BY-NC-ND 3.0 license Open Access Published by De Gruyter January 14, 2016

Alexander Plitsch. 2014. Parlament und Medien. Eine linguistische Analyse der Berichterstattung über die Bundestagsdebatten zum Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr

Dina Lüttenberg

Das Thema der vorliegenden Dissertation ist nicht nur wissenschaftlich relevant, sondern auch politisch hochaktuell: Die Arbeit ist u. a. eine Antwort auf die „pauschale und einseitige Kritik des politischen Sprachgebrauchs, wie sie in der laienwissenschaftlichen Sprachkritik und in den Massenmedien zu finden ist“ (S. 67). Das zentrale Anliegen der Untersuchung ist die Darstellung dessen, „wie […] Verlauf, Inhalte und Ergebnis einer Parlamentsdebatte durch die Massenmedien an die Bevölkerung vermittelt“ werden (S. 69).

In der Einleitung sind die Erkenntnisziele der Arbeit akribisch dargelegt: die inhaltliche Analyse parlamentarischer Debatten zu dem angegebenen Thema und des Verhältnisses zwischen Politik und Medien, sodann die Weiterentwicklung des methodischen „Instrumentariums der empirischen Polito- und Medienlinguistik“ (S. 1) sowie thematische Erkenntnisse zur Debatte über den Afghanistan-Einsatz der Jahre 2001 bis 2012. Die Arbeit ist interdisziplinär angelegt, hat aber einen eindeutig linguistischen Schwerpunkt. Die Interdisziplinarität stellt hohe Anforderungen an den Verfasser: Inhaltlich bewegt sich die Untersuchung in der Trias Linguistik – Medienwissenschaft – Politikwissenschaft. Politikwissenschaftlich relevant ist die Dissertation u. a. angesichts des beklagten Bedeutungsverlustes des Parlaments (S. 2), medienwissenschaftlich ist sie primär wegen der sich rasch verändernden politischen und öffentlichen Kommunikation interessant, in linguistischer Hinsicht ist sie ein wichtiger Beitrag zur Analyse des politischen Sprachgebrauchs der Gegenwart. Dabei wird die Seite der Medien als (primärer) Rezipient parlamentarischer Sprachhandlungen angesehen, was die vorliegende Arbeit von den meisten anderen, vor allem die Produzentenseite analysierenden Untersuchungen unterscheidet (S. 3).

Der Interdisziplinarität geschuldet ist auch das erste Kapitel, das sich den politikwissenschaftlichen und kommunikationswissenschaftlichen Voraussetzungen und Erkenntnissen widmet, auf die für die weitere Bearbeitung des Themas nicht zu verzichten ist. Hier werden die für die Analyse zentralen Begriffe Politik und Medien diskutiert und definiert. In der Tradition der Politolinguistik werden in diesem Zusammenhang besonders jene Politikdefinitionen bevorzugt, die die politische Kommunikation sowie deren persuasive Rolle ins Zentrum rücken (vgl. Strauß et al. 1989, Lübbe 1975). Medien werden als ein soziales Funktionssystem verstanden, das gemäß Weischenbergs „Zwiebelmodell“ durch verschiedene Faktoren beeinflusst wird: Mediensysteme, Medieninstitutionen, Medienaussagen und Medienakteure (S. 10, vgl. Weischenberg 2004). Das Verhältnis von Politik und Medien wird vor allem anhand des Interaktionsverständnisses aufgezeigt (S. 12f.). Beim Blick auf die Herstellung und Darstellung der Politik verzichtet der Verfasser auf das Drei-Ebenen-Modell (S. 14, vgl. Meyer 2010 u. a.), da er die einseitige Perspektive „von den politischen Akteuren über die Massenmedien zu den Bürgern“ (S. 14) für fraglich und eine strenge Trennung der Diskurse für problematisch hält:

„Eine strikte Trennung von öffentlichem Diskurs bzw. dargestellter Politik sowie einer diskursexternen politischen Wirklichkeit, in der Politik hergestellt wird, lässt sich deshalb nicht aufrechterhalten.“ (S. 15)

Plitsch fasst die von der Kommunikationsforschung verzeichneten politischen Funktionen der Medien zusammen (S. 16ff.) und verweist auf die sich abzeichnende Dichotomie Forum versus Akteur, die eine der zentralen Fragen auch der Politolinguistik ist, nämlich „wie man die politische Rolle von Medien als Akteuren greifbar machen kann und welche Faktoren dabei relevant sind“ (Pfetsch & Adam 2008: 11). Die zentralen Aufgaben der Medien – die Selektion und Präsentation von Nachrichten – werden in der Tradition der Systemtheorie und des Konstruktivismus als ein aktiver Prozess des Produzenten und des Rezipienten von Nachrichten angesehen und zu einem der Foki der vorliegenden Untersuchung, vor allem der diskursanalytischen Kapitel, erklärt (S. 19). Eine kurze Präsentation der journalistischen Darstellungsformen sowie ein Plädoyer für die linguistische Perspektive auf die mediale Berichterstattung runden das Kapitel ab. Hier wird zum einen auf die sprachliche Inszenierung der Politik verwiesen, zum anderen jedoch von der Meinung, die Rolle der Sprache habe im Politischen zugenommen, deutlich Abstand genommen: Plitsch weist darauf hin, dass vor allem die Medialisierung der Politik neu sei, und diese gelte es linguistisch zu analysieren.

Das zweite Kapitel greift die linguistische Perspektive auf und skizziert die Entwicklung sowie den Forschungsstand der Polito- und Medienlinguistik, wobei das Fehlen eines Grundlagenwerks zur Zusammenführung der beiden Disziplinen moniert wird (S. 28). Bei der Bezeichnung des Untersuchungsgegenstands der Politolinguistik entscheidet sich Plitsch gegen Burkhardts Bezeichnung politische Sprache und zugunsten der Begriffe politischer Sprachgebrauch sowie politische Kommunikation, was angesichts der kommunikativen Praxen in der Diskursdomäne Politik und im Hinblick auf das Ziel der Arbeit gut nachvollziehbar ist (S. 25). Auf der Grundlage der bekannten Forschungsmethoden der beiden Disziplinen und vor allem ihrer Heterogenität präsentiert der Verfasser in Kap. 2.3.1 zentrale Fragestellungen der Politolinguistik (S. 29). Auch hier wird mit Recht die Rolle der Rezeptionsanalyse betont, u. a. in der Unterscheidung zwischen produzierten und rezipierten Texten, wobei Medien als erste Rezipienten (und Interpretanten) der Plenardebatten angesehen werden (S. 31).

Kap. 3 widmet sich dem Thema „Parlament und Medien“ und ist vor allem für Nicht-Politologen gedacht. Hier werden Besonderheiten des deutschen Parlamentarismus, u. a. auch des Bundestages als eines „Schaufensterparlaments“ (S. 40), vorgestellt sowie Besonderheiten von Plenardebatten als Textsorte zusammengefasst. Darüber hinaus gibt der Verfasser einen Überblick über alle mündlichen Aktionsformen im Parlament. Dabei lehnt er sich an die Forschungen von Burkhardt und Klein an. Überzeugend ist auch hier seine Herausstellung von Journalisten bzw. Medien als eigene Publikumsgruppe, die sogenannte „Multiplikatorengruppe“ (S. 49). Die Unterscheidung von Sprechakten in Plenardebatten übernimmt Plitsch ebenfalls von Burkhardt (2003), kritisiert jedoch die strenge Dichotomie „Entscheidungsdebatte vs. Legitimationsdebatte“ mit dem Hinweis, es gebe „sehr wohl Ausnahmen“ (S. 51).

Im Unterkapitel „Parlamentsberichtserstattung“ beklagt der Autor die geringe „wissenschaftliche Aufmerksamkeit“ der Linguisten dem Thema gegenüber (S. 53) und gibt einen detaillierten Überblick über die aktuelle Forschungslage. Im Weiteren werden in einer feingliedrigen Kapitelaufteilung kommunikations-, politik- und medienwissenschaftliche Erkenntnisse zu parlamentarischer Öffentlichkeit und Öffentlichkeitsarbeit, Parlamentsberichterstattung der Massenmedien, dem Begriff der Medienöffentlichkeit (nach Kißler 2007: 111), dem so genannten Bedeutungsverlust durch Medialisierung sowie den Merkmalen einer „guten Parlamentsberichtserstattung“ präsentiert. Eine Darstellung der Medientypen der Berichterstattung aus dem Bundestag schließt das Kapitel.

Kap. 4 stellt das methodische Vorgehen des Verfassers dar. Für das Korpus werden sieben Plenardebatten der Jahre 2001 bis 2012 ausgewählt. Als Untersuchungsgegenstand dienen Plenarprotokolle und Texte in ausgewählten, vom Verfasser so bezeichneten „Qualitäts- und Prestigemedien“ (S. 179) des möglichst breiten politischen Spektrums (FAZ, Die WELT, taz, Spiegel Online, Süddeutsche Zeitung). Zur „ersten Kommunikationsbene“ (S. 78) zählt hiernach das Bundestagsplenum, zur „zweiten Kommunikationsebene“ (ebd.) die berichtenden Medien. Plitsch entscheidet sich sowohl für hermeneutische und qualitative als auch für quantitative Methoden. Die Textanalyse konzentriert sich auf intertextuelle Bezüge (vor allem auf Argumentationen und Reformulierungen). Das diskursanalytische Verfahren macht einen quantitativen methodologischen Zugriff in Form einer Zählung von Reformulierungen in den Medien möglich, besonders bei Reformulierungen, die tatsächlich in der Debatte vorkommen (S. 89). Zum anderen werden Schlagwörter, Metaphern, Argumentationsstränge analysiert sowie eine vergleichende Toposanalyse durchgeführt (in Anlehnung u. a. an Wengeler 2003; S. 85). Die Klassifikation von Abweichungen vom Original übernimmt Plitsch von Steyer (1997), dabei wird eine für das Textkorpus wichtige Neuerung vorgeschlagen: „das Verschwimmen von Debatte und Hintergrundbericht“ (S. 92). Das „Bias“, die „Unregelmäßigkeiten“ (S. 95) zwischen den Plenarprotokollen und der Berichterstattung, sieht Plitsch in Anlehnung an die Medienwissenschaft als den Normalfall an, seien doch die Vorstellung einer „unverzerrten“ Information utopisch und unerreichbar und eine objektive Berichterstattung lediglich eine „Annäherung“ (ebd.) an eine realitätsgetreue Darstellung. Es gelte primär Regelmäßigkeiten und Besonderheiten der Bias aufzudecken (S. 95).

Kap. 5 widmet sich den Ergebnissen der Untersuchung. Die sieben Plenardebatten werden inhaltlich zusammengefasst, anschließend werden die dazugehörigen Medienberichte verzeichnet, danach folgen Überblicke über die Argumentation in den Debatten und den Medienberichten sowie über mediale Reformulierungen. Bereits an dieser Stelle erwarten den Leser z. T. überraschende Ergebnisse: In den Medien werden z. B. Abgeordnete zitiert, die sich nicht in der Debatte, sondern nur am Rande geäußert haben; die Gewichtung der Argumente wird mitunter verschoben, bestimmte Argumente werden mehreren Parteien zugeschrieben u. Ä. Die erste Aufgabe der diskursanalytischen Ergebnisse ist die Zusammenfassung der Argumentationsrichtungen für alle untersuchten Debatten zum Afghanistan-Einsatz. Die vergleichende Toposanalyse stellt „besondere Topoi“ (Wengeler 2003: 181) für und gegen den Einsatz bzw. seine Ausweitung dar. Auch hier gibt es z. T. unerwartete Ergebnisse: So wird z. B. der Legitimationstopos in den Medien kaum berücksichtigt (S. 140). Die mediale Darstellung vieler anderer, auch kontroverser, Topoi wirkt dagegen durchaus ausgewogen (so z. B. der Topos vom zivilen Aufbau, S. 147). Ein nicht minder interessantes Unterkapitel bietet der Punkt „Sprechhandlungen“ mit seiner ausdifferenzierten Klassifizierung. Manche Sprechhandlungen aus den Debatten werden in den Medien mitunter unterschiedlich interpretiert (S. 156).

Thematische Modifizierungen erklären sich aus dem Phänomen der „aktuell-pragmatischen Fokussierung“ (Steyer 1997: 176), die meist zu einem starken Fokus auf ein Thema im medialen Bericht führt. Auch in der argumentativen Modifizierung finden sich Beispiele für verkürzte Argumenten-Wiedergabe oder gar eine falsch wiedergegebene Argumentationsrichtung (S. 158f.). Die kommunikativ-interaktive Modifizierung geht vor allem auf die Mehrfachadressierung zurück: Bevorzugt werden diejenigen Äußerungen, die „Informationen transportieren“ (Steyer 1997: 181). Das bereits oben erwähnte Verschwimmen von Debatte und Hintergrundbericht macht sich dadurch bemerkbar, dass Zitate von Politikern angeführt werden, die an der Debatte gar nicht teilgenommen haben, deren Äußerungen den Journalisten jedoch von hoher Relevanz zu sein scheinen. Im Anschluss an diese Analyse werden Prinzipien der Berichterstattung neu zusammengetragen. Folgende Nachrichtenfaktoren unterscheidet Plitsch aufgrund der untersuchten Texte, Argumentationen und Topoi: Ergebnis, Neuigkeit, (Regierungs-)Erklärung, Kritik, Konflikt, Prominenz, Betroffenheit, Gewalt und Gefahr (S. 165). Die quantitative Auswertung der untersuchten Texte (mit dem Ausblick auf den Einfluss der Personalisierung) zeigt eine „auf den ersten Blick“ (S. 172) sehr ausgewogene Berichterstattung. Die qualitative Analyse etwa der Bezeichnungskonkurrenz erlaubt dem Autor einen durchaus differenzierten Blick darauf: Wertende Bezeichnungen lassen auf eine tendenzielle Befürwortung des Einsatzes schließen (S. 173).

Die Schlussbetrachtung fasst Ergebnisse der Untersuchung zusammen. Die Art und Weise der Berichterstattung ähnelt sich in den untersuchten Medien stark – mit Ausnahme der taz, die sich einer besonderen nachrichtlichen Berichtsform bedient (S. 179). Argumentationen werden durchaus ausführlich und differenziert dargestellt, auch wenn die Prinzipien der Berichterstattung (die Konflikt-Inszenierung, der Informationsanspruch, der Trend zur Personalisierung u. Ä.) Redakteure zu einer starken Modifizierung und Reduzierung zwingen.

Der Verfasser hofft mit dieser Arbeit „einen Beitrag zur Entwicklung des Instrumentariums einer linguistischen Politik- und Medienforschung“ (Plitsch 2014: 78) geleistet zu haben. Plitschs Arbeit überzeugt tatsächlich mit ihrer detailliert durchdachten, transparenten methodischen Basis und der sorgfältigen Quellenarbeit. Sie eröffnet neue Perspektiven für die Arbeit an der Schnittstelle zwischen Polito- und Medienlinguistik: für weitere Untersuchungen des Verhältnisses zwischen Politik und Medien, linguistische Analysen von Parlamentsdebatten und deren Medialisierung. Durch die gründliche Vorbereitung des interdisziplinären Zugriffs auf das Thema ist die Untersuchung sowohl für die Forschung als auch für die akademische Lehre von großem Gewinn.

Literatur

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Online erschienen: 2016-1-14
Erschienen im Druck: 2015-12-1

© 2015, Dina Lüttenberg, published by de Gruyter

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