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BY-NC-ND 3.0 license Open Access Published by De Gruyter June 9, 2016

Katrin Hein. 2015. Phrasenkomposita im Deutschen. Empirische Untersuchung und konstruktionsgrammatische Modellierung (Studien zur deutschen Sprache 67). Tübingen: Narr Francke Attempto Verlag. 510 S.

Barbara Schlücker

Rezensierte Publikation:

Katrin Hein. 2015. Phrasenkomposita im Deutschen. Empirische Untersuchung und konstruktionsgrammatische Modellierung (Studien zur deutschen Sprache 67). Tübingen: Narr Francke Attempto Verlag. 510 S.


Mit ihrer Dissertation hat Katrin Hein die erste umfassende Monographie zur nominalen Komposition mit phrasaler Erstkonstituente im Deutschen vorgelegt. Ob die Behauptung, dass die Komposition mit Phrasen in der Wortbildungsliteratur als marginaler Wortbildungstyp stigmatisiert oder sogar ignoriert wird, im Jahr 2015 noch aufrechtzuerhalten ist, mag angesichts ihrer Berücksichtigung in aktuellen Wortbildungsüberblicken (u. a. Ortner & Müller-Bollhagen 1991; Motsch 2004; Donalies 2005; Fleischer & Barz 2012) dahingestellt sein – deutlich ist jedoch, dass dieser Typ in der Forschungsliteratur insgesamt im Vergleich zu anderen Kompositionstypen, insbesondere der N+N-Komposition, wenig Aufmerksamkeit erhalten hat. Zwei Gründe liegen hierfür auf der Hand: Zum einen sind Phrasenkomposita vergleichsweise selten. So haben beispielsweise substantivische Phrasenkomposita in dem der Studie von Ortner & Müller-Bollhagen (1991) zugrunde liegenden Korpus nur einen Anteil von 3,1 %, im Vergleich zu 77,9 % N+N-Komposita. Andererseits unterscheiden sie sich damit in ihrer Vorkommenshäufigkeit nicht erheblich von V+N-Komposita mit 6,5 % oder A+N-Komposita mit 4,6 %, die dennoch in der Literatur weitaus stärker berücksichtigt worden sind. Es ist deshalb naheliegend anzunehmen, dass als zweiter Grund der grammatische Status dieser Bildungen eine wichtige Rolle spielt. Anders als bei allen anderen Kompositionstypen dienen bei Phrasenkomposita nicht morphologische, sondern – in Bezug auf die Erstkonstituente – syntaktische Strukturen als Input. Phrasenkomposita werden daher mitunter auch als Schnittstellen- oder Übergangsphänomene bezeichnet. Entsprechend steht dieser Aspekt in vielen Arbeiten zu Phrasenkomposita, nicht nur zum Deutschen, im Mittelpunkt des Interesses.

Vor diesem Hintergrund ist nun Ziel der Arbeit von Katrin Hein erstens eine fundierte theoretische Beschreibung der Phrasenkomposition, für die als theoretischer Rahmen die Konstruktionsgrammatik gewählt wird, und zweitens eine umfassende empirische Untersuchung, bei der die theoretischen Annahmen auf der Basis von Korpusdaten überprüft, expliziert und weiter ausgebaut werden. Dementsprechend gliedert sich die Arbeit in einen theoretischen und einen empirischen Teil. Im theoretischen Teil werden neben den einschlägigen Arbeiten zum Deutschen (hier sind u. a. Wiese 1996; Neef 1996; Meibauer 2003; Lawrenz 2006 zu nennen) auch Arbeiten zum Englischen aufgeführt. Im nächsten Abschnitt wird die grundsätzliche Einordnung von Phrasenkomposita als genuine Komposita durch den Vergleich mit ‚prototypischen‘ Komposita, d. h. substantivischen und adjektivischen Determinativkomposita, überprüft und bestätigt. Daran anschließend werden drei theoretische Richtungen vorgestellt (lineare, syntaktische, gemischte Modelle), in die sich die bestehenden Studien zu Phrasenkomposita einordnen lassen. Im Zentrum stehen dabei diejenigen Aspekte der verschiedenen Theorien, die sich auf die Interaktion von Syntax und Morphologie beziehen. So stellt die Analyse von Phrasenkomposita insbesondere für modulare, strikt lineare Grammatikmodelle ein Problem dar. Im Anschluss wird die Konstruktionsgrammatik mit ihren verschiedenen Strömungen und grundlegenden Annahmen eingeführt. Im letzten Abschnitt des Theorieteils wird eine allgemeine konstruktionsgrammatische Analyse von Phrasenkomposita vorgeschlagen. Dabei legt die Verfasserin einen gebrauchsbasierten Konstruktionsbegriff zugrunde, der sich maßgeblich auf die Frequenz als zentrales Kriterium stützt, nachdem sie diesen mit dem ‚klassischen‘ Konstruktionsbegriff (mit der Nicht-Kompositionalität als zentralem Kriterium) verglichen hat.

Der zweite Teil präsentiert die Ergebnisse einer Korpusstudie im DeReKo-Korpus. Nach der Beschreibung der Extraktionsmethode und der erhobenen Daten werden die zu untersuchenden Kategorien der Analyse eingeführt. Es werden vier große Kategorien von Phrasenkomposita zugrunde gelegt, die durch die Art der jeweiligen Zweitkonstituente bestimmt sind: Phrasenkomposita mit simplizischem Zweitglied, mit de­adjektivischem Zweitglied, mit desubstantivischem Zweitglied und mit deverbalem Zweitglied. Auf der Basis von vorab für jede Gruppe ausgewählten Zweitgliedern werden insgesamt 1.576 Types aus dem Korpus extrahiert und hinsichtlich ihrer semantischen, pragmatischen und formalen Eigenschaften (d. h. Phrasentyp) analysiert. Auf dieser Basis werden spezifische Konstruktionsschemata erstellt, die an die allgemeinen Schemata des theoretischen Teils anschließen. Den letzten Teil bildet eine Zusammenfassung und Generalisierung über die Modellierungen der vier Gruppen, in der die dominierenden Form- und Bedeutungstypen und ihre Verknüpfung diskutiert werden, und in einer umfassenden hierarchischen Konstruktionstaxonomie, einem ‚Konstruktikon‘, zusammengeführt werden. Schließlich werden auch die Fragen der Produktivität des Wortbildungsmusters und seine spezifischen Verwendungskontexte (Medium, Register, Domäne) diskutiert.

Mit der Analyse von 1.576 Types (aus einer Gesamtmenge von 1.182.720 Tokens) hat die Verfasserin ihre Untersuchung auf eine breite empirische Basis gestellt. Die Modellierung der von ihr vorgeschlagenen Konstruktionssubschemata ergibt sich datengeleitet durch einen Bottom-Up-Prozess und unterscheidet sich damit von anderen Studien. Innerhalb jeder der vier genannten, durch die Art des Zweitglieds bestimmten Gruppen werden semantische Untergruppen herausgearbeitet, die durch die Relation zwischen Erst- und Zweitglied bestimmt sind und sich an gängige Vorschläge zur Semantik von Determinativkomposita anlehnen (z. B. lokal, temporal, Thema). Diese semantisch bestimmten Subschemata werden wiederum formal in Hinblick auf die vorkommenden Phrasentypen weiter spezifiziert, wobei hier nicht nur zwischen NP, VP (bei Hein: „Verbalkomplex“ bzw. „Verbalgruppe“, S. 198), AP, Satz etc. unterschieden wird, sondern für jede dieser Gruppen weitere Untergruppen zugrunde gelegt werden (zehn allein bei der NP, z. B. „NP erweitert durch NP im Genitiv“, „NP erweitert durch Adjektiv“ etc., S. 192). Insgesamt liefert die Analyse einen hervorragenden, detaillierten Überblick über die Muster der Phrasenkomposition im Deutschen. Dabei wird nicht nur gezeigt, welche semantischen und formalen Konstruktionstypen in Bezug auf die Häufigkeit ihres Vorkommens dominieren, sondern auch, wie diese Dominanzmuster miteinander korrelieren.

Allerdings hätte die Verfasserin zum Erreichen dieses Ziels noch konsequenter vorgehen können: Dass die Auswahl der im Detail zu analysierenden Komposita anhand der Zweitkonstituente erfolgt, liegt in Anbetracht ihrer Funktion als semantischer und grammatischer Kopf auf der Hand. Unklar ist jedoch, weshalb der Auswahlprozess nicht auf Basis der Frequenz der Zweitglieder erfolgt (d. h. eine Analyse der häufigsten Zweitglieder im Korpus), insbesondere, da der Arbeit ausdrücklich ein gebrauchsbasierter und damit frequenzkorrelierter Konstruktionsbegriff zugrunde liegt. Stattdessen erfolgt die Auswahl anhand vorab nach verschiedenen Kriterien semantischer und formaler Art ausgewählter Lexeme, wobei die Verfasserin selbst anmerkt, dass die Auswahl sicherlich auch subjektiv geprägt sei, z. B. durch vorhandene Intuitionen darüber, welche Zweitglieder interessant und relevant sein könnten (vgl. S. 184). Durch diese Vorauswahl geht die Information verloren, welche Zweitglieder tatsächlich bevorzugt für die Bildung von Phrasenkomposita gebraucht werden. Dies zeigt sich auch in dem Problem, dass für einige der ursprünglich ausgewählten Lexeme offensichtlich keine oder nicht ausreichend viele Belege gefunden werden konnten, was wiederum dazu geführt hat, dass nicht alle semantischen Typen von Substantiven gleichermaßen berücksichtigt werden konnten (vgl. S. 186). Insofern muss auch die Annahme, dass die 1.576 Types Phrasenkomposita des Untersuchungskorpus als eine hinreichend repräsentative Auswahl aus dem potentiellen Spektrum substantivischer PKs gelten können (S. 487), kritisch betrachtet werden.

Das große Verdienst der Arbeit ist, wie angemerkt, die sorgfältige und detaillierte Herausarbeitung der unterschiedlichen Konstruktionstypen. Durch ihren Schnittstellencharakter stellen die Phrasenkomposita einen Phänomenbereich dar, der als Prüfstein für die grammatische Theoriebildung angesehen und aus bekannten Gründen als Evidenz für konstruktionsgrammatische Ansätze betrachtet werden kann. Allerdings ist die Auseinandersetzung mit den verschiedenen theoretischen Richtungen vergleichsweise kurz geraten: Zum einen werden die Probleme der verschiedenen bestehenden Analysen recht knapp dargestellt. Zum anderen hätte man sich im Rahmen einer so umfangreichen Darstellung eine detailliertere Auseinandersetzung mit der grundlegenden konstruktionsgrammatischen Modellierung gewünscht (d. h. auf der abstraktesten Ebene). Dass in einem nicht-modularen, nicht-linearen System eine wechselseitige Interaktion morphologischer und syntaktischer Strukturen grundsätzlich möglich ist, ist unbestritten. Hier hätte sich aber durch eine weitergehende Auseinandersetzung mit der Frage nach dem konkreten Zusammenspiel der syntaktischen und morphologischen Einheiten in der Strukturbildung (statt ihrer bloßen Postulierung) ein Mehrwert für die Theoriebildung ergeben können, auch in Bezug auf mögliche Beschränkungen oder Unterschiede, z. B. zwischen Bildungen mit lexikalisierten und mit nicht-lexikalisierten Phrasen. In diesem Zusammenhang verwundert auch, dass Booijs (2010) Construction Morphology als einzige umfassende, dezidiert morphologische konstruktionsgrammatische Theorie zwar wiederholt kurz erwähnt wird, im Übersichtskapitel zur Konstruktionsgrammatik jedoch keine Berücksichtigung findet, während dort verschiedene Strömungen der Konstruktionsgrammatik vergleichsweise ausführlich besprochen werden, die z. T. jedoch im Weiteren keine Rolle mehr spielen, wie beispielsweise Crofts (2001) Radical Construction Grammar.

Auch fehlen an einigen Stellen Begründungen für bestimmte Annahmen, die durchaus grundlegend für die Analyse bzw. die Datenauswahl sind. So wird zur Beschränkung der Datenbasis auf Pressetexte lediglich angemerkt, dass „man davon ausgehen kann, dass es sich bei der Phrasenkomposition vor allem um ein Phänomen der Pressesprache handelt“ (S. 168); als Begründung wird auf eine Auswertung von Pressetexten in einer früheren Arbeit der Verfasserin verwiesen, was aber freilich nichts über das Vorkommen in anderen Textsorten aussagt.

In stilistischer Hinsicht wäre schließlich eine gewisse Straffung wünschenswert, da umständliche Einleitungen („nun kann dazu übergegangen werden, zu zeigen, inwiefern [...]“, S. 122) und lange Zusammenfassungen von unmittelbar vorangehenden kurzen Abschnitten das Lesevergnügen mitunter schmälern. Auch ist etwas unklar, welche Leserschaft die Verfasserin vor Augen hat, da mehrfach, z. T. durchaus umfangreich, Basisbegriffe der Sprachwissenschaft wie ‚Korpuslinguistik‘ oder ‚Valenz‘ eingeführt werden. Schließlich ist auch das Fehlen eines Sachregisters, das gerade bei einer so umfangreichen Arbeit sehr hilfreich wäre, bedauerlich.

Ungeachtet dieser Kritikpunkte bietet die Studie jedoch einen umfassenden, aktuellen Überblick zur Phrasenkomposition im Gegenwartsdeutschen und eine detaillierte konstruktionsgrammatische Modellierung, die auch durch die umfangreiche Datenpräsentation von großem Nutzen ist; alle 1.576 untersuchten Kompositumtypes stehen überdies auf der Verlagsseite (www.narr-shop.de/phrasenkomposita-im-deutschen.html) als elektronischer Anhang zur Verfügung und lassen sich dort alphabetisch und nach Frequenz ordnen.

Literatur

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Fleischer, Wolfgang & Irmhild Barz. 2012. Wortbildung der deutschen Gegenwartssprache. 4., völlig neu bearbeitete Auflage. Berlin, Boston: De Gruyter.10.1515/9783110256659Search in Google Scholar

Lawrenz, Birgit. 2006. Moderne deutsche Wortbildung: phrasale Wortbildung im Deutschen: linguistische Untersuchung und sprachdidaktische Behandlung. (Philologia 91). Hamburg: Kovač.Search in Google Scholar

Meibauer, Jörg. 2003. Phrasenkomposita zwischen Wortsyntax und Lexikon. Zeitschrift für Sprachwissenschaft 22, 153–188.Search in Google Scholar

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Neef, Martin. 1996. Wortdesign: eine deklarative Analyse der deutschen Verbflexion. (Studien Zur Deutschen Grammatik 52). Tübingen: Stauffenburg.Search in Google Scholar

Ortner, Lorelies & Elgin Müller-Bollhagen. 1991. Deutsche Wortbildung: Typen und Tendenzen in der Gegenwartssprache. Vierter Hauptteil: Substantivkomposita. Berlin, New York: De Gruyter.10.1515/9783110847628Search in Google Scholar

Wiese, Richard. 1996. Phrasal compounds and the theory of word syntax. Linguistic Inquiry 27, 183–193.Search in Google Scholar

Online erschienen: 2016-6-9
Erschienen im Druck: 2016-12-1

© 2016 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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