BY-NC-ND 3.0 license Open Access Published by De Gruyter January 28, 2017

Mathilde Hennig (Hg.). 2016. Komplexe Attribution. Ein Nominalstilphänomen aus sprachhistorischer, grammatischer, typologischer und funktionalstilistischer Perspektive (Linguistik – Impulse & Tendenzen 63). Berlin, Boston: De Gruyter Mouton. vi, 447 S.

Karin Pittner

Attribute stellen ein von Grammatiktheorien oft etwas stiefmütterlich behandeltes Thema dar, das nur in Zusammenhang mit den Satzgliedfunktionen behandelt wird und auch dort nur eine untergeordnete Rolle spielt. Der vorliegende Band möchte hier Abhilfe schaffen und widmet sich Nominalphrasen, die mehrere Attribute aufweisen. Daraus ergeben sich eine Reihe von Fragestellungen hinsichtlich des Aufbaus und der Funktionen dieser Phrasen, wobei, wie schon der Untertitel verdeutlicht, eine Vielfalt von Aspekten betrachtet wird.

Aus sprachgeschichtlicher Perspektive nähert sich Hans-Werner Eroms dem Thema. Sein Beitrag „Zur Geschichte und Typologie komplexer Nominalphrasen im Deutschen“ stellt die diachrone Entwicklung der Nominalphrasen im Deutschen mit einem Schwerpunkt auf Adjektiv­attributen dar. Ausgehend von Nomina mit einem Adjektiv- oder Genitiv­attribut im Althochdeutschen werden die Möglichkeiten der Attribution im Mittelhochdeutschen deutlich vielfältiger und kulminieren schließlich in der Zeit des Barock. Eroms sieht in der Ausbildung eines Artikelsystems eine Voraussetzung für die Entwicklung komplexerer Nominalphrasen.

Die folgenden vier Beiträge behandeln das Thema aus grammatisch-systematischer Sicht. Klaus Welke arbeitet in seinem Beitrag über „Attribution unter konstruktionsgrammatischem Aspekt“ die grundlegenden Unterschiede zwischen Verbal- und Nominalphrasen heraus. Während Verbalphrasen Situationen beschreiben und sowohl eine aspektuale Struktur als auch eine Argumentstruktur haben, bezeichnen Nominalphrasen Gegenstände und besitzen weder eine aspektuale Struktur noch eine Argumentstruktur. Bei der Nominalisierung von Verben wird deren Valenz vererbt und der daraus resultierende Widerspruch zwischen dem verbalen Charakter und den attributiven Substantivkonstruktionen dabei zugunsten Letzterer aufgelöst. Welke spricht in diesem Zusammenhang von einer prädikativen Lesart, die im Gegensatz zu einer attributiven Lesart steht und die seiner Auffassung nach vor allem bei Nomina actionis zugänglich ist.

Der Beitrag von Simon Kasper und Jürgen Erich Schmidt bietet eine „Instruktionsgrammatische Reanalyse der Attribuierungskomplikation“. Eine Attribuierungskomplikation besteht darin, dass bei diesen Attributen eine Diskrepanz zwischen der vom Produzenten intendierten und der vom Leser dekodierten Struktur entsteht. Nicht valenzgebundene Präpositionalattribute erweisen sich dabei als bevorzugte Kandidaten einer solchen Attribuierungskomplikation, und zwar insbesondere dann, wenn sie nicht adjazent zu ihrem Bezugsnomen stehen. In dem von den Autoren propagierten Ansatz der Instruktionsgrammatik werden Äußerungen als Anweisungen zur Bildung von Konzepten über Eventualitäten und als Simulationen von Wahrnehmungen aufgefasst. Interessant ist, dass für verschiedene Lesertypen unterschiedliche Dekodierungsstrategien identifiziert werden. Während sich wenig erfahrene Leser eher an der Plausibilität von Relationen orientieren, ist für sehr erfahrene Leser eher die Dependenzstruktur innerhalb der Nominalphrase entscheidend.

Cathrine Fabricius-Hansen diskutiert in ihrem Beitrag „Vorangestellte Attribute und Relativsätze im Deutschen: Wettbewerb und Zusammenspiel“ eine Reihe von Parametern, die die Wahl der einen oder anderen Form begünstigen. Relevante Faktoren sind der Modifikationstyp, Umfang und Komplexität des Modifikators, die Informationsverteilung in der Phrase, ihre Wiederaufnahme sowie informationsstrukturelle Faktoren und die prosodische Einbettung. Adjektive stehen im Einklang mit der präferierten Rechtsperipherizität im Deutschen und verlangen keine prosodische Markierung, weswegen sie besser als Relativsätze alte Information und solche mit unklarem Status beherbergen können, wohingegen Relativsätze eine anaphorische Wiederaufnahme erlauben. Der Beitrag stellt eine differenzierte Betrachtung der Informationsstruktur innerhalb von Nominalphrasen dar.

Thi Thu Hien Dang geht in ihrem Beitrag über „Die Systemkonformität des komplexen Partizipialattributs im Deutschen am Beispiel von PII+habend“ auf die spezifische Bedeutung dieser Konstruktion ein, die mit dem attributiven Partizip I im Deutschen eine funktionale Opposition bildet, wobei Partizip II+habend Vorzeitigkeit, das Partizip I dagegen Zeitneutralität ausdrückt. Die Form PII+habend wird auf eine Analogie zum Infinitiv Perfekt zurückgeführt. Sie kann bis ins 19. Jahrhundert zurückverfolgt werden und erfüllt den Bedarf nach einem expliziten Mittel zum Ausdruck der Vorzeitigkeit bei attributiven Partizipien.

Explizit sprachvergleichenden und typologischen Aspekten widmen sich die nächsten drei Beiträge. Gisela Zifonun arbeitet in ihrem Beitrag mit dem Titel „Attribute unterschiedlicher Modifikationstypen und ihre Kombinatorik in sprachvergleichender Perspektive“ auf der Basis der Ergebnisse des Projekts „Grammatik des Deutschen im europäischen Vergleich: das Nominal“ die unterschiedlichen Parameter heraus, die die Varianz von komplexen Nominalphrasen in den untersuchten Sprachen beschreiben können. Als Subdomänen der Nominalphrasen werden zunächst die Nomination, die Determination, die Modifikation (mit verschiedenen Untertypen) sowie die Quantifikation unterschieden. Modifikatoren können darin variieren, ob sie in Komposita lexikalisch integriert oder syntaktisch realisiert werden, ob sie voran- oder nachgestellt werden und welche Faktoren dabei eine Rolle spielen. Bei possessiven Modifikatoren zeigt sich Varianz mit Bezug auf den Sitz des Markierungsausdrucks und die Markierungsart. Auch bei der Kombinatorik von Attributen werden wie etwa im Fall von mehreren Adjektiven die relevanten Faktoren für die Serialisierung ermittelt, ebenso wie die Regularitäten bei einer Kombination von Argument- und Possessorattributen. Der Beitrag stellt somit eine kompakte Zusammenfassung der einschlägigen Forschungsergebnisse des Projekts dar.

Klaus Fischer legt in seinem Beitrag mit dem Titel „Vertextungsstrategien im Deutschen und Englischen – die Attribution der Nominal­phrase“ den Schwerpunkt auf die Erweiterungsmöglichkeiten adnominaler Adjektive, die im Deutschen und im Englischen nur sehr eingeschränkt nach rechts erweitert werden können. Dem Adjektivflexiv wird dabei eine Funktion als Grenzsignal zugeschrieben, das den Abschluss der Adjektivphrase anzeigt und quasi als Anweisung dient, diese Phrase nun auf das Nomen anzuwenden. Umgangssprachlich ermöglichen diese Grenzsignale auch den attributiven Gebrauch von mit genug erweiterten Adjektiven (ein groß genuger Raum). Im Englischen ist Rechtserweiterung auch marginal möglich, nämlich bei sogenannten „hollow infinitivals“ ohne Objekt, wie etwa in a hard to grasp fact, wobei hier häufig eine Bindestrichschreibung eine sehr enge intonatorische Zusammengehörigkeit anzeigt. Die Verbposition als Erklärungsprinzip, wie sie oft in typologischen Darstellungen herangezogen wird (Korrelation von VO bzw. VO und vor- oder nachgestellten Attributen), wird auf den Prüfstand gestellt, ebenso wie die Hawkin’schen Erklärungsansätze, die die Verarbeitbarkeit in den Mittelpunkt stellen. In der unterschiedlichen Position rekursiver (erweiterter) Nominalphrasen im Deutschen und Englischen sieht Fischer eine Evidenz für die Grundabfolgen OV für das Deutsche und VO für das Englische. Exemplarisch wird an einem deutschen Textausschnitt und seiner Übersetzung ins Englische aufgezeigt, wie häufig die verschiedenen Typen von Nominalphrasen in den beiden Sprachen vorkommen. Dies führt zur Formulierung einer Reihe von weiteren Fragen, die als Ausgangspunkt für weitere Untersuchungen dienen können.

Annette Herkenraths Beitrag über „Ezafe and the complexity of attribution of academic Kurmanji” zeigt, dass durch die Einbeziehung weiterer Sprachen (wie in diesem Beitrag des Kurmanji oder Nordkurdischen, einer westiranischen Sprache) eine größere Vielfalt an Formen der Attribution sichtbar wird. Ausgehend von der Hypothese, dass das Verbindungselement ezafe komplexere Formen der Attribution ermöglicht als in Sprachen, die ein solches Element nicht aufweisen, wird gezeigt, dass dieses Element komplexe Attributketten einleiten kann. Der Beitrag reiht sich somit zum einen ein in Untersuchungen zu komplexen Nominalphrasen in der Wissenschaftssprache und erweitert zum anderen das Spektrum dieser Untersuchungen mit dem Kurmanji um eine Sprache, die bislang in dieser Hinsicht kaum untersucht wurde und lange ohne institutionelle Unterstützung oder offizielle Anerkennung als eigene Sprache existierte, in letzter Zeit aber eine gewisse Standardisierung erfahren hat. Die Charakterisierung des Elements ezafe ist dabei kontrovers: Zum einen werden demonstrative und phorische Züge aufgezeigt, zum anderen wird es aber auch als Element der Nominalflexion aufgefasst oder als Kopf einer Attributkonstruktion. Durch Genus kann es Koreferenz anzeigen, durch Interaktion mit dem Kasus des Nomens kann der Kasus jedoch verunklart werden, wodurch die Interpretation erschwert wird. Durch ezafe werden lange Attributketten ermöglicht, wobei die Relationen der Attribute untereinander nicht klar markiert sein müssen. Es zeigt sich, dass hier noch weiterer Forschungsbedarf hinsichtlich dieser noch wenig beschriebenen Sprache besteht, die das Spektrum der Möglichkeiten komplexer Attribution erweitert.

Funktionalstilistische Funktionen komplexer Nominalphrasen nehmen die letzten beiden Beiträge in den Blick. Andreas Lötscher geht in seinem Beitrag über „Komplexe Attribuierung als Element von Textstilen im diachronen Vergleich“ von der schon verschiedentlich beobachteten Korrelation zwischen einer Abnahme von hypotaktischen Strukturen und einer Zunahme der Komplexität von Nominalphrasen aus. Er führt den Abbau von Satzkomplexität zurück auf eine Entwicklung ihrer Bewertung von einer positiven im 16. und 17. Jahrhundert zu einer neutralen im 18. und 19. Jahrhundert bis hin zu einer negativen Bewertung im 20. und 21. Jahrhundert. Komplexe Nominalphrasen erfüllen in den untersuchten Textsorten eine unterschiedliche Rolle. Während sie in wissenschaftlichen Texten der Darstellung komplexer abstrakter Zusammenhänge dienen, werden sie in der Kanzleisprache aufgrund allgemeiner Stilprinzipien verwendet und können sich z. B. in der Verwaltungssprache als prestigebesetztes sprachliches Merkmal verselbständigen.

Thomas Gloning und Stefanie Seim untersuchen in ihrem Beitrag über „Komplexe Nominalphrasen und ihre Funktionen in der schönen Literatur und in Gebrauchstexten. Grundlagen, Fallstudien, digitale Ressourcen“ die Funktion von komplexen Nominalphrasen in Bezug auf die Textdynamik und den Wissensaufbau in verschiedenen Textsorten, wobei Texte aus der Literatur, Kriminalromane, Kochbücher, Zeitungs- und Fachtexte herangezogen werden. Zu den kommunikativen Funktionen, die in den verschiedenen Textsorten unterschiedlich genutzt werden, gehören die Einführung von Gegenständen, der Aufbau von Wissensbeständen darüber sowie die Identifikation von eingeführten Gegenständen. Diese Funktionen treten in den einzelnen Textsorten in unterschiedlicher Ausprägung und Häufigkeit auf. In wissenschaftlichen Texten spielen komplexe Nominalphrasen darüber hinaus in Titeln, Überschriften und Indexeinträgen eine wichtige Rolle. Attribute werden als Mittel kumulativer und komprimierter Informationsvermittlung eingesetzt. Es finden sich auch einige knappe Hinweise zu den Möglichkeiten der Erfassung komplexer Nominalphrasen im Rahmen von Korpusanalysen. Überzeugend ist das Plädoyer der Autoren dafür, die typischen Formen und Funktionen komplexer Nominalphrasen in die Beschreibung von Textsorten einzubeziehen.

Insgesamt ergibt sich der Eindruck eines sehr sorgfältig edierten Bandes. Positiv hervorzuheben ist auch, dass der Index nach thematischen Schwerpunkten und nach Autoren geordnet ist und so auch eine sehr gute Orientierung über die in den einzelnen Beiträgen behandelten Phänomene geben kann. Die in diesem Band versammelten Beiträge zeigen eine Vielfalt an Forschungsperspektiven auf und stellen für alle an der Struktur von Nominalphrasen und ihren Funktionen Interessierten eine wichtige und anregende Lektüre dar.

Published Online: 2017-1-28
Published in Print: 2017-12-4

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