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BY-NC-ND 3.0 license Open Access Published by De Gruyter January 14, 2016

Johannes Angermuller u. a. (Hg.). 2014. Diskursforschung. Ein interdisziplinäres Handbuch

Jürgen Spitzmüller EMAIL logo

Rezensierte Publikation:

Angermuller Johannes 2014 Diskursforschung. Ein interdisziplinäres Handbuch (2 Bde.) Bielefeld transcript 1264 S.


Kontext, Ziel, Gegenstand

Das voluminöse zweibändige Werk, das hier besprochen wird, ist eine Publikation des Forschungsnetzwerks DiskursNetz, an dem neben den Herausgeber_innen und Autor_innen des Handbuchs eine Reihe von Diskursforscher_innen aus verschiedenen Disziplinen beteiligt sind. Entsprechend ist das Handbuch, wie der Untertitel ankündigt, dezidiert interdisziplinär ausgerichtet; es verfolgt das Ziel, Zugänge verschiedener Disziplinen vorzustellen und Verbindungslinien herzustellen. Angesichts der inhaltlichen Breite und des Umfangs kann die folgende Besprechung natürlich nur kursorisch bleiben und nicht einzelne Beiträge im Detail besprechen. Es soll aber zumindest skizziert werden, was die Leser_innen erwartet, wenn sie die Publikation mit dem Ziel in die Hand nehmen, einen Überblick über das breite Feld der Diskursforschung zu erlangen, und es soll die Frage diskutiert werden, ob und in welcher Weise das Handbuch seinen Zweck erfüllt, den einer der Herausgeber_innen in der Einleitung folgendermaßen skizziert:

„Die Entwicklung dieses interdisziplinären Feldes [der Diskursforschung; Erg. J. S.] wurde bisher oft nur aus partiellen Perspektiven eingefangen. Das vorliegende Handbuch reagiert auf den gewachsenen Verständigungsbedarf, der angesichts der vielen Richtungen und Ansätze der Diskursforschung entstanden ist, die sich oft über Jahre hinweg parallel entwickelt haben, ohne voneinander Kenntnis zu nehmen oder ins Gespräch zu kommen, und hier nun systematisch abgebildet werden. […] Das Ziel des Handbuchs ist es, die Ansätze und Richtungen der Diskursforschung in Austausch treten zu lassen und einem breiten Publikum bekannt zu machen, Möglichkeiten und Grenzen ihrer Verbindung zu reflektieren sowie anhand eines gemeinsamen Gegenstands […] einen metatheoretischen Rahmen für die Praxis der interdisziplinären Diskursforschung abzustecken, ihre Fragestellungen und Gegenstände, ihre Theorien und Methoden zu skizzieren sowie Gemeinsamkeiten, Unterschiede und spezifischen Potentiale der verschiedenen Richtungen herauszuarbeiten.“ (S. 17)

Da einige dieser Ziele bereits in früheren Publikationen zumindest partiell angestrebt wurden (vgl. bspw. Kammler & Parr 2007; Keller et al. 2011a,b; Parr, Schneider & Kammler 2008), wird auch zu prüfen sein, inwieweit das vorliegende Handbuch Neuigkeitswert beanspruchen kann.

Aufbau und Inhalt

Der erste der zwei Bände widmet sich „Theorien, Methodologien und Kontroversen“ der Diskursforschung. Nach einer Einleitung, die verschiedene gängige Diskursbegriffe, Zugänge, Traditionen und Schulen diskutiert und somit den Rahmen für den ersten Band des Handbuchs aufspannt, folgen auf knapp 300 Seiten (Teil 1) Forschungsüberblicke über die Diskursforschung in verschiedenen geistes-, kultur- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen. Das disziplinäre Feld, das hier in den Blick genommen wird, ist breit und umfasst neben der Philosophie, der Sprachwissenschaft (die in gleich drei Artikeln am stärksten repräsentiert ist), der Literatur-, Geschichts-, Sozial-, Medien- / Kommunikations- und Politikwissenschaft – also den Disziplinen, für die auch in anderen Handbüchern und in Form von Artikeln und Einführungswerken bereits mehrere Forschungsüberblicke vorliegen, – auch Disziplinen, für die es bislang nur wenig synoptische Beiträge gibt, so etwa die Linguistische Anthropologie, die Humangeographie, die Erziehungswissenschaft, die Psychologie, die Religionswissenschaft und die Gender Studies (nicht disziplinär gebunden ist der Artikel zu Angewandter Diskursforschung, der jedoch überwiegend sprachwissenschaftliche Zugänge diskutiert). Die Beiträge sind unterschiedlich lang und entsprechend auch unterschiedlich detailliert. Sie geben aber insgesamt einen guten ersten Einblick in den Stand der Diskursforschung, die spezifischen Fragen und Diskussionen der jeweiligen Disziplinen. Den Herausgeber_innen und Autor_innen ist bei aller verbleibender Varianz zwischen den Beiträgen ein relativ kohärenter Aufbau dieses Teils gelungen, so dass der Teil auch einen guten Einblick in die interdisziplinären und transdisziplinären Aspekte und die gemeinsamen Fragestellungen und Forschungsinteressen, die mehreren Disziplinen gemein sind, bietet.

Im Mittelpunkt des zweiten Teils stehen „Konzepte und Kontroversen der Diskurstheorie“. Der Teil nähert sich diesen in einer für ein Handbuch ungewöhnlichen Form, nämlich durch sechs fiktive Gespräche, in denen stilisierte Figuren kontroverse Konzepte und methodologische Probleme diskutieren, nämlich das „Verhältnis von Sprache, Materialität und Praxis“, den „Status des Subjekts in der Diskursforschung“, die Rolle der „Macht“, den Status von „Medien“, die Rolle von „Text, Kontext und Korpus“ für die Analyse sowie die Frage, wie „diskursiv Sinn hergestellt“ werde. Mithin werden hier in dialogischer Form einige der wichtigsten Themen- und Problemfelder vorgestellt, die die Diskursforschung kontrovers diskutiert. Es sind gleichzeitig auch Themen- und Problemfelder, deren Bearbeitung (und Bearbeitbarkeit) die Forschung zum Teil auch spaltet. Durch die gewählte Form werden die Positionen plastisch einander gegenüber gestellt, und es wird versucht, sie zugleich durch Einbindung in alltagsweltliche Szenen zu illustrieren. Ob dieses Experiment geglückt ist, mag jede_r Leser_in anders bewerten. Dem Rezensenten erscheint die Form für ein Handbuch eher weniger geeignet, denn die Form lässt einen strukturierten und nachvollziehbaren Überblick über Positionen, wie man ihn in einem Handbuch erwartet, kaum zu. Zwar wird massiv Namedropping betrieben und es werden auch viele Literaturhinweise gegeben, genaue und nachprüfbare Nachweise, wie sie ein Handbuchartikel bietet, lässt die Form jedoch nicht zu. Eine Vertiefung der hier skizzierten Kontroversen ist also schwierig. Auch die alltagsweltliche Einbindung ist nur ansatzweise geglückt. Die meisten Szenen wirken arg überzeichnet, teilweise karikiert. Die Figuren, fast durchgängig hochgradig smarte und belesene Personen, die Zitate und teilweise auch Seitenzahlen locker aus dem Handgelenk schleudern und mehrheitlich konsensorientierte Diskurse habermasscher Provenienz führen, wirken eher einer Bildungsbürgersatire als der Alltagswelt entnommen.

Der dritte und letzte Teil des ersten Bandes wendet sich „Grundfragen der Forschungspraxis“ und dort vor allem methodologischen und erkenntnistheoretischen Fragen sowie Fragen des Forschungsdesigns zu. Auch dieser Teil beginnt mit einem Gespräch, allerdings einem Gespräch von Autor_innen des Handbuchs über methodologische Fragen (Notwendigkeit einer Methodologie, Gegenstandsontologie, Rolle der Akteur_innen, Rolle der Forschenden, Erkenntnisgenerierung, soziale Positionierung der Forschenden), das das kontroverse Feld diskurstheoretischer Methodologie gut umreißt. Es folgen Beiträge zu Erkenntniskonzepten und interpretativen Zugängen, zur Rolle, Konstitution und Verarbeitung von Korpora, zur Forschungsplanung, Theorie- und Methodenkombination, zu Qualitätskriterien sowie auch zum Darstellungsstil und zur disziplinären Positionierung der Forschenden. Die Beiträge geben einen guten Einblick in die zahlreichen offenen und kontroversen Positionen in diesem Bereich, ohne selbst zu stark Stellung zu beziehen. Die Leser_innen erhalten somit einen sehr guten Einblick in Fragen, mit denen sich Diskursforschende nolens volens befassen (und zu denen sie sich auch positionieren) müssen. Da dieser Teil den Fokus auf Methodologie und Epistemologie legt, finden sich konkrete methodische Hinweise nur vereinzelt, zumal sich diese mit der hier offensiv vorgetragenen ‚disziplinären Offenheit‘ schwer vereinbaren ließen. Diese Offenheit ist durchaus zu begrüßen, lässt aber Leser_innen, die sich diesem Band des Handbuchs mit der Frage nähern, wie ein konkretes Forschungsprojekt zu gestalten ist, mit zahlreichen Fragen (dafür aber sensibilisiert für die methodologische und epistemologische Komplexität der Diskursforschung) zurück.

Viele dieser Fragen löst der den kompletten zweiten Band einnehmende vierte Teil („Methoden und Praxis der Diskursanalyse“) jedoch auf. Hier werden, anhand des gemeinsamen Themenfeldes „Hochschulreformdiskurse“ verschiedene Zugänge der Diskursforschung exemplifiziert und kommentiert. Dabei werden sowohl quantitative als auch qualitative Methoden vorgestellt, es finden sich ethnographische, textorientierte, handlungsorientierte, multimodale, narrationsanalytische und interaktionsanalytische Zugänge, womit das Spektrum der gegenwärtigen Diskursforschung weitgehend abgedeckt ist. Der gemeinsame Gegenstand erlaubt einen guten Vergleich der Leistungen und Grenzen bzw. der jeweils spezifischen Forschungsinteressen der verschiedenen methodischen Varianten. Die Autor_innen legen dabei forschungspraktische und technische Aspekte ebenso offen, wie sie die Probleme und Fallstricke erläutern, auf die sie mit der gewählten Methode jeweils stoßen. Auch die wichtige Frage der Korpuskonstitution wird ausführlich diskutiert. Dabei zeigt sich, dass die Frage der Datenselektion ganz wesentlich von Forschungsinteresse und Methode abhängt. Für Leser_innen, die ein eigenes Projekt planen, ist diese Gegenüberstellung äußerst instruktiv, da der Vergleich gut zeigt, welche Ergebnisse von bestimmten Zugängen zu erwarten sind und welche nicht (und auch, dass alle Zugänge notwendigerweise limitiert sind). Die Mehrzahl der Texte wird ihrem Ziel insofern gerecht, als sie auch für disziplinäre Novizen verständlich sind, ihnen methodische Entscheidungen ermöglichen und sie auf wichtige Aspekte der methodischen Planung hinweisen. Der zweite Band erweist sich somit als eine wichtige und notwendige Ergänzung des ersten, wie auch der erste Band mit seinen theoretisch-methodologischen Reflexionen eine wichtige Voraussetzung des zweiten Bandes ist.

Gesamtbeurteilung

Wenn Leser_innen die hier besprochene Publikation mit der Erwartung in die Hand nehmen, einen Überblick über das breite Feld der Diskursforschung zu erlangen, dann wird ihre Erwartung nicht enttäuscht. Das Handbuch bietet einen beeindruckend breiten und fundierten Überblick über das Feld der Diskursforschung und es zeigt tatsächlich, wie in der eingangs zitierten Einleitung angekündigt, interdisziplinäre Verknüpfungsmöglichkeiten sowie die Leistungen und Grenzen der verschiedenen am Projekt Diskursforschung beteiligten Disziplinen und der gängigen disziplinären Varianten und Methoden sehr gut auf. Dabei geht das Handbuch in seinem Skopus weit über die vorliegenden Handbücher hinaus.

Die Publikation füllt somit zweifellos eine große Lücke, es füllt diese Lücke beeindruckend gut, und es wird in der deutschsprachigen Diskursforschung seinen Platz als Referenzwerk finden. Trotz seines Umfangs kann die Lektüre dieses Werks – und zwar beider Bände – allen nachdrücklich empfohlen werden, die sich mit Diskursforschung näher vertraut machen, den Überblick über das Feld erweitern oder sich mit den neuesten Entwicklungen der Disziplin auseinander setzen wollen.

Literatur

Kammler, Clemens & Rolf Parr (Hg.). 2007. Foucault in den Kulturwissenschaften. Eine Bestandsaufnahme. Heidelberg: Synchron Wissenschaftsverlag der Autoren.Search in Google Scholar

Keller, Reiner, Andreas Hirseland, Werner Schneider & Willy Viehöver (Hg.). 2011a. Handbuch Sozialwissenschaftliche Diskursanalyse (Interdisziplinäre Diskursforschung). Band 1: Theorien und Methoden. 3., erweiterte Auflage. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.10.1007/978-3-531-92084-9Search in Google Scholar

Keller, Reiner, Andreas Hirseland, Werner Schneider & Willy Viehöver (Hg.). 2011b. Handbuch Sozialwissenschaftliche Diskursanalyse (Interdisziplinäre Diskursforschung). Band 2: Forschungspraxis. 4. Auflage. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.Search in Google Scholar

Parr, Rolf, Ulrich Johannes Schneider & Clemens Kammler (Hg.). 2008. Foucault-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Stuttgart, Weimar: J.B. Metzler.Search in Google Scholar

Online erschienen: 2016-1-14
Erschienen im Druck: 2015-12-1

© 2015, Jürgen Spitzmüller, published by de Gruyter

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Downloaded on 5.12.2022 from frontend.live.degruyter.dgbricks.com/document/doi/10.1515/zrs-2015-0025/html
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