Sebastian Engelmann

Sarah Demmrich: Religiosität und Rituale. Empirische Untersuchungen an ostdeutschen Jugendlichen (Arbeiten zur Praktischen Theologie 62). 2016.

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De Gruyter Oldenbourg | Published online: September 1, 2016

Religionspsychologie ist, laut Michael Domsgen im Vorwort der Dissertationsschrift von Sarah Demmrich, in Deutschland ein nur wenig beforschtes Themengebiet. Ganz anders hingegen sehe es im angloamerikanischen Kontext aus. Die empirisch vorgehende Arbeit zu Religiosität und Ritualen erschien zu Beginn dieses Jahres in der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig und zielt darauf, diese Forschungslücke zu schließen.

Die leitenden Fragestellungen der Arbeit sind, „ob und welche religiöse Erfahrungen während persönlicher Rituale gemacht werden, wie Jugendliche diese Rituale lernen und welche Funktionen diese in ihrer psychischen Entwicklung einnehmen.“ (S. 19) Kurz: Welche Rituale werden durchgeführt, warum werden sie durchgeführt und wer führt sie durch? Um diese Fragen zu beantworten, geht Demmrich in ihrer Arbeit in zwei Schritten vor. In einer ersten Interviewstudie wurde eine kleine Anzahl an Personen mithilfe halbstandardisierter Interviews befragt. Auf Grundlage dieses hypothesengenerierenden Vorgehens konnte in einem zweiten Schritt eine Fragebogenstudie mit einer größeren Personengruppe durchgeführt werden.

Diesem am Prinzip der Methodentriangulation orientierten zweistufigen Forschungsdesign entspricht auch der Aufbau der Arbeit. Vor der Empirie steht jedoch die Theorie. Demmrich elaboriert in den ersten sechs Teilkapiteln ihrer Arbeit die religionssoziologischen und entwicklungspsychologischen Rahmenbedingungen, thematisiert das Konzept des persönlichen Rituals und den Ritualbegriff, geht auf die Sozialisation von Ritualen ein, erläutert die Emotionsregulation, verschiedene Identitätskonzepte und schließlich verschiedene Ausführungen zum Gottesbild. Diese beträchtliche Anzahl an theoretischen Versatzstücken bündelt sie schlüssig in ihrem Kapitel zur Integration der Befunde. Dieses übernimmt eine Scharnierfunktion für die Arbeit, da es zur empirischen Untersuchung überleitet und eine theoretische Fundierung der empirischen Analyse liefern soll.

Zu Beginn des zweiten Teils der Arbeit wird die methodische Vorgehensweise genauer erläutert. Demmrich expliziert ihr Vorgehen und bezieht sich auf im Fach einschlägige Literatur. Besonders hervorzuheben ist die gelungene Integration der Malinterview Methode – Kinder und Jugendliche zeichnen hierbei ihre Vorstellungen von Konzepten, wie beispielsweise übermenschliche Macht. Neben der so erzeugten und kaum systematisch auswertbaren Datenmenge erhebt Demmrich mithilfe halbstrukturierter Leitfadeninterviews Material, welches sie mit der qualitativen Inhaltsanalyse in Anlehnung an Mayring auswertet. Die Präsentation der Ergebnisse der qualitativen Studie folgt im Anschluss. Neben der Konstruktion von religiösen Ritualen seien es auch Medienrituale und Gebete sowie meditative Praktiken und Drogenrituale, die in den Interviews angeführt werden. In Bezug auf religiöse Rituale seien es besonders die Instruktion von Eltern, meist der Mutter, die zur Ritualpraxis anregen würden. Selbstsozialisatorische Prozesse werden hingegen weniger angeregt, dafür bedürfe es intentionaler Steuerung von außen. Besonders hervorgehoben wird hier der Einfluss von Peers (S. 179).

Auf Grundlage dieser Ergebnisse der qualitativen Vorstudie formuliert Demmrich im Anschluss eine große Anzahl an Hypothesen, die positive und negative Zusammenhänge annehmen. Hervorzuheben sind hier die Hypothesen zum Zusammenhang zwischen Religiöser Sozialisation und Gebetsritual bzw. äquivalenten Ritualen. Angenommen wird, dass höhere Werte für Gebetsrituale bei religiös sozialisierten Kindern vorliegen, wohingegen äquivalente nicht-religiöse Rituale vermehrt bei Jugendlichen ohne religiöse Sozialisation in der Familie auftreten. Weitere Hypothesen beschäftigen sich mit der Sozialisation von Ritualen, mit Ritualen und Entwicklungsaufgaben sowie Ritualen und dem Bild übermenschlicher Mächte. All diese Hypothesen nimmt Demmrich im dritten Teil der Arbeit in Angriff – der quantitativen Untersuchung.

Nach der schrittweisen Erläuterung der Methodik und der Problematisierung bisheriger Ritualforschung stellt Demmrich ihre Ergebnisse überzeugend dar – einziges Manko ist die teilweise schwer nachvollziehbare Auswertung. Hier hätte – um eine geringere Rezeptionsschwelle zu ermöglichen – ein Mittelweg zwischen psychologischem Fachvokabular und verständlicher Formulierung gesucht werden können. Die Diskussion ihrer Ergebnisse fällt dann wieder erfreulich nachvollziehbar aus. Die Autorin ermöglicht es, die verschiedenen Interpretationsmöglichkeiten auch vor der Diskussion im disziplinären Feld nachzuvollziehen.

Im Abschlusskapitel rundet Demmrich ihre Arbeit ab – sie erläutert auch erneut, wie sich die beiden ihrer Arbeit zugrunde liegenden Studien zueinander verhalten. Zudem stellt sie komprimiert die Ergebnisse der quantitativen Studie dar. Die oben genannte Hypothese zur Abhängigkeit von Ritual und religiöser Sozialisation konnte quantitativ nicht bestätigt werden, allerdings ergeben sich Anknüpfungspunkte für die Forschung im Bereich der weichen Faktoren, denn auf motivationaler Ebene lassen sich durchaus Unterschiede feststellen. Neben diesem Ergebnis stellt Demmrich zusätzlich fest, dass Rituale einen erheblichen Beitrag zur Identitätsbildung beitragen. Rituale sind – so die abschließende Bemerkung– in Bezug auf die untersuchte Population von ostdeutschen Jugendlichen, auch bei denen, die nicht religiös sozialisiert wurden, ein grundlegender Baustein der religiösen Entwicklung und zur religiösen Erfahrung. Die Frage, ob von einer religiösen Entwicklung gesprochen werden kann, muss aber zum einen durch interdisziplinäre Theoriebildung und zum anderen durch weitere empirische (Längsschnitt-)Studien in Angriff genommen werden. Spuren der Spiritualität, Transzendenz oder Gotteserfahrung sind aber laut Demmrich auch in der untersuchten Population vorhanden.

Dem explorativen Charakter der Studie ist es zu verdanken, dass zahlreiche Themengebiete untersucht werden. Die Vielzahl an Hypothesen ist jede für sich ein Anstoß für weitere Forschung –nicht zuletzt, weil die Autorin auf Defizite und Anschlussmöglichkeiten ihrer Arbeit hinweist. Dem explorativen Forschungsdesign entsprechend kann für die Studie von Demmrich konstatiert werden, dass sie als eine Art Door-Opener für die religionspsychologische Diskussion in Deutschland fungieren kann. Sowohl auf theoretischer als auch auf empirischer Ebene legt Demmrich mit ihrer Arbeit einen relevanten und beachtenswerten Beitrag zum Forschungsstand vor. Gerade in Bezug auf konfessionslose Jugendliche, denen religiöses Empfinden oftmals abgesprochen wird und die so zu Unrecht als defizitär ausgewiesen werden, weist die Studie nach, dass eine solche Perspektive gerade gerückt werden sollte. Zusätzlich zeigt Demmrich explizit pädagogische Zusammenhänge im Lernverhalten von konfessionellen und konfessionslosen Jugendlichen auf. Wie diese Unterschiede genau ausdifferenziert werden können, muss in weiteren Forschungen herausgearbeitet werden, um auf Möglichkeiten der Selbststeuerung und Initiation von Lernprozessen hinzuweisen. Abschließend kann festgehalten werden, dass es sich bei der Arbeit von Sarah Demmrich um einen wertvollen Beitrag in der Religionspsychologie im Allgemeinen und der Diskussion über Konfessionslosigkeit im Speziellen handelt, der definitiv Berücksichtigung verdient.

Online erschienen: 2016-9-1
Erschienen im Druck: 2016-9-1

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