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BY-NC-ND 3.0 license Open Access Published by De Gruyter June 27, 2017

Attila Péteri. 2015. Satzmodusmarkierung im europäischen Sprachvergleich. Interrogativsätze im Deutschen und im Ungarischen mit einem typologischen Ausblick auf andere europäische Sprachen (Szegediner Schriften zur germanistischen Linguistik 4), Frankfurt a. M.: Peter Lang. 221 S.

Horst Lohnstein EMAIL logo

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Attila Péteri. 2015. Satzmodusmarkierung im europäischen Sprachvergleich. Interrogativsätze im Deutschen und im Ungarischen mit einem typologischen Ausblick auf andere europäische Sprachen (Szegediner Schriften zur germanistischen Linguistik 4), Frankfurt a. M.: Peter Lang. 221 S.


Der Satzmodus ist eine grammatische Kategorie, die die Sätze einer Sprache der Klassenbildung in Deklarativ, Interrogativ, Imperativ, Optativ, Exklamativ etc. zuordnet. Er konstituiert sich auf der Basis einer Menge formal-grammatischer Merkmale, deren komplexe Interaktion die Funktion der sprachlichen Konstruktion bestimmt, in der diese Merkmale auftreten. Altmann (1993) hat dazu vorgeschlagen, dass morphologische, kategoriale, syntaktische und intonatorische Merkmale und Eigenschaften für die Konstitution eines Satzmodus relevant sind und eine Zuordnung zwischen der Form- und der Funktionsseite vorzu­nehmen ist, sodass der Zusammenhang zwischen den grammatischen Mitteln und dem Satzmodus (als Vorstufe der illokutiven Interpretation) hergestellt werden kann. Diese Zuordnung ist – speziell für das Deutsche – in den letzten Jahrzehnten in unterschiedlicher Weise expliziert worden (vgl. zu einem Überblick Meibauer et al. 2013).

Eine zentrale Satzmoduskategorie wird von den Interrogativsätzen etabliert, deren zwei wesentliche Varianten – Entscheidungs- und Ergänzungsinterrogativsatz – wohl in allen natürlichen Sprachen auftreten (vgl. Sadock & Zwicky 1985, König & Siemund 2007). Selbständige Entscheidungsinterrogative wie in (1.i) erlauben als Antwort ‚Ja‘ oder ‚Nein‘ sowie – in Abhängigkeit von den Kenntnissen des Adressaten – graduierbare partielle Antworten. Selbständige Ergänzungsinterrogative wie in (1.ii) thematisieren Alternativenräume, die durch eine adressatenseitige Reduktion konkreter spezifiziert werden können:

  1. i. Wohnt Karl in Venedig?

  2. ii. Wann gehst du einkaufen?

Obwohl diese interrogativen Funktionen sprachübergreifend auftreten, variieren ihre beobachtbare Realisierung und die damit verbundenen sprachlichen Mittel in nicht unerheblichem Maße.

Die Monographie, die in vier zentrale Kapitel untergliedert ist (ein fünftes Kapitel stellt ein kurzes Fazit und einen Ausblick auf weitere Forschungsaufgaben dar), behandelt auf 221 Seiten Varianten des Satzmodus in neun (!) verschiedenen europäischen Sprachen und legt da­bei den Schwerpunkt auf Entscheidungs- (ENTI) und Ergänzungsinterrogativsätze (ERGI) im Deutschen und im Ungarischen. Es handelt sich um die überarbeitete Version einer im Jahr 2011 an der Budapester Eötvös-Loránd-Universität eingereichten und erfolgreich verteidigten Habilitationsschrift. In den theoretischen Grundannahmen wird

„von bestimmten einheitlichen Prinzipien der Markierung einzelner Satzmodi ausgegangen, die teilweise als Folgen übereinzelsprachlicher Ausdrucksprinzipien anzusehen, teilweise idiosynkratisch motiviert sind und mit typologischen Charakteristika des einzelsprachlichen Systems sowie mit seiner historischen Entwicklung zusammenhängen.“ (S. 11f.)

Als Arbeitsdefinition für die Semantik interrogativer Konstruktionen und die zugehörigen Antworten verwendet Péteri eine Kombination der Satzmodustheorien von Brandt et al. (1992) und Lohnstein (2000), indem er einerseits das Konzept der Partition für die Charakterisierung der semantischen Objekte für Interrogativsätze und deren Reduktionen als Antworten in der Form von Deklarativsätzen ansetzt. Andererseits verbindet er aber auch die durch die Offenheit der Proposition markierte Wissenslücke des Sprechers mit dem Wunsch ihrer Füllung, sodass damit die Reduktion der Partition auf eine wahre Proposition stattfindet (S. 23f.). Unter den lexikogrammatischen Mitteln erörtert Péteri die Markierungen mit Hilfe von Interrogativpartikeln bzw. -morphemen, die in den untersuchten Sprachen meist im Falle von ENTI verwendet werden. ERGI sind demgegenüber durch den das Frageziel bezeichnenden Interrogativausdruck (W-Phrase) markiert. Interrogativpartikeln für ENTI treten in sechs von den neun untersuchten Sprachen auf: „im Türkischen, im Finnischen, im Ungarischen, im Latein, im Russischen und im Albanischen“ (S. 25). Als weitere Mittel werden Question Tags, Modalpartikeln und die Interrogativausdrücke genauer betrachtet.

Zu den syntaktischen Markierungen zählt der Verfasser die in den germanischen Sprachen grammatikalisierte Verberst-Verbzweit-Opposition, die im Laufe der Sprachentwicklung zu einem Satzmodus­merkmal wurde (S. 30). Informationsstrukturelle Markierungen mittels Fokussierung und Wortstellung werden – der Zuordnung der entsprechenden Unterkapitel zufolge – den syntaktischen Eigenschaften zugeordnet.

Die Frage, welche Rolle im System der Satzmodusmarkierer die suprasegmentalen Markierungen spielen, die in der Forschungstradition je nach Ansatz der Kerngrammatik oder der Pragmatik zugeschlagen werden, entscheidet Péteri auf der Basis einer größer angelegten Studie zu Verwendungen der propositionslosen Diskurspartikel „Hm“ (in Anlehnung an Schmidt 2001), indem er die Intonation im engeren Sinne (der Melodieverlauf entlang der steigenden oder fallenden Grundfrequenzänderungen) in Abgrenzung zu anderen prosodischen Mitteln wie Zeitstruktur, Intensität usw. zu den systematischen grammatischen Markierungen der Satzmodi zählt (S. 46). Damit sind die theoretischen Vorarbeiten und Zuordnungen im Wesentlichen gelegt und Péteri wendet sich im zweiten Kapitel einem Vergleich der Interrogativsätze in den zu untersuchenden europäischen Sprachen zu. Hier werden die zentralen Interrogativsatztypen mit ihren je spezifischen Auszeichnungen in den verschiedenen Sprachen vorgestellt und hinsicht­lich der Verwendung der sprachlichen Mittel differenziert aufeinander bezogen. Eine kompakte Darstellung der Diskussionsergebnisse ist auf den Seiten 99 ff. zusammengefasst. Ein deutlicher Schwerpunkt liegt dabei auf der Betrachtung der intonatorischen Mittel, denn

„Ein wesentliches Novum in meinen Untersuchungen besteht darin, dass ich die Intonation und andere suprasegmentale Mittel im ERGI bis zur Grenze der vorhandenen Forschungsmöglichkeiten ebenso untersucht habe wie im Falle der ENTI. Es ist zwar richtig, dass die suprasegmentalen Mittel in den untersuchten Sprachen im Vergleich mit den Interrogativphrasen nur eine sekundäre Rolle spielen, immerhin sind sie aber wichtig und markieren pragmatisch gefärbte Nebentypen.“ (S. 86)

Das dritte Kapitel wendet sich den Interrogativsätzen des Deutschen, das vierte Kapitel den Interrogativsätzen des Ungarischen zu. Beide Sprachen werden auf der Basis eines strukturierten Korpus von deutschen und ungarischen Teilkorpora aus unterschiedlichen Textsorten verglichen und daraufhin befragt, mit welchen Häufigkeiten die verschiedenen Frage­konstruktionen mit ihren jeweiligen Markierungsmitteln auftreten. Das empirische Datenmaterial besitzt einen Wortumfang von ca. vier bis viereinhalb Millionen Textwörtern in jeder Sprache und ist dabei in beiden Sprachen aus möglichst gleichen Textsorten ausgewählt:

  1. Plenarsitzungsprotokolle

  2. Schüler- bzw. Studentengespräche

  3. Dramentexte des 20. Jhs.

Für alle Texte wird geltend gemacht, dass sie den

„gleichen oder ähnlichen Textsorten angehören, an gleiche oder ähnliche institutionalisierte Interaktionsrahmen gebunden sind, alle im Grunde standardnah und dialektfrei sind, alle als gesprochene Texte konzipiert wurden, aber in elektronisch suchbarer, geschriebener oder transkribierter Form zur Verfügung stehen.“ (S. 104)

Auf dieser empirischen Basis werden nun für beide Sprachen der ENTI auf Interrogativpartikeln, Question Tags, Modalpartikeln, syntaktische ENTI-Typen, V1-, V2-, VE-ENTI, Kurz-ENTI (wie etwa: Wirklich?), informationsstrukturelle Besonderheiten, intonatorische Mar­kierungen qualitativ analysiert und anhand des Korpus hinsichtlich ihrer Auftretenshäufigkeiten quantifiziert. Sodann werden die wesentlichen Eigenschaften der ERGI in Bezug auf die Verwendung von W-Phrasen, Modalpartikeln, syntaktische Typen, Position der W-Phrase, Verbstellung, Topikalisierung, Kurz-ERGI, suprasegmentale Markierung in je eigenen Unterkapiteln genauer untersucht und unter Bezug auf die Verwendungen in den Korpora quantifiziert und qualifiziert. Die Ergebnisse dieser Untersuchung sind auf den Seiten 148 ff. punktweise und übersichtlich zusammengefasst. Schließlich stellt das vierte Kapitel eine analoge Untersuchung zu den im Ungarischen auftretenden ENTI und ERGI dar und fasst auch diese Ergebnisse übersichtlich auf den Seiten 198 f. zusammen.

Ein knappes fünftes Kapitel (S. 201–203) beinhaltet das Fazit und einen Ausblick auf die sich aus der vorliegenden Arbeit ergebenden weiteren Forschungsfragen.

Die vorliegende Monographie bietet eine Darstellung der Satzmoduskonstitution in einer ganzen Reihe unterschiedlicher europäischer Sprachen und Sprachfamilien mit Schwerpunkt auf den Interrogativsätzen. Damit stellt sie eine Studie dar, die die Kategorie Satzmodus sprachübergreifend hinsichtlich des Zusammenwirkens der verschiedenen sprachlichen Mittel unter einer systematisierenden Perspektive bündelt. Die Beobachtungen und deskriptiven Charakterisie­rungen dieser Mittel in den verschiedenen Sprachen lassen in sehr verständlicher und klarer Weise deutlich werden, dass ein begrenztes Inventar grammatischer Mittel in menschlichen Sprachen zur Verfügung steht, um die (Vorstufen der) illokutiven Interpretationen zu konstituieren. Die Vielzahl der untersuchten Sprachen und die jeweils verwendeten Ausdrucksformen, die einzeln oder in Kombination den (interrogativen) Satzmodus determinieren, machen dieses Buch zu einem wichtigen Beitrag zu einem Forschungszweig, der den Zusammenhang zwischen sprachlicher Form und ihrer Funktion in Interaktionszusammenhängen besser verstehen möchte. Wer sich mit der Problematik des Satzmodus in verschiedenen Sprachen beschäftigen will, findet in diesem Buch eine gute deskriptive Darstellung einer Vielzahl von Phänomenen zu diesem Forschungsbereich. Eine kompositionelle Analyse, deren Ziel in der theoretischen Rekonstruktion der Satzmodusfunktion aus den beteiligten sprachlichen Mitteln besteht, bietet das Buch nicht. Es stellt aber die empirische Vorarbeit und die relevanten Perspektiven für derartige theoretische Ansätze sprachübergreifend in beeindruckender Weise zusammen.

Literatur

Altmann, Hans. 1993. Satzmodus. In: Joachim Jacobs, Arnim von Stechow, Wolfgang Sternefeld & Theo Vennemann (Hg.). Syntax. Ein internationales Handbuch zeitgenössischer Forschung. Berlin, Boston: De Gruyter, 1006–1029.10.1515/9783110095869.1.15.1006Search in Google Scholar

Brandt, Margareta, Marga Reis, Inger Rosengren & Ilse Zimmermann. 1992. Satztyp, Satzmodus und Illokution. In: Inger Rosengren (Hg.). Satz und Illokution I. Tübingen: Max Niemeyer, 1–90.Search in Google Scholar

König, Ekkehard & Peter Siemund. 2007. Speech act distinctions in grammar. In: Timothy Shopen (Hg.). Language Typology and Syntactic Description. 2nd ed. Cambridge: Cambridge University Press, 276–324.10.1017/CBO9780511619427.005Search in Google Scholar

Lohnstein, Horst. 2000. Satzmodus – kompositionell. Zur Parametrisierung der Modusphrase im Deutschen. Berlin: Akademie Verlag.10.1515/9783050079196Search in Google Scholar

Meibauer, Jörg, Markus Steinbach & Hans Altmann. 2013. Kontroversen in der Forschung zu Satztypen und Satzmodus. In: Jörg Meibauer, Markus Steinbach & Hans Altmann (Hg.). Satztypen im Deutschen. Berlin, Boston: De Gruyter, 1–9.10.1515/9783110224832.1Search in Google Scholar

Sadock, Jerrold M. & Arnold M. Zwicky. 1985. Speech act distinctions in syntax. In: Timothy Shopen (Hg.). Language Typology and Syntactic Description. Cambridge: Cambridge University Press, 155–196.Search in Google Scholar

Schmidt, Jürgen Erich. 2001. Bausteine der Intonation. In: Jürgen Erich Schmidt (Hg.). Neue Wege der Intonationsforschung. Hildesheim et al.: Georg Olms.Search in Google Scholar

Published Online: 2017-6-27
Published in Print: 2017-12-4

© 2017 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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Downloaded on 30.1.2023 from https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/zrs-2017-0018/html
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