BY-NC-ND 3.0 license Open Access Published by De Gruyter February 10, 2017

Markus Schiegg. 2015. Frühmittelalterliche Glossen. Ein Beitrag zur Funktionalität und Kontextualität mittelalterlicher Schriftlichkeit (Germanistische Bibliothek 52). Heidelberg: Universitätsverlag Winter. x, 381 S.

Eckhard Meineke

Schiegg möchte einen „funktional-kontexuellen Beitrag zur germanistischen Glossenforschung“ (S. 1) liefern. Die Arbeit soll

„tiefgreifendere Einblicke in Formen, Funktionen und Kontexte mittelalterlicher Schriftlichkeit erlauben, als dies mit den bisherigen, meist auf Editionsarbeit oder auf rein sprachstrukturelle Erkenntnisinteressen beschränkten Untersuchungen möglich war. Insbesondere die Ergebnisse funktional orientierter Einzelstudien soll sie bündeln und damit dem oftmals geforderten Gesamtbild frühmittelalterlichen Glossierens näher kommen.“ (S. 1)

Grundlegend für einen solchen Beitrag sei die Aufarbeitung der sprachlichen Kontexte frühmittelalterlichen Glossierens. Entwickelt werden müssten eine Vorstellung vom ostfränkischen Kommunikationsraum und ein Bewertungsmaßstab für die Glossen. Im Zentrum steht die Funktionalität des Glossierens. Wie habe die bisherige Forschung diese erfasst, welche sprachlichen Funktionen würden erfüllt und inwiefern gebe es dabei Unterschiede zwischen Latein und Volkssprache? Im Praxisteil soll das anhand einer Handschrift besprochen werden (S. 1f.).

Kapitel 2 behandelt das Ostfrankenreich als Kommunikationsraum, teleologische Interpretationen der althochdeutschen Überlieferung und die so genannte funktionale Perspektive auf Glossen. Thema von Kapitel 3 ist die „textlinguistische Grundlegung“. Gegenstände sind die sogenannte Textualität von Glossen, historische Textlinguistik und Glossen sowie die Erarbeitung eines „funktional-pragmatischen Modells“. Kapitel 4 stellt die „Dimension A der Textualität – Kotextualität“ vor. Ihre Voraussetzungen seien das semiotische Potenzial der Textgestalt und die Funktion formaler Strukturierungen von Glossierungsschichten. Kapitel 5 gilt der „Dimension B der Textualität – Paratextualität“, d. h. der Beziehung von Lemma und Interpretament, der funktionalen Kategorisierung von Glossen und deren pragmatischer Kategorisierung. Die „Dimension C der Textualität – Kontextualität“ wird in Kapitel 6 untersucht. „Kontexte“ seien der klösterliche Unterricht, die Bibliothek, privates Studium, Vortragssituationen und das Skriptorium. Im Praxisteil (Kapitel 7) wird die Anwendbarkeit der theoretischen Vorstellungen am Codex Augsburg, Archiv des Bistums, Hs. 6 erprobt. Schiegg stellt Handschrift und Glossierung vor und ediert die neumen­geheimschriftlich notierten Glossen. Dann werden Kotextualität, Paratextualität und Kontextualität besprochen.

Die angenommenen Ergebnisse für die Teilkapitel sind folgende. Die Diglossie-Situation im Ostfrankenreich habe die volkssprachige Glossierung gefördert (Kapitel 2). Althochdeutsch sei stets Sprache der Nähe, Latein Sprache der Distanz. Viele Beschreibungen des Althochdeutschen beruhten auf teleologischen Vorannahmen, verzerrten die damalige Sprachrealität, missachteten die individuelle Funktionalität der Überlieferungszeugnisse und werteten die Glossen ab (S. 321). Mit Kapitel 3 sei die textlinguistische Grundlage für die Ermittlung der Formen, Funktionen und Kontexte des Glossierens geschaffen worden. Glossen besäßen Textualität, weil sie eine sprachliche Handlung mit kommunikativer Funktion bildeten. Die drei postulierten Dimensionen aus Kapitel 4–6 könnten die Formen, Funktionen und Kontexte frühmittelalterlichen Glossierens systematisch erfassen: die formale Seite unter Kotextualität (Dimension A), die funktionale Seite vor allem hinsichtlich sprachlicher Funktionen unter Paratextualität (B) und die situativ-kontextuelle unter Kontextualität (C) (S. 323–326). In Kapitel 7 schließlich sei die Textualität der Handschrift Augsburg 6 analysiert worden. Sekundäre Eintragungen erkenne man abgesehen von der kleinen Schrift und der Positionierung am Rand oder zwischen den Zeilen an den Geheimschriften, an metasprachlichen Kommentaren und Abbreviaturen, teils mit tironisch-insularen Zeichen, teils mit einer Form von Zitatkürzung sowie auch einer ungewöhnlichen und hier wohl zum ersten Mal beschriebenen Graphie (S. 329).

Normalschriftliche Doppelglossen zu den neumengeheimschriftlichen Glossen und diese selbst stammten wohl von der selben Hand. Da gerade die neumengeheimschriftlichen Glossen auch Parallelglossen aufwiesen, sei die Neumengeheimschrift möglicherweise Kennzeichnung kopierter Glossen. Durch unterschiedliche Glossierungen des gleichen Lemmas sollten wohl unterschiedliche Bereiche der Texterklärung abgedeckt werden. Eigenständige althochdeutsche Fortführungen lateinischer Scholien seien eine seltene Form lateinisch-althochdeutscher Mischsprache (S. 329f.).

Die Untersuchung der Dimension B der Textualität, der „Paratextualität“, ergibt Beobachtungen zur graphischen Beziehung zwischen Lemma und Interpretament (Verweiszeichen, Schriftfarbe), zur grammatischen Beziehung (großenteils grammatische Kongruenz) sowie zur semantischen Kongruenz (oft semantische Kontextübersetzungen, Paraphrasen, Entlehnungen, Lehnbildungen, Konzepte aus eigenem kulturellen Kontext) (S. 330f.).

Die Analyse der funktionalen Breite der Glossen zeige das vielfältige lexikalische Interesse der Glossatoren wie auch die Bandbreite grammatischer Glossen. Morphologische Glossen träten nur als Lehnübersetzung auf. Phonetische Glossen erschienen verbal als auch nonverbal, meist mit der Feder, gelegentlich mit dem Griffel eingetragen zur Andeutung von Sprechpausen (S. 331).

Die so genannte pragmatische Kategorisierung sekundärer Eintragungen ergibt, dass die meisten Glossen wohl Assertiva seien. Teils lieferten sie Informationen zum sprachlichen Textverständnis, teils zu exegetischen Sachverhalten. Direktiva zeigten auf beachtenswerte Stellen und wiesen auf die (geplante) Fortführung einer Scholie hin. Expressiva erschienen indirekt in der variierenden Glossierungsdichte, direkt durch interpretie­rend-wertende Glossen. Kommissiva und Deklarativa kämen nicht vor (S. 331).

Bei der Analyse der Dimension C der Textualität der Handschrift 6 werden zunächst die Parallelglossen in den Blick genommen und Rosengrens Untersuchung zur Verwandtschaft der volkssprachigen Evangelienglossen (1964) diskutiert. Problematisch sei die Annahme eines Archetypus und Stemmas; beides werde der Realität der vorliegenden Glossierung und Kommentierung nicht gerecht. Die Parallelhandschriften seien weit umfangreicher als von Rosengren beschrieben, der lateinische Scholien unzureichend berücksichtige. Bei den volkssprachigen Parallelglossen differierten Sprache, Verschlüsselungsgrad sowie Umfang der Eintragungen; das spreche gegen mechanisches Kopieren (S. 331).

Bei der Zusammenführung der Befunde zeige sich, dass die Handschrift als Lektionar fungiert habe. Gleichzeitig sei aber eine marginale Kommentierung vorgesehen gewesen. Eine tatsächliche Verwendung in der Liturgie bleibe fraglich. Die für Vortragssituationen nützlichen Eintragungen seien großenteils bereits mit der Anlage der Handschrift erstellt worden; die wenigen sekundären Eintragungen in dieser Funktion verwiesen nicht eindeutig auf liturgischen Gebrauch. Die in den meisten Fällen durchdacht wirkenden Resultate der Akkumulationstätigkeit seien allerdings unübersehbar. Schulische Gebrauchskontexte seien nicht auszuschließen, was durch zahlreiche Eintragungen zum sprachlichen und sachlichen Verständnis der Evangelien gestützt werde (S. 332).

Die Arbeit von Markus Schiegg kann Diskussionen zur Theorie und Praxis der Glossenforschung anregen, allerdings nicht für die Ausführungen zur Diglossiesituation im Ostfrankenreich, die entweder trivial sind oder aufgrund der trümmerhaften Quellenlage obsolet.

Die Kategorisierung von Glossen als Texte ist falsch. Dieser Textbe­griff hat mit dem, was von fast allen, die sprechen und schreiben, unter „Text“ verstanden wird, nichts zu tun. Zunächst geht Schiegg von einem „pragmatischen Textbegriff“ aus, den er aus zwei Stellen angeblich bei Brinker & Ausborn-Brinker (2010) konstruiert. Danach sei der Text eine „sprachliche Handlung“ (Brinker & Ausborn-Brinker 2010: 15) mit einer „kommunikativen Funktion“ (angeblich ebenda: 10 nach Schiegg 2015: 47 [Fehlnachweis]). Und wenn das so sei, „erhalten Glossen durchaus Textualität, erfüllen also die Bedingungen, damit ein sprachliches Gebilde als Text gelten kann“ (S. 46). Von „Textualität“ sprechen de Beaugrande & Dressler (1981). Eine zweite Grundlage von Schieggs Argumentation ist Bergmanns (1997) Beitrag über die Anwendbarkeit der Textualitätskriterien aus de Beaugrandes & Dresslers Texttheorie auf Glossen. Schiegg definiert jede kommunikativ gemeinte Äußerung als Text, und damit sind auch die Glossen Texte oder besitzen zumindest „Textualität“, im Rahmen der von Schiegg rezipierten Literatur also die von de Beaugrande & Dressler aufgeführten Kriterien Kohäsion, Kohärenz, Intentionalität, Akzeptabilität, Informativität, Situationalität und Intertextualität, die dort den Texten zugesprochen werden.

Dieser Textbegriff setzt jede „kommunikativ wirksame Größe“ mit „Text“ gleich und erklärt so alles kommunikativ Wirksame zum Text. Die auf dem ungültigen Syllogismus ‚Texte sind eine kommunikative Größe. Glossen sind eine kommunikative Größe. Glossen sind Texte.‘ aufgebaute Argumentation kann aus Einwortglossen, aus syntagmatischen Glossen und solchen in Satzform keine Texte machen. Wenn der Fisch schwimmt und der Schwarm schwimmt, ist der Fisch kein Schwarm.

Der Kurzschluss beruht u. a. auf eklektischer Lektüre des Buches von de Beaugrande & Dressler. Dort heißt es: „Wir definieren einen TEXT als eine KOMMUNIKATIVE OKKURRENZ (engl. „occurence“), die sieben Kriterien der TEXTUALITÄT erfüllt“ (de Beaugrande & Dressler 1981: 3). Aber im Vorwort wird Textlinguistik als „Linguistik übersatzmäßiger sprachlicher Beziehungen“ angesprochen (ebenda: ix). Es geht bei de Beaugrande & Dressler nie um Einheiten mit weniger als zwei Sätzen. Ähnlich verhält es sich mit der Bezugnahme auf Brinker.

„Als wichtigste Struktureinheit des Textes ist der Satz anzusehen. Damit soll nicht gesagt sein, dass nicht auch kleinere sprachliche Gebilde (z. B. Ein-Wort-Äußerungen wie Feuer! oder Ein-Satz-Äußerungen wie Das Betreten der Baustelle ist verboten! unter ganz bestimmten situativen Bedingungen als Texte im kommunikativen Sinne fungieren können. Solche Gebilde werden aber im Folgenden vernachlässigt; die Textlinguistik ist in erster Linie an Texten interessiert, die sowohl in grammatischer als auch in thematischer Hinsicht einen höheren Komplexitätsgrad aufweisen. Den Gegen­standsbereich der linguistischen Textanalyse bilden somit im Wesentlichen Texte, die sich als Folgen von Sätzen manifestieren.“ (Brinker & Ausborn-Brinker 2010: 17)

Schiegg öffnet mit seiner Ablehnung teleologischer Perspektiven auf das Althochdeutsche keine Horizonte, da er neuere Literatur zu der alten These (vgl. Meineke 2001, etwa S. 143, zur althochdeutschen Benediktiner­regel; Meineke 2013) nicht kennt.

Deviant ist die Verkennung des Unterschieds zwischen Wörterbuch und Edition. Sie gegeneinander auszuspielen und dem „Althochdeutschen und Altsächsischen Glossenwortschatz“ von Schützeichel (2004) vorzuwerfen, die beiden [!] von Schiegg edierten Glossen „in einer völlig ungenügenden Weise“ (S. 211) mitzuteilen, überzeugt nicht.

Was die drei „Dimensionen“ betrifft, fragt sich, worin sprachwissenschaftliche Interessen bei der Analyse volkssprachiger Glossierung bestehen, wo der hilfswissenschaftliche Bereich mit trivialen Aspekten der äußerlichen Überlieferung beginnt und wo derjenige der Spekulation.

Die mühevollen Arbeiten zur lexikalisch-semantischen und sprachgeographischen Erschließung der volkssprachigen Glossen sind jedenfalls von sprachwissenschaftlichem Interesse und bekommen durch die Postulierung weiterer Gesichtspunkte weder eine vorläufige Natur, noch werden sie durch sie entwertet. Eine insoweit sprachwissenschaftliche Aufarbeitung der 248 (Bergmann & Stricker 2005, Bd. 1: 150) plus zwei (S. 212–214 im besprochenen Band) Glossen von Augsburg 6 steht aus.

Literatur

De Beaugrande, Robert-Alain & Wolfgang U. Dressler. 1981. Einführung in die Textlinguistik (Konzepte der Sprach- und Literaturwissenschaft 28). Tübingen: Max Niemeyer. Search in Google Scholar

Bergmann, Rolf. 1997. Zur Textualität althochdeutscher Glossen. In: Franz Simmler (Hg.). Textsorten und Textsortentraditionen (Berliner Studien zur Germanistik 5). Bern: Peter Lang, 215–238. Search in Google Scholar

Bergmann, Rolf & Stefanie Stricker. 2005. Katalog der althochdeutschen und altsächsischen Glossenhandschriften, unter Mitarbeit von Yvonne Goldammer und Claudia Wich-Reif. Band 1–6. Berlin, New York: De Gruyter. Search in Google Scholar

Brinker, Klaus & Sandra Ausborn-Brinker. 2010. Linguistische Textanalyse. Eine Einführung in Grundbegriffe und Methoden (Grundlagen der Germanistik 29). Berlin: Erich Schmidt. Search in Google Scholar

Meineke, Eckhard. 2001. Einführung in das Althochdeutsche, unter Mitarbeit von Judith Schwerdt. 23 Karten, 15 Abbildungen (Uni-Taschenbücher 2167). Paderborn, München, Wien, Zürich: Ferdinand Schöningh. Search in Google Scholar

Meineke, Eckhard. 2013. Textgebundene Formen der lateinisch-deutschen Zweisprachigkeit im frühen Mittelalter. In: Michael Baldzuhn & Christine Putzo (Hg.). Mehrsprachigkeit im Mittelalter. Kulturelle, literarische, sprachliche und didaktische Konstellationen in europäischer Perspektive. Mit Fallstudien zu den ‚Disticha Catonis’. Berlin, New York: De Gruyter, 109–145. Search in Google Scholar

Rosengren, Inger. 1964. Sprache und Verwandtschaft einiger althochdeutschen und altsächsischen Evangelienglossen (Scripta Minora Regiae Societatis Humaniorum Litterarum Lundensis 1962–1963, 4). Lund: Gleerup. Search in Google Scholar

Schützeichel, Rudolf (Hg.). 2004. Althochdeutscher und Altsächsischer Glossenwortschatz. Band 1–12. Tübingen: Max Niemeyer. Search in Google Scholar

Published Online: 2017-2-10
Published in Print: 2017-12-4

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