BY-NC-ND 3.0 license Open Access Published by De Gruyter September 12, 2016

Thorsten Roelcke. 2014. Latein, Griechisch, Hebräisch. Studien und Dokumentationen zur deutschen Sprachreflexion in Barock und Aufklärung

Markus Hundt

Ausgangspunkt des Buches ist ein von der Volkswagenstiftung gefördertes Projekt unter der Leitung von Andreas Gardt, Oskar Reichmann und Thorsten Roelcke.1[1] In diesem Forschungsprojekt ging es darum, sprachtheoretische Vorstellungen in Barock und Aufklärung zu untersuchen. Dazu wurden „rund 650 einschlägige Texte aus dem 17. und 18. Jh. (in Auswahl aus dem Ende des 16. und dem Beginn des 19. Jh.s) exzerpiert und über 115.000 Belege zu annähernd 29.000 Stichwörtern gezogen“ (S. 5). Der Autor nutzt nun aus diesem Belegkorpus „bislang nicht verwandtes Material“ (S. VII), um die zeitgenössischen Auffassungen zu den drei Sprachen Latein, Griechisch und Hebräisch anhand der Quellen näher zu beleuchten. In die konkrete Auswertung kommen dann für die einzelnen Sprachen die entsprechenden Belege: Latein: 727 Belege aus 193 Quellen (S. 9), Griechisch: 295 Belege aus 89 Quellen (S. 210), Hebräisch: 146 Belege aus 60 Quellen.

Die Belege werden anhand von verschiedenen Kriterien exzerpiert und in der Studie dargestellt. So ergibt sich für alle drei Sprachen eine klar nachvollziehbare Gliederung der Darstellung: Zunächst werden Beleglage und Wortgebrauch vorgestellt, danach die entsprechenden Quellenbelege zu den zeitgenössischen genealogischen und typologischen Vorstellungen. Es folgen Belege, die sich mit sprachlichen Charakteristika (Lautung, Formenbildung, Lexik, Entlehnungen etc.) befassen, einige sprachdidaktische Überlegungen sowie Belege, die sich mit den positiven und negativen Bewertungen der einzelnen Sprachen beschäftigen. Auch die zeitgenössischen Vorstellungen zu den denkbaren und tatsächlichen Varietäten der drei Sprachen werden behandelt. Den Abschluss der jeweiligen Kapitel bildet die Auflistung der Belegzitate und der jeweiligen Belegstellen in den Quellen.

Wie die Anzahl der Belege schon vermuten lässt, ergeben sich aus den Quellen unterschiedlich umfängliche Darstellungen zu den einzelnen Sprachen. So wird das Lateinische wesentlich umfangreicher in den Quellen thematisiert, was wiederum zur Folge hat, dass es auch in der Studie des Autors mehr Raum einnehmen muss. Beim Lateinischen werden daher auch eingehend die zeitgenössischen Aussagen zum Latein als Lingua franca, als Schul- und Fremdsprache und – ausführlicher als bei den anderen Sprachen – die Entlehnungs- und Purismusproblematik besprochen (Kap. 2.3, 2.4 und 2.5).

Hauptziel der Studie ist ein dokumentarisches, d. h. es sollen aus den Quellen heraus die jeweiligen zeitgenössischen Vorstellungen zu den drei Sprachen sichtbar gemacht werden. Zwar ist natürlich jede Quellenauswahl bereits ein interpretatorischer Akt, jedoch kann festgehalten werden, dass sich der Autor bei der Vorführung der Quellen weitergehender Interpretationen enthält und dies aus konzeptionellen Gründen:

„Die Belege werden in der vorliegenden Studie überwiegend textimmanent unter weitgehendem Verzicht auf eine sozial-, kultur- oder sprachgeschichtliche Interpretation des Materials aufgearbeitet. So werden Interpretationen unter verschiedenartigen Gesichtspunkten vorbereitet und ermöglicht, ohne diese durch einzelne Aspekte vorwegzunehmen oder zu verstellen. Vor diesem Hintergrund kommt der Dokumentation des Belegmaterials eine zentrale Bedeutung zu, sodass der Position der Belegzitate hinreichend Raum gegeben wird.“ (S. 7)

Somit handelt es sich bei der Studie in erster Linie um eine differenziert aufbereitete, gesichtete und kommentierte Sammlung von aussagekräftigen Quellen und Zitaten. In dieser Hinsicht leistet das Buch für die Erforschung der zeitgenössischen Sprachvorstellungen zu den drei Hauptsprachen Latein, Griechisch und Hebräisch Vergleichbares wie die Arbeit von Jones (1995) zum zeitgenössischen Fremdwortpurismus, die umfänglich „Dokumente zur Erforschung des Fremdwortpurismus (1478–1750)“ zusammenstellt und kommentiert.

Der Hinweis des Autors, dass es sich bei der vorliegenden Arbeit letztlich um ein Wörterbuch handele (S. 7), ist m. E. etwas verwirrend, es sei denn, dass man das Konzept eines Wörterbuchs sehr weit fasst. Zwar werden die zahlreichen Belege nach einzelnen Kriterien (s. o.) im Buch differenziert abgehandelt, eine Wörterbuchstruktur (außer den übergreifenden Konzepten Latein, Griechisch, Hebräisch) mit entsprechenden Lemmata war für den Rezensenten jedoch nicht erkennbar.

Die Gliederung der Studie folgt den in der Einleitung (Kap. 1) vorgestellten Kriterien. Dem Lateinischen (Kap. 2) werden insgesamt 200 Seiten, dem Griechischen (Kap. 3) 64 Seiten und dem Hebräischen 36 Seiten (Kap. 4) gewidmet. Den Abschluss bildet eine Zusammenschau der Ergebnisse (Kap. 5), in der die in den einzelnen Kapiteln vorgetragenen Punkte vergleichend für alle drei Sprachen gegenübergestellt werden. So erhält der Leser für die Kriterien ‚Beleglage und Wortgebrauch‘, ‚Genealogie und Typologie‘, ‚Entlehnung und Purismus‘, ‚Sprachdidaktik‘, (sprachliche) ‚Charakteristika‘, ‚Vergleich und Wertung‘ und ‚Varietäten‘ einen kurzgefassten Überblick. Kap. 6 bietet eine Bibliographie der genutzten Quellen, Kap. 7 nennt die einschlägige Sekundärliteratur. Den Abschluss bildet ein sehr hilfreiches Sach-, Sprachen- und Namensregister (Kap. 8). Dies ist auch insofern besonders hervorzuheben, als diese Register die Belegsammlungen, die sich – chronologisch geordnet – jeweils der systematischen Darstellung der Sprachen anschließen (für das Lateinische S. 139–207, für das Griechische S. 254–273, für das Hebräische S. 298–311), besser erschließen helfen.

Dass für die vergleichende Studie gerade diese drei Sprachen ausgewählt wurden, liegt mit Blick auf die Sprachvorstellungen der Frühen Neuzeit auf der Hand. Latein, Griechisch und Hebräisch waren im Verständnis der Zeitgenossen „Hauptsprachen“. Diese Kennzeichnung bezieht sich zum einen darauf, dass dies die drei heiligen Sprachen der Bibel waren, zum anderen aber auch darauf, und hierauf weist der Autor dezidiert hin, dass „Hauptsprachen“ weitere wichtige Merkmale aufweisen:

„Als Merkmale einer Hauptsprache erscheinen entweder deren kulturelle Bedeutsamkeit für die wissenschaftliche, religiöse oder schöne Literatur oder deren genealogisches Alter als Ausgangspunkt für die Entwicklung einer ganzen Sprachfamilie.“ (S. 15, Fettdruck getilgt).

Insofern arbeiteten sich die Sprachgelehrten der Zeit auch immer daran ab, die jeweils eigene Volkssprache in den Rang einer Hauptsprache zu erheben bzw. nachzuweisen, dass die eigene Sprache, z. B. das Deutsche, schon immer eigentlich eine Hauptsprache sei.

Bei der Diskussion, welche Sprachen in den untersuchten Texten als Hauptsprachen betrachtet wurden, gliedert der Autor die Texte in sieben Gruppen. Dies ist interessant, weil so deutlich wird, dass sich hier durchaus verschiedene Ansätze aufzeigen lassen. So werden einmal slawische Sprachen oder auch romanische Sprachen zu den Hauptsprachen gerechnet. Umgekehrt finden sich Texte, in denen Latein, Griechisch oder auch Hebräisch nicht unter den Hauptsprachen geführt werden (s. die Tabelle auf S. 314). Hier wäre für den Leser interessant gewesen, welche konkreten Texte und Autoren sich hinter den Gruppen verbergen. Gerade bei den Gruppen, in denen Hebräisch und Hebräisch/Griechisch nicht zu den Hauptsprachen gerechnet werden, stellt sich die Frage, mit welchen Argumenten diese beiden Sprachen ausgegrenzt werden, die ja als biblische Sprachen in allen anderen Textgruppen fraglos zu den Hauptsprachen hinzugezählt werden. Gleiches gilt für den in Kap. 5.4.2 vorgestellten Sprachenkanon in der Fremdsprachendidaktik. Auch hier werden sieben Gruppen unterschieden (S. 331) und auch hier wäre es interessant zu erfahren, aus welchen Autoren und Texten sich sich die einzelnen Gruppen zusammensetzen, d. h. z. B. welche Autoren bereits (neben dem Lateinischen, Französischen und Spanischen) das Englische als zu erwerbende Fremdsprache propagieren. Auf diese Weise könnte eventuell auch ein Wandel in den Empfehlungen zur Fremdsprachendidaktik nachvollziehbar gemacht werden.

Mit der thematischen Gliederung gewinnt der Leser einen raschen Überblick darüber, was in den beiden Jahrhunderten an den besprochenen Sprachen für die Zeitgenossen wichtig war. Es werden die Traditionslinien deutlich, die aus dem Barock des 17. Jahrhunderts in die Zeit der Aufklärung im 18. Jahrhundert reichen. Dabei ist die etwas vereinfachende Kennzeichnung der beiden Jahrhunderte als „evaluierend“ (17. Jahrhundert, Barock) und „objektivierend“ (18. Jahrhundert, Aufklärung, vgl. z. B. S. 60) hilfreich. Allerdings muss auch angemerkt werden, dass der Blick auf beide Jahrhunderte zugleich an manchen Stellen den doch sehr deutlichen Bruch zwischen Barock und Aufklärung etwas stark glättet.

Die vom Autor vorgelegte systematische und kommentierte Quellen-Dokumentation stellt eine überaus umfassende Belegsammlung dar, die auch für Lehrveranstaltungen sehr gut als Grundlage und Anschauungsmaterial genutzt werden kann. Das Buch bietet eine Fülle von interessanten und teilweise aus heutiger Sicht kuriosen Detailinformationen, die aus den Belegen rekonstruiert werden konnten, so z. B. zur Entlehnung der lateinischen Schrift (S. 86ff.) oder zur Parallelisierung von Deutsch und Hebräisch (S. 284ff.).

Dem eher dokumentarischen Charakter des Buches ist es geschuldet, dass die intensivere Diskussion der sprachtheoretischen Vorstellungen der Zeit und auch die Unterschiede zwischen dem 17. und 18. Jahrhundert etwas in den Hintergrund treten. Hier wird der Leser nach wie vor auf einschlägige Monographien und Sammelbände wie z. B. von Polenz (1994), Gardt (1994), Gardt u. a. (1995), Gardt (2000), Scharloth (2003) oder Stukenbrock (2005) zurückgreifen müssen.

Dass das Deutsche eine genuine Wortbildungssprache ist, wurde von den Sprachgelehrten des 17. Jahrhunderts an vielen Stellen argumentativ in Position gebracht, so dass dieses Merkmal (neben dem postulierten Sprachalter, der Eigentlichkeit, der Grundrichtigkeit etc.) eine wichtige Funktion im Aufwertungsdiskurs einnahm. Wenn der Autor konstatiert, dass die Bedeutung mehrgliedriger Komposita erst im 18. Jahrhundert in den Blick der Sprachgelehrten gerückt sei, kann ihm nicht ganz zugestimmt werden, da bereits bei Schottelius die Mehrfachkomposition durchaus Erwähnung findet. Der Autor führt hier ein Zitat von Gottsched (1762) an. In der „Ausführlichen Arbeit“ von Schottelius (1663) finden sich jedoch schon ähnliche Hinweise:

„Alhie nun ist davon zuwissen / daß diese Verdoppelungs = art für eins / aus zweyen Stammwörteren entstehe […]. Fürs andere / entstehen diese Verdoppelte auch aus dreyen Stammwörteren / als Landfriedbruch / Oberschutzherr / Landhauptmann / Reichspfennigmeister […].“

(Schottelius 1663, 77)

„Wie auch in denen / welche ferners von vier Stammwörtern verdoppelt werden / Als: Oberberghauptmann Ertzhauptbößwicht […]“

(Schottelius 1663, 78)

Gleiches gilt für Harsdörffer, der in seiner praktischen Spracharbeit (z. B. in den „Frauenzimmer Gesprächspielen“) auf die sprachtheoretischen Vorstellungen von Schottelius zurückgriff.

Die für den heutigen Leser kuriose Nebeneinanderstellung von Deutsch und Hebräisch, bei der das Deutsche meist als direkt verwandt mit dem Hebräischen dargestellt wurde, wird durch die vom Autor angeführten Belege deutlich. Allerdings wäre gerade bei einer solchen Parallelisierung zur Veranschaulichung auch das eine oder andere Beispiel hilfreich gewesen. Harsdörffer hat im „Specimen Philologiae Germanicae“ den Versuch unternommen, anhand von Wortpaaren, die sich über lautliche Ähnlichkeiten zueinander stellen lassen, die Verwandtschaft zwischen dem Deutschen und Hebräischen aufzuzeigen (z. B. Harsdörffer 1646, 129–131).

Fazit: Das Buch von Thorsten Roelcke ist eine interessante, thematisch strukturierte und kommentierte Sammlung von Belegen aus wichtigen sprachreflexiven Texten (vorrangig) des 17. und 18. Jahrhunderts. Der Leser erhält über die Lektüre der einzelnen Kapitel zum Lateinischen, Griechischen und Hebräischen einen interessanten Einblick in die Sprachvorstellungen des Barock und der Aufklärung. Zugleich wird für den Leser deutlich, welche Funktion die Beschäftigung mit den biblischen, heiligen Hauptsprachen hatte. Es ging – v. a. im 17. Jahrhundert – weniger darum, die sprachlichen Spezifika, die tatsächlichen historischen Verhältnisse o. Ä. zu rekonstruieren, sondern eher darum, Argumente für die Aufwertung, den Ausbau und die Bedeutung der deutschen Sprache zu gewinnen. Dem Buch sind viele Leser zu wünschen, die dann ausgehend von der quellengesättigten Darstellung weitere Forschungsfragen zu den im Buch angesprochenen Themen entwickeln können.

Literatur

Gardt, Andreas, Ingrid Lemberg, Oskar Reichmann & Thorsten Roelcke. 1991. Sprachkonzeptionen in Barock und Aufklärung: Ein Vorschlag für ihre Beschreibung. In: Zeitschrift für Phonetik, Sprachwissenschaft und Kommunikationsforschung 44, 17–33. Search in Google Scholar

Gardt, Andreas (Hg.). 2000. Nation und Sprache. Die Diskussion ihres Verhältnisses in Geschichte und Gegenwart. Berlin, New York: De Gruyter. Search in Google Scholar

Gardt, Andreas, Klaus J. Mattheier & Oskar Reichmann (Hg.). 1995. Sprachgeschichte des Neuhochdeutschen. Gegenstände – Methoden – Theorien (Germanistische Linguistik 156). Tübingen: Max Niemeyer. Search in Google Scholar

Gottsched, Johann Christoph. 1762. Deutsche Sprachkunst. In: Ders.: Ausgewählte Werke. Hg. v. P. M. Mitchell. Bd. 8, Teil 1. Bearb. v. Herbert Penzl. Berlin, New York 1978. Search in Google Scholar

Harsdörffer, Georg Philipp. 1646. Specimen Philologiae Germanicae. Nürnberg: Endtner. Search in Google Scholar

Jones, William Jervis (Hg.). 1995. Sprachhelden und Sprachverderber. Dokumente zur Erforschung des Fremdwortpurismus im Deutschen (1478–1750) (Studia Linguistica Germanica 38). Berlin, New York: De Gruyter. Search in Google Scholar

Polenz, Peter von. 1994. Deutsche Sprachgeschichte vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart. Bd. II: 17. und 18. Jahrhundert. Berlin, New York: De Gruyter. Search in Google Scholar

Scharloth, Joachim. 2005. Sprachnormen und Mentalitäten. Sprachbewusstseinsgeschichte in Deutschland im Zeitraum von 1766–1785 (Germanistische Linguistik 255). Tübingen: Max Niemeyer. Search in Google Scholar

Schottelius, Justus Georg. 1663. Ausführliche Arbeit von der Teutschen Haubt-Sprache. Braunschweig: Zilliger. Search in Google Scholar

Stukenbrock, Anja. 2005. Sprachnationalismus. Sprachreflexion als Medium kollektiver Identitätsstiftung in Deutschland (1617–1945) (Studia Linguistica Germanica 74). Berlin, New York: De Gruyter. Search in Google Scholar

Online erschienen: 2016-9-12
Erschienen im Druck: 2016-12-1

© 2015, Markus Hundt, published by de Gruyter

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