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BY-NC-ND 3.0 license Open Access Published by De Gruyter May 11, 2017

Tatsuhiko Yoshida. 2016. Höflichkeit als Ressource zur interkulturellen Kommunikation. Theorie und Praxis zur gesprächsanalytischen Höflichkeitsforschung. München: Iudicium. 289 S.

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Tatsuhiko Yoshida. 2016. Höflichkeit als Ressource zur interkulturellen Kommunikation. Theorie und Praxis zur gesprächsanalytischen Höflichkeitsforschung. München: Iudicium. 289 S.


1 Der Forschungskontext

Die vorliegende Monografie präsentiert sich als Beitrag zur Erforschung von sprachlicher Höflichkeit und schreibt sich damit in eine Tradition ein, die mit der wegweisenden Arbeit von Brown & Levinson (1987) beginnt. Seitdem sind zahlreiche Monografien, Sammelbände und Zeitschriftenaufsätze erschienen, die dazu beigetragen haben, dass das Forschungsgebiet, ausgehend von einer kritischen Würdigung der Pioniere, sich weiterentwickelt und differenziert hat. In den meisten Fällen wird dabei auf die Grundbegriffe der Pragmatik und der Soziolinguistik bzw. der Interaktionslinguistik rekurriert.

In der Forschung hat sich weitgehend die Auffassung durchgesetzt, dass Höflichkeit im Rahmen von sprachwissenschaftlichen Ansätzen von der Etikette unterschieden werden muss und dass die Höflichkeit einer Äußerung nicht in einem direkten Abhängigkeitsverhältnis zu den verwendeten Wörtern oder Konstruktionen steht. Höflichkeit wird von vielen Forschern als Teil der sozialen Praxis und als Gegenstand von interaktionalen Aushandlungsprozessen verstanden: Sprecher und Hörer beurteilen im Gespräch wechselseitig ihre Verhalten unter dem Gesichtspunkt der Höflichkeit und passen sowohl ihre eigenen Beiträge als auch die Höflichkeitsurteile an ihr Verständnis des Gesprächsverlaufs an. Höflichkeit wird also ko-konstruiert und kann nicht als a priori gegebener und in der Sprachgemeinschaft allgemein geteilter Verhaltensmaßstab angesehen werden.

Die Prozesse des Aushandelns lassen sich natürlich am besten an authentischen Gesprächsdaten untersuchen. Aus diesem Grund ist die Auseinandersetzung mit der real existierenden Kommunikation zu einem immer wieder angemahnten Bestandteil der Diskussion geworden. Neuere Arbeiten (etwa Watts 2003 oder Kádár & Haugh 2013) enthalten denn auch regelmäßig Auszüge aus transkribierten Gesprächen und diskutieren diese im Hinblick auf die Höflichkeitstheorie.

Bisher wurde aber von Seiten der Höflichkeitsforschung kaum an die Arbeit der Gesprächsanalyse angeknüpft – eine Tradition, die im Umgang mit Daten geschult und empirisch versiert ist. Tatsuhiko Yoshida nimmt sich für sein Buch genau das vor und stößt damit in eine Forschungslücke. Schon im Untertitel wird deutlich, dass es dem Autor darum geht, die Höflichkeitsforschung mit der gesprächsanalytischen Praxis zu verbinden. Davon sind zweifellos interessante Einsichten über die Natur und den Stellenwert von Höflichkeit zu erwarten.

2 Gegenstand und Struktur des Bandes

Einen ersten Einblick in die Fragestellung und den Ansatzpunkt seiner Arbeit gibt Yoshida in der Einleitung. Er macht deutlich, dass es ihm vor allem um das „Wissen über Höflichkeit“ (S. 13) geht, das unter Sprechern verbreitet ist. Höflichkeit wird hier verstanden als ein Element im Rahmen der Praktiken zur sozialen Konstruktion der Alltagswirklichkeit. Es wird deutlich, dass der Autor damit an wissenssoziologische und im weiteren Sinne konstruktivistische Begriffe von Kommunikation und von Höflichkeit anknüpft.

Das Buch ist in fünf Teile gegliedert (1. Einleitung, 2. Prinzipien der qualitativen und deskriptiven Forschung über Höflichkeit als Ressource zur interkulturellen Kommunikation, 3. Deskriptive Rekonstruktion der Alltagswirklichkeit von Höflichkeitspraktiken im interkulturellen Kontext, 4. Deskriptive Rekonstruktion der sozialorientierten Wissensanwen­dungen von Höflichkeit als Ressource im interkulturellen Kontext und 5. Fazit). Grob gesagt befasst sich der Autor im zweiten Teil mit der grundlegenden Theorie, im dritten mit der Darstellung der empirischen Untersuchung, die der Arbeit zugrunde liegt, und den gewonnenen Daten und im vierten schließlich mit der Auswertung und Interpretation der Daten.

Die Tiefe der Untergliederung führt dazu, dass an einigen Stellen der rote Faden verloren geht. So gibt es verschiedene Kapitel (z. B. 1.2 „Kritik an Forschungen über Höflichkeit in Japan“), deren Bezug zum Rest des Buches unklar bleibt. Nicht immer wird deutlich, worin der Zusammenhang zwischen den Unterkapiteln besteht; die Logik des Aufbaus ist manchmal schwer nachzuvollziehen, der Titel von 2.5 fällt beispielsweise mit dem Titel von Kapitel 2 zusammen. In anderen Fällen passen die Überschriften nicht zum Inhalt der Kapitel (z. B. S. 34–36) und machen so die Orientierung im Buch schwer.

3 Grundbegriffe

Die Arbeit basiert auf dem Ansatz der ethnographischen Gesprächsanalyse, wie sie im deutschsprachigen Raum v. a. durch Deppermann vertreten und repräsentiert wird. Damit sind v. a. die Untersuchungsmethode und der Umgang mit den Daten vorgegeben. In Bezug auf den theoretischen Ansatz ist Watts (v. a. 2003) der wichtigste Bezugspunkt. Darüber hinaus verweist Yoshida häufig auf verschiedene Arbeiten von Bourdieu (allerdings so gut wie immer aus zweiter Hand, d. h. aus Einführungen, in denen aus dem Werk von Bourdieu zitiert wird) und auf den Psychologen Buytendijk, dessen Werke aus den 50er und 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts stammen.

Die Leitfrage der gesamten Arbeit formuliert der Autor so: „Wie bringt man einen Konsens zwischen Interaktanten mittels der Auseinandersetzung mit den Auffassungen von Höflichkeit zustande?“ (S. 37, die Kursivierungen sind in allen Fällen aus dem Originaltext übernommen) Vorausgesetzt wird hier also, dass der menschlichen Kommunikation eine grundlegende Konsensorientierung innewohnt. Das wiederum wird in Zusammenhang mit dem Wissen über Höflichkeit gebracht: „Weil das Gespräch als Instrument für die Herstellung eines Konsenses angesehen wird, ist Höflichkeitswissen dafür ein unerlässliches Konzept.“ (S. 47) Die Logik solcher Sätze, in diesem Fall die kausale Verbindung, erschließt sich dem Leser nicht immer. Charakteristisch für diesen Ansatz ist auch die Tatsache, dass hier die Teilnehmerperspektive und die Beobachterperspektive nicht sauber getrennt werden, obwohl diese Trennung in anderen Teilen analytisch scharf vorgenommen wird.

Aus diesen Betrachtungen ergibt sich der für die Arbeit zentrale, aber leider nicht näher bestimmte Begriff der ‚Verständigungskooperation‘. Dieser ist vage an Paul Grice angelehnt und wird folgendermaßen eingeführt:

„Ohne das (Alltags)Wissen über Höflichkeit kann keineswegs das sympathische bzw. mitfühlende Verstehen von fremden Persönlichkeiten und Sachverhalten interaktiv konstruiert werden, das sich zu einem Zeitpunkt ereignen muss,[sic!] und jedes Mal zwischen Gesprächsteilnehmern kooperativ, intersubjektiv und neu aufgebaut werden muss. [...] Ich nehme aus diesem Grund an, dass die Verständigungskooperation die wesentliche Form eines Konsenses in der (interkulturellen) Kommunikation ist,[sic!] und dass daher die interaktive Konstruktion des Höflichkeitswissens als Mittel – Höflichkeit als Ressource zur interkulturellen Kommunikation – zur (interkulturellen) Verständigungskooperation beiträgt.“ (S. 96f.)

Höflichkeit wird also vor allem als Mittel (oder Ressource) zur Konstruktion eines Konsenses verstanden. In den theoretischen Ausfüh­rungen bleibt aber unklar, welchen Stellenwert Höflichkeit im Spannungsfeld zwischen Sprache und Kommunikation, zwischen Sagen und Meinen einnimmt und wie sie genau bestimmt werden kann. Wie auch daraus ersichtlich ist, fehlt dem Buch vollständig die Anknüpfung an die breite und differenzierte linguistische Diskussion zur sprachlichen Höflichkeit. In der Bibliografie werden zwar viele einschlägige Arbeiten aufgelistet, im Text werden sie aber so gut wie gar nicht diskutiert und nur in einigen Fällen überhaupt genannt. Die neuen Diskussionen, die oft unter „diskursive Wende“ der Höflichkeitsforschung subsumiert werden, behandelt Yoshida nur sehr knapp (und etwas prätentiös) in wenigen Sätzen (S. 22). Er vergibt damit m. E. die Chance, der Höflichkeitsforschung aus gesprächsanalytischer Perspektive neue Impulse zu geben. Ebenso wenig wird an die Diskussionen über interkulturelle Kommunikation angeschlossen. Hier fehlt auch in der Bibliografie jeder Verweis auf den ‚state of the art‘. Nicht einmal die gängigen Handbücher der internationalen Forschung werden zitiert.

4 Daten

Die Datengrundlage für die Arbeit bilden zehn Gespräche, von denen zwei vollständig transkribiert und im Buch abgedruckt sind. Diese beiden Dialoge werden vom Autor intensiv analysiert und diskutiert. In beiden Fällen handelt es sich um Interviews über die Reaktorkatastrophe in Fukushima, die der Autor selbst mit Personen geführt hat, die er kurz vorher kennengelernt hatte. In beiden Fällen ist klar, dass den Beteiligten bewusst ist, dass der Dialog der Datengewinnung dient. Die Situation ist also etwas künstlich; die Daten können nicht unbedingt als authentische Gesprächsdaten klassifiziert werden. Die Künstlichkeit spiegelt sich z. B. auch darin wider, dass das erste Gespräch (S. 116) damit beginnt, dass der Interviewer erwähnt, dass die beiden Beteiligten sich am Vortag kennengelernt haben und dass sie sich auf einer Insel befinden. Diese Informationen sind eindeutig an den Leser gerichtet, sie machen gesprächsintern keinen Sinn.

Leider fehlt auch eine Reflexion über die Interviewsituation und die Konsequenzen der entsprechenden Konstellation für den Umgang mit Höflichkeit. Alles, was hier über Höflichkeit dargelegt wird, müsste daraufhin überprüft werden, ob es in weniger strukturierten Gesprächskontexten ähnlich verwendet würde oder ob es sich um interviewspezifische Prozeduren handelt.

Als interkulturelle Kommunikation werden die Interaktionen klassifiziert, weil der Interviewer Japaner ist. Auch das wird aber in der Analyse nicht weiter vertieft. Die Diskussion müsste m. E. zumindest die Tatsache berücksichtigen, dass der Interviewer offensichtlich nicht ganz fließend Deutsch spricht und dass auch diese Tatsache Folgen für das Beziehungsmanagement und die Höflichkeit haben könnte. Im Transkript fällt weiter auf, dass an vielen Stellen die Äußerung „ufn“ verzeichnet wird. Das scheint zunächst etwas rätselhaft. In der Diskussion wird es dann (z. B.) als Interjektion (S. 164) oder „lauthaftes Wort“ (S. 170) bezeichnet und in Bezug auf seinen Beitrag zur Konstruktion von Höflichkeit diskutiert. Es wäre hier interessant, die Möglichkeit zu haben, die Originalaufnahmen zu hören und die Trankripte zu verifizieren.

Gemäß der Praxis der ethnographischen Gesprächsanalyse wurden die Probanden nochmals gesondert interviewt, um ihre Einschätzung der Interaktion und der Höflichkeit zu ermitteln. Die dabei gestellten Fragen sind aber teilweise für das Forschungsvorhaben irrelevant. Beispielsweise ist nicht klar, warum gefragt wird, wie die Testperson vor und nach dem Gespräch das Alter ihres Gesprächspartners einschätzt oder warum gefragt wird, ob die jeweilige Person normalerweise darauf achtet, die Wahrheit zu sagen (S. 112).

5 Kritische Würdigung

Insgesamt ist es nicht ganz leicht, das Buch von Tatsuhiko Yoshida angemessen zu würdigen. Einerseits stammt es aus einer Wissenschaftstradition, die sich stark von der westeuropäischen unterscheidet. Andererseits ist es in einem deutschen Verlag veröffentlicht worden und erhebt den Anspruch einen Beitrag zur international geführten Debatte um sprachliche Höflichkeit zu leisten. Mit der gebotenen Einschränkung im Hinblick auf kulturelle Unterschiede ist es daher nicht ungebührlich, zusammenfassend auf einige Schwachstellen des Bandes hinzuweisen.

  1. Es gibt zahlreiche Illustrationen, die kaum zur Klärung des jeweiligen Zusammenhanges beitragen (z. B. S. 34/35).

  2. Die Formulierungen sind teilweise allzu apodiktisch.

  3. Die zitierten Autoren werden häufig nicht korrekt oder nicht angemessen wiedergegeben. So sind die Ausführungen über den Habitus-Begriff von Bourdieu (S. 66ff.) sehr viel umständlicher und unklarer als beim Autor selber. Hier wäre ein Originalzitat die bessere Wahl gewesen. An anderen Stellen drängt sich der Eindruck auf, dass zitierte Texte in der Diskussion falsch interpretiert werden (etwa Watts auf S. 42).

  4. Der Autor verwendet zahlreiche Abkürzungen, die nicht immer angemessen eingeführt werden und die Lektüre mühsam machen. Das trifft auf Sätze zu wie: „Die Rückfrage begreife ich als einen Typ der Verständigungskooperation DFA, der der WM zugrunde liegt.“ (S. 157)

  5. Die Urteile über Höflichkeit und Unhöflichkeit von Äußerungen (etwa S. 210) sind nicht immer nachvollziehbar und basieren nur auf der Einschätzung des Beobachters, obwohl dieser ein solches Vorgehen in der Theorie gerade ablehnt.

  6. Es finden sich zahlreiche begriffliche Unschärfen und unklare Formulierungen.

  7. Der Anspruch, Höflichkeitsforschung, gesprächsanalytische Ansätze und das Nachdenken über interkulturelle Kommunikation zu verbinden, ist offensichtlich zu hoch für einen solchen Band. Der Autor nimmt sich auch explizit Unmögliches vor, wenn er fordert, „[...] dass mittels der teilnehmenden Beobachtung der Bewusstseinsinhalt von Interaktanten begriffen werden soll, damit Höflichkeitspraktiken erforscht werden können. Die teilnehmende Beobachtung gibt die Möglichkeit, unsichtbare Bewusstseinsinhalte zu interpretieren und zu deskribieren.“ (S. 93)

Zusammenfassend muss festgestellt werden, dass das Buch nicht wenige begriffliche, methodische und stilistische Schwächen aufweist und insgesamt eine anstrengende Lektüre darstellt.

Literatur

Kádár, Dániel Z. & Michael Haugh. 2013. Understanding Politeness. Cambridge: Cambridge University Press. 10.1017/CBO9781139382717Search in Google Scholar

Watts, Richard J. 2003. Politeness. Cambridge: Cambridge University Press.10.1017/CBO9780511615184Search in Google Scholar

Published Online: 2017-5-11
Published in Print: 2017-12-4

© 2017 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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Downloaded on 4.2.2023 from https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/zrs-2017-0012/html
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