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BY-NC-ND 3.0 license Open Access Published by De Gruyter August 1, 2017

Marlies Koch. 2016. Geschichte der gesprochenen Sprache von Bayerisch-Schwaben. Phonologische Untersuchungen mittels diatopisch orientierter Rekonstruktion (Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik – Beihefte 164). Stuttgart: Franz Steiner. 521 S.

Christian Schwarz

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Marlies Koch. 2016. Geschichte der gesprochenen Sprache von Bayerisch-Schwaben. Phonologische Untersuchungen mittels diatopisch orientierter Rekonstruktion (Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik – Beihefte 164). Stuttgart: Franz Steiner. 521 S.


Marlies Koch hat sich mit ihrer Arbeit zur Aufgabe gemacht, die Geschichte der gesprochenen Sprache im Untersuchungsgebiet des Sprachatlasses von Bayerisch-Schwaben zu rekonstruieren. Sie widmet sich damit einer genau so faszinierenden wie – zumindest auf den ersten Blick – unlösbaren Aufgabe, sind doch aus den historischen Epochen der deutschen Sprache keinerlei mündliche Daten überliefert. Um dieses methodische Problem in den Griff zu bekommen, bedient sich die Autorin einer diatopisch orientierten Rekonstruktionsmethode, die bei den Erhebungsdaten des Sprachatlasses von Bayerisch-Schwaben ansetzt und damit von einer synchronen Datenbasis ausgehend die Regionalsprachgeschichte Bayerisch-Schwabens zurückverfolgt. Diese Rekonstruktion nimmt Marlies Koch anhand von fünf ausgewählten phonologischen Phänomenen vor, wobei sie Methoden aus der Indogermanistik mit denjenigen der Dialektgeographie und Statistik verbindet. Mit ihren Ergebnissen kommt sie zu dem Schluss, dass der Beginn einer ganzen Reihe von Lautwandelphänomenen weit früher datiert werden muss, als dies bislang angenommen wurde.

Die Arbeit von Marlies Koch ist in zwei etwa gleich große Teile untergliedert, von denen der erste den Textteil (S. 17–236) und der zweite den Kartenteil (S. 237–521) beinhaltet. Der Textteil besteht aus zehn Kapiteln, von denen die Kapitel 1–8 den Sprachwissenschaftlichen Teil darstellen, der neben Vorbemerkungen (Kap. 1) und einer Einführung (Kap. 2) die ausführliche Analyse von fünf ausgewählten phonologischen Phänomenen umfasst (Kap. 3–7) und durch eine Zusammenfassung (Kap. 8) abgeschlossen wird. Kapitel 9 stellt den Mathematischen Teil dar, der statistische Analysen zu den Stammbäumen der Dialekte von Bayerisch-Schwaben enthält. Kapitel 10 schließt den Textteil mit einer Zusammenfassung ab. Im Kartenteil werden die im Textteil besprochenen phonologischen Phänomene auf 137 aggregierten Farbkarten dargestellt, die mit kurzen Erläuterungen versehen sind.

Die Arbeit beginnt mit einem allgemeinen Vorwort und einem Vorwort zum sprachwissenschaftlichen Teil (Kap. 1). Hier werden auf vier Seiten kurz die Ziele und Methoden der Untersuchung beschrieben. Darauf folgt eine ausführliche Einführung (Kap. 2), in der die empirische Forschung zur Regionalsprachgeschichte als Desiderat herausgestellt wird. Gerade die Rekonstruktion gesprochener Sprache wird dabei verständlicherweise als besonders große Forschungslücke dargestellt. Sie ist speziell in Bezug auf die phonologische Ebene besonders prominent, denn gerade hier besteht in den historischen Zeugnissen das Problem, dass die Graphem-Phonem-Korrespondenzen stark konventionalisiert sind und dass dadurch nur unzureichend auf die dahinterstehende regionale Sprechweise geschlossen werden kann. Entsprechend fordert die Verfasserin: „Die Mündlichkeit früherer Sprachstufen muss über die Mündlichkeit der Gegenwart erschlossen werden“ (S. 24). Diese Mündlichkeit der Gegenwart sieht die Verfasserin in den Erhebungsdaten des Sprachatlas von Bayerisch-Schwaben, die als Datengrundlage zur Rekonstruktion herangezogen werden sollen. Bevor die Methodik der Arbeit weiter besprochen wird, geht Koch in Kap. 2.2 näher auf das Untersuchungsgebiet Bayerisch-Schwaben ein und beschreibt neben der frühgeschichtlichen Besiedlung des Gebietes durch die Alemannen auch die gesellschaftlichen und sprachlichen Eigenschaften dieser völkerwanderungszeitlichen Immigranten. Ihre Argumentation geht in eine Richtung, die auf eine sprachlich homogene Ausgangsgesellschaft auf dem Gebiet des heutigen Bayerisch-Schwaben hinausläuft, die weder eine binnenalemannische noch eine zwischen Alemannen und Bajuwaren bestehende Heterogenität vermuten lässt. Ob eine solche Einheitlichkeit jedoch jemals bestanden hat, kann auch durch die Verfasserin nicht ausreichend geklärt werden. Die sprachlich homogene Ausgangslage ist aber eine notwendige Annahme, um die Rekonstruktion der gesprochenen Sprache mit Hilfe eines evolutionstheoretischen Modells von den differenzierten Dialekten der Moderne zurück zu einer einheitlicheren Sprechweise in der Frühzeit vorzunehmen.

Im Anschluss an die siedlungs- und gesellschaftsgeschichtlichen Ausführungen geht die Verfasserin in Kap. 2.3 auf den von Wiesinger (2005) übernommenen Ansatz der diatopisch orientierten Rekonstruktion ein, der die indogermanistische (sprachsystembezogene) und die dialektologische (außersprachliche) Rekonstruktionskomponente miteinander verknüpft. Im Rahmen der sprachsystembezogenen Rekonstruktion wird zunächst die indogermanistische Arbeitsweise auf die Ebene der Dialekte übertragen, wobei Koch für ihr Untersuchungsgebiet von einem Set von 13 dialektologischen Kerngebieten ausgeht. Diese Kerngebiete und deren Dialekte werden von ihr wie unterschiedliche Sprachen betrachtet, denen ein gemeinsames, abstraktes Metasystem zugrunde liegt. Die Rekonstruktion wird über den Grad der Ähnlichkeiten zwischen den Dialektsystemen vorgenommen: Über die Menge gemeinsamer (phonologischer) Merkmale wird auf ein gemeinsames Ursprungssystem geschlossen (S. 34). Letztlich soll durch diese Vorgehensweise eine relative Chronologie der phonologischen Wandelprozesse ermittelt werden können. Generell wird der zu rekonstruierende historische Lautwandel hier auf der theoretischen Grundannahme einer Stammbaumentwicklung gemäß August Schleicher (1863) modelliert. Methodisch ist dieses Modell natürlich überaus problematisch, da es kontaktlinguistische und soziale Faktoren ausklammert. Die Verfasserin räumt dieses Problem auch selbst mehrfach ein, bevorzugt das Stammbaummodell jedoch aus Gründen der besseren Durchführbarkeit. Eine weitere Grundannahme besteht darin, dass für den zu untersuchenden Zeitraum, der bis in die voralthochdeutsche Zeit zurückreicht, eine kontaminationsarme Entwicklung angenommen wird. Es wird also davon ausgegangen, dass seit dem frühen Mittelalter die Besiedlung von Bayerisch-Schwaben relativ ungestört von äußeren Einflüssen geblieben sein soll.

Die diatopische Rekonstruktion, deren Argumentation über die geographische Verbreitung einzelner phonologischer Variablen läuft, wird von der Verfasserin nach vier an Bartoli (1925) angelehnten Raumnormen vorgenommen. Diese umfassen 1) die Norm der Zugänglichkeit eines Areals (Verkehr), 2) die Norm der sog. Seitenareale (d. h. Innovationen tauchen zuerst im Kerngebiet eines Dialekts auf, während die Seitenareale die alte Form bewahren), 3) die Norm der Ausdehnung eines Areals sowie 4) die Norm des späteren Areals (d. h. entlehnte Erscheinungen weisen im aufnehmenden Dialekt einen konservativeren Charakter auf als die entsprechende Erscheinung in ihrem Ursprungsdialekt). Diese zugrunde gelegten Raumnormen erscheinen zwar nicht abwegig, dennoch wäre hier eine etwas ausführlichere Begründung wünschenswert gewesen, weshalb gerade diese Kriterien zur Bewertung ausgewählt wurden und nicht andere (wie z. B. die Frequenz der kartierten Lexeme etc.). Des Weiteren wird die Validität dieser Faktoren nicht diskutiert und keine erkennbare Methodenkritik geübt, obwohl gerade zur Frage des Zusammenhangs von Verkehr und sprachlicher Innovation durchaus Forschungsliteratur aus jüngerer Zeit vorliegt (vgl. Auer 2004). Aus dieser geht hervor, dass erhöhter Verkehr keineswegs automatisch zu sprachlicher Innovation in einem bestimmten Gebiet führen muss.

Nach den Erläuterungen zu sprachsystembezogener und sprachgeographischer Rekonstruktion sowie der Erstellung einer relativen Chronologie wird schließlich der letzte Arbeitsschritt beschrieben, der aus der Ankopplung der relativen Chronologie an datierbare Ankerpunkte besteht, um somit eine absolute Chronologie zu erhalten. Als solche Ankerpunkte werden Ortsnamenschreibungen ausgewählt, die nach Auffassung der Verfasserin eine tendenzielle Nähe zur Mündlichkeit aufweisen. Bei der chronologischen Verankerung der Wandelprozesse an den Ortsnamen besteht jedoch das Problem (wie auch Koch ausführt), dass die schriftliche Umsetzung der Ortsnamen versetzt zum mündlichen Sprachwandel stattgefunden haben dürfte und die Datierung der Schreibungen somit einen nur sehr unscharfen (zu späten) chronologischen Ankerpunkt darstellt.

Die Kapitel 3–7 beinhalten das empirische Herzstück der Arbeit, in dem die diatopisch orientierten Analysen von fünf ausgewählten phonologischen Phänomenen präsentiert werden. Diese gehören allesamt dem Vokalismus an. Es handelt sich um die nasale Folgekonsonanz (z. B. bei Senkungsprozessen wie in Kind > Kend), die Velarisierung (z. B. Milch > Mülch), die Diphthongierung der mittelhochdeutschen mittleren Kurzvokale östlich des Lechs (z. B. Tochter > Touchter), der Wandel von mhd. â (z. B. blâ > blao) sowie die Realisierung der mittelhochdeutschen E-Laute. Wie aus den Vorbemerkungen der Arbeit hervorgeht, wurden die Phänomene nach der Prämisse ausgewählt, dass es sich dabei um möglichst unterschiedliche dialektgeographische oder sprachhistorische Vokalveränderungen handeln sollte (z. B. Phänomene, die heute nur noch relikthaft bestehen, vs. großräumig verbreitete Phänomene). Jedes der Analysekapitel 3–7 beinhaltet zunächst eine ausführliche sprachsystematische und dialektgeographische Beschreibung des untersuchten phonologischen Phänomens (in Bezug zu diesen Erläuterungen stehen die Farbkarten im Kartenteil der Arbeit). Auf Vokalanalysen folgt jeweils die diatopisch orientierte Rekonstruktion als relative Chronologie in tabellarischer Form mit Erläuterungen und schließlich der Versuch einer absoluten Datierung.

In ihren Analysen ermittelt die Verfasserin bei allen untersuchten Phänomenen deutlich frühere Datierungen als in der einschlägigen Fachliteratur bislang beschrieben. Ihre Ergebnisse deuten darauf hin, dass in vielen Fällen bereits gegen Ende der althochdeutschen Periode tiefgreifende Umstrukturierungen im Lautsystem stattgefunden haben. Hebung und Senkung, Velarisierung sowie die Diphthongierung der hohen Langvokale (z. B. hûs > Haus) datiert sie bereits in das 11. Jahrhundert. Die Diphthongierung der Kurzvokale verortet sie um das 11./12. Jahrhundert, die Entwicklungen von mhd. â in das 9.–11. Jahrhundert. Insgesamt gelangt sie damit in den meisten Fällen zu Datierungen, die in etwa ein bis drei Jahrhunderte vor denjenigen liegen, die in den bisherigen Lehrmeinungen vorherrschen. Hinsichtlich des Einsetzens von Nasalschwund vor Frikativ mit Ersatzdehnung (Staubsches Gesetz) kommt sie mit ihrer Datierung gar auf das 6./7. Jahrhundert und liegt damit ca. ein halbes Jahrtausend vor dem bisher für das Einsetzen dieser Lautwandelerscheinung angenommenen Zeitraum.

In Kapitel 9 fundiert die Verfasserin ihre bisherigen Ergebnisse mit Hilfe statistisch ermittelter Stammbäume zu den Dialekten von Bayerisch-Schwa­ben. Zur Dialektrekonstruktion verwendet sie das Softwarepaket TraitLab von Nicholls & Gray (2006). Die Software wurde in der Indogermanistik ursprünglich zur Rekonstruktion von Sprachen verwendet und wird von Koch auf die Ebene der Dialekte übertragen. Das Programm arbeitet mit einer Binärmatrix, die das Vorhandensein oder die Abwesenheit bestimmter Merkmale in den untersuchten Dialekten angibt und entlang des Zeitstrahls bis zu einer selbst festzulegenden Wurzel errechnet, welche Dialekte sich wann voneinander abspalteten. Die Wurzel des Stammbaums wurde in der vorliegenden Untersuchung zwischen 500 und 800 n. Chr. gelegt, in jene Zeit also, zu der noch von einer relativ homogenen Sprachgemeinschaft ausgegangen wird. Eine klare Schwäche der Software TraitLab besteht darin, dass sie auf den Grundannahmen von Schleichers Stammbaummodell fußt. Sprachkontakt bzw. Lehnbeziehungen, geschweige denn soziale Parameter, können somit nicht implementiert werden. Dieses Problem wird auch von Koch erwähnt, wobei sie ausblickend darauf hinweist, dass „die Brücke zwischen Daten, die einerseits die sprachliche Wirklichkeit repräsentativ wiedergeben und andererseits den Modellvorgaben von TraitLab genügen“ (S. 233) noch zu schlagen sei. Trotz dieser methodischen Probleme konnte die Verfasserin mit TraitLab einige wichtige Erkenntnisse gewinnen, von denen die wesentlichste darin besteht, dass sowohl aus sprachwissenschaftlich-rekonstruktiver Sicht als auch aus mathematisch-statistischer Sicht zum Ende der althochdeutschen Zeit (ca. im 11. Jh.) die wichtigsten vokalischen Entwicklungen eingesetzt haben. Durch diesen Entwicklungsschub begannen sich die Gebiete östlich und westlich des Lechs phonologisch voneinander zu trennen. Ein weiteres Ergebnis der mathematisch-stochastischen Analyse besteht darin, dass es im weiteren Verlauf zu einer nord-südlich ausgerichteten Ausbreitung von Innovationen gekommen sein muss. Schließlich erbrachte die Analyse aller SBS-Bände in TraitLab (Phonologie, Morphologie, Lexik), dass sich die verschiedenen sprachlichen Ebenen hinsichtlich ihrer Aufspaltungszeiten unterscheiden. So entsteht lexikalische Divergenz in der historischen Entwicklung relativ früh, während die Morphologie länger einheitlich bleibt und sich erst später aufspaltet.

Resümierend kann festgehalten werden, dass die Arbeit von Marlies Koch sich besonders durch ihre Methodenvielfalt in Form der klassisch-philologi­schen, dialektgeographischen und statistischen Vorgehensweise auszeichnet. Zwar kann an der Arbeit sicher kritisiert werden, dass ihre Methodik auf strukturalistischen wie evolutionstheoretischen Grundannahmen beruht, mit denen sowohl die Reduktion von Sprache auf ein abstraktes System von Zeichen wie auch die Ausblendung außersprachlicher Parameter einhergehen. Andererseits hat die historische Sprachwissenschaft auf dem Gebiet der Rekonstruktion älterer Perioden gesprochener Sprache bislang keine konkurrenzfähigen Alternativen zu bieten. Es gelingt der Autorin somit, mit ihrer dreifachen Methodenkombination dem Ziel der Rekonstruktion historisch-gesprochener Regionalsprache näher zu kommen, wenngleich die vollständige Erschließung der mündlichen Wirklichkeit historischer Epochen wohl auch weiterhin unerreichbar bleiben wird.

Literatur

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Bartoli, Matteo. 1925. Introduzione alla neolinguistica. Principi – Scopi – Metodi. Genf, Florenz: Olschki. Search in Google Scholar

Nicholls, Geoff K. & Russell D. Gray. 2008. Dated Ancestral Trees from Binary Trait Data and its Application to the Diversification of Languages. In: Journal of the Royal Statistical Society. Series B: Statistical Methodology 70, 545–566.Search in Google Scholar

Schleicher, August. 1863. Die Darwinsche Theorie und die Sprachwissenschaft – offenes Sendschreiben an Herrn Dr. Ernst Haeckel. Weimar: Böhlau.Search in Google Scholar

Wiesinger, Peter. 2005. Möglichkeiten und Grenzen der historischen Dialektologie auf dem Gebiet der Lautentwicklung. Am Beispiel des Mittelaleman­nischen und Südwestlichen Schwäbisch. In: Eckhard Eggers, Jürgen Erich Schmidt & Dieter Stellmacher (Hg.). Moderne Dialekte – Neue Dialektologie. Akten des 1. Kongresses der Internationalen Gesellschaft für Dialektologie des Deutschen (IGDD). Stuttgart: Franz Steiner, 405–453. Search in Google Scholar

Published Online: 2017-8-1
Published in Print: 2017-12-4

© 2017 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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