Andi Gredig

Dimitrios Meletis. 2015. Graphetik. Form und Materialität von Schrift. Glückstadt: Verlag Werner Hülsbusch. 225 S.

De Gruyter Mouton | 2016

Geschriebene Sprache ist ein materielles Phänomen: Um ein wie auch immer geartetes Schriftstück lesen zu können, muss man es zuerst wahrnehmen und die einzelnen Zeichen, aus denen es besteht, erkennen. Das ist so selbstverständlich, dass es „paradoxerweise eine lange Nicht-Behandlung von Schrift als Schrift zur Folge“ (Ehlich 2007: 723; zitiert auf S. 21) hatte. Während die – viel weniger offensichtliche – materielle Verfasstheit mündlicher Sprache durch die Phonetik untersucht und beschrieben wird, konnte sich die entsprechende Disziplin im schriftsprachlichen Bereich, die Graphetik, bis heute nicht etablieren.

Dies will Dimitrios Meletis mit seiner Monographie Graphetik. Form und Materialität von Schrift ändern. Er kann sich bei diesem Vorhaben auf eine Vielzahl von theoretischen und empirischen Untersuchungen aus unterschiedlichen Fachrichtungen stützen und es ist eine grosse Leistung des vorliegenden Buchs, dass es die verstreuten Überlegungen und Erkenntnisse zu materiellen Aspekten von Schrift zusammenträgt, ordnet und übersichtlich darstellt (Kap. 2). Darüber hinaus entwirft der Verfasser ein „skriptgraphetisches Modell des deutschen Schriftsystems“ (Kap. 3) und skizziert mit der „Perzeptionsgraphetik“ (Kap. 4) einen Teilbereich der Disziplin.

Zentrale Themen der Graphetik

Meletis’ Buch, bei dem es sich um die überarbeitete und erweiterte Fassung einer Masterarbeit handelt, ist die erste umfangreichere Auseinandersetzung mit der Graphetik. Das heisst aber nicht, dass sich vor ihm nicht schon andere Linguist*innen mit Fragestellungen dieser „Stiefkinddisziplin“ (S. 19) befasst hätten. Zu nennen ist hier beispielsweise Oliver Rezec, der 2009 ein optimiertes Modell des deutschen Schriftsystems vorgelegt hat, in dem neben Graphen, Graphemen und Phonemen auch die zwischen selbigen vermittelnden Grundformen und Phonemabbilder eine Rolle spielen (vgl. Rezec 2009). Das Modell beruht auf der Erkenntnis, dass nicht jedem Laut ein Buchstabe entspricht und ein und derselbe Buchstabe ganz unterschiedlich ausgestaltet sein kann. Die einem konkreten Schriftschnitt bzw. Font zugeordneten graphischen Varianten von Zeichen (Graphen) stellen die unterste Einheit in Rezecs Modell dar. Eine Beschreibungsebene für deren Bestandteile bzw. Segmente, d. h. für kleinere geometrische Formen, aus denen die Graphen zusammengesetzt sind, sieht er nicht vor und auch Meletis lehnt sie in seinem eigenen Modell (s. u.) ab – und dies, obwohl es einen erstaunlich breiten Forschungsdiskurs über die „Segmentierung von Schriftzeichen und [die] Aufdeckung distinktiver Merkmale“ (S. 50) gibt. In den zugehörigen Untersuchungen geht es u. a. darum, das Mysterium zu ergründen, weshalb „wir als Lesende die oftmals stark abweichenden Variationen [eines Graphen] trotzdem meistens noch kategorial zuordnen können“ (S. 46). Allerdings hat Susanne Wehde schon vor mehr als einem Jahrzehnt einen Schlussstrich unter diese Diskussion gezogen: „Die Frage, welche graphischen Merkmale eines Schriftzeichens es jeweils sind, die es als Exemplar eines Typus erkennen machen, läßt sich nicht empirisch oder wahrheitslogisch verifizieren“ (Wehde 2000: 74; zitiert auf S. 53). Viele Forscher*innen versuchen denn auch gar nicht, mit der systematischen Graph-Segmentierung den graphischen Kern eines Zeichens zu identifizieren. Ihnen geht es vielmehr um ein besseres Verständnis davon, wie Schriften entstanden sind und wie sie sich verändern, oder um Erkenntnisse darüber, ob und wie einzelne Graphen lautlich oder ikonisch motiviert sind. Meletis selbst sieht den möglichen Gewinn der Segmentierung vor allem im Bereich der „Signalgraphetik“ (s. u.): Wüsste man mehr über die Relevanz einzelner Graphsegmente, so argumentiert er, könnte man auch Wahrnehmungsprozesse beim Lesen besser verstehen und steuern.

Für das von Meletis im dritten Kapitel seiner Arbeit entworfene Modell spielen Segmentierungsversuche indes keine Rolle. In seiner eigenen Konzeption stützt er sich vielmehr auf Untersuchungen wie Graphische Elemente der geschriebenen Sprache von Peter Gallmann (1985), Reading, Grammar and the line von David Crystal (1979) oder Skripte – Konturen einer Konzeption von Otto Ludwig (2007). Gallmann geht in seiner Beschreibung der geschriebenen Sprache nicht nur auf unterschiedliche Arten von „Graphemen“ ein (Buchstaben, Ziffern, diakritische Zeichen), sondern vor allem auch auf typographische Variation, deren Mittel er als „Supragrapheme“ bezeichnet und in „linear“ (Unterstreichung, Schriftschnitte etc.) und „flächig“ (Umrandung, Zeile etc.) unterteilt (vgl. S. 79 ff. bei Meletis). Crystal korreliert graphische Einheiten, die er auf insgesamt 14 Ebenen ansiedelt, mit den sprachlichen Teilsystemen Phonology, Grammar und Semantics (vgl. S. 83ff.). Ludwig wiederum unterscheidet in seinem Artikel zwischen „mental-sprachlich definierten Texten und materiell-räumlich definierten Skripten“ (S. 90 bei Meletis) und spricht sich nachdrücklich dafür aus, diese als hierarchisch gleichgestellt zu betrachten.

Nach der Darstellung verschiedener sprachwissenschaftlich motivierter Untersuchungen zur Graphetik geht Meletis im letzten Teil seines Überblicks noch auf Studien aus der Typographie und der (Sprach-)Philosophie ein. Auch in diesen Bereichen wurden wesentliche, in der linguistischen Forschung bisher aber kaum rezipierte Beiträge geleistet. In den Arbeiten der Typograph*innen standen dabei die „Optimierung von Schriften für den Leseprozess“ und „die möglichen Funktionen typographischer Markierungen“ (S. 93) im Zentrum. Die Sprachphilosophie widmete und widmet sich hingegen der „Aufdeckung des bildlichen Charakters von Schrift“ (S. 104). Meletis macht im Abschnitt „Philosophische Fragestellungen“ (S. 103ff.) zu Recht auf die Arbeiten zur Schriftbildlichkeit aufmerksam, die in den letzten Jahren im Umfeld von Sybille Krämer entstanden sind. Er hätte dies noch etwas ausführlicher tun können – die aus den entsprechenden Studien hervorgegangenen Erkenntnisse sind für die theoretische Modellierung von Schrift ausserordentlich wichtig. Insbesondere die Untersuchungen aus dem Bereich der Diagrammatik könnten für weitere graphetische Arbeiten fruchtbar gemacht werden.

Entwurf eines skriptgraphetischen Modells

Aufbauend auf den vorgestellten Modellen, Methoden und Betrachtungsweisen von Schrift als materiellem Phänomen entwirft Meletis im dritten Kapitel seines Buches ein skriptgraphetisches Modell. Er ordnet darin den einzelnen graphetischen Einheiten (Graph, graphetisches Wort, Zeile, Textblock, Seite) Arten der Variation (segmental, linear, flächig, ganzheitlich) und „Ebenen, in die sie aufgrund ihrer Eigenschaften zusammengefasst werden können“ (S. 113; Mikro-, Meso-, Makro- und Paragraphetik) zu. Interessant ist vor allem das Kriterium, das Meletis seiner Einteilung zugrunde legt: das Leerstellenkriterium (S. 114). Es sei die Leerstelle, die visuelle Einheiten voneinander abgrenze und sie damit „diskret und als Einheiten verschiedener Größe sichtbar“ (ebd.) mache. Die Einheiten im Modell werden also sozusagen ex negativo über den sie umgebenden Weissraum definiert, was z. B. bei Textblöcken und überhaupt auf der Ebene der Makrographetik unmittelbar einleuchtet.

Ausgehend vom Leerstellen-Gedanken bespricht Meletis sukzessive die verschiedenen graphetischen Einheiten. Auf der Ebene der Mikrographetik argumentiert er dafür, auf eine Segmentierung von Graphen zu verzichten, da diese, abgesehen von Diakritika, optisch nicht von­einander abgegrenzt sind. Auf der Mesographetik-Ebene schlägt er vor, das „graphische Wort“ einzuführen, das allein durch die Leerzeichen, die es begrenzen, definiert ist. So können sprachlich nicht wohlgeformte Wörter wie „gröqx“ (S. 130), die ja trotz fehlender Bedeutung sichtbar sind und wahrgenommen werden, in seinem Modell erfasst werden. Ebenfalls zur Sprache kommt die Zeile, die in der Regel (Ausnahmen bilden diagrammatische Darstellungen, S. 136) weder semantisch noch grammatisch, sondern rein graphisch bzw. durch die Begrenzung des Schriftträgers motiviert ist.

Nach der systematischen Verbindung von Einheiten und Ebenen, in deren Beschreibung zwei sehr aufschlussreiche Exkurse zu nichtalphabetischen Schriftsystemen eingeflochten sind (S. 122 bzw. 125), kommt Meletis genauer auf verschiedene Arten von Variation zu sprechen (S. 144ff.). Er stützt sich hier wesentlich auf die Arbeiten von Jürgen Spitzmüller, der sich intensiv mit graphischer Variation als sozialer Praxis befasst hat (Spitzmüller 2013), und hebt hervor, dass sich zumindest aus soziolinguistischer Perspektive „gewisse graphische Varianten [...] als gleichwertig betrachten“ (S. 149) lassen. Variation ist also nicht als Abweichung von einem „graphetischen Default“ (ebd.) zu verstehen, sondern als Nebeneinander gleichwertiger graphischer Ausprägungen.

Das von Meletis vorgeschlagene Modell kann vor allem für die Analyse von prototypischen, in Druckschrift gefassten Texten verwendet werden. Ob es auch für Betrachtung etwas „exotischerer“ Textsorten fruchtbar gemacht werden kann, müsste an konkreten Beispielen untersucht werden.

Untersuchungen zur Wahrnehmung von Schrift

Während die bis hierhin vorgestellten Überlegungen der „Symbolgraphetik“ zuzuordnen sind, widmet sich Meletis im Kapitel „Perzeptionsgraphetik“ (Kap. 4) „psychologischen und psycholinguistischen Fragestellungen“, die „in den Bereich der naturwissenschaftlichen Signalgraphetik“ (S. 153) fallen. In der von Günther (1990) eingeführten Unterscheidung zwischen Symbol- und Signalgraphetik wird davon ausgegangen, dass Graphen unabhängig von ihrem Status als Zeichenexemplar als optisches Signal beschrieben und untersucht werden können. Es existiert eine ganze Reihe von Studien, die sich mit der Wahrnehmung von Buchstaben und Wörtern befassen und dabei deren Zeichenhaftigkeit ausblenden. Entsprechend geht es der „Perzeptionsgraphetik“ zwar um das Lesen, nicht aber um das Erfassen von Inhalten. Untersucht wird vielmehr das Erkennen der Oberfläche. Aus sprachwissenschaftlicher Sicht muten die Versuchsanordnungen und Ergebnisse der vorgestellten Studien oft etwas seltsam an, zumal die Annahme, dass Schriftzeichen unabhängig von ihrer semiotischen Qualität und ohne inhaltliche Erwartungen von den Leser*innen erfasst werden, zumindest bezweifelt werden darf. Meletis hält denn auch fest, dass sich „über den Erkennungsprozess von Schrift (besser gesagt Buchstaben)“ „ein recht homogenes (aber zugleich simplifiziertes) Bild“ (S. 162, Hervorhebung AG) herauskristallisiert habe.

Insgesamt leistet Meletis mit seiner Arbeit einen wichtigen Beitrag zur schriftlinguistischen Forschung – und zwar nicht nur dadurch, dass er Überlegungen zur Materialität von Schrift aus verschiedenen Forschungsgebieten zusammenträgt und ordnet, sondern auch hinsichtlich seines eigenen skriptgraphetischen Modells. Ob sich dieses bei der Untersuchung konkreter Textexemplare bewährt und inwiefern mit ihm z. B. auch Handschriftliches erfasst werden kann, bleibt abzuwarten. Zur Etablierung der Graphetik als „relevante Forschungsdomäne“ (S. 191) trägt Meletis’ Buch auf jeden Fall bei.

Literatur

Ehlich, Konrad. 2007. Sprache und sprachliches Handeln. Berlin, New York: De Gruyter. Search in Google Scholar

Günther, Hartmut. 1990. Typographie, Orthographie, Graphetik. Überlegungen zu einem Buch von Otl Aicher. In: Christian Stetter (Hg.). Zu einer Theorie der Orthographie. Interdisziplinäre Aspekte gegenwärtiger Schrift- und Orthographieforschung (Reihe Germanistische Linguistik 99). Tübingen: Max Niemeyer. 90–103. Search in Google Scholar

Rezec, Oliver. 2009. Zur Struktur des deutschen Schriftsystems. LMU München, Dissertation. Online abrufbar unter: http://edoc.ub.uni-muenchen.de/10730/1/Rezec_Oliver.pdf; Zugriff am: 05.09.2016. Search in Google Scholar

Spitzmüller, Jürgen. 2013. Graphische Variation als soziale Praxis. Eine soziolinguistische Theorie skripturaler ‚Sichtbarkeit‘ (Linguistik – Impulse & Tendenzen 56). Berlin, New York: De Gruyter. Search in Google Scholar

Wehde, Susanne. 2000. Typographische Kultur. Eine zeichentheoretische und kulturgeschichtliche Studie zur Typographie und ihrer Entwicklung (Studien und Texte zur Sozialgeschichte der Literatur 69). Tübingen: Max Niemeyer. Search in Google Scholar