat dazu findet man im Akkumulationsabschnitt. Also wir sind uns nicht darüber im Klaren, was Marx jetzt genau unter dem Bewegungsgesetz verstanden hat. Und ich glaube, dass man zeigen kann, dass er mit diesem Abschnitt dieses Bewegungsgesetz zu entwickeln versucht. Also über den zweiten und den dritten Band, darauf verweist er ja, mit welchen Ergänzungen er das machen will. Und dass er das in einer Form entwickeln will, die einlöst, was er in der Frankreich-Schrift geschrieben hat, dass die Menschen ihre Geschichte machen, aber nicht unter freiwilligen Bedingungen. Das jetzt zu verifizieren, das jetzt nachzuweisen, dafür soll eben diese Akkumulationstheorie herhalten. Aber diese Akkumulationstheorie ist in der herkömmlichen Kapitalismustheorie uns eher als so eine Felsenmelodie missraten.

Published Online: 2017-10-17
Published in Print: 2017-10-10

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