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BY-NC-ND 3.0 license Open Access Published by De Gruyter May 19, 2017

Armin Burkhardt & Kornelia Pollmann (Hg.). 2016. Globalisierung. Sprache – Medien – Politik (Sprache – Politik – Gesellschaft 18). Bremen: Ute Hempen. xi, 291 S.

Friedemann Vogel

Im Frühjahr 2017 ist die politische Entwicklung in Europa und auch in anderen Teilen der Welt geprägt von einem Erstarken nationalistischer Konzepte und zunehmendem wirtschaftlichen Protektionismus (Brexit, Etablierung rechtsnationaler Parteien und Regierungen in vielen EU-Ländern, EU-Abschottungspolitik gegenüber Migration und Flüchtlingen u.v. a.). Vor diesem Hintergrund erscheint ein neuer Sammelband zum Thema Globalisierung beinahe deplatziert. Von Globalisierung, „eine[m] der zentralen Schlagwörter der Gegenwart“ (VII), spricht man seit 2004 immer seltener, zumindest laut Google Ngrams (https://goo.gl/6Kmn5x, 15.03.2017). Tatsächlich sind die eingangs skizzierten Entwicklungen aber wohl nur zu verstehen gerade vor dem Hintergrund globaler Zusammenhänge, in Teilen als Gegenbewegung zur global vernetzten Wirtschaft, Politik, Kultur, Kommunikation und Medientechnologie (samt ihrer Entgrenzungen auch hinsichtlich Spionage, Überwachung, digitaler Kriegsführung).

Das Buch trägt mit seinen insgesamt 13 Beiträgen ohne Zweifel zur Reflexion dieser Zusammenhänge bei, indem ganz unterschiedliche Disziplinen eingebunden werden, wie etwa Linguistik, Politik- und Wirtschaftswissenschaft, Medien(kultur)wissenschaft, Soziologie usw. (es fehlen aber die Rechtswissenschaften, vgl. etwa Müller 2001, 2007). Gleichwohl – und das sei an dieser Stelle vorweggenommen – mangelt es ihm an einer systematischen Ordnung der besprochenen Phänomene. Der interessierte Leser findet weder einen Rahmentext, der die verschiedenen Arbeiten zusammenführen könnte (das Vorwort der Herausgeber allein leistet das nicht), noch eine thematische Strukturierung der Beiträge. Die Kategorisierung des Bandes in die Abschnitte „Politik“, „Sprache“ und „Medien“ mag auf den ersten Blick einleuchten, sie verbindet die teilweise sehr heterogenen Beiträge aber bei genauem Hinsehen nur oberflächlich. So bleibt der Ertrag des Bandes im Wesentlichen auf den ‚Individualertrag‘ der einzelnen Beiträge beschränkt. Dieser fällt mit Blick auf das eigentliche Bandthema wiederum sehr unterschiedlich aus. Im Folgenden seien zunächst diejenigen Beiträge besprochen, die sich mit dem Phänomen der Globalisierung mehr oder weniger im Kern auseinandersetzen und die es sich beim Versuch der thematischen Orientierung im Band auch zuerst zu lesen lohnt. Diese Beiträge (mit Ausnahme des Beitrags von Alexander Ziem) verbindet eine Untersuchungsperspektive, bei der globale Sachverhalte, Handlungsorte, -ereignisse usw. mit lokalen Sachverhalten, Orten usw. miteinander verschränkt betrachtet werden. Erst in dieser Zusammenschau erhält das Konzept „Globalisierung“ fassbare Konturen.

Andreas Hepp skizziert einen fundierten theoretischen Rahmen, der den – in den meisten anderen Beiträgen des Bandes nicht definierten – Begriff der Globalisierung medienkulturwissenschaftlich auflöst, nämlich als „Metaprozess der multidimensionalen Zunahme weltweiter kommunikativer Konnektivität“ (S. 134). Die lokalen („territorialisierten“) Vergemeinschaftungen werden dabei in Beziehung gesetzt mit ihrer „translokalen“ Vernetzung und „Vergemeinschaftung“ auf verschiedenen Ebenen (semiotisch, medientechnisch, politisch, ökonomisch usw.) (S. 138). Medien, Kommunikation und Kultur(en) ließen sich nicht voneinander trennen, sondern seien komplementäre Phänomenbereiche. Exemplifiziert wird diese mehrdimensionale Verschränkung an einem Projekt zur Untersuchung „kulturelle[r] Identität und kommunikative[r] Vernetzung“ (S. 140) von Migranten in der Diaspora. Im Ergebnis zeigten sich drei „Medienaneignungstypen“ (S. 141–145), nämlich „herkunftsorientierte“ (in der Herkunftskultur kulturell und medial gebundene), „ethnoorientierte“ (bikulturell vernetzte) und „welt-orientierte“ (transkulturell vernetzte) Migranten.

In seinem bewusst eher essayistischen Beitrag formuliert der Volkswirt Karl-Heinz Paqué das Postulat einer „Abkehr von der Scheinobjektivität und [einer] Rückbesinnung auf das Ganzheitliche“ (S. 3). Im Zentrum seines Textes steht die Hypothese, dass sich die Globalisierung von Wirtschaft und Kommunikation in zwei parallelen und komplementären Entwicklungen zeige, nämlich in der „massive[n] Zunahme von Standardisierung und Spezialisierung“ (ebd.). So ermöglichten globale Produktionswege einerseits standardisierte Waren und Konsumgüter, einen „öden Einheitsbrei“ (S. 4) für einen weltweiten Massengeschmack; andererseits ermögliche der globale Zugang zu hochspezialisierten Märkten ein nie dagewesenes Spektrum an Konsumgütern (ist aber diese Vielfalt nicht trügerisch, wenn etwa zehn Sorten Schokolade lediglich unterschiedlicher Labels letztlich doch alle von Nestlé oder anderen wenigen ‚Global Playern‘ produziert werden?). Ähnliches gelte für Sprachen und Distributionswege von Informationen. Im Ergebnis führe dies nicht nur zu mehr Transparenz und Wohlstand, sondern auch zu einer „Verwirrung“ der Menschen (S. 10) durch die Bildung von Scheinobjektivitäten (Expertenfokussierung und zugleich Wissenschaftsbanalisierung in Medien), der nur mit konsequenter Skepsis (S. 15) zu begegnen sei.

Globalisierung und Neoliberalismus als heute dominierendes wirtschafts- und sozialpolitisches Projekt gehen Hand in Hand (S. 62). Auf Basis von Akteurstexten (Selbstzuschreibungen), Expertenurteilen und Medientexten geht Reinhard Hopfer der Sprache des Neoliberalismus und damit den diskursiven Strategien zur Legitimierung von globaler und lokaler sozialer Ungleichheit (Vermögensverteilung) nach. Die „neoliberale Concierge“ (S. 63) habe in den vergangenen Jahrzehnten massenmedial gestützt eine Reihe von neuen dichotomen Schlagwörtern (etwa Hochwertwörter wie Leistungsträger, Eigenverantwortung, Selbstvorsorge vs. stigmatisierende Wörter wie Leistungsempfänger, Leistungsverweigerer, Arbeitsunwillige usw.) und mit ihnen eine neue semantische Sozialstruktur und Moral von „Sekundärtugenden“ (S. 70) etabliert. Die analytische Sezierung dieser Semantik und ihrer Funktion im Dienste sozialer Eliten ist ein gelungenes Beispiel für eine engagierte Diskurslinguistik.

Karl Peter Fritzsche skizziert die Entwicklung und wichtige Funktion von Nichtregierungsorganisationen (NGOs) in einer globalisierten Welt. Die Anzahl von NGOs sei in den letzten Jahrzehnten enorm gestiegen. Mithilfe internetgestützter Vernetzwerkung ermöglichten sie, die Bevölkerung mit gegenhegemonialen Informationen über gesellschaftlich brisante Themen zu versorgen, für Widerstand zu mobilisieren sowie grundständig auch auszubilden (Kampagnenkompetenz u. Ä.).

Alexander Ziem widmet sich im Anschluss an die umfassende, gebrauchsorientierte Analyse von Fritz Hermanns (2007) „exemplarisch“ (S. 55) dem Begriff der Globalisierung und seiner argumentativen Verwendung. Auf Basis von Attac-Texten und eines kognitionslinguistischen, deduktiv geleiteten Zugangs ermittelt er die abstrakten Frame-Elemente des Begriffs (Ergebnis, Erklärung, Eigenschaft, Übergeordnetes-Ganzes) und seine prototypischen Instanziierungen (S. 49). Argumentativ werden drei dominante Topoi konstatiert, nämlich der „Gefahren-Topos“ (der Globalisierung als Gefahr etwas entgegensetzen), der „Topos der gemeinsamen Vision“ (Utopien-Entwicklung) und der „Ungerechtigkeits-Topos“ (Umverteilung).

Katrin Schöpe und Bärbel Treichel berichten aus einem Projekt zur Untersuchung von europäischen Identitätskonstruktionen in biographischen Interviews. In der Analyse von Beispielen zeigen sie, dass Europa in den biographischen Narrativen nicht nur negative Konzepte enthalte (Demokratiedefizit, Technokraten usw.), sondern durchaus positive Assoziationen zeige, die sich aus individueller Lebenserfahrung und damit verbundenem Kulturkontakt speisen. Hierzu zählen (als Topoi, S. 111ff.) insbesondere die Friedensfunktion Europas, der grenzfreie Binnenraum, Abgrenzung bzw. Abschottung sowie Versöhnung. Das translokale System Europa erhält auf diese Weise reale (und empirisch nachweisbare) lokale Wurzeln.

Werner Holly verfolgt in seinem empirischen Beitrag die Weiterverarbeitung von identischem Agentur-Filmmaterial in drei national kolorierten Nachrichtensendungen (Deutschland/ZDF, Frankreich/TV5, USA/CNN). Dabei wird deutlich, wie das ‚globale‘ Ausgangsmaterial (Bewegtbilder und Beitexte) kulturspezifisch zugeschnitten und das zu berichtende Ereignis unterschiedlich perspektiviert bzw. im semiotischen Reißverschlussverfahren (re)transkribiert wird. „Auch ‚internationale‘ Bilder sind somit keineswegs universal verständlich und sie sind [...] nur scheinbar interessefrei.“ (S. 166)

Armin Burkhardt berichtet von einem „politolinguistischen Medienexperiment“ (S. 251) im Kontext der Arbeitsgemeinschaft „Sprache in der Politik e. V.“. Als Reaktion auf den US-Angriffskrieg gegen den Irak 2003 rief die Arbeitsgemeinschaft mit ironischem Unterton im Rahmen einer „Sprachdemo“ dazu auf, (für eine Weile) englische Lehnwörter zu meiden und durch ihre französischen Pendants zu ersetzen. Die weltweite Verbreitung des Aufrufs durch die Deutsche Presseagentur (dpa) löste weltweit Reaktionen in Presse, Rundfunk, Fernsehen und auch bei den Medienkonsumenten aus. Der authentische Beitrag (der leider eine explizite Diskussion seines Gegenstands im Hinblick auf das Bandthema Globalisierung schuldig bleibt) illustriert, wie kleine lokale Ereignisse durch medientechnische Arbeitslogiken unvorhersehbare globale Wirkung entfalten können – und wie diese Wirkung mit dem nächsten Ereignis (und Hype) ebenso schnell wieder implodiert.

Alle weiteren Texte lassen sich nur sekundär mit dem Thema Globalisierung in Verbindung bringen, insofern sie entweder kontrastiv (kulturvergleichend) vorgehen (Beiträge Sauer, Niehr, Pollmann) oder einen ‚globalen‘ Sachverhalt untersuchen (Beiträge Pollmann, Klein, Katajewa).

Christoph Sauer analysiert TV-Weihnachtsansprachen in einem komplexen Mehrebenenmodell. Durch den Vergleich von Ansprachen verschiedener Länder werden kulturspezifische Kombinationen an genutzten semiotischen Ressourcen (Bewegtbild, Ton-Sprache, Musik, Gestik, Mimik, Kamerafahrt, Einblendungen, Dekor usw.) bei der Konstitution der Inhalte sichtbar. Kulturübergreifende Ähnlichkeiten erklärt der Autor durch eine „Globalisierung“ des Genres Weihnachtsansprache (S. 194), eine „internationale Kalibrierung“ (S. 195), ohne das damit verbundene Konzept jedoch genauer auszuführen.

Thomas Niehr untersucht Gemeinsamkeiten und Unterschiede rechtsextremistischer Homepages im In- und Ausland. Er stellt fest, dass sich Homepages grenzüberschreitend entweder eher als theoretische oder eher als aktivistische Plattformen inszenieren. International unterschiedlich sind ferner die behandelten Themen. So fänden sich auf deutschen Websites geschichtsrevisionistische oder gar Ausschwitz-leugnende sowie NS-verherrlichende Texte nur kaschiert (vermutlich aufgrund drohender Strafverfolgung), während diese Themen im Ausland prominente Bedeutung erhielten, bis hin zum offenen Aufruf zum Rassenhass (S. 248).

Kornelia Pollmann untersucht in ausgewählten Medientexten die mediale Berichterstattung über internationale Verhandlungen zum Klimaschutz. Wie auch schon aus anderen Zusammenhängen unter dem Stichwort ‚Mediokratie‘ (vgl. Meyer 2004) bekannt, zeigt die Autorin, wie die Medien die Ereignisse nach wiederkehrenden Sieger-Verlierer-Schemata inszenieren (S. 187) und nach Möglichkeit über ihre Informations- und Vermittlerrolle hinaus auch selbst als Interessensträger auftreten.

Josef Klein versucht in seinem Beitrag die Ursachen der vergangenen resp. anhaltenden Wirtschaftskrise mit dem Grice’schen Maximenmodell kommunikationsanalytisch zu reflektieren (die Datengrundlage bleibt leider unklar). Das Ergebnis überrascht kaum: Die Kommunikation zwischen Banken und Kunden – die wiederum Banken, aber auch Experten oder Privatpersonen sein können – sei geprägt von Verständlichkeitshürden, „Verstößen gegen die Informationspflichten“ (S. 85), mangelnder Fundiertheit und Relevanz sowie Unwahrheiten (Lügen). Komplementär stünden diesen Verstößen verschiedene Kaschierverfahren (Mythenerzählung, Euphemismen usw.) zur Seite. Offen bleibt allerdings, ob der vielfach von ‚Experten‘ in Medien, Politik und Wirtschaft konstatierte ‚Verständlichkeitsmangel‘ von ökonomischen Texten nicht vielmehr ein willkommener Topos ist zur moralischen Entlastung relevanter Verantwortungsträger in den verschiedenen Domänen (profitheischende Banker: S. 83; uninformierte Politiker: S. 85; falsch prognostizierende Wissenschaftler: S. 89; zu ergänzen wären: abschreibende Journalisten).

Stalina Katajewa konstatiert in ihrem sprach(en)politischen Beitrag einen mangelnden Schutz der deutschen Sprache gegenüber der Anglisierung der Welt. Deutsch spiele als Fremdsprache auch in Russland eine immer geringere Rolle, während Englisch an Schulen mittlerweile (2005 im Vergleich zu 1985) dominiere. Die Autorin verteidigt die deutsche Sprache gegen eine „‚Monokultur‘ des global dominierenden Englischen und Amerikanischen“ (S. 127).

Der Band vermittelt einen Einblick in verschiedene Aspekte zum Thema Globalisierung; seine transdisziplinäre Durchdringung aber bleibt – auch mangels einer strukturierenden Rahmung der Beiträge – weiterhin ein Desiderat.

Literatur

Hermanns, Fritz. 2007. Die Globalisierung. Versuch der Darstellung des Bedeutungsspektrums der Bezeichnung. In: Friedrich Müller (Hg.). Politik, [neue] Medien und die Sprache des Rechts. Berlin: Duncker & Humblot, 165–90. Search in Google Scholar

Meyer, Thomas. 2004. Mediokratie: Die Kolonisierung der Politik durch das Mediensystem (Edition Suhrkamp 2204). Frankfurt am Main: Suhrkamp.Search in Google Scholar

Müller, Friedrich. 2001. Demokratie in der Defensive. Funktionelle Abnutzung – soziale Exklusion – Globalisierung. Berlin: Duncker & Humblot.10.3790/978-3-428-50318-6Search in Google Scholar

Müller, Friedrich. 2007. Einschränkung der nationalen Gestaltungsmöglichkeiten angesichts der wachsenden Globalisierung und die Rolle der Zivilgesellschaft für mögliche Gegenstrategien. In: Friedrich Müller (Hg.). Politik, [neue] Medien und die Sprache des Rechts (Schriften zur Rechtstheorie 234). Berlin: Duncker & Humblot, 155–164.10.5007/2177-7055.2012v33n65p17Search in Google Scholar

Published Online: 2017-5-19
Published in Print: 2017-12-4

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