BY-NC-ND 3.0 license Open Access Published by De Gruyter November 30, 2016

Martin Pfeiffer. 2015. Selbstreparaturen im Deutschen. Syntaktische und interaktionale Analysen. (Linguistik – Impulse & Tendenzen 68). Berlin, Boston: De Gruyter. 433 S. Laura Di Venanzio. 2016. Die Syntax von Selbstreparaturen. Sprach- und erwerbsspezifische Reparaturorganisation im Deutschen und Spanischen. (Linguistik – Impulse & Tendenzen 67). Berlin, Boston: De Gruyter. 639 S.

Gisela Zifonun

Kurz nacheinander sind zwei jeweils auf Dissertationen zurückgehende Arbeiten zu „Selbstreparaturen“ als unmittelbar aufeinander folgende Bände derselben sprachwissenschaftlichen Publikationsreihe erschienen. Dies deutet auf ein besonderes Interesse an diesem Gegenstand hin, sei es empirischer, theoretischer oder methodischer Natur. Auf die empirische Bedeutung des Phänomens weist Pfeiffer gleich zu Beginn seiner Arbeit (S. 1) explizit hin, wenn er es als „zentralen Bestandteil der ‚Infrastruktur‘ [...] der sozialen Interaktion“ kennzeichnet und herausstellt, dass wohl jede Sprachgemeinschaft über ein „Reparatursystem“ verfüge. Ähnlich spricht auch Di Venanzio einleitend von einem „Phänomen der gesprochenen Sprache, das vermutlich von jedem Sprecher und in jeder Sprache wahrgenommen werden kann“ (S. 1). Der theoretisch-methodische Reiz der Thematik leitet sich aus der Tatsache her, dass neben psycholinguistischen Ansätzen zwei linguistische Teildisziplinen, die Interaktions- bzw. Gesprächsforschung und die Syntax(theorie), hierzu Forschungsergebnisse vorgelegt haben, aus denen sie zudem jeweils Evidenzen für bestimmte theorieimmanente Konzepte ableiten zu können glauben.

Die beiden Arbeiten haben eine unterschiedliche Schwerpunktsetzung: Während Pfeiffers Untersuchung monolingual und deskriptiv ausgerichtet und keiner spezifischen syntaktischen Theorie verpflichtet ist, ist Di Venanzios Studie bilingual und spracherwerbsbezogen, wobei ein Generatives Modell zugrunde liegt.

Der Aufgabe einer Doppelrezension zu den beiden Arbeiten versuche ich in folgender Weise gerecht zu werden: Ich werde zunächst beide Arbeiten einzeln in den Blick nehmen und erst in einem zweiten Schritt einen kurzen Vergleich anstellen. Insgesamt wird allerdings – mit Rücksicht auf meine fachliche Kompetenz – mein Hauptaugenmerk dem syntaktischen Aspekt in beiden Arbeiten gelten; interaktionslinguistische und spracherwerbs- oder mehrsprachigkeitsbezogene Aspekte müssen in den Hintergrund treten. Dabei ist auch darauf hinzuweisen, dass zu Pfeiffers Arbeit bereits eine stärker interaktionslinguistisch ausgerichtete Rezension vorliegt (vgl. Sichert 2016).

Die Arbeit von Martin Pfeiffer

Pfeiffers Arbeit ist in neun größere Kapitel gegliedert. Die Kapitel 1 bis 3 schaffen die Grundlagen, mit einführenden Ausführungen etwa zur Phänomendefinition, zu Fragestellung und Zielsetzung, mit einem kritischen Blick auf die bisherige Phänomenbehandlung in funktionaler, kognitiver und sprachstruktureller Perspektive sowie mit einer Darstellung der zugrundeliegenden Daten und des methodischen Vorgehens. Zielsetzung seiner Arbeit sei es, die Struktur von selbstinitiierten Selbstreparaturen – versus fremdinitiierten Selbst- oder Fremdreparaturen – „für das Deutsche erstmals umfassend zu beschreiben und zu erklären“ (S. 7). Dabei komme es ihm einerseits auf die syntaktische Gestaltung der „interaktionalen Aufgabe“ Selbstreparatur an. Dies betrifft folgende Aspekte: den Abbruchpunkt, den Retraktionspunkt, also die Stelle, bis zu der der Sprecher in der bereits produzierten Äußerung mit der Reparatur ggf. unter Wiederholung von Material zurückgeht, bzw. die Retraktionsspanne und ggf. die jeweils betroffenen syntaktischen „Projektionen“. Andererseits soll auch ein entsprechendes, interaktional-prozessuale und syntaktische Aspekte vereinigendes Erklärungsmodell erarbeitet werden. Als Fazit seiner knappen Darstellung der bisherigen Forschungsliteratur zum Thema stellt der Autor, der sich selbst der Interaktionalen Linguistik verpflichtet fühlt, fest, dass „insbesondere die Retraktion entscheidend durch die syntaktischen Ressourcen der jeweiligen Sprache beeinflusst ist“ (S. 27). Die vorliegende Arbeit aber gehe weiter, indem sie „die Gestaltung von Selbstreparaturen als Ergebnis des Zusammenspiels syntaktischer, aber auch anderer interaktionaler und kognitiver Faktoren betrachtet“ (ebd.).

Das Analysekorpus umfasst 2.574 Selbstreparaturen von 44 Sprechern aus ca. 24 Stunden spontansprachlicher Interaktion der Typen informelle, offene Interviews, psychotherapeutische Gespräche und Alltagsgespräche (S. 28). Die Teilkorpora entstammen drei verschiedenen, bereits zu anderen Zwecken erhobenen Datensammlungen. Es wurden quantitativ-qualitative Analysen anhand einer Audiodaten und Transkripte erfassenden moca-Datenbank auf der Grundlage von in Excel erfassten Datentypen und mittels einschlägiger Statistik-Software vorgenommen.

In den zentralen Kapiteln 5 bis 7 werden die einzelnen Analysebausteine entwickelt: die Typisierung der Reparanda, der Selbstreparaturoperationen sowie der Selbstreparaturstrukturen. Als Schlussstein fungiert die Klärung des Zusammenhangs von Reparaturstruktur und Reparandum. Das Reparandum – gemäß der Definition S. 41 ein „von einer Selbstreparatur bearbeitetes interaktionales oder kognitives Problem, das sich als Teil der Sprachstruktur manifestieren kann, aber nicht muss“ – kann eine „prospektive“, eine „retrospektive“ oder aber „Projektionsreparatur“ darstellen. Dabei sind Projektionsreparaturen nach Pfeiffers Aussage ein von ihm im Anschluss an entsprechende Konzepte innerhalb von Peter Auers „Online-Syntax“ neu definierter Typus: „Bei Projektionsreparaturen wird eine Konstituente bearbeitet, die durch ihr Projektionspotential den weiteren Verlauf des Redebeitrags stark vorstrukturiert“ (S. 48). Solche Reparaturen können sich auf das projizierte Nomen oder das projizierte Verb beziehen, wobei jeweils quasi im Vorgriff auf das eigentliche Reparandum entsprechende Funktionswörter, also Determinativ oder Hilfsverb, oder auch Verb-Ergänzungen als „sekundäre Reparanda“ zu ersetzen sind. Ein Beispiel für die Reparatur eines projizierten Nomens unter Korrektur des Artikels als sekundärem Reparandum zeigt der folgende Transkriptausschnitt (S. 85):

wir ham ja keinen Einfluss auf das* +hh auf die entSTEhung der gesetze.

Aufbauend auf der Klassifikation der Reparanda wird eine Reihe von Reparaturoperationen wie Substitution, Insertion und Tilgung unterschieden, die jeweils ohne oder mit einer Revision der projizierten syntaktischen Struktur erfolgen können.

Das umfangreiche Kapitel zu den Selbstreparaturstrukturen ordnet die empirischen Befunde deskriptiv nach weiteren strukturellen Merkmalen wie etwa dem Abbruchpunkt, der Reparaturinitiierung, dem Retraktionspunkt oder der Distribution von Wiederholungen und Reparanda nach Wortarten. Es seien hier nur zwei wichtige, syntaktische Beschränkungen betreffende Ergebnisse hervorgehoben, jeweils bezüglich des Abbruchpunkts und des Retraktionspunkts: Bei nicht verzögerten Reparaturen liegt in fast der Hälfte der Inhaltswort-Reparanda der Abbruchpunkt innerhalb des Wortes, während bei Funktionswort-Reparanda – selbst bei Zweisilbigkeit – nur zu einem geringen Anteil innerhalb des Wortes abgebrochen wird. Was den Retraktionspunkt bei allen Reparaturen außer nicht-modifizierenden Insertionen angeht, so geht zwar in den meisten Fällen die Retraktion direkt zum Reparandum. In den übrigen Fällen jedoch gibt es eine enge Interaktion mit der Konstituentenstruktur: Wird eine NP innerhalb einer PP repariert, so wird normalerweise bis zur Präposition retrahiert; Reparaturen von Pronomina in der so genannten „Wackernagelposition“, also unmittelbar nach dem Einleitungselement von Verbletztsätzen, führen bevorzugt zurück zum Element in der linken Klammer (vgl. S. 221).

Bei der Behandlung des Zusammenhangs von Reparaturstruktur und Reparandum bezieht der Autor u. a. auch die Rolle von „Reparaturmarkern“ wie ja, hm oder ach ein und kann zeigen, dass „Reparaturmarker bestimmte Typen von Selbstreparaturen projizieren“ (S. 320) und damit wichtige Informationen an den Rezipienten über die Art der zu erwartenden Veränderung des Redebeitrags liefern.

In seinem Erklärungsmodell geht Pfeiffer von einem wesentlichen, die syntaktische Struktur von Selbstreparaturen motivierenden Faktor aus, „dem Streben nach möglichst kleinem Zeitaufwand bei der Durchführung der Reparatur“ (S. 337). Dieses Motiv, ergänzt um weitere Faktoren der Prozessierungsoptimierung, geht denn auch fundierend ein in sein Modell für die Wahl des Abbruchpunkts, das zusammenfassend in einer Abbildung S. 341 dargestellt wird. Entscheidende linguistische Faktoren beziehen sich auf den „grammatischen Status des Reparandums“ (Inhaltswort versus Funktionswort) und den „Problemstatus des gerade artikulierten Worts“ (fehlerhaftes versus nicht fehlerhaftes Inhaltswort). Von besonderem theoretischem Interesse sind syntaktische Erklärungen für die Wahl des Retraktionspunktes. Dabei spielt die auf ein generatives Syntaxmodell zurückgehende „Kopfregel“ eine herausragende Rolle. Diese Regel versucht, so Pfeiffer (S. 355), „den Retraktionspunkt in Selbstreparaturen durch ein einziges syntaktisches Merkmal zu erklären“, und zwar durch Retraktion zum unmittelbar c-kommandierenden funktionalen Kopf. Pfeiffer unterzieht das Modell einer sorgfältigen theoretischen wie vor allem empirischen Prüfung, wobei er nicht nur die Ambiguitäten des Konzepts ,funktionaler Kopf‘ selbst, sondern vor allem auch die Revisionen und Extensionen zur „Extended Head Rule“ (EHR) in Uhmann (2001, 2006) in den Blick nimmt. Die empirischen Ergebnisse Pfeiffers bestätigen zwar weitgehend die EHR, was funktionale Köpfe als Reparanda selbst angeht. So wird bei der Reparatur eines Determinativs einer in eine PP eingebetteten NP regelmäßig bis zum in der „Kaskade funktionaler Köpfe“ übergeordneten funktionalen Kopf der PP selbst, also bis zur Präposition retrahiert. Was jedoch andere Reparanda angeht, so folgen über die Hälfte der Reparaturen nicht den Voraussagen der EHR, sondern setzen z. B. direkt beim zu reparierenden Inhaltswort, und nicht bei dem zugehörigen funktionalen Kopf, an. So bilden denn auch in Pfeiffers eigenem Modell für die Wahl des Retraktionspunktes (vgl. Abbildung S. 377) Aspekte der Kopfregel (z. B. in Form der Retraktion zur linken Satzklammer bei einem zu reparierenden Pronomen in der Wackernagelposition oder Retraktionen zur Präposition bei Reparanda innerhalb der PP) nur einen Faktor neben zahlreichen anderen Faktoren wie der Prozessierbarkeit und der Schnelligkeit.

Die Arbeit von Laura Di Venanzio

Di Venanzios Arbeit verfolgt drei miteinander verknüpfte Fragestellungen: a) Vorliegen von Sprachspezifik bei der Reparaturorganisation im Deutschen und Spanischen, b) Vorliegen von erwerbsspezifischem Reparaturverhalten bei Kindern und c) Einfluss von Mehrsprachigkeit auf das Reparaturverhalten. Entsprechend legt die Autorin ein Korpus zugrunde, das Sprachdaten von monolingual deutschen und monolingual spanischen Sprechern sowie von bilingual deutsch-spanischen Sprechern enthält, dabei jeweils von Erwachsenen und Kindern. Insgesamt handelt es sich um 44 Sprecher (27 Erwachsene, 17 Kinder) und 3015 Selbstreparaturen – die Datengrundlage entspricht also rein quantitativ recht genau der der pfeifferschen Arbeit.

Die Arbeit ist neben der Gegenstand und Zielsetzung spezifizierenden Einleitung in neun weitere Kapitel gegliedert. Die der empirischen Untersuchung vorgeschalteten Kapitel 2 bis 6 bieten neben Literaturdiskussion (Kapitel 2) und den Ausführungen zu Datengrundlage und Methodik (Kapitel 6) auch eine breite Präsentation der syntaktischen Strukturen im Deutschen und Spanischen (Kapitel 3) sowie der Grundlagen der Generativen Spracherwerbstheorie (Kapitel 4). Diese beiden Kapitel geben auch Anlass, in Kapitel 5 vorab Überlegungen und Hypothesen, die empirischen Fragestellungen betreffend, zu formulieren. Die Analyse syntaktischer Strukturen in Kapitel 3 folgt im Wesentlichen der Generativen Theorie in der Version von Chomskys Minimalistischem Programm von 1995. Baumstrukturen für die in diesem Rahmen gängigen Konstituenten – wie NP, DP, pro-DP, PP, VP, vP – werden auf Basis von deutschen und spanischen Belegen aus dem Korpus vorgeschlagen, ebenso Analysen für übergeordnete und untergeordnete Sätze. Allerdings wird theoretische Stringenz nicht unbedingt angestrebt, wenn etwa aus pragmatischen Gründen, nämlich dem Fehlen eines overten D-Kopfes bei indefiniten pluralischen Phrasen in beiden Sprachen (wie in prácticas ,Praktika‘), keine DP-, sondern eine NP-Analyse vorgenommen wird (S. 55) oder wenn zum einen gegen Agr-Projektionen (für agreement) argumentiert wird, sie dann aber doch für spanische Strukturen mit Satznegation aus der Literatur übernommen werden (S. 74, S. 89). Auffällig erscheint auch, dass im Abschnitt zur Zusammenfassung der strukturellen Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den beiden Sprachen überwiegend auf auch „theoriefrei“ erfassbare Eigenschaften abgehoben wird, wie Verbzweit- versus Verbletztstellung im deutschen Satz (gegenüber der einheitlichen Verbstellung im Spanischen) oder die Pro-Drop-Eigenschaft und die mögliche Nachstellung des attributiven Adjektivs im Spanischen.

Die eingeführten Strukturen bilden Grundlage und Maßstab für die in den empirischen Kapiteln 7 und 8 durchgeführten Untersuchungen zu den korpusbelegten Selbstreparaturen der monolingualen (Kapitel 7) und bilingualen Sprecher (Kapitel 8). Kapitel 9 bietet eine ausführliche Diskussion der Untersuchungsergebnisse beider empirischer Kapitel. Was den Spracherwerb angeht, so ist als wichtiges, frühere Forschung korrigierendes Ergebnis festzuhalten, dass sprachunabhängig Selbstreparaturen bereits im frühen Erstspracherwerb, und zwar schon im Alter von unter zwei Jahren, stattfinden (vgl. S. 533). Das Hauptaugenmerk der Verfasserin gilt allerdings der Frage, inwieweit das Reparaturverhaltens sprachspezifisch, d. h. also durch strukturelle Unterschiede zwischen den Sprachen Deutsch und Spanisch, gesteuert ist. Eine solche Abhängigkeit liege in der Tat vor, allerdings nicht als notwendige, sondern nur als hinreichende Bedingung für unterschiedliches Reparaturverhalten (vgl. S. 551). Der deutlichste Unterschied betrifft verbale Reparanda. Hier zeigten die Untersuchungsergebnisse, „dass die monolingual spanischen Sprecher signifikant häufiger Sprachmaterial aus der Originalstruktur reproduzieren als die monolingual deutschen Sprecher“ (S. 540). Bei dem von spanischen Sprechern zusammen mit dem Verb in der Reparatur produzierten Sprachmaterial handelt es sich in erster Linie um das präverbale Cluster von Objektklitika, ggf. auch einschließlich Adverbien und Negationspartikel. Dass zumal Objektklitika auch bei einer Reparatur des Verbs wiederholt werden, ist leicht aus ihrem unselbstständigen syntaktischen Status als Vorschalt-Elemente des Verbs und ihrem semantischen Status als Argumentausdrücke ohne ausgeprägten lexikalischen Gehalt zu erklären. Einer speziellen syntaktischen Theorie bedarf es hier nicht. Auch die auf einer abstrakteren Ebene herangezogenen drei ,Parameter‘, auf denen die strukturellen Unterschiede zwischen dem Deutschen und dem Spanischen und damit auch die Unterschiede im Reparaturverhalten beruhen sollen, sind Teil des übergreifend anerkannten syntaktischen Wissens. Es handelt sich um das (Grund-)Verhältnis von verbalem Kopf und Argumenten in beiden Sprachen (OV bei Deutsch versus VO bei Spanisch), um die spezifische V2-Position in deutschen Hauptsatzstrukturen sowie um die Pro-Drop-Eigenschaft im Spanischen. Was allerdings eindeutig dem Generativen Modell geschuldet ist, ist die Annahme, die Sprachproduktion – auch die Produktion von Selbstreparaturen – folge bestimmten ,Derivationen‘ syntaktischer Zielstrukturen aus zugrundeliegenden ,Basis‘-Strukturen – Strukturen also, die theorieimmanent als zugrundeliegend festgelegt wurden. In ihrem Streben nach Komplexitätsminimierung wählten die Sprecher bei Selbstreparaturen nun Strukturen mit vergleichsweise geringerer syntaktischer Komplexität, sprich geringerem Derivationsaufwand (= Anzahl der Bewegungsschritte + Anzahl bewegter Konstituenten), vgl. dazu S. 554 f. Der u. a. wegen Linksverzweigung hohe Derivationsaufwand bei verbalen Reparanda im Deutschen werde durch möglichst wenige bewegte Konstituenten in Form einer minimalen Retraktion reduziert.

Vergleichendes Resümee

Gemeinsames Merkmal beider Arbeiten ist eine am Stand der empirischen Forschung orientierte Datendokumentation und -auswertung. Auch sind beide Autoren sich darin einig, dass ein „Zusammenspiel der Disziplinen“ (Di Venanzio S. 573) erforderlich sei bzw. ein Vorgehen, bei dem „Ansätze aus verschiedene Disziplinen“ in die Erklärung einbezogen werden, um das Phänomen „ganzheitlich zu erfassen“ (Pfeiffer S. 14). Allerdings handelt es sich dabei eher um ein Lippenbekenntnis. Denn es sind jeweils den disziplinären Präferenzen geschuldete Ungleichgewichte vorhanden: Während Pfeiffer interaktionale Gesichtspunkte in den Vordergrund stellt – erkennbar auch an dem typischen einschlägigen Jargon (z. B. Probleme bearbeiten, emergente Gestalt) – und in Bezug auf die syntaktische Analyse auf bewährte, um die Idee der Online-Syntax angereicherte Konzepte baut, werden bei Di Venanzio pragmatische oder auch psycholinguistische Aspekte nur dann herangezogen, wenn das syntaktische Erklärungsmodell generativer Provenienz an seine Grenzen stößt. Was Stringenz, Eleganz und vor allem Ökonomie der Argumentation angeht, so ist die Arbeit von Pfeiffer deutlich im Vorteil.

Beide Arbeiten sind, so hat man den Eindruck, motiviert durch die Vorstellung, gerade anhand von Performanzphänomenen wie der Selbstreparatur die Aktualisierung von Regelwissen – also die syntaktische wie interaktionale Kompetenz der Sprecher – erkennen zu können. Die gewonnenen Erkenntnisse allerdings sind nicht in jedem Fall miteinander kompatibel. Während etwa Di Venanzio auch bei der Reparatur von Verben im Deutschen minimale Retraktion als dominanten Gesichtspunkt geltend macht, verweist Pfeiffer auf die mit einem verbalen Reparandum häufig verbundene Notwendigkeit der Veränderung der gesamten Satzorganisation, was im Widerspruch zu minimaler Retraktion stehen dürfte. So bleibt am Ende die Frage offen, ob das deutlich verbesserte empirische Niveau linguistischer Forschung die Aussicht auf einen theorie- und interpretationsunabhängigen Erkenntnisgewinn verbessert hat.

Literatur

Sichert, Regina. 2016. Rezension zu: Martin Pfeiffer (2015): Selbstreparaturen im Deutschen. Syntaktische und interaktionale Analysen. Berlin, Boston: De Gruyter 2015. In: Gesprächsforschung – Online-Zeitschrift zur verbalen Interaktion 17, 62–75. Search in Google Scholar

Uhmann, Susanne. 2001. Some arguments for the relevance of syntax to same-sentence self-repair in everyday German conversation. In: Elisabeth Couper-Kuhlen & Margret Selting (Hg.). Studies in Interactional Linguistics. Amsterdam: John Benjamins, 373–404. Search in Google Scholar

Uhmann, Susanne. 2006. Grammatik und Interaktion: Form follows function? Function follows form? In: Arnold Deppermann, Reinhard Fiehler & Thomas Spranz-Fogasy (Hg.). Grammatik und Interaktion. Radolfzell: Verlag für Gesprächsforschung, 179–201. Search in Google Scholar

Online erschienen: 2016-11-30
Erschienen im Druck: 2016-12-1

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