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BY-NC-ND 3.0 license Open Access Published by De Gruyter October 14, 2016

Tilo Reißig. 2015. Typographie und Grammatik. Untersuchung zum Verhältnis von Syntax und Raum (Stauffenburg Linguistik 84). Tübingen: Stauffenburg. 187 S.

Dimitrios Meletis

Rezensierte Publikation:

Tilo Reißig. 2015. Typographie und Grammatik. Untersuchung zum Verhältnis von Syntax und Raum (Stauffenburg Linguistik 84). Tübingen: Stauffenburg. 187 S.


Im Zentrum dieser Dissertation steht die Untersuchung des Zusammenhangs zwischen visuell-räumlichen Eigenschaften von Schrift und grammatischen Besonderheiten von Texten. Unter Zuhilfenahme des typographischen Merkmals kontinuierlich wird zwischen textmodalen Texten (Fließtext) und listenmodalen Texten (Listen, Tabellen, Mindmaps, Pools) unterschieden, wobei der Fokus der Untersuchung auf der Herausarbeitung der graphischen sowie grammatischen Spezifik des Listenmodus liegt. Der Autor weist bereits im Vorwort darauf hin, dass „bislang keine derartige Beschreibung vorliegt“ (S. 9). Zwar wurden – wie in Kapitel 1.4 „Stand der Forschung“ und v. a. Kapitel 3 „Schrift und Raum“ referiert wird – graphische Oberflächen bereits mancherorts beschrieben, doch blieben die räumliche Anordnung ihrer Konstituenten sowie deren Auswirkungen auf die Grammatik zumeist unbeachtet. Die Arbeit ist mit ihrem Bestreben, diese Forschungslücke zu schließen, an der Schriftlinguistik-Syntax-Schnittstelle verortet und stellt insofern (mit Ausnahme einiger Untersuchungen zur Interpunktion) ein Novum dar. Als mögliche AdressatInnen werden neben LinguistInnen besonders auch SprachdidaktikerInnen und (angehende) LehrerInnen angesprochen, da es dem Autor ein Anliegen ist, die im Rahmen der Arbeit gewonnenen Erkenntnisse für didaktische Zwecke verfügbar zu machen (vgl. das zehnte Kapitel, s. u.).

In der konzisen Einleitung wird zunächst darauf hingewiesen, dass der im Titel der Arbeit vorkommende Terminus Typographie „entgegen der traditionellen Verwendung nicht im Sinne eines Handwerks der Schriftgestaltung verwendet, sondern vielmehr als räumliche Anordnung der Schriftzeichen verstanden und eigens definiert [wird]“ (S. 13). Es ist dieser enge und bisher so nicht vertretene Typographiebegriff, der die grundsätzliche Frage aufkommen lässt, ob nicht die Verwendung eines anderen, weniger vorbelasteten Terminus auch für die zukünftige Einbettung von Reißigs Erkenntnissen in einen globaleren schriftlinguistisch-theoretischen Rahmen zielführender gewesen wäre (s. u.).

Nachdem der Autor in aller Kürze die kernschriftlinguistische Debatte um die Autonomie vs. Dependenz der geschriebenen von der oft als primär betrachteten gesprochenen Sprache thematisiert hat, werden die zentralen Fragestellungen der Arbeit anschaulich präsentiert und es wird darauf hingewiesen, dass die Präzisierung und Systematisierung der in Bredels (2008) Interpunktionstheorie explizierten Differenzierung zwischen Text- und Listenmodus Hauptanliegen der Arbeit sei.

Das zweite Kapitel („Grundlagen der Analyse“) dient insofern als Fortsetzung der Einleitung, als darin konzeptionelle Vorarbeiten (in erster Linie die notwendige Unterscheidung zwischen kategorialen und relationalen Begriffen) geleistet werden und aus der Fülle an koexistenten linguistischen (und nicht-linguistischen) Textbegriffen eine enge Lesart ausgewählt wird, die Text als „schriftlich fixierte sprachliche Einheit, die als sinnvolle kommunikative Handlung rezipiert wird oder intendiert ist“ (S. 32) interpretiert. Dies ist eine Definition, die dem Autor gleichzeitig als (evtl. etwas verkürzte) Rechtfertigung dient, Graphiken und Bilder von der Analyse auszuschließen. Schließlich wird das typographische Merkmal kontinuierlich genauer charakterisiert: Die hier im Fokus stehenden listenmodalen Texte werden dadurch gekennzeichnet, dass in ihnen schriftliche Einheiten nicht in einer beliebig langen Kette linear und kontinuierlich aneinander gereiht werden können, was dagegen für textmodale Texte charakteristisch ist.

In Kapitel 3 („Schrift und Raum“) wird zunächst die Problematik bisheriger Beschreibungen der graphischen Mittel des deutschen Schriftsystems aufgezeigt.[1] Im Anschluss daran stellt der Autor seine eigene Unterteilung der schriftlichen Mittel in mediale, graphische und typographische Mittel vor. Während mit Ersteren die Schreibfläche sowie Schreibinstrumente gemeint sind, sind graphische Mittel „unmittelbar, d. h. unabhängig von der Umgebung, in der sie stehen, optisch wahrnehmbar“ (S. 43), was bspw. für Buchstaben und Interpunktionszeichen gilt. Dagegen sind typographische Mittel „mittelbar, d. h. in Abhängigkeit von graphischen Mitteln, optisch wahrnehmbar“ (S. 51), was auf Spatium, Zeilenumbruch, Einrückung, Zeilenabstand, Laufweite, Sperrung und Stege zutrifft (vgl. S. 52).

Obwohl Reißig an dieser Stelle verschiedene Verwendungsweisen des Begriffs Typographie anführt und darauf hinweist, dass die räumliche Anordnung schriftlicher Einheiten in einem Großteil von ihnen eine gewisse Rolle spielt, macht die Benennung der räumlich-relational definierten graphischen Mittel als typographische seinen Ansatz terminologisch inkompatibel für andere Arbeiten, in denen ein weiterer Typographiebegriff vertreten wird. Zudem scheint es terminologisch kontraintuitiv, von typographischen Mitteln zu sprechen, da bspw. v. a. Listen (aber auch Mindmaps) oft handschriftlich, also chirographisch produziert werden. Das im Hinblick auf die Produktion konnotierte Element typo- wird auf diese Weise desemantisiert bzw. umgedeutet, vermutlich weil es sich um eine Analyse aus rezeptiver Perspektive handelt. Andere Kategorien wie Schriftart, Schriftlage, Schriftgröße, die traditionell als typographisch bezeichnet werden, rechnet der Autor hingegen den graphischen Mitteln zu. Ein anderer, evtl. neuer Terminus wäre aus diesen Gründen vermutlich geeigneter gewesen, um auf all jene Phänomene zu referieren, die Reißig unter dem Begriff Typographie subsumiert. In Anbetracht der ohnehin bemerkenswerten Menge neu eingeführter Termini wäre dies kaum mehr ins Gewicht gefallen.

Kapitel 3 legt zwar lediglich den Grundstein für die eigentliche Analyse, doch sind Reißigs Vorschläge zur Aufteilung der Schreibfläche bzw. – seiner Terminologie folgend – der Kartographie des medialen Grunds derart stimmig, dass sie mit Sicherheit auch für zukünftige schrifttheoretische Untersuchungen fruchtbar gemacht werden können. Hier macht sich auch der transdisziplinär-schriftlinguistische Charakter der Arbeit bemerkbar: Ein ursprünglich aus der Typographie stammendes Konzept – das sogenannte Rastersystem – wird für linguistische Zwecke operationalisiert. Dass eine Liste, in der einzelne Elemente nicht durch Aufzählungszeichen gekennzeichnet sind, bspw. nur dann von Fließtext unterschieden werden kann, wenn sie nicht die gesamte Breite einer gegebenen Seite ausfüllt,[2] mag auf den ersten Blick trivial erscheinen, doch wurde dies im Rahmen sprachwissenschaftlicher Untersuchungen bisher noch nicht auf diese Weise formuliert.

Die Einteilung des Satzspiegels in drei Spaltenräume (links – Mitte – rechts) mithilfe von Linien erlaubt eine Beschreibung der visuellen Struktur von Texten, die im vierten Kapitel („Oberflächenstruktur“) thematisiert wird. In diesem Kapitel werden die typographischen Dispositive – nach Wehde (2000: 119) definiert als „makrotypographische Kompositionsschemata, die als syntagmatische gestalthafte >Superzeichen< jeweils Textsorten konnotieren“ – von Tabellen, Listen, Mindmaps und Pools präsentiert, die wesentlich an die Kartographie der Schreibfläche sowie typographische Mittel gebunden sind. Außerdem werden die graphischen Mittel listenmodaler Texte behandelt, zu denen Umrandungen (charakteristisch für Pools), Aufzählungszeichen (in Listen), Rasterflächen (in Tabellen) und Äste (in Mindmaps) zählen.

Kapitel 5 („Bestandteile von Texten“) behandelt zunächst den Status von Überschriften und Titeln. Überschrift bezeichnet eine Kategorie, die alle sprachlichen Einheiten umfasst, „die typographisch und grafisch[3] vom Ko-Text, auf den sie sich beziehen, abgegrenzt werden und von ihrer Position her fest sind, d. h., sie stehen immer über dem Ko-Text“ (S. 90, Herv. im Orig.). Anschließend wird der linguistische Kopfbegriff für die Formulierung unterschiedlicher Konzepte instrumentalisiert: Die textmodalen Köpfe (wie bspw. Schlagzeilen) sind räumlich über dem Fließtext positioniert und gliedern diesen bzw. geben seine Thematik vor; die im Listenmodus auftretenden kartographischen Köpfe selegieren Komplemente und bestimmen deren räumliche Anordnung.

In Kapitel 6 („Funktionsweisen kartographischer Köpfe“) werden die funktionalen Unterschiede von nominalen, verbalen und präpositionalen kartographischen Köpfen veranschaulicht, wobei dies zum Großteil am Beispiel von Listenköpfen geschieht. Im Gegensatz zu Listen werden Mindmaps und Pools als ‚kopflos‘ klassifiziert, während Tabellen aufgrund des Vorhandenseins einer Kopfzeile und einer Kopfspalte zweiköpfig sind (vgl. S. 112). So wird herausgearbeitet, dass neben semantischen Restriktionen (bspw. kann „Werkzeuge“ nicht die Überschrift der Liste „Eier, Milch, Zange“ sein, vgl. S. 98) auch grammatische Restriktionen greifen. So werden die adjektivischen Komplementausdrücke unter dem nominalen Kopf Banane nicht flektiert; statt *krumme, *gelbe, *süße heißt es krumm, gelb, süß, um nur ein Beispiel zu nennen (vgl. S. 102). Die jeweiligen Restriktionen variieren je nach Wortartenzugehörigkeit des kartographischen Kopfes, wobei nominale Köpfe den listenmodalen Default darstellen.

Das kurz gehaltene siebte Kapitel („Topologie listenmodaler Texte“) dient zur Verdeutlichung der Tatsache, dass listenmodale Texte nicht ohne weiteres in ein topologisches Modell übertragen werden können. In ihnen ist „die Topologie auf der Oberflächenstruktur bereits vorhanden“ (S. 128) und topologische Modelle der beschriebenen Art sind auf Texte mit dem Merkmal [+kont], d. h. auf Fließtexte, ausgelegt.

Kapitel 8 („Subordination und Koordination“) widmet sich auf Basis von Koordinations- und Subordinationsverhältnissen einem tiefergehenden strukturellen Vergleich text- und listenmodaler Texte. Hierfür wird versucht, Listen und Tabellen „auszuformulieren“ und in Fließtextform zu bringen. Die daraus resultierenden Paraphrasierungen zeigen, dass die Aneinanderreihung von Listenkomplementen additiv ist; während im Textmodus Interpunktionszeichen (Komma, Semikolon) oder Konjunktionen (allen voran und) notwendig sind, „sind [Listenkomplemente] weder syndetisch noch asyndetisch, da es kein Äquivalent zu Konjunktionen oder Kommas in Listen gibt“ (S. 146). In Tabellen herrscht eine nicht-additive kombinatorische Struktur; die Zellenkomplemente können in ihren Positionen nicht vertauscht werden, ohne dass sie ihre Bedeutungen/Funktionen, die ihnen gleichzeitig vertikal und horizontal zugewiesen werden, verlieren.

In Kapitel 9 („Artikel und Artikelfunktion im Listenmodus“) wird gezeigt, dass die Realisierung der Artikel der und ein im Listenmodus nicht mit kognitiv-diskursiven Faktoren wie dem Aktivierungsgrad und der Spezifizität eines Referenten oder einer genusmarkierenden Funktion der Artikel zusammenhängt, sondern vielmehr mit der Kennzeichnung der Kategorie Kasus. So scheint der Nominativ den listenmodalen Defaultkasus darzustellen; in Listen mit verbalem Kopf kann optional auch der Akkusativ über den Artikel realisiert werden („Wir stellen ein: einen Maschinenschlosser, einen Koch, eine Reinigungskraft“, S. 160). Verlangen Verben wie gedenken oder helfen im kartographischen Kopf den Genitiv oder den Dativ, so müssen diese in den Komplementen auch realisiert werden (vgl. Ich helfe: dem Gärtner, dem Nachbarn, nicht: Ich helfe: *Gärtner, *Nachbar).

Bevor eine prägnante Zusammenfassung das Buch abschließt, bietet Kapitel 10 einen Exkurs in die Didaktik der Typographie. Zunächst wird die unsystematische und in vielen Fällen schlicht falsche Verwendung v. a. von Tabellen in Schulbüchern thematisiert, bevor der Autor Desiderata formuliert. So sollten didaktische Werke – nicht nur im Deutschunterricht – (schrift)linguistisch fundiert gestaltet sein, da nur dies gewährleistet, dass SchülerInnen den richtigen Gebrauch des Listenmodus rezipieren und verstehen können. Gleichzeitig sollte auch die Produktion listenmodaler Texte auf dem Lehrplan stehen. Tabellen und Listen werden dabei als primäre und didaktisch relevantere Textarten des Listenmodus verstanden, da sie in Bezug auf ihre interne Struktur komplexer sind als Mindmaps und Pools.

Insgesamt besticht Reißigs Arbeit durch eine schlüssige Argumentation, die einmal mehr unterstreicht, dass die schriftliche Ausdrucksform der Sprache nicht nur eine von der gesprochenen Sprache unabhängige Untersuchung rechtfertigt, sondern auch über zahlreiche Ressourcen verfügt, die jeglicher lautsprachlicher Äquivalente entbehren. Dies verdeutlichen der Listenmodus sowie die (von ihm so bezeichneten) ‚typographischen‘ Mittel. Neben der Herausarbeitung neuer Methoden der graphischen Beschreibung von Schriftprodukten trägt die umfassende Analyse der grammatischen Besonderheiten v. a. von Listen und Tabellen zu einem besseren Verständnis verschiedener Textarten bei. Die Monographie reiht sich damit in einen noch überschaubaren Kanon (primär) schriftlinguistischer Werke ein und wird mit Sicherheit als Ausgangspunkt für weitere solche Untersuchungen dienen. Zudem macht der aufgezeigte Zusammenhang zwischen schriftlicher Form und Grammatik deutlich, dass in der Linguistik teilweise immer noch als peripher angesehene Aspekte der Schrift auch in nicht-schriftlinguistischen Arbeiten stärker berücksichtigt werden sollten.

Literatur

Althaus, Hans Peter. 1973. Graphetik. In: Hans Peter Althaus & Helmut Henne & Herbert E. Wiegand (Hg.). Lexikon der germanistischen Linguistik. Tübingen: Max Niemeyer, 105–118.Search in Google Scholar

Bredel, Ursula. 2008. Die Interpunktion des Deutschen. Ein kompositionelles System zur Online-Steuerung des Lesens. Tübingen: Max Niemeyer.Search in Google Scholar

Reißig, Tilo & Tobias Bernasconi. 2015. Das Lesen typographischer Dispositive. In: Iris Rautenberg & Tilo Reißig (Hg.). Lesen und Lesedidaktik aus linguistischer Perspektive. Frankfurt a. M.: Peter Lang, 217–241.Search in Google Scholar

Wehde, Susanne. 2000. Typographische Kultur. Eine zeichentheoretische und kulturgeschichtliche Studie zur Typographie und ihrer Entwicklung. Tübingen: Max Niemeyer.10.1515/9783110945799Search in Google Scholar

Online erschienen: 2016-10-14
Erschienen im Druck: 2016-12-1

© 2016 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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