BY-NC-ND 3.0 license Open Access Published by De Gruyter December 6, 2016

Helge Eilers. 2015. Studien zu Sprache und Stil in alt- und mittelhochdeutscher Literatur. Frankfurt am Main: Peter Lang. 240 S.

Jörg Riecke

Helge Eilers hat sich durch zwei gewichtige Veröffentlichungen zur frühmittelalterlichen deutschen Sprache einen Namen gemacht. Seine Dissertation von 1972 Untersuchungen zum frühmittelhochdeutschen Sprachstil am Beispiel der Kaiserchronik und die 2003 erschienene Habilitationsschrift Die Syntax Notkers des Deutschen in seinen Übersetzungen. Boethius, Martianus Capella und Psalmen sind Meilensteine in der Erforschung des älteren Deutschen. Nach dem Eintritt in den Ruhestand legt Helge Eilers nun mit seinen Studien zu Sprache und Stil in alt- und mittelhochdeutscher Literatur eine Summe seiner Überlegungen zu diesem zentralen Thema vor, das ihn Zeit seines akademischen Lebens begleitet hat.

Für den Band wurden zehn Beiträge zusammengetragen und durch ein kurzes Vorwort eingeleitet. Ihm ist zu entnehmen, dass die Texte in einem Zeitraum von mehr als 20 Jahren entstanden sind, was die – nicht weiter störenden – Unterschiede in der Schreibung und formalen Gestaltung der Aufsätze erklärt. Allerdings erfährt man nicht, ob und ggf. wann und wo die Texte bereits zuvor veröffentlicht wurden.

Am Beispiel repräsentativer Texte der alt- und mittelhochdeutschen Literatur werden vor allem Parataxe und Hypotaxe, die Parenthese und die Metaphorik, aber auch die beginnende Sprachreflexion als Merkmale einer auf Sprache und Stil ausgerichteten Untersuchung hervorgehoben. Die Schwerpunkte im Bereich „Sprache“ liegen daher in der Satzsyntax, aber auch bei einzelnen lexikalischen Kategorien, wie etwa den Konkreta und Abstrakta; beim „Stil“ stehen die Erzählstruktur und spezifische Stilfiguren im Vordergrund. Im Einzelnen handelt es sich um „Die Syntax in Texten kirchlicher Gebrauchsprosa in althochdeutscher Zeit“ (S. 9–29), wo deren verschiedene syntaktische Strukturen und das Übergewicht der Hypotaxe in den Beichten herausgearbeitet wird, sowie „Sprache und Stil bei Herrscherlob und Fürstenpreis in der deutschen Dichtung des frühen Mittelalters“ (S. 31–64), wo gezeigt wird, dass diese Texte demgegenüber durch parataktische Fügungen gekennzeichnet sind. Es folgen die Kapitel „Form und Funktion der Parenthese in frühmittelhochdeutscher Epik“ (S. 65–93), in dem bei genauer Auszählung der Belege in einigen der wichtigsten Denkmäler eine kontinuierliche Entwicklung der Parenthese – die auch Hinweise auf die relative Chronologie einzelner Texte zulässt – nachgezeichnet werden kann, und „Einflüsse des ‚Rolandsliedes‘ in ‚Der arme Heinrich‘ von Hartmann von Aue?“ (S. 95–113), wo dualistische Vorstellungen wie das Vanitas-Motiv und die Beschreibung des bäuerlichen Lebens inhaltliche und sprachliche Gemeinsamkeiten zeigen, ohne dass hier eine direkte Beeinflussung vorliegen müsse. Besonders hervorzuheben sind die Kapitel „Sprachbewusstsein und Sprachreflexion bei Hartmann von Aue (Gregorius, Der arme Heinrich, Erec, Iwein)“ (S. 115–128) und „Sprache und Realität in mittelhochdeutschen und spätmittelhochdeutschen Texten am Beispiel des ‚Armen Heinrich‛ von Hartmann von Aue und des ‚Helmbrecht‛ von Wernher dem Gärtner“ (S. 129–149). Beide Beiträge zielen auf in der Sprachgeschichtsforschung nach wie vor stark vernachlässigte Themen. Helge Eilers kann belegen, dass bereits Hartmann eine Reihe von Aussagen über die soziale Differenzierung von Sprache macht, etwa zum unterschiedlichen Sprachgebrauch von Geistlichen wie Gregorius und einem „Waldmenschen“ wie Iwein. Ungewöhnlicher Sprachgebrauch im Hinblick auf Geschlecht, Herkunft und den sozialen Stand der Sprecher wird von Hartmann wohl erstmals in so differenzierter Form eingesetzt. Die Darstellung von Sprache und „Realität“ bei Hartmann und Wernher dem Gärtner bringt dann bereits weitere Entwicklungen in der Literatursprache vom Mittelhochdeutschen zum Spätmittelhochdeutschen zum Vorschein. Bei Hartmann zeigt sich eine „Tendenz zur Entstofflichung und Vergeistigung“, bei Wernher ein „enger Bezug zur Realität“ mit einer „weitgehend weltbezogenen bzw. innerweltlichen Perspektive“ (S. 148). Dabei wird deutlich, wie eine sprachgeschichtlich lexikalische Analyse die gängigen literaturwissenschaftlichen Interpretationen noch weiter vertiefen kann. Es schließen sich an der Beitrag „Zorn als Agens in der Spruchlyrik Walthers von der Vogelweide“ (S. 151–165), mit einer exemplarischen lexikalischen Analyse am Beispiel von mhd. zorn und einem Seitenblick auf ,Zorn‘ und ,Polemik‘ bei Luther, sowie „Studien zur Satzsyntax im ersten Teil des Nibelungenlieds“ (S. 167–193) und „Vergleich und Metapher im Nibelungenlied“ (S. 195–213), die zahlreiche Erträge für Syntax und Stil des Nibelungenliedes als Ergebnis eines gewissermaßen kontinuierlichen „Close Reading“ bieten.

Diesen Beiträgen wird – wie es im Vorwort heißt „als Anhang“ – der thematisch etwas weiter ausgreifende Text „Tendenzen der Veränderung im gegenwärtigen Deutsch im Lichte des Mittel- und Althochdeutschen“ (S. 215–240) zur Seite gestellt. Hier werden zunächst einige der Abweichungen von der standardsprachlichen Norm besprochen, etwa die „weitgehende Gleichsetzung von ‚derselbe‘ und ‚der gleiche‘“ (S. 216) oder „die Gleichsetzung, letztlich wohl Verwechslung, von ‚anscheinend‘ und ‚scheinbar‘, womit die Bedeutung von ‚schein-bar‘ – eigentlich nur ‚dem Anschein nach‘ ins Gegenteil verkehrt wird“ (S. 216f.). Eilers kommentiert diese Fälle sehr vorsichtig – nicht zu Unrecht –, denn im Netz kann man heute für solche Hinweise bereits als „Grammatik-Nazi“ beschimpft werden. Im Vordergrund seines Interesses stehen aber ohnehin Entwicklungstendenzen, die dem Charakter des Buches entsprechend bis in die alt- und mittel­hochdeutsche Zeit zurückreichen. Besprochen werden daher zunächst „Schwund und Ersatz des Genitivs, insbesondere nach Präpositionen“, die „Vergleichspartikel ‚wie‘ für ‚als‘ beim Komparativ“ und die „Zweitstellung des Prädikats bei der Konjunktion ‚weil‘“ (S. 219–230). Erwiesen wird die Tendenz der Ablösung des Genitivs bei Präpositionen als rückläufige, wo nicht geradezu zyklische Bewegung, die Disposition zur Verlagerung bzw. zur Verschiebung von Vergleichspartikeln, in der die multifunktionale Partikel bzw. Konjunktion als entlastet wird, und überhaupt Tendenzen zur Verschiebung der Wortfolge im abhängigen Satz insgesamt. Dies erfolgt nicht zuletzt bei weil als „Signalwirkung im Sinne von ‚aus folgendem Grund‘, wobei dann die Begründung aus dem ursprünglichen syntaktischen Zusammenhang gelöst wird“ (S. 230). Verdienstvoll ist es schließlich auch, dass diese Überlegungen auch lexikalische Hinweise auf „fremdsprachliche Elemente (als Einfügungen) im Deutschen“ (S. 231–240) seit dem Mittelalter behandeln. Die in der Forschung immer wieder zitierten Zeugnisse des französischen und lateinischen Spracheinflusses werden zunächst durch einige neue Beispiele ergänzt und bereichert. Geworben wird dann gerade im Falle des lexikalischen Einflusses und im Hinblick auf die Gegenwartssprache dafür, „die sich abzeichnenden Veränderungen nicht nur zur Kenntnis zu nehmen, und zwar ohne die häufig sehr schnelle, oft auch prinzipielle Ablehnung oder gar Verurteilung sprachlicher Neuerungen, sondern – gerade mit Blick auf die Sprachgeschichte – solche Neuerungen bzw. Entwicklungen der Sprache zu verstehen und sie letztlich zu akzeptieren“ (S. 240). Ohne dem widersprechen zu wollen, leuchtet mir dieses Plädoyer für sprachstrukturelle Entwicklungen durchaus, für lexikalische Entwicklungen eher weniger ein. Beim Vergleich des historischen lateinischen und französischen Einflusses mit dem englischen Einfluss der Gegenwart wird oft übersehen, dass der lateinisch-französische Einfluss von einer jeweils überlegenen Kultur und Bildungssprache, der heutige englische Spracheinfluss aber von einer populären Alltagskultur ausgeht, deren Wirkung auf die Schriftsprache notwendig andere Folgen zeitigt, deren Akzeptanz sich kaum von selbst versteht.

Ganz ohne Zweifel sind es aber gerade die Bereiche ,Syntax‘ und ,Stil‘, ganz zu schweigen von der Sprachreflexion als Teil der Sprachnormen und Sprachbewusstseinsgeschichte, in denen die germanistische Erforschung vor allem des Alt- und Mittelhochdeutschen bis heute großen Nachholbedarf hat. Während dies für die Syntax längst allgemein anerkannt ist, sind sprachwissenschaftliche Überlegungen zum Stil und zur Sprachreflexion in der Altgermanistik noch immer selten. Helge Eilers’ Studien sind daher höchst willkommen, dennoch hätte man sich gewünscht, dass ein einleitender Beitrag einige zusammenfassende Bemerkungen zu dem zugrunde liegenden Stilbegriff und zur Sprachbewusstseinsgeschichte enthalten hätte. Nichtsdestoweniger geben die Aufsätze ein schönes Beispiel für die Bedeutung von genauer Textkenntnis und sorgfältiger Lektüre, die im Zeitalter von „Distant Reading“ sowie corporagestützten und corporabasierten Sprachanalysen heute nicht mehr selbstverständlich ist.

Published Online: 2016-12-6
Published in Print: 2017-12-4

© 2017 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

This article is distributed under the terms of the Creative Commons Attribution Non-Commercial License, which permits unrestricted non-commercial use, distribution, and reproduction in any medium, provided the original work is properly cited.