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BY-NC-ND 3.0 license Open Access Published by De Gruyter June 22, 2017

Eva Neuland. 2016. Deutsche Schülersprache.Sprachgebrauch und Spracheinstellungen Jugendlicher in Deutschland. Unter Mitarbeit von Daniel Buchenauer, geb. Schubert (Sprache – Kommunikation – Kultur 20). Frankfurt a. M. u. a.: Peter Lang. 334 S.

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Eva Neuland. 2016. Deutsche Schülersprache. Sprachgebrauch und Spracheinstellungen Jugendlicher in Deutschland. Unter Mitarbeit von Daniel Buchenauer, geb. Schubert (Sprache – Kommunikation – Kultur 20). Frankfurt a. M. u. a.: Peter Lang. 334 S.


Mit Deutsche Schülersprache bringt Eva Neuland den nunmehr 20. Band in der von ihr herausgegebenen Reihe Sprache – Kommunikation – Kultur, Soziolinguistische Beiträge heraus, die vorwiegend Publikationen zur Jugendsprache führt und damit zu Teilen aufzeigen kann, wie lebendig die deutsche Jugendsprachforschung ist. Dem Klappentext des Buches nach bietet der Band erstmals „die Gesamtergebnisse des Wuppertaler DFG-Projekts zu Sprachgebrauch und Spracheinstellung von Jugendlichen im Schulalter in insgesamt 9 Bundesländern“. Das ‚Wuppertaler (Jugendsprachen-)Pro­jekt‘, welches von 1999 bis 2003 durchgeführt wurde, ist Personen, die sich mit Jugendsprache befasst haben, nicht unbekannt, haben Eva Neuland und ihr Team doch über die letzten 14 Jahre äußerst interessante Einblicke daraus an die (wissenschaftliche) Öffentlichkeit gebracht (vgl. beispielsweise Neuland 2006 und 2014). Mit der vorliegenden Publikation kann nun ein weiterer, vertiefender Einblick in die Ergebnisse des besagten Projekts gewonnen werden. Dabei handelt es sich in Neulands Worten um „die bislang umfangreichste empirische Untersuchung des Sprachgebrauchs von ca. 1200 Jugendlichen“ (S. 15) per Fragebogenerhebung und – zu einem wesentlich kleineren Teil – Spontangesprächsdaten. Diesem reichen Umfang gesellt sich eine umsichtige Konzeption der Erhebungssituation hinzu, die viele unterschiedliche Fragestellungen an die Daten zulässt. Neuland kann zugestimmt werden, wenn sie abschließend im Vorwort meint:

„Die Wuppertaler Studie hat mit ihrem Radius an Fragestellungen, ihrem großen Erhebungsumfang und der Vielfalt soziolinguistischer Befunde in der Geschichte der Jugendsprachforschung einen wichtigen Platz gefunden“ (S. 16).

Die Monographie ist in sechs thematische Abschnitte, von denen alle gut strukturierte Unterkapitel aufweisen, sowie ein Literaturverzeichnis und ein Anhangsverzeichnis eingeteilt. In Abschnitt I wird die Bandbreite der Jugendsprachforschung zusammengefasst, wie es sonst so umfassend nur in dem ebenfalls von Eva Neuland geschriebenen Einführungsbuch von 2008 geschieht. Jedoch geht es auch nicht darüber hinaus, weshalb Literaturverweise in den Kapiteln I.2.1 und I.2.2 bei 2007 enden (mit der Ausnahme von Wiese 2012). Aktualisierungen und Erwähnungen jüngerer Literatur, wie zum medialen Bereich die Artikel aus den zitierten Sammelbänden der letzten Fachkonferenzen oder auch die im Literaturverzeichnis angeführten Monographien zu Sprechstilanalysen (Galliker 2014, Walther 2014), hätten hier ihren Platz finden können. Kapitel I.3 ist in seinen Ausführungen zu den einzelnen Bereichen der linguistischen Jugendsprachforschung gespickt mit Hinweisen auf Desiderata und vertiefende Auseinandersetzungen, die zwar von unterschiedlichem Wert für die Jugendsprachforschung sind, durchaus aber allesamt gute Impulse geben. So wären genauere Analysen zum „Sprachgebrauch ‚durchschnittlicher‘ Jugendlicher im Schulalter“ (S. 31) erstrebenswert, allerdings scheint allein schon die Probandenfindung hier zu Kritik an etwaigen Forschungsdesigns einzuladen. Aus der Mikroperspektive der Heterogenität einer Vielzahl an Jugendgruppen und deren Sprachen zurückzukehren auf ein ausnivelliertes Niveau an ‚durchschnittlichen‘ Jugendlichen, wirkt gleichermaßen schwierig wie interessant.

Abschnitt II befasst sich mit dem theoretischen und empirischen Rahmen des Projekts. In der ersten Hälfte werden die Ausführungen zum Themenkomplex Jugendsprache durch die Rekapitulation der linguistischen Jugendsprachforschungstradition beschlossen, allerdings von Beginn an mit verstärkter Konzentration auf der Projektkonzeption. Kapitel II.1 geht auf die Abgrenzungsfunktion nach außen und Identifikationsfunktion nach innen ein und stellt diesen sozio-kulturellen Kern des Sprechens Jugendlicher unter vielen Perspektiven (bspw. Einfluss auf den Sprachgebrauch inkl. Sprachwandel) dar. Kapitel II.2 und II.3 besprechen die empirischen Rahmenbedingungen in all ihren Details, wobei gerade Kapitel II.3 mit den akribisch durchgeführten Aufstellungen der Probandengruppen besticht. Über Abschnitt I und II hinweg wird der Heterogenität jugendlichen Sprechens immer wieder Rechnung getragen und diese stellenweise auch direkt thematisiert:

„Zu diesem Ziel will das Wuppertaler DFG-Projekt einen Beitrag leisten, indem die innere Heterogenität des Sprachgebrauchs Jugendlicher durch den kontrollierten Vergleich der soziolinguistischen Variablen Alter und Geschlecht, regionale Herkunft, Bildungsgang und soziokulturelle Zugehörigkeit im Rahmen einer Methodenkombination (Fragebogen- sowie Spontandatenerhebungen) systematisch erfasst wird.“ (S. 41)

Der nächste Abschnitt (III) eröffnet die Ergebnisdiskussion mit den „Wörter[n] im Sprachgebrauch Jugendlicher“ (S. 71), bei welchen es sich um 16 per Kontrollgruppen erfasste, jugendtypische Ausdrücke handelt. Nach einführender Erklärung wird zu semantischen Einzelanalysen übergegangen, wobei drei Wörter im Detail und drei weitere in kürzerer Form stellvertretend für die Gesamtheit beschrieben werden. Im Zwischenfazit wird nochmals gezeigt, welche Informationen aus den Daten zu ziehen sind. So stellt Neuland für Proll und cool die relativ hohe „Kommunalität“ bzgl. ihrer „jugendsprachliche[n] Neubedeutungen“ fest (vgl. S. 132). Auf die Darstellung der Verwendungskategorien folgt die Beschreibung von Verwendungstendenzen, bezogen auf die Parameter Alter, Geschlecht, Bildungsgang und Deutsch-als-Zweitsprache, wobei hier auch die Kontrastierung der drei Altersgruppen der Erhebung (10–14, 15–19 und 20-24 Jahre) einfließt, was zu bemerkenswerten Ergebnissen führt.

Die weitere Analyse der Fragebogenergebnisse wird in Abschnitt IV mit der Diskussion der Einstellungsfragen vorgenommen und deckt von der „Typizitätseinschätzung“ (Kapitel IV.1) über die „Verwendungssituationen“ (Kapitel IV.3) bis hin zur „Reflexion über Jugendsprache“ (Kapitel IV.6) viel Beschreibungswürdiges ab. Kapitel IV.4 schließt mit der Feststellung einer nicht eindeutig darstellbaren Gruppentypik. Die Zuschreibungen einzelner sprachlicher Gruppenmerkmale bleiben unklar, was die Autorin auf die Problematik der Benennung durch szenenfremde Probanden zurückführt (vgl. S. 178). Kapitel IV.5 befasst sich mit den Gebrauchseinschränkungen und kommt zum Ergebnis, dass die Schüler – bei deutlichem Sprachbewusstsein – primär aus stilistischer Motivierung Begriffe nicht mehr verwenden (vgl. S. 186f.). Zusammen mit oben beschriebenem Zwischenfazit machen die Schlüsse aus Kapitel IV.4 und IV.5 deutlich, inwiefern die Publikation Einsichten in Aspekte jugendlichen Sprechens bieten kann, die bis dato auf Einschätzungen, wenn nicht gar Introspektion beruhten.

Auf die Auswertung der Fragebögen folgt in Abschnitt V die Analyse der Spontangesprächsdaten und setzt diese auch in Bezug zur Fragebogenerhebung. In Kapitel V.1 werden die in den Korpusdaten auftretenden Bezeichnungen aus solchen Bereichen besprochen, die für die jugendliche Lebenswelt markant sind (Personenbezeichnungen, Wertungsausdrücke, Handlungsbezeichnungen). Kapitel V.2 will die Spracheinstellungen aus den Fragebögen mit den gesprochensprachlichen Daten vergleichen. Weitestgehend schlägt das allerdings aufgrund mangelnder Thematisierung im Korpus fehl, was zu einem äußerst kurzen Kapitel mit reichlich Interpretationsraum im Fazit führt. Ebenso stellt sich die Diskussion des Anglizismengebrauchs der Schüler unter Kapitel V.3 durchwachsen dar. Zum wiederholten Male in der Geschichte der Jugendsprachforschung kann dadurch aber gezeigt werden, dass Anglizismen nicht so frequent gebraucht werden, wie in der Öffentlichkeit intuitiv angenommen und den Jugendsprachen nachgesagt wird. Neuland und ihr Team versuchen hier so viel wie möglich herauszufiltern und kontextuell zu rahmen, allerdings nicht immer nachvollziehbar. Im Anschluss setzt sich Kapitel V.4 mit den kommunikativen Handlungsmustern auseinander, wobei Frotzeln (V.4.3; aufbauend auf Günthner 1996) und Lästern (V.4.4; aufbauend auf Martin, Schubert & Watzlawik 2003) näher analysiert werden. Das Fazit besticht durch pointierte Anmerkungen, gerade in Bezug auf Erzählen, welches sich bei Jugendlichen anders zu gestalten scheint als bei Erwachsenen. Kapitel V.5 schließlich ist das Zwischenfazit, welches auf anderthalb Seiten das Wichtigste zusammenfasst, auch wenn hier noch etwas breitere Ausführungen wünschenswert gewesen wären und die Kürze den Leser etwas missen lässt.

Abschnitt VI bildet den thematischen Abschluss der Monographie und ist dementsprechend mit „Rückblicke – Ausblicke“ betitelt. Was hierunter allerdings überrascht, ist eine letzte quantitative Erhebung der Fragebogenitems im Deutschen Referenzkorpus über COSMAS II. Dies ist für die diachrone Perspektive sowie die Frage nach der Aufnahme der Wörter in den standardsprachlichen Gebrauch zwar ein guter Zugang, der aber unter Abschnitt III besser platziert und unter stärkerer Berücksichtigung der Geberregister aufschlussreicher gewesen wäre. Insbesondere hätte cool, u. a. aufgrund seiner hohen Produktivität, eine umfangreichere und genauere Besprechung verdient, die schon bei der diskussionswürdigen Verortung seiner „standardsprachliche[n] Bedeutung (i. S. v. kalt)“ (S. 287) beginnen müsste. Die anschließende eigentliche Zusammenfassung der Monographie (Kapitel VI.2–4) fällt gemessen an den aufgeworfenen Aspekten spärlich aus. Die Spontankommunikation wird in den Rück- und Ausblicken nur rudimentär angesprochen und die ohnehin kurzen Ausführungen zu Alter, Geschlecht, Bildungsgang usw. berufen sich so weitestgehend auf die Fragebogenergebnisse. Eine letzte Verknüpfung von authentischen gesprochensprachlichen Daten und den Ergebnissen der Fragebogenerhebung – so wie es im Design des Abschnitts V angelegt war – wäre äußerst wünschenswert gewesen. Gemessen am Umfang und der Vielzahl der diskutieren Aspekte hätte dieser Abgleich aber evtl. den Rahmen des Machbaren gesprengt.

Fazit

Verschiedene Ergebnisberichte wurden bisher in Publikationen und Präsentationen vorgestellt, bis heute aber fehlte ein Gesamtblick auf das Wuppertaler DFG-Projekt zur Jugendsprache. Schade ist, dass bei aller Detailgenauigkeit diesem Mammutprojekt schlussendlich nicht noch ein wenig mehr Sorgfalt in seiner schriftlichen Abfassung zugekommen ist. Dieser Umstand kulminiert in einem Mangel, der dem modernen Verlagswesen geschuldet ist: einem weitläufigen Fehlen an Lektoratsarbeit. Die Kritik daran soll hier nicht weiter ausgeführt werden; sie ist jedoch für die vorliegende Arbeit in Anschlag zu bringen, da die Lesbarkeit eingeschränkt wird und der Argumentationsverlauf teilweise unverständlich bleibt, mitunter sogar ins Nichts läuft.

Davon abgesehen sollte aber hervorgehoben werden, was das Buch eigentlich leistet: ein großes Korpus aus einer Vielzahl von Perspektiven zu beschreiben. Die Diskussion der alterspräferentiell verwendeten Wörter gestaltet sich in ihrer Aufteilung über die soziodemographischen Parameter ebenso interessant wie die daran anknüpfenden Einstellungsfragen. Die Analyse der Spontandaten liest sich auch gut und flüssig, hinterlässt aber den Eindruck, vieles nicht erfahren zu haben. Durch die Unterrepräsentation der Gesprächsdaten im Rückblick wird der Rezipient in diesem Gefühl noch bestärkt. Vielleicht bietet das aber auch Gelegenheit, sich ein letztes Mal mit den Daten des Wuppertaler Jugendsprachenprojekts zu befassen.

Mit Eva Neulands Deutsche Schülersprache liegt eine Publikation vor, die ein gelungenes Forschungskonzept aufzeigt, genau durchgeführte empirische Analysen bietet und statistisch abgesicherte Antworten und Tendenzen auf grundlegende Fragen der Jugendsprachforschung gibt. Dies scheint vor allem für mit dem Thema vertraute Leser interessant, doch können auch Neueinsteiger und Studierende sicher Nutzen daraus – besonders aus der theoretischen Rahmung – ziehen.

Literatur

Galliker, Esther. 2014. Bricolage. Ein kommunikatives Genre im Sprachgebrauch Jugendlicher aus der Deutschschweiz (Sprache – Kommunikation – Kultur 14). Frankfurt a. M. u. a.: Peter Lang. Search in Google Scholar

Günthner, Susanne. 1996. Zwischen Scherz und Schmerz. Frotzelaktivitäten in der Alltagsinteraktion. In: Helga Kotthoff (Hg.): Scherzkommunikation. Beiträge aus der empirischen Gesprächsforschung. Opladen: Westdeutscher Verlag, 81–108.Search in Google Scholar

Martin, Stephan, Daniel Schubert & Sonja Watzlawik. 2003. „Das soll jetzt keine Lästerstunde werden“. Lästern über Mitschüler – ein jugendsprachliches Phänomen. In: Eva Neuland (Hg.): Jugendsprache – Jugendliteratur – Jugendkultur. Interdisziplinäre Beiträge zu sprachkulturellen Ausdruckformen Jugendlicher (Sprache – Kommunikation – Kultur 1). Frankfurt a. M. u. a.: Peter Lang, 113–131. Search in Google Scholar

Neuland, Eva. 2006. Deutsche Schülersprache heute: total normal? In: Christa Dürscheid & Jürgen Spitzmüller (Hg.): Perspektiven der Jugendsprachforschung. Trends and Developments in Youth Language Research (Sprache – Kommunikation – Kultur 3). Frankfurt a. M. u. a.: Peter Lang, 51–71.Search in Google Scholar

Neuland, Eva. 2008. Jugendsprache. Eine Einführung (UTB 2397). Tübingen, Basel: A. Francke.Search in Google Scholar

Neuland, Eva. 2014. „Hey, was geht“. Zum Wandel und zur Differenzierung von Begrüßungsformen Jugendlicher. In: Alexa Mathias, Jens Runkehl & Torsten Siever (Hg.): Sprachen? Vielfalt! Sprache und Kommunikation in der Gesellschaft und den Medien. Eine Online-Festschrift zum Jubiläum für Peter Schlobinski (Networx 64), 263–273.Search in Google Scholar

Walther, Diana. 2014. Scherzkommunikation unter Jugendlichen. Lästern, Frotzeln und Blödeln in gemischtgeschlechtlichen Kleingruppen (Sprache – Kommunikation – Kultur 15). Frankfurt a. M.: Peter Lang.10.3726/978-3-653-03712-8Search in Google Scholar

Published Online: 2017-6-22
Published in Print: 2017-12-4

© 2017 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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Downloaded on 4.2.2023 from https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/zrs-2017-0015/html
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