BY-NC-ND 3.0 license Open Access Published by De Gruyter January 14, 2016

Tamás Kispál. 2013. Methodenkombination in der Metaphernforschung. Metaphorische Idiome des Lebens

Constanze Spieß

Die Metaphernforschung stellt einen Forschungsbereich dar, der ausgesprochen produktiv ist und verschiedene wissenschaftliche Disziplinen miteinander verknüpft. Die bislang entstandenen Arbeiten im Bereich der Linguistik sind kaum zu überblicken und sie befassen sich mit ganz unterschiedlichen Fragestellungen sowohl theoretischer, methodischer als auch empirischer Art. Dabei ist die Metaphernforschung – wie andere Bereiche auch – vor das Problem gestellt, ihren Untersuchungsbereich dem jeweiligen Untersuchungsinteresse entsprechend zu definieren, was je nach sprachtheoretischem Hintergrund zu einer Vielzahl an Metapherndefinitionen führte. Prägend erwies sich dabei die kognitive Metapherntheorie von Lakoff & Johnson (1980), die davon ausgeht, dass unser Sprechen, Denken und Handeln metaphorisch strukturiert ist. Demzufolge stellen Metaphern Alltagsphänomene dar, die in allen kommunikativen Praktiken und allen Bereichen der Kommunikation eine wichtige Rolle spielen. In dieses kognitive Paradigma ist auch die vorliegende Arbeit von Tamás Kispál einzuordnen. Der Autor verknüpft dabei den Bereich der Metaphernforschung mit der Idiomforschung; so geht er davon aus, dass zahlreiche Idiome metaphorisch motiviert sind.

Ziel der Arbeit ist es, am Konzeptbereich LEBEN die metaphorische Motiviertheit von Idiomen empirisch zu untersuchen und dabei verschiedene gängige Methoden der Metaphernerfassung und -analyse zu kombinieren. Aus dem Hauptziel, metaphorische Konzepte von Lebensidiomen zu beschreiben, leitet er verschiedene Unterziele bzw. Teilziele ab, die er in der Einleitung der Arbeit vorstellt. Unter die Teilziele fallen z. B. die „metaphorischen Lebens-Idiome in der digitalen Version von ausgewählten deutschsprachigen Wörterbüchern [zu] finden und als Ergebnis eine Liste (MLI1) aufgrund der lexikographischen Daten [zu] erstellen“ (S. 14). Diese aufgelisteten Metaphern sollen dann in einem zweiten Schritt im IDS-Korpus auf Vorhandensein und Vorkommenshäufigkeit geprüft werden. Und schließlich soll das IDS-Korpus auf Lebensidiome hin untersucht werden, wobei die metaphorisch motivierten Lebensidiome und ihre Bedeutung in der Analyse herausgearbeitet werden sollen.

Die Arbeit ist in einen theoretischen, methodischen und empirischen Teil gegliedert und besteht insgesamt aus acht Kapiteln sowie einem Anhang. Kapitel 1 führt in die Thematik ein und erläutert den Aufbau der Arbeit. Kapitel 2 und 3 umfassen theoretische Ausführungen zum Metaphern- und Idiombegriff sowie eine entsprechende Aufarbeitung des Forschungsstandes, Kapitel 4 stellt gängige Konzeptualisierungen des Lebens vor und gibt einen Überblick über die Systematik der Metaphern des Lebens in kognitionslinguistischen Arbeiten. In Kapitel 5 geht der Autor ausführlich auf seinen methodischen Ansatz ein und erläutert diesen schrittweise. Kapitel 6 enthält die Ergebnisse der empirischen Analyse. Die Arbeit schließt mit einer sehr knapp geratenen Zusammenfassung (Kapitel 7) und einem ebenso kurz gehaltenen Ausblick (Kapitel 8).

Der im theoretischen Teil entwickelte und begründete Metaphern- und Idiombegriff wird von Kispál jeweils in das kognitive Forschungsparadigma eingeordnet. Sein Metaphernverständnis entwickelt der Autor (Kapitel 2) in der Auseinandersetzung mit der kognitiven Metapherntheorie von Lakoff & Johnson (1980), wobei der Stand der Forschung insofern aufgearbeitet wird, als auch die Kritik an diesem Ansatz reflektiert und in die Überlegungen mit einbezogen wird. In seinen Reflexionen zur kognitiven Metapherntheorie unterlaufen Kispál jedoch einige Ungenauigkeiten bzw. Pauschalisierungen, die einer genaueren Reflexion bedurft hätten. Deutlich wird dies beispielsweise, wenn er schreibt:

„Obwohl innovative Metaphern auch in der Pressesprache vorkommen, gehört die Publizistik grundsätzlich nicht zu der Diskursdomäne der innovativen Metaphern – im Gegensatz zu der Wissenschaft; Experten-Experten-Kommunikation, Dichtung, Poesie, die typische Diskursdomänen der innovativen Metapher sind.“ (S. 44).

Diese pauschale Aussage hätte an der genannten Stelle unbedingt mit validen Belegen untermauert oder durch einen Verweis auf Studien verifiziert werden müssen.

In Kapitel 3 widmet sich Kispál den Idiomen. Zunächst erfolgt eine Auseinandersetzung mit unterschiedlichen theoretischen Beschreibungsmöglichkeiten von Idiomen. Als mögliche kognitive Beschreibungsrahmen werden die Prototypentheorie und die Frametheorie genannt. Unklar bleibt, ob der Autor die beiden Ansätze bloß referiert oder inwiefern er diese in seine theoretischen Überlegungen integriert. Ebenso bleibt un­geklärt, inwiefern sich Prototypentheorie und Frametheorie ergänzen können und welche Rolle sie im Kontext der Fragestellungen der vorliegenden Arbeit spielen. Die dargestellten Ansätze bleiben vielmehr nebeneinander stehen, ohne dass ihre Aspekte zusammengebracht werden, was bei der Prototypentheorie und der Frametheorie in Bezug auf metaphorische Motiviertheit von Idiomen – gerade auch im Hinblick auf die Motiviertheit durch kulturelles Wissen – durchaus naheliegen würde. Etwas verblüfft ist man, wenn das Teilkapitel beschlossen wird, indem festgestellt wird, dass

„[…] bei diesen Motivationsfaktoren […] damit vier der fünf Typen Kognitiver Modelle – in Anlehnung an Lakoff (1987: 54) berücksichtigt [werden]: Bildschematisches Modell, metaphorisches Modell, Metonymisches Modell, Symbolisches Modell.“ (S. 52-53)

Weder vor noch nach dieser Aussage werden diese Typen Kognitiver Modelle erläutert und in den Zusammenhang der Fragestellungen gebracht. Als Ergebnis seiner Auseinandersetzung mit verschiedenen Ansätzen der Idiom- und Phraseologieforschung hält der Autor lediglich fest, dass Idiome metaphorisch motiviert sein können (vgl. S. 52).

Kapitel 4 umfasst einen sehr knappen Überblick über den Forschungsstand linguistischer Arbeiten über Metaphern des Lebens. In diesem Kapitel listet der Autor bereits untersuchte Lebensmetaphern auf und geht näher auf das Konzept LEBEN ein (Kap 4.2).

In Kapitel 5 setzt sich Kispál mit methodologischen Fragestellungen im Kontext der Analyse metaphorischer Idiome des Lebens auseinander. Sein erklärtes Ziel ist, verschiedene Analysemethoden zu kombinieren. Hierzu stellt er zunächst introspektive und korpusbasierte Ansätze vor, geht dabei zudem auf induktive und deduktive Methoden ein, wobei er für die Vorgehensweise in der vorliegenden Arbeit eine Kombination aus Introspektion und Korpusanalyse favorisiert.

Die Kombination introspektiver mit korpuslinguistischen Methoden erprobt der Autor empirisch am Bereich der metaphorischen Idiome des Lebens. Dabei geht er so vor, dass er aus Wörterbüchern metaphorische Idiome isoliert, zu Listen zusammenstellt und diese metaphorischen Idiome schließlich in Textkorpora sucht. Betrachtet man die vom Autor erstellten Lebensidiomlisten, die er aus Wörterbüchern generiert, so fällt auf, dass zahlreiche Metonymien unter den Beispielen enthalten sind. Eine gründliche, theoretische Auseinandersetzung, inwiefern sich Metonymien von Metaphern unterscheiden (vgl. hier z. B. Radden 2003), fehlt leider. Das Phänomen wird nur am Rande und recht knapp auf gerade einmal eineinhalb Seiten theoretisch abgehandelt, ohne dass klar wird, welchem Metonymiebegriff der Autor folgt. Unter anderem auf Seite 84 werden Metonymien den LeserInnen gar als Metaphern präsentiert.

Die Belege analysiert Kispál schließlich im Hinblick auf die metaphorischen Lebensidiome und der zugrunde liegenden Metaphernkonzepte, wobei er sich zum Ziel setzt, die Motivationswelt der jeweiligen Lebensidiome offen zu legen und zu erläutern (S. 115). Um die unterschiedlichen Motivationsfaktoren darzustellen, bedient sich Kispál einer tabellarischen Darstellungsform, die einen Überblick über die jeweilige vorliegende Art metaphorischer Motiviertheit gibt. Eine Erläuterung der einzelnen Motivationsfaktoren erfolgt jedoch nicht – und das verwundert doch sehr. Die Ausführungen zur Metaphernanalyse bleiben unverbunden neben den aufgelisteten Motivationsfaktoren stehen.

Dem Anspruch, dass die „vorliegende Untersuchung die den neuesten Forschungserkenntnissen entsprechende induktive Methode an[wende]“ (S. 73), wird der Autor nicht ganz gerecht, da er die Idiome im Korpus aufsucht, die er zuvor aus Wörterbüchern generiert hat. Damit legt er eine nicht aus dem Korpus stammende Kategorie an das Korpus an, die er dann im Korpus auffinden möchte. Anders verhält es sich, wenn Kispál korpusbasiert das Korpus auf die Versprachlichung des metaphorischen Zielbereichs LEBEN durchsucht. In diesem Zusammenhang führt er auch eine Kookkurenzanalyse durch.

Insgesamt bleibt der Autor den LeserInnen schuldig, worin der Vorteil korpusbasierten Arbeitens gegenüber der Verwendung einer introspektiven Methode besteht. Zwar kündigt er diesen Vergleich an, wenn er schreibt:

„Der korpusbasierte Teil der Untersuchung macht auch einen Vergleich mit den Ergebnissen der rein introspektiven Untersuchungen möglich, wodurch die Vorteile der korpusbasierten gegenüber der introspektiven Methode herausgestellt werden können.“ (S. 74-75)

Im Verlaufe der Ergebnispräsentation sucht man jedoch vergeblich nach einer kritischen Bewertung der Methoden bzw. nach einem Vergleich der Methoden seitens des Autors. Um letztlich herauszubekommen, ob es sich bei den gefundenen Korpusbelegen um eine Metapher handelt, bezieht sich Kispál auf die methodische Verfahrensweise der Pragglejaz Group, die Metaphor Identification Procedure (=MIP), die er in Kapitel 2.1.2 kurz erläutert, ohne aber auf deren Defizite einzugehen. Würde man diese Methode tatsächlich so anwenden, wie von der Pragglejaz Group intendiert, so könnte man nicht annähernd so viele Belege analysieren, wie dies Kispál in seiner Arbeit getan hat. Am MIP-Ansatz der Praggljaz Group ist vor allem die sprachtheoretische Prämisse zu kritisieren. So geht die Pragglejaz Group davon aus, dass es feste, unveränderbare Basisbedeutungen für Lexeme gibt, die z. B. in Wörterbüchern kodiert sind. Jede lexikalische Einheit des Textes muss der MIP zufolge auf wörtliche oder nicht-wörtliche Bedeutung im Textkontext untersucht werden. Weicht nun eine lexikalische Einheit innerhalb eines Satzes bzw. innerhalb des Textes von der Basisbedeutung ab, so liegt laut Pragglejaz Group eine Metapher vor, was jedoch nicht zwangsläufig der Fall sein muss (vgl. Pragglejaz Group 2007).

Kapitel 6 präsentiert die empirischen Ergebnisse. Kispál analysiert die einzelnen Lebensidiome der von ihm generierten Liste, die sich im Korpus finden lassen. Das Analyseziel bzw. das Erkenntnisinteresse der Analyse einer solchen Liste bleibt jedoch unklar.

Als Datenkorpus für seine Recherchen benutzt Kispál die Mannheimer IDS-Korpora. Warum er diese wählt, wird jedoch nicht begründet. In der Korpusanalyse verfährt er zweigleisig: Zum einen sucht er die aus den Wörterbüchern isolierten Idiome gezielt im Korpus, auf der anderen Seite sucht er im Korpus nach dem metaphorischen Zielbereich LEBEN und arbeitet bei der manuellen Sichtung der Belege heraus, bei welchen Belegen es sich tatsächlich um metaphorisch motivierte Lebensidiome handelt. Die Qualität der Analyse der einzelnen metaphorischen Äußerungen ist äußerst unterschiedlich, größtenteils ist sie plausibel, teilweise aber auch nur schwer nachvollziehbar (S. 118) oder schlichtweg falsch (S. 138; der Ausdruck Bahn steht hier nicht für Bahnfahrt, sondern stammt vielmehr aus dem Mittelhochdeutschen ban(e), das Weg, Schneise bedeutet). An zahlreichen Stellen bezieht er sich bei der Beschreibung der Metaphern eher auf die Vergleichs- oder Substitutionstheorie als auf den kognitiven Ansatz von Lakoff & Johnson (vgl. beispielsweise S. 172). Das Blendingkonzept von Fauconnier & Turner findet in der Analyse keine Beachtung, wäre aber für die Analyse und Erläuterung mancher komplexer Metaphern durchaus sinnvoll (vgl. z. B. Fauconnier & Turner 1998 oder Turner & Fauconnier 2003). Die Erläuterung der metaphorischen Motiviertheit des untersuchten Lebensidioms wird ausschließlich tabellarisch dargestellt, ohne die jeweils einzelnen aufgeführten Motivationsaspekte näher zu erläutern. Unklar bleibt teilweise in der Analyse, warum die konkrete metaphorisch motivierte, idiomatische Äußerung einer bestimmten Metapher zugeordnet wurde. Als Beispiel sei hier die Redewendung Alle Brücken hinter sich abbrechen angeführt, die Kispál dem Aspekt ‚Autofahrt‘ der Weg-Metapher zuordnet (S. 118). Eine Begründung für die Zuordnung sucht man vergebens.

In Kapitel 7 werden die Ergebnisse auf insgesamt nur etwas mehr als drei Seiten zusammengefasst. Entscheidende Aussagen wie die, dass „neben den konzeptuellen Metaphern […] häufig auch andere Motivationsfaktoren zu nennen [sind]“ (S. 270), werden nicht weiter ausgeführt.

Insgesamt lässt sich festhalten, dass viele interessante und bislang wenig geklärte Bereiche der Metaphernforschung angerissen werden, jedoch werden diese keinesfalls zufriedenstellend erörtert. Im Bereich der theoretischen und methodischen Diskussion bleiben viele Fragen unbeantwortet. Abschließend sei zudem noch erwähnt, dass die Arbeit gekennzeichnet ist von zahlreichen Satzkonstruktions- und Tippfehlern, die das Lesen ausgesprochen schwer gestalten. Manche Passagen sind kaum zu verstehen, der Sinn muss vielmehr erraten werden. Die Arbeit hätte zwingend lektoriert werden müssen.

Literatur

Fauconnier, Gilles & Mark Turner. 1998. Conceptual Integration Networks. In: Cognitive Science 22/2, 133–187.Search in Google Scholar

Lakoff, George & Mark Johnson. 1980. Metaphors we live by. Chicago: University of Chicago Press.Search in Google Scholar

Pragglejaz Group. 2007. MIP: A Method for Identifying Metaphorically Used Words in Discourse. In: Metapher and Symbol 22/1, 1–39.Search in Google Scholar

Radden, Günter. 2003. How metonymic are metaphors? In: René Dirven & Ralf Pörings (Hg.). Metaphor and Metonymy in Comparison and Contrast. Berlin, New York: Mouton de Gruyter. 407–434.Search in Google Scholar

Turner, Mark & Gilles Fauconnier. 2003. Begriffsmischung und Metapher. In: Zeitschrift für Semiotik 25, 241–262.Search in Google Scholar

Online erschienen: 2016-1-14
Erschienen im Druck: 2015-12-1

© 2015, Constanze Spieß, published by de Gruyter

This work is licensed under the Creative Commons Attribution-NonCommercial-NoDerivatives 3.0 License.