Helen Christen

Andrea Mathussek. 2014. Sprachräume und Sprachgrenzen im Untersuchungsgebiet des Sprachatlas von Mittelfranken. Traditionelle Dialektgeographie – Wahrnehmungsdialektologie – Dialektometrie

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De Gruyter | Published online: January 14, 2016

„Was heißt und zu welchem Ende“ teilt man Dialekte ein? So könnte man frei nach Friedrich Schiller die Fragestellungen auf den Punkt bringen, die Andrea Mathussek im Rahmen ihrer Erlanger Dissertation verfolgt. Wie im Titel und als Illustration auf dem Bucheinband aufscheint, beschreibt, vergleicht und problematisiert die Autorin, wie der Regierungsbezirk Mittelfranken mit den traditionellen Methoden der Dialektologie, den neueren Methoden der Dialektometrie und der Wahrnehmungsdialektologie in Dialektgebiete eingeteilt werden kann, um „zum Ende“ der Bemühungen mit einem eigenen „Vorschlag zur sprachräumlichen Gliederung Mittelfrankens“ (S. 255) aufzuwarten. Mathussek betrachtet die Gliederung von Dialektgebieten als genuine Aufgabe einer sprachgeographisch ausgerichteten Dialektologie und sie sieht das verbreitete Bedürfnis von Laien, „Ortsdialekte größeren Dialektverbänden zuzuordnen und diese räumlich gegeneinander abzugrenzen“ (S. 1), in einem Zusammenhang mit deren räumlicher Identität.

Im Einleitungskapitel wirft die Autorin bereits zentrale Fragen auf, die ihre Suche nach Dialektgebieten begleiten werden. So legt sie Wert darauf, Vorgehen danach zu unterscheiden, ob Sprachräume (und damit gemeinsame sprachliche Merkmale) oder aber Sprachgrenzen (und damit sich unterscheidende sprachliche Merkmale) in den Blick genommen werden. Außerdem problematisiert sie, dass Subjektivität und Objektivität bei der Sprachraumeinteilung nicht einfach mit Laien- und Experten-Zugängen einhergehen, sondern dass es in der Sprachgeographie teils schwer zu begründende Entscheidungen gibt, die traditionelle Dialektraumeinteilungen alles andere als objektiv erscheinen lassen (S. 6).

Die einleitenden Abschnitte des Kapitels 2 „Traditionelle Dialektologie“ nehmen sich weiterer problematischer Aspekte der Sprachgeographie an, der Frage der Gewichtung von Isoglossen etwa oder der Auswahl von Merkmalen, die zur Dialektraumgliederung herangezogen werden. Nach einer tour d’horizon durch die bisherigen Dialekteinteilungen von Mittelfranken, die in eine übersichtliche tabellarische Gesamtschau mündet, wagt die Autorin den Versuch einer eigenen Einteilung anhand ausgewählter (Laut-)Daten des Sprachatlas von Mittelfranken (SMF). In unübertrefflicher Genauigkeit legt Andrea Mathussek ihr Vorgehen offen, erläutert die Auswahl der vokalischen und konsonantischen Merkmale, problematisiert dabei die – zu berücksichtigende – „Normalentwicklung“ gegenüber – vernachlässigbarer – „Sonderlautung“, um einmal mehr zur unlösbaren „Frage des Abstraktionsgrades“ (S. 47) zu gelangen: Wer in der Überzahl an kleinen und kleinsten arealen Unterschiedlichkeiten Sprachräume ausmachen will, wird unweigerlich Gruppierungen vornehmen müssen und sehr ähnliche Lautungen der gleichen Kategorie zuordnen, also etwa transkribierte Diakritika ignorieren. Freilich kommen dann zwar im Idealfall nachvollziehbare, letztlich aber doch immer hinterfragbare Kategorisierungen des Bearbeiters bzw. der Bearbeiterin ins Spiel, aber nicht nur dies:

„Wie viele Sprachräume es in einem bestimmten Gebiet gibt, hing und hängt somit oft eher von der Größe des [Untersuchungsgebiets], dem Format, in dem die Karte veröffentlicht werden soll, und der Möglichkeit oder Unmöglichkeit, Farben einzusetzen, ab“ (S. 50).

Eine „Forderung nach möglichst genauer Abbildung der sprachlichen Wirklichkeit“ (S. 47) bleibt jedoch nicht nur deshalb eine Schimäre, sondern auch, weil bereits die erhobenen Daten einem komplexitätsreduzierten Ausschnitt der ‚Wirklichkeit‘ entstammen (müssen).

Ihrem Vorschlag zur Dialektraumeinteilung von Mittelfranken lässt Mathussek eine äußerst anschauliche Zusammenschau verschiedener kartographischer Verfahren zur Visualisierung von Sprachgrenzen und -räumen vorangehen. Die methodischen Prinzipien von Isoglossen- und Waben-Kombinationskarte, Sprachraum-Isoglossenkarte, Übergangszonen-Karte und Kernzonen-Karte werden erklärt und in ihren Vor- und Nachteilen auch tabellarisch präsentiert. Hier und an vielen weiteren Stellen der Studie profitiert der Leser bzw. die Leserin von der Gabe der Autorin, verschiedene Methoden und Instrumente prägnant darzustellen und ihre wesentlichen Unterschiede treffend herauszuarbeiten.

Auf der Basis der „Normalentwicklung“ im Stammvokalismus, der durch 20 Belegwörter mit – nicht weiter erläuterter – „zentraler Rolle im Wortschatz“ (S. 75) repräsentiert wird, legt Mathussek mit Hilfe von Isoglossen- und Wabenkombinationskarten die Grenzen von acht VOK-Räumen fest, wobei die Entscheidungen für die Grenzziehungen akribisch diskutiert und begründet werden und die Autorin dabei gewisse Willkürlichkeiten (S. 77) oder Schwierigkeiten der Zuordnung (S. 93) keineswegs verschweigt. Zur Herausarbeitung von Grenzen wendet sie für die Wabenkarten erfolgreich – wie auch nachfolgend bei Auswertungen zu wahrnehmungsdialektologischen Arealen – Karten mit „variierender Staffelung“ an, bei denen die stärksten Wabenkanten noch markanter hervortreten und sprachräumliche Konturen deutlicher erkennen lassen. Die konsonantischen Verhältnisse, deren Unterschiede repräsentiert werden sollen von „möglichst vielen, möglichst gebräuchlichen Wörtern der Mundarten“ (S. 97) – die Autorin wählt deren 22 aus –, münden mittels gleicher Verfahren in eine Gliederung des Untersuchungsgebietes in vier KON-Areale. Schon die unterschiedliche Anzahl an VOK- und KON-Arealen macht deutlich, dass die beiden Phänomenbereiche nicht dieselben Räumlichkeiten beschreiben. Zieht man nun die gesamte Phonologie in Betracht – was Mathussek mit PHO-Karten anstrebt – kommt es zu einer neuen Raumgliederung, die nun im Einzelnen wiederum legitimiert wird (vgl. „weil ich an dieser Stelle den Vokalismus etwas höher bewertet habe als den Konsonantismus, der traditionell weniger Beachtung findet“, S. 113) und die Autorin einräumen lässt, „wie uneindeutig die Einteilung auch noch in diesem eigentlich letzten Schritt ist“ (S. 113). Besonders erhellend gestaltet sich der Abgleich zwischen den PHO-Arealen, basierend auf dem SMF, und den Arealen, die in älteren Studien postuliert wurden. Während in einem Fall von fehlender Übereinstimmung mit früheren Darstellungen Sprachwandel plausibel in Erwägung gezogen werden kann, wird in anderen Fällen deutlich, dass Übereinstimmungen vor allem zu den VOK-Arealen bestehen, was die Vokallastigkeit früherer Dialektgliederungen aufdeckt.

Die wahrnehmungsdialektologische Herangehensweise an den Gegenstand der Dialektgliederung fundiert die Autorin mit einer knappen Darstellung des Forschungsstandes, bei dem sie besonderes Gewicht legt auf die Unterscheidung von Fragen nach dialektaler Ähnlichkeit und nach dialektaler Verschiedenheit, die nicht zu komplementären Ergebnissen führen, sondern unterschiedliche Konzeptualisierungen erkennen lassen. Da im Zuge der Erhebungen zum SMF auch drei Fragen zu Ähnlichkeiten und Verschiedenheiten zu jeweils anderen Dialekten gestellt wurden, stehen hierfür subjektive Daten zu Mittelfranken zur Verfügung. Dabei handelt es sich um Einschätzungen von Probanden, die allerdings oftmals nur die unmittelbare – und im SMF nicht als Belegorte ausgewiesene – Nachbarschaft betreffen. Dass aus diesen Einschätzungen des Nahraums Großraumkarten gewonnen werden können, verdankt sich Mathusseks geschickter Abwandlung der sog. Pfeilchenmethode, wie sie von Antonius A. Weijnen entwickelt wurde. Sie schlägt ein quantifizierendes Verfahren vor, um die Einschätzungen zu gewichten und letztlich zu perzeptiven Dialektgrenzen zu gelangen. Mag man auch im Einzelnen die quantitativen Wertzuschreibungen vielleicht diskutieren wollen, so handelt es sich doch um einen innovativen Versuch, aus den individuellen Dialektraumkonzeptionen – mit verschiedenen, immer Schritt für Schritt erklärten Verfahren – eine kollektive Komponente zu extrapolieren. Die generelle Frage nach der „Addierbarkeit der kleinräumigen Antworten zu großräumigen Raummustern“ (S. 161) bleibt dabei – wie das die Autorin deutlich herausstellt – (noch) unbeantwortet, wie auch jene nach den genauen Zusammenhängen zwischen subjektiven und objektiven Dialektgrenzen. An welchen sprachlichen Merkmalen Sprecher Dialektgebiete resp. Dialektgrenzen nämlich festmachen, ist ungewiss, was Mathussek in einer Fußnote wie folgt thematisiert: „Eine andere, viel grundsätzlichere Frage ist natürlich, was sprachliche Gleichheit zwischen zwei Orten angesichts diasituativer, diasexueller und anderer sprachlicher Variation überhaupt bedeutet“ (S. 144). Ebenso gilt es zu bedenken, dass linguistische Laien ‚anders‘ über Sprache sprechen als LinguistInnen, und ein Urteil von der Art „manche Wörter anders“ (S. 155) ebenso gut einen lautlichen wie einen lexikalischen Unterschied fassen kann. Wenn – wie die Autorin für die Perzeption des Ansbacher Raumes feststellt – die „Sprecherwahrnehmung eher ‚träge‘ ist und sich an alten Sprachunterschieden festmachen lässt“ (S. 192), dann ist dies ein Indiz dafür, dass bei subjektiven Dialektraumgliederungen nicht nur die eigentliche Wahrnehmung eine Rolle spielt, sondern auch der metadialektale Diskurs, der eine Tradition ausbildet und im Untersuchungsgebiet etwa zur hochfrequenten Nennung des Lexems „Nebel“ führt (S. 154). Ob die individuellen Sprecher die dialektalen Unterschiede genau an dieses Lexem heften oder die gesamte Lautklasse meinen und auch wahrnehmen, ist ungewiss. Dass die Informanten „tendenziell eher recht mit den sprachlichen Eigenschaften hatten, die sie anderen Dialekten zuordneten und dass diese meist mit den objektiven Daten aus diesen Orten übereinstimmten“ (S. 196), ist vielleicht etwas gar normativ formuliert. Die Übereinstimmungen bleiben aber bemerkenswert und lassen in Erwägung ziehen, dass Laien und traditionelle Dialektologen zumindest in Bezug auf die NORMs ihre Sprachideologie teilen, gelten Sprecher mit diesem Sozialprofil doch sowohl im Alltag als auch in der Wissenschaft als ,richtige‘ Dialektsprecher, deren Dialekt als ‚areale Leitvarietät‘ fungiert.

Schließlich wendet sich die Autorin dialektometrischen Verfahren der Sprachraum-Einteilung in einem vierten Kapitel zu, das vor allem die Möglichkeiten und Grenzen der in Groningen entwickelten Web-Anwendung GABMAP an den Daten des SMF auslotet und dabei gleichzeitig eine gut lesbare Einführung in die verschiedenen Rechen- und Kartiermethoden dieses Werkzeugs liefert. Der Vorteil dialektometrischer Methoden besteht zweifellos darin, dass quasi unbegrenzte Datenmengen verarbeitet werden können, und dies ohne „‚cherry picking‘, i. e. picking variables that confirm the analysis one wishes to settle on“ (Nerbonne & Heeringa zit. nach Mathussek S. 203). Ein Verdienst von Mathusseks Arbeit besteht darin, diese gerne ins Feld geführte Objektivität dialektometrischer Verfahren zu relativieren. Wie sie in einem Abgleich der verschiedenen Wege der Dialektraumeinteilung abschließend auf den Punkt bringt (übersichtlich zusammenstellt in der Tab. 9, S. 252), liegt die Problematik bei automatisierten Vermessungen, wie sie GABMAP anbietet, darin, dass die Sprachdaten (hier also jene des SMF) auf die Methode abgestimmt werden müssen. Da GABMAP Lautzeichen miteinander abgleicht und die Unterschiede quantifizierend vermisst, muss Mathussek konstatieren, dass insbesondere hinsichtlich der Diakritika „die Kodierungsnormen des SMF nicht hundertprozentig zur Berechnungsmethodik passen“ (S. 207). Sie kann dann auch überaus plausibel aufzeigen, dass die von GABMAP errechneten Cluster eher Exploratoren- als Dialektgebiete sind. Erst die von Diakritika weitgehend befreiten Daten sind besser auf GABMAP abgestimmt, und Mathussek nutzt die verschiedenen GABMAP-Werkzeuge, um die arealen Dimensionen aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten (sehr hilfreich ist diesbezüglich z. B. ein Werkzeug, das Cluster, deren Gesamtzahl von der BenutzerIn voreingestellt wird, auf ihre Validität hin überprüft; S. 233ff.).

Die drei unterschiedlichen Zugänge zu sprachlicher Arealität lässt die Autorin in einen Vorschlag zur sprachräumlichen Gliederung Mittelfrankens zusammenfließen, die sie im Einzelnen als Gebiete mit Sprachmerkmalen charakterisiert, „die in jeweils anderen oder benachbarten Gebieten anders realisiert werden“ (S. 257), und für die sie auch Benennungen vorschlägt.

Die Arbeit, auf deren Fülle an minutiösen Erwägungen zu spracharealen Sachverhalten hier nicht eingegangen werden kann, besticht durch ihre klare Konzeption, die vorbildliche Offenlegung von Analyseschritten und den souveränem Umgang mit den SMF-Daten. Die Einleitungen zu den drei arealen Dialektgliederungsverfahren, insbesondere auch jene zur traditionellen Dialektologie, eignen sich ausgezeichnet, um sich einen klaren Überblick etwa zu verschiedenen Kartiermethoden zu verschaffen.

Für Dialektraum-Einteilungen sowohl traditionelle als auch dialektometrische Verfahren komplementär geltend zu machen, scheint mir eine zukunftsweisende Herangehensweise an ein altes sprachgeographisches Desiderat zu sein. Die wahrnehmungsdialektologischen Daten hier ebenfalls beizuziehen, vermag m. E. weniger zu überzeugen. Obwohl sich in der Arbeit an verschiedenen Stellen gezeigt hat, dass Dialektologen immer wieder subjektive Entscheidungen zu fällen haben, sind diese zumindest an klar benennbaren sprachlichen Merkmalen fassbar. Genau dies ist bei Laienurteilen nicht gegeben, was keineswegs daran hindern sollte, ‚experten-subjektive‘ und ‚laien-subjektive‘ Dialektgliederungen aufeinander zu beziehen. Eine objektive „Sprachwirklichkeit“, die Andrea Mathussek an mehreren Stellen in ihrer Arbeit geltend macht, und die sie abzubilden trachtet, ist so oder so ein Konstrukt aus jeweils unterschiedlichen Perspektiven.

Leider – und das ist nicht der Autorin anzulasten – ist die Druckqualität der Karten nicht immer optimal, Farbunterschiede können nicht wahrgenommen, Beschriftungen nicht gelesen werden (z. B. S. 48, 102, 182, 300, 301). Das bedauert man umso mehr, als die Dissertation gerade durch besonders anschauliche grafische Darstellungen (z. B. Abb. 36) sowie eine ausgesprochene Transparenz in Vorgehen und Argumentation überzeugt.

Online erschienen: 2016-1-14
Erschienen im Druck: 2015-12-1

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