BY-NC-ND 3.0 license Open Access Published by De Gruyter September 12, 2016

Ina Karg. 2015. Orthographie. Öffentlichkeit, Wissenschaft und Erwerb

Miriam Balestra

Im Zentrum dieses Arbeitsheftes steht, wie im Titel bereits gesagt, das Thema Orthographie, das aus sehr unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet wird. Konkret lassen sich drei Schwerpunkte ausmachen, die in der Publikation verhandelt werden: (1) die Geschichte der (amtlichen) Orthographie und ihre Rezeption in der öffentlichen Wahrnehmung, (2) eine linguistisch fundierte Skizze der Orthographie des Deutschen sowie (3) eine sowohl lerner- als auch lehrerzentrierte Auseinandersetzung mit zentralen Fragen rund um das Thema Schreibenlernen. Die Beschäftigung mit den einzelnen Gegenstandsfeldern ist dadurch gekennzeichnet, dass gegenwärtige Verhältnisse beschrieben und darüber hinaus (beinahe) konsequent im Kontext ihrer historischen Entwicklung in den Blick genommen und besprochen werden.

Das Buch gliedert sich in sechs Teile. Während in den ersten fünf Kapiteln zentrale Aspekte der Orthographie behandelt werden, handelt es sich bei Kapitel 6 um eine Zusammenstellung von Lösungshinweisen zu Arbeitsaufträgen. Die Aufgabenstellungen selbst sind am Ende der Kapitel 1 bis 5 zu finden und knüpfen jeweils thematisch an deren Inhalt an. In der Einleitung weist die Autorin darauf hin, dass die beigegebenen Aufgaben als Impuls zum Weiterarbeiten gedacht sind. Demnach handle es sich bei den zugehörigen Lösungen größtenteils weniger um solche im herkömmlichen Sinne als vielmehr um Hinweise auf „Wege, die für die Arbeit zu beschreiten wären“ (S. 2). Neben Arbeitsaufträgen ist an alle Kapitel eine im Umfang variierende Auflistung von weiterführender Literatur angeschlossen. Sowohl ein Sachindex als auch ein Personenindex stehen dem Leser für eine gezielte Informationsentnahme zur Verfügung. Darüber hinaus sei erwähnt, dass sich die Verfasserin darauf versteht, ihre Ausführungen stets mit anschaulichen und interessanten Illustrationen oder auch mit Beispielen aus der Unterrichtspraxis anzureichern.

Mit ihrer Publikation möchte Karg vorrangig alle Akteure ansprechen, die mittelbar oder unmittelbar mit der Vermittlung von Orthographie befasst sind, so beispielsweise Lehramtsstudenten, Referendare und Deutschlehrer. Der Inhalt des Buches soll sowohl einen Einblick in die Funktionsweise der (deutschen) Orthographie gewähren als auch den Rezipienten für den Facettenreichtum des Gegenstands selbst sensibilisieren. Hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang die anwendungsorientierte Ausrichtung des Arbeitsheftes, die die Autorin besonders betont. Dieser Anspruch bestimmt konsequenterweise maßgeblich die Auswahl der Themen und schlägt sich zudem auch im Aufbau des Buches nieder. Die in den einzelnen Passagen verhandelten Aspekte werden in der Regel nicht isoliert dargeboten, sondern kapitelübergreifend aufeinander bezogen und damit in einen größeren Kontext gestellt.

Das erste Kapitel leitet die Autorin ein, indem sie der Frage nachgeht, was Orthographie ist. Zu diesem Zweck präsentiert sie zunächst verschiedene denkbare Schreibungen für das Wort Orthographie, um den Unterschied zwischen solchen Repräsentationsformen, die „die Verständlichkeit der Aussage“ (S. 3) nicht gefährden, und jenen beiden, die durch die amtliche Regelung tatsächlich zugelassen sind, zu verdeutlichen. Karg begründet ihre eigene Entscheidung für die Variante Orthographie – und also gegen die Option Orthografie – mit dem Wissen um die Etymologie des Wortes. Die Orthographie diene dazu, so die Verfasserin weiter, dass jemand etwas so schreibt, dass er und andere es lesen können. In diesem Zusammenhang betont Karg, dass die Gewährleistung von Verständlichkeit unabdingbar für alle Funktionen von Schrift sei. Später im Text liefert die Autorin unter der gleichnamigen Überschrift eine inhaltliche Bestimmung des Schlagwortes orthographisches Können. Die übrigen Passagen des ersten Kapitels sind der Geschichte der amtlichen Orthographie gewidmet. Hier werden wichtige Etappen ihrer Entstehung skizziert. Gut herausgearbeitet ist an dieser Stelle vor allem die (sich verändernde) Rolle des Rechtschreib-Dudens. Das Kapitel endet mit einer Synopse zu einigen wichtigen Neuerungen, die die letzte Reform mit sich gebracht hat.

Das zweite Kapitel, das den Titel „Popularität der Orthographie“ trägt, fokussiert die amtliche Rechtschreibung im Kontext ihrer Wahrnehmung in der Öffentlichkeit. Beispielsweise zeichnet Karg hier unter Einbezug einschlägiger Untersuchungen den Orthographie-Diskurs von 1996 bis 2006 nach, wobei sie unter anderem auf den Befund eingeht, dass dieser maßgeblich von den beiden Faktoren Selektion und Emotionalität geprägt sei. Zudem greift die Verfasserin eine Umfrage von 2008 zum Thema Deutsche Sprache auf, aus der hervorging, dass die Rechtschreibreform von 55 Prozent der Befragten abgelehnt und lediglich von neun Prozent befürwortet wurde, während sie den übrigen 31 Prozent schlichtweg egal war. Als Fazit zur Reform formuliert Karg, dass diese eine Verunsicherung hervorgebracht habe, die bis heute anhalte. Auch findet in diesem Kapitel eine Auseinandersetzung mit dem Gegenstand Orthographie vor dem Hintergrund der neuen Kommunikationsmedien statt: Die Autorin stellt fest, dass bei der Chat- oder auch SMS-Kommunikation Regelungen weniger ernst genommen werden, was sie beispielsweise auf die Geschwindigkeit der Nachrichtenübermittlung zurückführt.

Das dritte Kapitel widmet sich der Orthographie aus sprachwissenschaftlicher Perspektive. Eingeführt wird das konventionelle Notationssystem für Einheiten der lautlichen und schriftlichen Ebene, bevor die Verfasserin kurz auf das Verhältnis zwischen geschriebener und gesprochener Sprache eingeht und in diesem Zusammenhang sowohl auf die Dependenz- als auch auf die Autonomiehypothese zu sprechen kommt. Im Abschnitt „Die deutsche Orthographie: Prinzipien der Verschriftung“ werden zunächst zentrale Begriffe der schriftlichen Repräsentationsebene voneinander abgegrenzt (wie ‚Buchstabe‘, ‚Graph‘ und ‚Graphem‘), bevor anschließend ein Inventar von Segmenten beigegeben wird, denen laut Karg eine bedeutungsunterscheidende Funktion zukommt. Das Grapheminventar deckt sich mit demjenigen, das auch Fuhrhop (2009) zugrunde legt. Dieser Passage folgt eine Auseinandersetzung mit den Elementen der lautlichen Ebene, wobei hier allerdings auf eine explizite Auflistung des Phonembestandes verzichtet wird. Welche bedeutungsunterscheidenden Einheiten für die lautliche Ebene anzunehmen sind, muss sich der Leser demnach selbst aus einem gegebenen Set von Phonem-Graphem-Zuordnungen (Tabellen 7–9) erschließen. Das ist allerdings nur bedingt möglich, wie sich am Beispiel /ts/→ <z> (S. 55) zeigt: Hier ist unklar, ob die Affrikate als ein Phonem gezählt wird. Schließlich lässt sich feststellen, dass beispielsweise Fuhrhop diese Korrespondenzbeziehung ansetzt (2009: 9), obgleich die Affrikate nicht als eigenständige bedeutungsunterscheidende Einheit im Phoneminventar erscheint (2009: 7). Für eine monophonematische Wertung von /ts/ spricht sich hingegen unter anderem Noack (2010: 42) aus. Um solche Unklarheiten zu beseitigen, wäre eine explizite Auflistung des angenommenen Phoneminventars unerlässlich. Die Elemente beider Repräsentationsebenen stehen sich in den Tabellen beinahe ausschließlich in einem 1:1-Verhältnis gegenüber. Eine Abweichung von diesem Schema lässt sich allerdings bei Diphthongen erkennen: Da den Diphthongen unmittelbar eine Beziehung zu mehreren Entitäten der schriftlichen Ebene zugebilligt wird, liegen hier also polyrelationale Korrespondenzverhältnisse zugrunde. Die aufgeführten Paarungen entsprechen in diesem Punkt jenen, die Nerius (2007: 123) ansetzt. Ausgehend von der Feststellung, „dass es verfehlt wäre anzunehmen, man beherrsche die deutsche Orthographie, wenn man sich die Phonem-Graphem-Korrespondenzen einprägt“ (S. 56), leitet Karg eine Auseinandersetzung mit weiteren in der Orthographie wirksamen Verschriftungsprinzipien ein. Der inhaltlichen Charakterisierung der Prinzipien – so beispielsweise des silbischen, morphologischen und pragmatischen Prinzips – schließt sich ein Blick auf ihre Behandlung in der einschlägigen Forschungsliteratur an. Konkret werden unter anderem einige Werke von aktuellen Autoren, wie Noack oder Nerius, benannt und hinsichtlich der darin gegebenen Verarbeitung und Systematisierung von Prinzipien näher beleuchtet. Phänomene wie ‚Groß- und Kleinschreibung‘ werden nicht in separaten Passagen abgehandelt, sondern kapitelübergreifend aufgegriffen und in verschiedenen Kontexten thematisiert.

Das vierte Kapitel spricht unter der Überschrift „Orthographiedidaktik und Orthographieerwerb“ zahlreiche Aspekte rund um das Thema Schreibenlehren und -lernen an. Eingeleitet wird die Diskussion, indem die Verfasserin kurz die folgenden Verfahren zum Erwerb der Schriftsprache vorstellt: die Buchstabier-, die Lautier- und die Ganzwortmethode. Diesen Ausführungen folgt ein Abschnitt, in dem die Orthographiedidaktik aus historischer Perspektive betrachtet wird. Im Anschluss an diesen Exkurs rücken Modelle in den Fokus, die den Verlauf des Orthographieerwerbs beschreiben. Diesbezüglich stellt Karg fest, dass sich konkurrierende Konzepte vor allem in der Anzahl der angenommenen Erwerbsphasen voneinander unterscheiden. Näher dargestellt und inhaltlich skizziert sind in dieser Passage die logographische, die alphabetische und die orthographische Phase. Eine Erörterung der Frage, ob sich Erwerbsmodelle als Diagnoseinstrumente für die Fähigkeit von Lernenden eignen, schließt mit dem Fazit, dass ihnen hierfür lediglich eine begrenzte Tauglichkeit zuzusprechen sei. Eine bessere Eignung komme laut Karg Fehlertypologien zu, da auf der Grundlage der daraus gewonnenen Befunde gezielte Förderungen unternommen werden könnten. Beigegeben ist diesem Abschnitt eine spezifische Fehlertypologie, zu der die Autorin Überlegungen für eine mögliche Ergänzung anstellt. Kapitel 4 beschäftigt sich zudem mit dem Konzept Phonologische Bewusstheit, indem der Terminus erst erläutert und anschließend im Kontext von Förderprogrammen und Prognosen für eine spätere Rechtschreibkompetenz diskutiert wird. Darüber hinaus kommt die Verfasserin auf die von Jürgen Reichen entwickelte Methode „Lesen durch Schreiben“ (Reichen 1982) und später auch auf die Rolle des Diktats im Deutschunterricht zu sprechen. Das Kapitel schließt mit der Thematisierung von Möglichkeiten zur Förderung der Orthographiefähigkeit. Diese Passage ist angereichert mit zahlreichen Vorschlägen für eine unterrichtspraktische Umsetzung.

Nachdem die Orthographie des Deutschen vor unterschiedlichen Hintergründen thematisiert worden ist, findet in Kapitel 5 eine Hinwendung zu anderen Schriftsystemen und Orthographien statt. Im Fokus stehen die englische, die französische, die tschechische und die finnische Sprache, also solche Sprachen, die ebenfalls Gebrauch vom lateinischen Alphabet machen. Allerdings kommt die Autorin nur kurz auf die Verschriftungssysteme der genannten Sprachen zu sprechen, wobei zudem ein Vergleich mit dem Deutschen gänzlich ausbleibt. An dieser Stelle wäre meines Erachtens eine ausführlichere Darstellung der Verhältnisse wünschenswert. So findet beispielsweise die Auseinandersetzung mit der englischen Sprache, welcher schließlich im einschlägigen Diskurs nachgesagt wird, über ein besonders tiefes Schriftsystem zu verfügen, lediglich auf gut einer Seite statt. Zum Abschluss erörtert Karg, inwiefern die Idee von einem lebenslangen Lernen für den Aufbau der Rechtschreibkompetenz relevant ist.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Passagen zu den systematischen Aspekten der Orthographie hinter dem zurückbleiben, was sich in anderen Einführungen (so beispielsweise in Fuhrhop 2009) dazu findet. Die vorliegende Publikation bietet dennoch insgesamt einen guten Überblick zum Thema. Das Arbeitsheft ist adressatengerecht aufbereitet und kann daher allen denjenigen empfohlen werden, die mit der Vermittlung von Rechtschreibung befasst sind.

Literatur

Fuhrhop, Nanna. 2009. Orthografie. Heidelberg: Universitätsverlag Winter. Search in Google Scholar

Nerius, Dieter. 2007. Deutsche Orthographie. Hildesheim, Zürich, New York: Georg Olms. Search in Google Scholar

Noack, Christina. 2010. Phonologie. Heidelberg: Universitätsverlag Winter. Search in Google Scholar

Reichen, Jürgen. 1982. Lesen durch Schreiben. Zürich: Sabe. Search in Google Scholar

Online erschienen: 2016-9-12
Erschienen im Druck: 2016-12-1

© 2016, Miriam Balestra, published by de Gruyter

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