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Johannes Heil. 2012. Die Rhetorik des Spitzensports

Roman Beljutin

In der Einführung in die Rhetorik des Spitzensports postuliert der Autor eine der grundlegenden Thesen seiner rhetorischen Theorie, indem er das Phänomen „Sport“ als „zuallererst einen Effekt von Kommunikation“ definiert und in ihm ein besonderes, ja sogar „pathologisches“ (S. 1) Zeichensystem sieht, dessen Bedeutungen ihm von außen zugewiesen werden und nicht in ihm selbst liegen. Ein solcher Status des Sports stellt die Forscher vor die Aufgabe, Projektionen (wie z. B. metaphorische – Sport ist Krieg, Sport ist Theater etc.) zu entwickeln, die die Wahrnehmung dieses Konzepts erleichtern und den Sinn der sportlichen Handlungen verdeutlichen könnten.

Der Verfasser schlägt eine Lösungsstrategie vor, die darin besteht, „Sport“ auf seinen rhetorischen Gehalt hin zu mustern und so ein Kommunikationsmodell zu etablieren, das den Sprach- und den Sprechstil der Diskurs-Teilnehmer (Akteure, Zuschauer, Reporter) und die Wirkung der Diskurs-Objekte (Reglement, Geräte) auf elokutionärer Ebene der Kommunikation erklärt. Er untersucht den rhetorischen Charakter des Sports am Beispiel des massenmedial vermittelten Diskurses mit dem Fokus auf der Sportreportage, der er in Anlehnung an Barthes und Gebauer eine existentielle Funktion zuschreibt. Treffend ist auch der Hinweis des Autors auf die Konzeption von Horky, der die Sportmedienrealität als „Inszenierung einer Inszenierung“ (S. 10) bezeichnet. Wie die weiteren Kapitel der Studie zeigen, gelingt es dem Verfasser, anhand mehrerer exemplarischer Beispiele die These der Inszenierungsinszenierungen zu bestätigen.

Das zweite Kapitel setzt sich mit der griechischen Antike auseinander, der nach der Auffassung von Heil die ersten professionellen Sportberichterstatter entstammen. Die Analyse von Pindars Lyrik weiß zu überzeugen. Sie zeigt, dass die Epikiniendichter mit Recht diesen würdevollen Status tragen dürfen: In den Olympischen Oden von Pindar sind viele rhetorische Kunstgriffe zu finden, die auch von heutigen Sportberichterstattern benutzt werden, um den epideiktischen Charakter der narratio zu erzielen und so einen bildlichen Eindruck beim Zuschauer hervorzurufen. Die Ähnlichkeiten bei der Organisation des Sportberichterstatter-Diskurses in der Antike und in der Moderne zeigen sich u. a. in der Auswahl der Topoi für die wirkungsvolle Darstellung der Hauptprotagonisten – Sieger der Sportwettkämpfe. Vollkommen plausibel ist z. B. der Hinweis des Autors auf die „Langlebigkeit“ des Heimat-Topos im Sportreport, der in der Regel das Anerkennungspotential des Siegers dramatisch steigert und im Zusammenhang mit dem Mythos und anderen „inhaltlichen Bausteinen“ (S. 28) ein starkes rhetorisches Mittel zur Vermittlung von Normen und Werten einer jeweiligen Gemeinschaft darstellt. Außerdem kann der Einsatz des Heimat-Topos noch eine wichtige pragmatisch-sprachliche Funktion erfüllen: Er wird zum Ersatzwort, wenn es darum geht, den Namen der Person, die im Text eine zentrale Rolle spielt, der stilistischen Reinheit halber das zweite Mal nicht zu erwähnen und auf solche Weise Wiederholungen zu vermeiden und statt dessen Antonomasien zu gebrauchen.

Im dritten Kapitel nähert sich Heil den bereits in der Einführung thematisierten Handlungsebenen des Sports „Reglement“ und „Report“. Diese gedankliche Annäherung erfolgt durch die Analyse zweier Eckpfeiler des sportlichen Systems – den Akteur und den Zuschauer. Der Verfasser kommt hier durch den Vergleich der Meinungen von renommierten Sportwissenschaftlern über die Ziele der antiken Athleten und der modernen Spitzensportler zum Schluss, dass das Motiv der Anerkennung und des Wahrgenommenwerdens bei den Akteuren immer noch dominant sei, trotz der Kommerzialisierung des Sports und des dadurch ausgelösten Wertewandels. Wichtig ist aber in dieser Hinsicht die Anmerkung des Autors, dass dieses Streben der Sportler nach Anerkennung und Prestige „Größenphantasien“ (diesen Begriff verwendet Heil in Anlehnung an Gebauer, S. 38) provozieren kann. Hier verbirgt sich die Gefahr, dass die rein sportlichen Motive zurückgestellt werden und der Gedanke an den materiellen Antrieb die Oberhand gewinnt. Vgl.: „In diesem Rahmen verlieren Leistungsprinzipien und die Frage nach Sieg und Niederlage relativ an Bedeutung“ (S. 40). Nicht selten passiert das durch die direkte oder indirekte Einmischung der Massenmedien. Das Streben einiger Akteure, die Kunst der Selbstinszenierung zu beherrschen, die die mediale Welt ihnen als Erfolgsfaktor suggeriert, lässt eine Reihe von so genannten „Strukturproblemen“ (S. 42) und Manipulationsversuchen entstehen. Diese zu lösen und dem Sport den traditionellen Status mit traditionellen Werten und Normen zu verleihen, ist eines der Hauptanliegen des modernen Sportdiskurses.

Genauso tiefgründig sind die Überlegungen des Autors zur Spezifik des Zuschauersports und zu den Motiven derjenigen, die diese Kategorie strukturieren. In Anlehnung an Nietzsches Begrifflichkeiten arbeitet Heil drei Grundtypen des Zuschauer-Verhaltens heraus: das dionysische, das sokratische und das apollinische Verhalten. Dabei betont Heil – und illustriert dies mit alltagsnahen, jedem Sportbegeisterten verständlichen Beispielen – die Flexibilität der Wahrnehmungsweisen: Sie schließen sich nicht aus, sie existieren im Weltbild des Zuschauers mit den unterschiedlichen Abstufungen und Übergängen parallel. Sie sind also nicht zu trennen und bedingen sich gegenseitig (S. 55). Im Geiste des rhetorischen Metadiskurses definiert der Autor den Sport hier aus metaphorischer Perspektive, indem er ihm die Fähigkeit zuschreibt, Kampf-Handlungen durch symbolische Handlungen zu ersetzen. Der Vorteil des Sports liegt in erster Linie darin, dass der Gegner nicht direkt angegriffen wird – das Reglement, das ein System geregelter, legitimer Aktionen darstellt, schafft die Schranken, die den Kampf nur im fiktiven Format („Gegenwelt“ in der Interpretation von Heil [S. 56]) zulassen.

Das vierte Kapitel widmet sich dem sportlichen Ereignis. Hier richtet sich das Augenmerk des Autors auf die Besonderheiten der „ersten Handlungsebene“, die als eine Art „sportliche Poetik“ (S. 63) und „Erzähl-Anleitung“ verstanden wird. Das dispositorische Schema des sportlichen Reglements umfasst mehrere Ebenen und jede Ebene erfährt eine Benennung, die auf dramaturgische Begriffe der aristotelischen Poetik rekurriert: Festivals (Groß-Veranstaltungen wie Olympische Spiele), Serien (Turniere, Meisterschaften), Dramen (Wettbewerbe), Akte (Runden, Halbzeiten, Sprünge) und Szenen (Start, Ziel, Angriff, Foul). Wie dieses Schema und die rhetorischen Wirkungs-Prinzipien funktionieren (vor allem diejenigen, die die grundlegenden Kategorien des Reglements – Raum und Zeit – verknappen), zeigt der Autor am Beispiel des Basketball-Reglements. Auch in diesem Kapitel findet Heil für seine Schlussfolgerungen „dramaturgische Gründe“ (S. 65). Er befolgt strikt die eingangs angekündigte rhetorische Perspektive und stellt Prinzipien wie z. B. Chanchen-Verknappung und Chancen-Steigerung den Mitteln minutio und amplificatio gleich.

Viele neue Anregungen für die Reflexion der rhetorischen Theorie von Heil gibt das Schema zur Einteilung der Sportarten und Leistungsverläufe. Seine kühne Behauptung, dass die herkömmliche Kategorienbildung der Sportarten „unstimmig und nicht logisch“ sei (S. 77 f.), untermauert der Autor mit Blick auf die Logik der Rhetorik. Sportarten sollten zu solchen Gruppen mit strukturellen Entsprechungen zusammengefasst werden. Dafür eigneten sich nach Auffassung des Verfassers zwei Achsen (Konstellationen): zum einen die Konstellation der Akteure im Wettkampf; zum anderen der räumliche und zeitliche Code. Im Anhang des Buches sind in einer Tabelle sämtliche Wettkämpfe der Olympischen Spiele 2004 nach rhetorischen Verfassungen geordnet. Einen gewichtigen Vorteil einer solchen Einteilung kann man nicht nur darin sehen, dass sie vom praktischen Gesichtspunkt her übersichtlicher und logischer ist, sondern auch darin, dass sie dramaturgische Möglichkeiten bei der Erstellung der Sportberichte transparenter und evidenter macht: „Ähnliche Strukturen legen nämlich auch ähnliche Formen der Berichterstattung nahe, genauer, ähnliche Stilmittel auf den Ebenen der inventio, der dispositio und der elocutio“ (S. 78).

Das fünfte Kapitel geht der zweiten Handlungsebene auf den Grund und beschäftigt sich aus mehreren Perspektiven mit der Konstruktion der Sportreportage, deren Hauptfunktion darin besteht, den sportlichen Ereignissen einen Sinn zuzuschreiben und eine Bedeutung zuzuweisen (S. 105). Der Verfasser beschreibt ausführlich die visuellen Erzähl-Techniken im Sportbericht und stellt fest, dass der richtige Umgang mit der Bild-Ton-Text-Kombination dem Reporter dazu verhelfen kann, rationale, aber auch affektive Wirkung bei den Zuschauern zu erzielen. Wie das aussehen kann, veranschaulicht Heil am Beispiel der Übertragung des Marathon-Laufs bei den Olympischen Sommerspielen in Athen 2004. Danach geht der Autor zur Besprechung der Typen des Reports (Live-Report, formatierter Report) über, wobei er wiederum, was angemessen und treffend erscheint, die literaturwissenschaftlichen Termini des „früheren, gleichzeitigen und späteren Erzählens“ (S. 115) heranzieht.

Es wird postuliert, dass die Erzähltypen über den reichen rhetorischen Gehalt verfügen, mit dem die Sportreporter sehr vorsichtig umgehen sollten, um die Immunisierung der eigenen journalistischen Kompetenz gewährleisten zu können (S. 118). Wie Spannungsfelder aufgebaut, kritische Bewertungen relativiert, der Übergang zum neutralen Bericht erreicht werden, wird exemplarisch an einer Passage aus der Live-Reportage anlässlich des Finales der Deutschen Dressur-Equipe bei den Olympischen Spielen 2004 belegt. Aus dieser Analyse und den darauf folgenden Beispielen wird ersichtlich, dass wesentliche Intentionen der Sportreportage den drei klassischen rhetorischen Redegattungen entsprechen (genus demonstrativum, genus deliberativum, genus iudiciale). Besonders bei der Interpretation der sportlichen Leistungen sind im Sportreport mehrere Kategorien des rhetorischen Diskurses (Anklage vs. Verteidigen, Abraten vs. Zuraten, Loben vs. Tadeln) zu finden, die die Grundkonzepte der Sportkommunikation ansprechen – Sieg, Niederlage, Chancenverwertung, Zuschauerreaktion etc.

Um die Produktion eines Sportberichts von schablonenhaften, konventionellen Topiken zu lösen, die auf klassische aristotelische Klassifizierung der Fundorte zurückgehen, ergänzt Heil das traditionelle Topoi-Modell mit spezifisch sportjournalistischen Topiken. Gerade in diesen sportspezifischen Konzepten sieht der Verfasser das Potenzial, die wirkungsvolle Darstellung der sportlichen Ereignisse zu gewährleisten. Eine besondere Bedeutung misst Heil der Gegenstands- und der Verhältnis-Topik bei, da diese nicht nur einen narrativen Wert besitzen, sondern vielmehr einen argumentativen Mehr-Wert in den Sportreport einbringen und somit die erwünschte Dramatik erzielen können. Die dramaturgischen Spannungsbögen im Report beschreibt Heil in Anlehnung an seine Schemata von Leistungsverläufen. Auch daran zeigen sich die systematische und fundierte Herangehensweise des Autors und die Glaubwürdigkeit seiner theoretischen Einsichten, die sich auch in der Praxis gut bewährt haben.

Die Hinwendung des Autors zum Aspekt der Versprachlichung des vom Sportreporter gefundenen und nach dramaturgischen Kriterien angeordneten Stoffes ist ein nicht wegzudenkender Teil der Untersuchung des medialen Sportdiskurses. Der Verfasser betrachtet die persuasiven Kommunikationsstrategien der Sportjournalisten, die sich vor allem in der „intellektuellen und emotionalen Lenkung“ (S. 160) der Rezipienten anhand der Analyse der Passagen, die verschiedene Medien (Fernsehen, Presse und Radio) repräsentieren, zeigen. Dank des sorgfältigen und umfassenden Analyseverfahrens ist es dem Autor gelungen, Tendenzen aufzuzeigen, die im jeweiligen Subdiskurs hinsichtlich der Auswahl der rhetorischen Stilfiguren und der dadurch bedingten „affektischen Wirkung“ (S. 165) der Redeweise vorherrschen. Eine dieser Stilfiguren, die den Diskurs des Sportreports prägt und ihm Frische und Originalität verleiht, ist die Metapher. Ein hoher Metaphorizitätsgrad der Sportberichte ist dadurch zu erklären, dass die Sportreporter ständig auf einen wirkungsvollen, unterhaltenden, emotionsgeladenen Stil angewiesen sind. Metaphern als wichtige Elemente der Sprache und des Denkens sind gut geeignete Mittel, die dazu verhelfen, den Text von der „sprachlichen 0-Stufe“ (S. 160) zum elokutionären Sprechakt aufzuwerten.

Lobenswert sind auch die Versuche des Autors, Metaphern auf der wissenschaftlichen Metaebene zu benutzen, um komplizierte Sachverhalte und Begrifflichkeiten, die im Buch unumgänglich – und den Gesetzmäßigkeiten und der Ordnung des Diskurses entsprechend – vorkommen, mit Hilfe der einprägsamen bildlichen Formulierungen zu erklären. So entwickelt Heil sein eigenes Ekphrasis-Modell zur Beschreibung einiger Passagen der Rhetorik des Spitzensports: Sportler treten als „multimediale Gesamtkunstwerke“ auf (S. 40), der Zuschauer ist „der archimedische Punkt im System des Sports“ (S. 46), drei unterschiedliche Wahrnehmungsweisen bei der Zuschauer-Klassifikation stellen „Fixpunkte einer reichen Klaviatur dar, über die jeder Zuschauer potentiell verfügt und auf der er beinahe beliebig ‚spielen‘ kann – je nach seinen individuellen Möglichkeiten“ (S. 55), Erzähltypen sind „wohlkomponiert wie ein mehrsätziges Werk der Musik“ (S. 116) u. a. m.

Dass der Autor bei der Stilfigurenanalyse des Radioreports sich für den Radiokommentar von H. Zimmermann entschieden hat, zeugt vom unablässigen Interesse der Forschung für den Erinnerungsort „Das Wunder von Bern“. Dieses deutsche Deutungsmuster ist, wie Wagner (2004: 147) bemerkt, zum Ort geworden, „auf den immer gerne rekurriert wird“. Somit kann diese Passage nicht nur für die rein linguistische Analyse – wie es im Buch deutlich zum Ausdruck gebracht wird (z. B. Einsatz der Stilfiguren, Einsatz der stimmlichen Akzente etc.) – herangezogen werden; in ihr steckt auch ein hohes landeskundliches Potenzial, mit dessen Hilfe man viele neue Topoi erschließen kann.

Das Buch enthält einige neue Gedanken zur Theorie der Rhetorik im Allgemeinen und zu rhetorischen Aspekten des medialen Sportsdiskurses, der als eine Art Vermittlungsebene zwischen den anderen Subdiskursen der Sportkommunikation dient. Der von Heil vorgeschlagene Ansatz kann in Lehrveranstaltungen Anwendung finden, die sich mit Semantik, Pragmatik und Stilistik des Textes auseinandersetzen. Das vom Autor gesammelte und der Analyse unterzogene empirische Material kann mit hoher Effizienz im DaF-Unterricht verwendet werden, u. a. bei der Vermittlung der Kenntnisse in Lexikologie, Textinterpretation, Analyse der Fernseh-, Radio- und Zeitungsberichte, Landeskunde u. a. m. Das Resümee fasst präzise und prägnant die zentralen Schlussfolgerungen und Ergebnisse der Studie zusammen. Hier formuliert der Autor nochmals die Kernthese seiner Arbeit und fordert die Interessenten auf, dem rhetorischen „Glanz“ (S. 194) des Sports weiterhin auf den Grund zu gehen. Nach der Lektüre dieses Buches wird klar, was in der berühmten „Ode an den Sport“ des IOC-Präsidenten Pierre de Coubertin seinen würdigen Platz einnehmen sollte – „Oh Sport, du bist Rhetorik!“

Literatur

Wagner, Christoph. 2004. Wir sind wieder wer! Fußball, nationale Identität und Entwicklung. Variationen eines Themas aus deutscher, südamerikanischer und afrikanischer Perspektive. In: Hütig, Andreas & Johannes Marx (Hg.). Abseits denken. Fußball in Kultur, Philosophie und Wissenschaft. Kassel: AGON Sportverlag. 146–159.Search in Google Scholar

Online erschienen: 2016-1-14
Erschienen im Druck: 2015-12-1

© 2015, Roman Beljutin, published by de Gruyter

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