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BY-NC-ND 3.0 license Open Access Published by De Gruyter June 12, 2017

Konstantin Niehaus. 2016. Wortstellungsvarianten im Schriftdeutschen. Über Kontinuitäten und Diskontinuitäten in neuhochdeutscher Syntax (Germanistische Bibliothek 58). Heidelberg: Universitätsverlag Winter. 267 S.

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Konstantin Niehaus. 2016. Wortstellungsvarianten im Schriftdeutschen. Über Kontinuitäten und Diskontinuitäten in neuhochdeutscher Syntax (Germanistische Bibliothek 58). Heidelberg: Universitätsverlag Winter. 267 S.


Der Autor analysiert in dem vorliegenden Buch (seine Dissertationsschrift, die 2014 an der Universität Augsburg angenommen wurde) drei bereits oft und gut studierte Phänomene der deutschen Syntax: die Wortstellung insbesondere in satzfinalen 3-Verb-Komplexen, die Nachfeldbesetzung im deutschen Satz sowie die NP-interne Position von Genitiv­attributen. Es ist weniger das Ziel des Buches, wesentliche Impulse für die strukturelle Analyse der drei syntaktischen Phänomene zu liefern; vielmehr geht es hier darum, bekannte Analysemodelle anhand einer historischen Rekonstruktion einer kritischen Evaluierung zu unterziehen. Dabei wird beabsichtigt, mit der Konzentration auf historische Zeitungskorpora im Neuhochdeutschen auch eine empirische Forschungslücke zu schließen. Was Konstantin Niehaus dabei herausarbeitet, sind die historischen Kontinuitäten und Diskontinuitäten in der Wirkungsweise der Prinzipien und Faktoren, die die Syntax der genannten drei Phänomenbereiche bestimmen, eingeschränkt auf die durch die Zeitungssprache repräsentierte standarddeutsche Schriftsprache zwischen 1700 und 2013.

Die verwendeten Korpora decken den Zeitraum von 1700 bis 1918 stichprobenartig ab. Mit einer Lücke von knapp 100 Jahren wird das 20. Jahrhundert weitgehend übergangen. Das verwendete Gegenwartskorpus umfasst die Jahre 2010 bis 2013. Für das 18. Jahrhundert greift der Autor auf die Zeitungstexte des GerManC-Korpus (Durrell et al. 2007) zurück. Die anderen Korpora wurden großteils vom Autor selbst neu zusammengestellt. Geachtet wurde dabei auch auf regionale und thematische Ausgewogenheit. Bezüglich der Korpusgrößen bestehen nicht geringe Unterschiede mit den bekannten Einschränkungen für weiter zurückliegende Zeiträume. Der Autor selbst schränkt denn auch selbstkritisch ein, dass die Repräsentativität der zusammengestellten Korpora nicht völlig absicherbar ist. Soweit ich sehen kann, bewegt sich die Arbeit aber dabei im üblichen und für historische Korpora möglichen Rahmen. Die Korpora wurden von Konstantin Niehaus händisch annotiert und quantitativ ausgewertet. Dabei wird allerdings auf die in der Korpuslinguistik üblichen inferenzstatistischen Analysen, wie Signifikanztests, verzichtet. Es ehrt den Autor, dass er dieses Manko selbst einräumt (auch wenn seine Begründung kaum überzeugt). Der Sinn von Signifikanztests besteht schließlich gerade darin, dass man überprüft, ob man aus beobachteten Unterschieden zwischen Stichproben, um die es sich hier zweifellos handelt, auf Unterschiede der Gesamtheiten schließen darf, denen die Stichproben entstammen. Einfache hier anwendbare Tests, wie etwa der Fisher-Test oder der Chi-Quadrat-Test, sind auch dem Laien zumutbar. Anhand der vom Autor bereitgestellten deskriptiven Statistik lassen sich solche Tests auch im Nachhinein leicht bewerkstelligen. Es trifft sicher zu, dass man sich darauf nicht blind verlassen darf, aber ohne solche Tests (oder einen Ersatz für sie) verbietet sich eigentlich jede Bewertung der gezählten Quantitäten. Bewertungen dieser Art sind bezüglich Kontinuität oder Wandel eines grammatischen Mittels im Zeitverlauf in der Arbeit allerdings zuhauf zu finden. Zu diesem Zweck macht man ja schließlich Korpusauswertungen wie hier.

Der Autor betreibt durchaus umfangreiche deskriptive Statistik. Tabellen und Diagramme finden sich reichlich. Manchmal wirkt der Umgang mit diesen Mitteln wenig souverän, so die Diagramme der Abbildungen 6 bis 10, ab Seite 79, deren Platzerfordernis in umgekehrt proportionalem Verhältnis zu der Anzahl der jeweils ausgewerteten Belege steht. Abbildung 10 ist der Höhepunkt, denn hier entspricht fast jedem der wenigen gefundenen Belege einer Kategorie ein riesiger schwarzer 100 %-Balken für den entsprechenden Zeitraum.

Ich bin etwas skeptisch, ob die weniger offensichtlichen Ergebnisse der Arbeit für die Forschung einen größeren Gewinn darstellen. Dies ist allerdings nicht der einzige Mangel, den ich in der Arbeit erkenne (dazu ausführlicher unten).

Der Aufbau des Buches in fünf Hauptabschnitte neben Einleitung und Zusammenfassung der Ergebnisse ergibt sich aus dem Vorhaben: ein Theoriekapitel, ein Methodenkapitel sowie jeweils ein Kapitel zu den drei untersuchten Phänomenen.

Das Theoriekapitel stellt die Grundannahmen zur historischen Linguistik vor, diskutiert die hier grundlegenden Begriffe Kontinuität und Wandel und rezipiert dabei, was für eine linguistische Arbeit lobend hervorzuheben ist, auch die einschlägige Diskussion in der Geschichtswissenschaft. Auch wenn mir manche Formulierung des Autors hier zu vage gerät, wird deutlich, dass die sprachhistorische Grammatikforschung auch ein Theoriedefizit zu haben scheint: Schon die synchrone Grammatik einer Sprache als von der Gemeinschaft im Sprachgebrauch beachtetes Regelsystem – dem als Teil der „langue“ Existenz als soziales Artefakt zuzusprechen ist – kann ja nicht direkt beobachtet, sondern nur linguistisch rekonstruiert werden. Umso mehr gilt dies natürlich für ihre Geschichte. Der über Korpora notwendigerweise nur eingeschränkt nachvollziehbare Sprachgebrauch ist nicht einfach ein Abbild der Grammatik, sondern hat vielmehr eine eigene Geschichte, die genauso rekonstruiert werden muss wie die Wechselwirkung von Grammatik und Gebrauch in ihrem historischen Verlauf. Schon der Klärungsversuch für die Frage, wann genau überhaupt ein Wandel stattgefunden hat und ob es sich dabei um Grammatikwandel oder Gebrauchswandel handelt – bzw. wie man das empirisch feststellt und auseinanderhält –, verlangt Antworten auf bislang wenig bearbeitete grammatiktheoretische Grundfragen.

Ein solches Grundproblem in der vorliegenden Arbeit sind die Kriterien für die Unterscheidung zwischen Prinzipien/Regeln der Grammatik einerseits und Wirkungsfaktoren des Sprachwandels andererseits bei der Analyse eines Phänomens. Der Autor nimmt hier hauptsächlich Anleihen bei den Arbeiten von Vilmos Ágel (bspw. Ágel 2003, 2010), besonders für die hier wichtige Akzentuierung von Kontinuität in der Sprach- und Grammatikgeschichte.

Die Teilstudie zur Wortstellung in satzfinalen Verbalkomplexen orientiert sich methodisch zunächst an den von Härd (1981) verwendeten Kategorien. Für lediglich vier dieser insgesamt 16 Typen 3- bzw. 4-stelliger Verbkomplexe ist in den Teilkorpora mehr als nur anekdotische Evidenz zu finden. Die Belege der zumeist 3-stelligen Verbkomplexe sind nach der Stellung des Finitums eingeteilt in Voran- (132-Stellung), Zwischen- (312-Stellung) und Nachstellung (321-Stellung). Im Wesentlichen wird der Befund aus anderen Studien bestätigt, dass die Nachstellung dominant ist. Die Zahlenverhältnisse sind hier auch so eindeutig, dass statistische Signifikanz selbstverständlich gegeben ist, wie wir das aus vergleichbaren Studien kennen.

Ansonsten zeigen sich die aus der Forschung bekannten Haupttendenzen: die Tendenz zur Rechtsköpfigkeit der Verbalphrase im Standarddeutschen sowie die Voranstellung des finiten Auxiliars bei Ersatzinfinitiv im Perfekt. Auch der Konflikt von Rechtsköpfigkeit und Auxiliar-voranstellung wird anhand der Daten sowie anhand der breit und gewissenhaft zusammengefassten Literatur beschrieben. Neues oder für die bestehenden Ansätze Herausforderndes fördert die Studie allerdings nicht zutage, auch wenn der Autor dies hin und wieder zu suggerieren scheint.

Auch das gehäufte, aber historisch abnehmende Auftreten der afiniten Konstruktion, über das schon bei Härd (1981) berichtet wird, findet sich wieder. Da es genau wie die Voranstellung nur temporale Auxiliare betrifft, spricht der Autor vom „Auxiliarfaktor“, der neben und entgegen der Nachstellungstendenz als wesentlicher Faktor wirkt. Hier erwartet der rezensierende Grammatiktheoretiker nun die Suche nach Erklärungsansätzen. Worin besteht denn dieser Auxiliarfaktor? Was macht ihn aus? Der Autor spekuliert lediglich ein wenig darüber, dass der Auxiliarfaktor desto weniger Wirkung entfalte, „je mehr modale Semantik die einzelnen Verben bündeln“ (S. 92). Schon die Frage, warum das so sein soll, wird aber nicht mehr gestellt. Das Stichwort, das mir hier fehlt, ist Grammatikalisierung, mit der damit einhergehenden phonetischen Reduktion und der auch von anderen Phänomenen bekannten Tendenz zur Linksversetzung leichter Elemente.

Einigermaßen irritiert bin ich in diesem Zusammenhang über die Einlassung, dass „phonologische Erklärungen – für den von mir gewählten Zeitrahmen und zumal für verschriftlichte Sprache – keine historisch verlässlichen Herangehensweisen“ seien (S. 58). Denkt man dies konsequent zu Ende, dann dürfte man ja gar keine historische Phonologie betreiben. Hier geht es konkret um prosodische Erklärungsansätze zur Stellung in Verbalkomplexen: Wenn man glaubt, dass Prosodie ein wesentlicher Faktor für das Verständnis des Phänomens in der Gegenwart ist, dann liefert eine historische Analyse unter Verzicht auf Prosodie wahrscheinlich nur ein Zerrbild des Phänomens in der Vergangenheit.

Ähnlich unspektakulär wie die Studie zu den Verbalkomplexen verläuft die Untersuchung zu Ausklammerungsformen. Noch deutlicher als im Falle der Verbalkomplexe gilt hier, dass mit der Herausbildung des Satzklammerschemas auch die Grammatik möglicher Ausklammerungen weitgehend abgeschlossen wurde, also im Grunde schon zu Beginn der neuhochdeutschen Phase. Niehaus konzentriert sich auf Fälle tatsächlicher Ausklammerungen, also auf solche Fälle, für die eine Mittelfeldplatzierung als Normalfall gelten kann. Die vorrangig ausgewerteten Konstruktionen sind restriktive und appositive Relativsätze, Präpositio­nalphrasen, Konjunktionalphrasen (vor allem Vergleichsausdrücke wie in „... sehe sie aus wie eine Kampfmaschine“, S. 155) und Nominalphrasen. An Faktoren, die eine Ausklammerung begünstigen, wird die Schwere der Konstituente als wesentlicher Faktor bestätigt. Weiter zeigen sich nur sehr marginale Fälle ausgeklammerter Nominalphrasen, die nicht über das Gewicht der Konstituente motivierbar sind.

Die Analyse zu Genitivattributen in NPn fördert zutage, dass diese über die gesamte neuhochdeutsche Phase hinweg präferiert postnominal realisiert werden. Pränominale Genitive sind bevorzugt Eigennamen und relativ kurz. Auch dieser Befund ist nicht neu und keine Herausforderung für bestehende Ansätze. Der Autor geht in seiner Diskussion auf weitere in der Literatur besprochene Faktoren näher ein, die ebenfalls eine gewisse Relevanz haben könnten, wie Belebtheit, flexionsmorphologische Eindeutigkeit, verschiedene semantische Funktionen des Genitivs. Auch hier werden im Wesentlichen bekannte Befunde bestätigt.

Eine ungünstige methodische Einschränkung dieser Teilstudie besteht darin, dass der analytische präpositionale Genitiv mit von nicht in die Studie einbezogen wird. Schließlich ist der Genitivabbau eine Entwicklung des Neuhochdeutschen, und am Zahlenverhältnis postnominaler morphologischer und präpositionaler Genitive ließe sich gerade auch anhand historischer Korpora ein guter Überblick über den Verlauf des Wandels im Genitivgebrauch gewinnen. Inwiefern es ein Manko darstellt, dass darüber hinaus die s-Possessiva bei Feminina (wie in Marias/Mutters Bücher) nicht eigens analysiert, sondern einfach unter Genitiv subsumiert werden, vermag ich nicht zu sagen. Auch hier fehlt mir jedenfalls gerade auch im postnominalen Bereich die relative Gebrauchshäufigkeit von Mustern wie die Bücher Marias, die Bücher der Maria, die Bücher von Maria über die untersuchten 300 Jahre hinweg, um einen aussagekräftigen Gesamteindruck zu bekommen.

Der wesentliche Gewinn des Buches besteht in den erhobenen Daten, die sicher als Vergleichsmaßstab für künftige Untersuchungen verwendet werden können. Es ist nun durchaus nicht so, dass darüber hinaus keine weiterführenden theoretisch gewichtigen Fragen aufgeworfen werden. Im Gegenteil, das geschieht permanent. Sie werden aber viel zu selten wirklich vertieft angegangen. Zu oft verbleibt der Autor im Unentschiedenen oder verweist auf weitere künftige Arbeiten. Selbst die substantielleren Äußerungen zum Zusammenhang von Grammatikschreibung und empirischer Erforschung der Sprachgebrauchsgeschichte verbleiben auf einer programmatischen Ebene und sind, zumindest für meine Begriffe, zu wenig mit dem empirischen Kern der Arbeit verbunden, mit den drei Teilstudien, in denen sich der Autor zu schnell zu sehr in Details verliert.

Literatur

Ágel, Vilmos. 2003. Prinzipien der Grammatik. In: Anja Lobenstein-Reichmann & Oskar Reichmann (Hg.). Neue historische Grammatiken. Zum Stand der Grammatikschreibung historischer Sprachstufen des Deutschen und anderer Sprachen (Germanistische Linguistik 243). Tübingen: Max Niemeyer, 1–46.10.1515/9783110913194.1Search in Google Scholar

Ágel, Vilmos. 2010. +/–Wandel. Am Beispiel der Relativpartikeln so und wo. In: Dagmar Bittner & Livio Gaeta (Hg.). Kodierungstechniken im Wandel. Das Zusammenspiel von Analytik und Synthesetechniken im Gegenwartsdeutschen. Berlin, New York: De Gruyter, 199–222.10.1515/9783110228458.199Search in Google Scholar

Durrell, Martin, Astrid Ensslin & Paul Bennett. 2007. GerManC. A historical corpus of German 1650–1800. In: Sprache und Datenverarbeitung 31, 71–80.Search in Google Scholar

Härd, John Evert. 1981. Studien zur Struktur mehrgliedriger deutscher Nebensatzprädikate. Diachronie und Synchronie. Göteborg: Acta Universitatis Gothoburgensis.Search in Google Scholar

Published Online: 2017-6-12
Published in Print: 2017-12-4

© 2017 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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Downloaded on 4.2.2023 from https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/zrs-2017-0013/html
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