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BY-NC-ND 3.0 license Open Access Published by De Gruyter June 27, 2017

Elmar Eggert und Jörg Kilian (Hg.). 2016. Historische Mündlichkeit. Beiträge zur Geschichte der gesprochenen Sprache (Kieler Forschungen zur Sprachwissenschaft 7). Frankfurt a. M.: Peter Lang. 289 S.

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Elmar Eggert und Jörg Kilian (Hg.). 2016. Historische Mündlichkeit. Beiträge zur Geschichte der gesprochenen Sprache (Kieler Forschungen zur Sprachwissenschaft 7). Frankfurt a. M.: Peter Lang. 289 S.


Gesprochene Sprache – eingebettet in bestimmte Kontexte und Situationen – wird unter Linguisten und Linguistinnen bisweilen als ‚eigentlicher Sprachgebrauch‘ konzeptualisiert und stellt unter dieser Prämisse im Gegensatz zur geschriebenen Sprache die favorisierte Basis zur Untersuchung von Sprachgebrauch, Sprachwandel und Sprachvariation dar (Schneider 2002: 67). Diese Präferenz für gesprochene Sprache wirft im Fachgebiet der historischen Linguistik allerdings ein methodologisches Problem auf. So bezeichnet Labov (1994: 11) das vorhandene historische Material als „bad data“, da einerseits nur schriftliche Quellen vorhanden sind und andererseits diese schriftlichen Quellen nur einen begrenzten Einblick in den eigentlichen Sprachgebrauch liefern können. Wie kann dann Mündlichkeit vor der Erfindung von Aufnahmegeräten überhaupt untersucht werden?

Mit dieser Thematik beschäftigt sich der von Elmar Eggert und Jörg Kilian herausgegebene Sammelband Historische Mündlichkeit. Das Werk umfasst zwölf Beiträge, denen ein Vorwort vorausgeht. Darin werden die allgemeine Problematik – das Fehlen von gesprochensprachlichen Quellen – sowie die folgenden Beiträge kurz beschrieben. Diese basieren auf einer an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel durchgeführten Ringvorlesung[1] zu der Grundfrage, wie historische Mündlichkeit untersucht werden kann. Dieser Frage gehen die Autoren in verschiedenen Ansätzen mit Bezug auf diverse Textsorten und Sprachgebiete nach. Während die Verbindung von Standardisierung und gesprochener Sprache in den Beiträgen von Hoinkes für romanische Sprachen (S. 55–76) und Nübler für slavische Sprachen (S. 269–284) hervorgehoben wird, zeigen andere Beiträge auf, wie historische Mündlichkeit anhand von a) individuellen Texten oder b) historischen Korpora erforscht werden kann.

Zwischen diesen zwei Kategorien situiert sich der Beitrag von Höder (S. 121–138), der klar und anschaulich darlegt, wie gesprochenes Altschwedisch (13. bis 16. Jahrhundert) rekonstruiert werden kann. Dabei unterscheidet Höder zwischen einem a) operationalen Ansatz, d. h. der Identifizierung von schriftspezifischen Merkmalen, die Rückschlüsse auf Mündlichkeit zulässt, und einem b) indirekten Ansatz, d. h. der Rekonstruktion der Mündlichkeit auf Basis von Textsequenzen, in denen Mündlichkeit in Form von direkter Rede präsentiert wird (S. 125–129). Gleichzeitig warnt Höder vor der Analyse von fiktionaler Mündlichkeit, da diese nicht unbedingt als repräsentativ für gesprochene Sprache gelten kann (S. 127). Wo aber die „fiktionale Mündlichkeit von der Schriftlichkeit abweicht, nähert sie sich zugleich (in unterschiedlichem Ausmaß) der tatsächlichen Mündlichkeit an“ (S. 128). Diese theoretischen Ansätze werden von Höder sehr gut anhand von Beispielen illustriert.

Kytö (S. 163–180) zeigt anhand ihrer Analyse von frühem gesprochenen Englisch in Zeugenaussagen in Gerichtsprozessen zwei ähnliche Vorgehensweisen zur Erforschung historischer Mündlichkeit auf: a) ein Vergleich von sowohl historischen als auch aktuellen Texten verschiedener Genres und b) eine Untersuchung von Texten, die möglichst informelle gesprochene Sprache repräsentieren (S. 164f.). In diesem Zusammenhang geht sie auf das von Koch und Oesterreicher vorgeschlagene Modell der Sprache der Nähe/Distanz ein (S. 164f.) und hebt den Wert von elektronischen Korpora hervor.

Der ersten von Kytö aufgezeigten Vorgehensweise geht Vosberg (S. 205–226) in seinem Beitrag nach. Er untersucht morpho-syntaktische Sprachwandelphänomene in englischen Romanen und Prosadramen vom 16. bis zum 20. Jahrhundert und vergleicht diese mit dem Sprachgebrauch in gesprochener Sprache sowie Zeitungen im 20. Jahrhundert.

Im Unterschied dazu zieht Ravida (S. 101–120) die von Verwaltungsbeamten verfassten deutschsprachigen Rechnungen der Stadt Luxemburg, die Luxemburger Stadtrechnungen (1388–1500), heran, um historische regionalsprachliche Mündlichkeit zu untersuchen. Er kommt zu dem Schluss, dass „ein historisches Lautsystem niemals zu hundert Prozent nachweislich alleine aus einer schriftlichen Quelle rekonstruiert werden [kann]“ (S. 117). Ravida hebt somit die Unerlässlichkeit von „Vorwissen und Erkenntnisse[n] aus der historischen Schreibsprachen- und Grammatikforschung sowie ggf. aus der Erforschung rezenter Dialekte“ (S. 117) für die Rekonstruktion historischer Lautverhältnisse hervor.

Während die genannten Beiträge historische Mündlichkeit anhand von Korpora untersuchen, gehen andere auf individuelle Texte ein: Burkard (S. 17–53) zeigt auf, dass viele der von Ágel und Hennig (2006) beschriebenen Indizien für konzeptionelle Mündlichkeit, wie z. B. Parataxe, fehlende Kohäsionsmarkierung, Nachträge, Wiederaufnahmen und Wechsel des Numerus, in den historiographischen Werken von Sallust (erstes Jahrhundert v. Chr.) gefunden werden können. In seinem Fazit stellt Burkard fest, dass Sallust trotz dieser Indizien nicht als ‚mündlicher Autor‘ gelten kann, da die Indizien der konzeptionellen Mündlichkeit nicht durchwegs in seinen Werken erscheinen.

„[G]ewisse Züge einer Sprache der Nähe“ (S. 140), wie Vertrautheit, Expressivität und Affektivität, macht auch Becker (S. 139–161) in ihrer Untersuchung von gesprochenem Niederdeutsch in norddeutschen Gebetsbüchern aus. Mündliche Sprachelemente, z. B. Kontraktion oder Dominanz des Perfekts, können in diesen Werken vor allem in Gebeten ohne lateinische Vorlage aufgefunden werden. Becker unterstreicht durch ihre Analyse, dass auch Passagen der gleichen Handschrift als Vergleich dienen können, um den Grad der Mündlichkeit in Texten bestimmen zu können.

Dass Passagen gleicher Texte verschiedene Grade der Mündlichkeit aufweisen können, zeigt auch Schrader-Kniffki (S. 181–204) auf. Die von ihr untersuchten alltagssprachlich geprägten kolonialzeitlichen Gerichtsakten aus Mexiko (Zeugenaussagen, Geständnisse und memorias), die unter anderem Lehnübersetzungen aus den Sprachen der indigenen Bevölkerung enthalten, sind von einer „komplexe[n] Verschränkung zwischen direkter und indirekter Rede, zwischen Nähe- und Distanzsprache“ (S. 190) geprägt. Schrader-Kniffkis Appell, diese hybriden Texte in die Sprachgeschichte des Spanischen in Amerika miteinzubeziehen, stellt eine Verbindung zu Elspaß’ (2005) Aufforderung her, Sprachgeschichte ‚von unten‘ zu betrachten. Auch wenn die von Schrader-Kniffki analysierten Gerichtsakten nur „einen Ausschnitt der Sprachgeschichte ‚von unten‘ des amerikanischen Spanisch“ (S. 202) bieten, tragen sie doch zu einem akkurateren Einblick in historischen Sprachgebrauch bei.

Auf das Thema Mehrsprachigkeit und Sprachkontakt geht auch Walker (S. 247–268) ein, der sich mit Nordfriesland beschäftigt. Er hinterfragt in seinem Beitrag Studien und Statistiken zur gesprochenen Sprache in Nordfriesland im 19. und 20. Jahrhundert und stellt eine Verbindung zur heutigen Situation her. Diese Untersuchungen zeichnen die Entwicklungen der gesellschaftlichen und der individuellen Mündlichkeit nach. Während die Mehrsprachigkeit in Nordfriesland klar in Erscheinung tritt, lässt sich auch eine Tendenz zum Sprachwechsel erkennen: Jütisch wird zugunsten des Plattdeutschen aufgegeben, wobei sowohl das Plattdeutsche als auch das Friesische (außer auf Föhr-Land) vom Hochdeutschen erst überdacht und dann beinahe verdrängt werden (S. 267).

Hoekstra (S. 227–245) beschäftigt sich ebenfalls mit dem Friesischen und mit kontaktbedingtem Sprachwandel. Er analysiert zwei auf Halligfriesisch verfasste Komödien aus dem 19. Jahrhundert und vergleicht den darin verwendeten Sprachgebrauch sowohl mit der Sprache der Zeitgenossen des Autors als auch mit Sprachwandelphänomenen in der jüngeren Sprache. Dies lässt erkennen, dass es sich beim Autor dieser Komödien, Theodor Heinrich Fürchtegott Hansen (1837–1923), um einen – wie er im Titel des Beitrags genannt wird – „schreibende[n] Semi-Sprecher des Halligfriesischen“ (S. 227) handelt.

Während in Hoekstras Beitrag der Produzent der Texte im Mittelpunkt steht, geht Schrott (S. 77-100) in ihrem Beitrag zur historischen Gesprächsforschung auf die Interaktion zwischen Produzent und Rezipient ein. Anhand ihrer Untersuchung des im Altspanischen verfassten Libro de Apolonio (um 1250) zeigt sie auf, wie der Fokus im Text durch Rätsel, die von einer Anstrengung des Verstehens gekennzeichnet sind (man denke an die Grice’sche Kooperationsmaxime „maxime of manner“), vom Produzenten auf den Rezipienten verlagert wird.

In der Romanistik situiert sich auch der bereits erwähnte Beitrag von Hoinkes (S. 55–76), der den Ursprung romanischer Sprachen kritisch beleuchtet und besonders auf die Rolle der gesprochenen Sprache in dem komplexen Standardisierungsprozess dieser Sprachen eingeht.

Nüblers Beitrag (S. 269–284) behandelt ein ähnliches Thema, legt jedoch den Schwerpunkt auf slavische Sprachen (Tschechisch, Russisch und das ehemalige Serbokroatisch). Der Verfasser geht der Frage nach, welche dieser Sprachen nach dem Prinzip „Schreib wie du sprichst“ standardisiert wurde, und stellt fest, dass diese drei Sprachen in einem Kontinuum von „Schreib wie du sprichst“ (Serbokroatisch) bis „Sprich wie du schreibst“ (Tschechisch) angesiedelt werden können. Die Standardisierung des Russischen befindet sich in der Mitte dieses Kontinuums: Die erstgenannte Maxime spielte zwar eine Rolle in der Standardisierung des Russischen, in der Praxis trat jedoch ein „Sprich wie bestimmte Schriftsteller schreiben“ zum Vorschein (S. 283).

Bereits die Skizzierung der einzelnen Beiträge zeigt, wie vielseitig dieser Sammelband ist. Die Herausforderungen bei der Untersuchung von historischer Mündlichkeit werden klar dargelegt und eine ganze Reihe von Lösungen und Ansätzen illustrativ dargestellt. Zwar bleibt das „bad data“‑Problem grundsätzlich bestehen, durch eine Analyse verschiedener Texte kann aber doch eine Annäherung an historische Mündlichkeit erzielt werden. Der Bezug auf Koch und Oesterreichers (1994) Modell konzeptioneller Mündlichkeit und Schriftlichkeit und die darauf aufbauende Theorie von Ágel und Hennig (2006) sind dafür hilfreich und werden auch in zahlreichen Beiträgen angesprochen. Im Vorwort des Sammelbandes werden diese grundlegenden Ansätze aber nur kurz erwähnt. Der Bezug auf die ‚Sprachgeschichte von unten‘ (Elspaß 2005), d. h. ein Blick auf den Sprachgebrauch der Mehrheit der Bevölkerung (nicht nur der gebildeten, höheren Schichten), kommt hier nicht zur Sprache; nur im Beitrag von Schrader-Kniffki wird dieser Aspekt aufgegriffen. Auch das ‚uniformitarian principle‘, das besagt, dass sich Sprachwandelphänomene in ihrer Art nicht von Phänomenen in der Vergangenheit unterscheiden und darum die Gegenwart zur Erklärung der Vergangenheit herangezogen werden kann, bleibt unerwähnt – implizite Hinweise darauf zeigen sich jedoch in den Beiträgen von Ravida, Höder und Hoekstra. Doch trotz dieser geringfügigen Mängel kann der im Vorwort geäußerten Bemerkung der Herausgeber gänzlich zugestimmt werden:

„Die Beiträge in diesem Band illustrieren anschaulich, dass die geschichtliche Erforschung der gesprochenen Rede trotz aller aufgezeigten Schwierigkeiten zu tragfähigen Ergebnissen kommen kann, was – so die Hoffnung – zu weiteren Studien anregen möge.“ (S. 14)

Der hier besprochene Sammelband liefert zahlreiche Ansatzpunkte für weitere Studien und kann als interessante Lektüre wärmstens empfohlen werden.

Literatur

Ágel, Vilmos & Mathilde Hennig (Hg.). 2006. Grammatik aus Nähe und Distanz. Theorie und Praxis am Beispiel von Nähetexten 1650–2000. Tübingen: Max Niemeyer.10.1515/9783110944709Search in Google Scholar

Elspaß, Stephan. 2005. Sprachgeschichte von unten. Tübingen: Max Niemeyer.10.1515/9783110910568Search in Google Scholar

Koch, Peter & Wulf Oesterreicher. 1994. Schriftlichkeit und Sprache. In: Hartmut Günther & Otto Ludwig (Hg.). Schrift und Schriftlichkeit. Ein interdisziplinäres Handbuch internationaler Forschung. Berlin, Boston: De Gruyter, 587–604.10.1515/9783110111293.1.5.587Search in Google Scholar

Labov, William. 1994. Principles of Linguistic Change: Internal Factors. Oxford: Blackwell.Search in Google Scholar

Schneider, Edgar W. 2002. Investigating variation and change in written documents. In: J. K. Chambers, Peter Trudgill & Natalie Schilling-Estes (Hg.). The Handbook of Language Variation and Change. Oxford: Blackwell, 67–96.10.1002/9780470756591.ch3Search in Google Scholar

Published Online: 2017-6-27
Published in Print: 2017-12-4

© 2017 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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Downloaded on 30.1.2023 from https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/zrs-2017-0016/html
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