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BY-NC-ND 3.0 license Open Access Published by De Gruyter November 8, 2017

Jürgen Schiewe (Hg.). 2016. Angemessenheit. Einsichten in Sprachgebräuche (Valerio 18). Göttingen: Wallstein. 180 S.

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Jürgen Schiewe (Hg.). 2016. Angemessenheit. Einsichten in Sprachgebräuche (Valerio 18). Göttingen: Wallstein. 180 S.


Die Kategorie der ‚Angemessenheit‘ ist ein, wenn nicht der Kernbegriff einer wissenschaftlich begründeten Sprachkritik, die sich als Teil anwendungsbezogener Sprachwissenschaft versteht. Nachdem der wissenschaftliche Wert sprachkritischer Äußerungen an sich durch Vertreter einer strukturalistisch vorgehenden, naturwissenschaftlichen Anspruch erhebenden Linguistik lange Zeit grundsätzlich in Frage gestellt wurde, was sie fast zum Verstummen gebracht hat, ist die Kategorie heute erfreulicherweise wieder in Gebrauch und zu Ansehen gekommen. Das entspricht einer der Wirklichkeit zugewandten Sprachwissenschaft, die ihr Interesse nicht auf das isolierte System der Sprache, sondern auf deren Verwendung richtet. Sie agiert nicht normierend, sondern will zum bewussten Sprachgebrauch befähigen. Diese durchaus nicht neue, aber lange Zeit nahezu in Verruf geratene Haltung zur Betrachtung von Sprache als einer Angelegenheit des Gebrauchs, die – das darf nicht übersehen werden – die Betrachtung des Sprachsystems durchaus nicht ablehnt, sie aber nicht zum Selbstzweck macht, hat sich wieder durchgesetzt. Es gibt gute Gründe – der Herausgeber des Bandes, Jürgen Schiewe, vertritt sie in überzeugender Weise –, das Feld der wissenschaftlichen Sprachbetrachtung nicht allein den science-orientierten Linguisten zu überlassen. Der wichtigste Grund ist aus meiner Sicht, dass die Fokussierung des Faches auf die Struktur bzw. auf das System, wie sie von Strukturalisten mit einem deutlichen Alleinvertretungsanspruch betrieben wird, die Reduktion und die Isolierung der Sprachwissenschaft zur Folge hat. Mit Reduktion ist hier die Verengung des Gegenstandsbereich gemeint: Eine einzige Herangehensweise gilt als legitim, allein das Sprachsystem ist als Gegenstand anerkannt, Fragen des Gebrauchs sind aus dem Gesichtsfeld verbannt. Damit verliert das Fach zwangsläufig seinen Bezug zur Wirklichkeit. Isolation des Faches von anderen Disziplinen sowie vom sozialen und kulturellen Bezug ist die Folge. Das bekannte und bedauerliche Ergebnis dieser Haltung, das man immer wieder beobachten kann, ist, zugespitzt formuliert, folgendes: Die Gesellschaft weiß mit der Sprachwissenschaft so wenig anzufangen wie die Sprachwissenschaft mit der Gesellschaft. Es ist ja immer wieder beobachtbar und sehr aufschlussreich, dass das Interesse der Öffentlichkeit an Sprache erst dann erwacht, wenn sprachliche Phänomene nicht um ihrer selbst willen, sondern in ihrer Bedeutung für menschliches Handeln und Befinden untersucht werden. Die öffentliche Debatte sprachlicher Fragen setzt vehement ein, wenn es z. B. um geschlechtsbewussten Sprachgebrauch, um politische Stile, um die Rolle des Englischen und Probleme der Rechtschreibung geht. Auseinandersetzungen mit Fragen dieser Art treffen auf einen Bedarf auch außerhalb der Sprachwissenschaft. Es kommt nun darauf an, dass solche Fragen im Sinne einer Sprachkultivierung fundiert begründet und gut nachvollziehbar beantwortet werden. Dabei geht es immer um die Frage, ob die Geisteswissenschaften, hier die Sprachwissenschaft, gesellschaftliche Verantwortung wahrzunehmen bereit sind oder ob sie – dem eigenen Anspruch nach – nichts weiter als wertfreie Beschreibungen und Analysen ihrer Gegenstände liefern wollen. Sollen und können wir SprachwissenschaftlerInnen uns aus aktuellen Problemen heraushalten, obwohl wir dazu doch etwas zu sagen hätten? Diese Fragen beantwortet das vorliegende Buch durch die Wahl der Themen und deren Ausführung in überzeugender Weise. Es zeigt, dass man sich dem Thema Angemessenheit auf verschiedenen Wegen und mit unterschiedlichen Ansätzen nähern kann, die alle jeweils Relevantes zur Sprache bringen. Der Band bietet ein thematisches Kaleidoskop: Sprache, Bild, Schrift, digitale Zeichen, Diskurs, Wissen, Historie und Gegenwart etc. Jeder der Steine in diesem Kaleidoskop trägt Notwendiges zum Gesamtbild bei. Unterschiedliche linguistische Ansätze und verschiedene Herangehensweisen kommen zu Wort, so dass es eine beträchtliche Vielfalt in der Annäherung an den Gegenstand gibt, die jedoch eine Gemeinsamkeit aufweist, nämlich die, dass die Kategorie von allen gleichermaßen akzeptiert und gleich ernst genommen wird. Jede/r entdeckt aus der Perspektive ihres/seines Ansatzes spezielle Aspekte von Angemessenheit, deren Behandlung zusammen ein aussagekräftiges Bild ergibt.

Wie die Zusammenstellung des Bandes vor sich gegangen ist – Ergebnis eines Kolloquiums?, „Auftrag“ der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, beides? –, erfährt man nicht. Eine solche Information könnte aber eventuell die Prinzipien der Auswahl der BeiträgerInnen nachvollziehbar machen. Der Versuch, sich die Strukturierung des Buches zu erschließen, will nicht so recht gelingen. Das oben verwendete Bild des Kaleidoskops soll das ausdrücken: Viele Teilbilder werden zusammengeschüttelt, ergeben aber tatsächlich ein beeindruckendes Gesamtbild.

Wie setzt sich das Kaleidoskopbild zusammen? Einleitend geht Jürgen Schiewe auf die historische und aktuelle Dimension des Begriffs der Angemessenheit ein. Er stellt die strukturalistische Betrachtung des Sprachsystems der auf den Sprachgebrauch bezogenen Linguistik gegenüber. Mit Bezug auf Flecks Denkstilbegriff beschreibt er den Denkstil der strukturalistischen Linguistik, deren Hauptprinzip die Reduktion des Erkenntnisgegenstandes auf Sprache als System und die Ausblendung des gesamten Bereichs des Sprachgebrauchs ist. Ihr stellt er die sprachgebrauchsbezogene Linguistik gegenüber, die Sprache im Handeln und in Beziehung zum „Außen“, d. h. als von sozialen und kommunikativen Faktoren bestimmt, ansieht, wobei er anmerkt, dass man durchaus das eine tun kann, also das System betrachten, ohne das andere zu lassen, also den Gebrauch im Blick haben (S. 8). Im vorliegenden Band jedoch solle es allein um den Sprachgebrauch gehen, Aussagen über das Sprachsystem seien hier unerheblich (ebd.). Anknüpfend an die ablehnende Haltung der strukturalistischen Linguistik gegenüber dem von ihr unterstellten Bestreben der Nichtstrukturalisten, die Sprache ändern zu wollen, stellt er fest, dass es nicht um das Ändern geht, sondern um das Bemühen, auf den Gebrauch von Sprache einzuwirken. Damit stellt er klar, was er und seine Mitautorinnen und -autoren unter linguistischer Sprachkritik verstehen, nämlich Sprache mit ihren sozialen und kulturellen Bezügen im Gebrauch zu betrachten. Heute, wo die Sprachwissenschaft sich dem Sprachgebrauch u. a. mit den Instrumentarien der Gesprächsanalyse, der Text- und Diskursanalyse zuwendet, hat die Sprachkritik einen festen Platz. Sie ist nicht normativ, sie orientiert sich nicht allein an der Standardsprache, sie bezieht den Wandel, das Mündliche und die Kontextbezogenheit ein. Folgerichtig ist ihr Maßstab nicht richtig vs. falsch, sondern es sind verschiedene Arten und Grade von Angemessenheit zu berücksichtigen. Schiewe erörtert dies und ergänzt es um einen wesentlichen Aspekt: Es geht über das Beurteilen nach dem Maßstab der Angemessenheit hinaus auch um die Beförderung des Vermögens, mit Sprache umzugehen, also darum, Sprachkultivierung zu betreiben.

Zu den einzelnen Beiträgen des Bandes: Zwei Aufsätze gehen unter dem Aspekt von Sprachkritik auf die jüngere Geschichte der Sprachwissenschaft ein. William J. Dodd verfolgt die Auseinandersetzung der deutschen Sprachwissenschaft der Nachkriegszeit um das, was Sprachkritik ist und wie sie vorgehen sollte, am Fall des Diskurses zwischen Dolf Sternberger und Peter von Polenz. Er gibt einen klaren, Zusammenhänge und Folgen aufdeckenden historischen Rückblick auf diese für die Entwicklung der deutschen Sprachwissenschaft folgenreiche Auseinandersetzung. Zwei Fronten standen sich gegenüber: die sich streng wissenschaftlich verstehende strukturalistische Linguistik und die von ihr als feuilletonistisch oder publizistisch abgewertete Sprachkritik. Dodd nennt sie „die populäre antifaschistische Sprachkritik nach 1945“ (S. 50). Eine interessante Schlussfolgerung Dodds: Dieser Streit führte letztlich zu einer grundsätzlichen Aufwertung des Sprachgebrauchs in der Sprachwissenschaft (S. 50), wie Dodd am Beispiel der Arbeiten von Peter von Polenz nachvollziehbar macht. Er zeigt es auch daran, dass die Sprachwissenschaft sich seit den 1960er Jahren allmählich von der Orthodoxie der strengen Systembetrachtung befreite und Teildisziplinen wie Soziolinguistik, Pragmatik, Diskursanalyse entwickelte, die von Fragen des Gebrauchs geleitet werden.

Angelika Linke zeichnet in fünf Punkten konzeptuelle Überlegungen nach, die in den letzten 50 Jahren „zu einem gebrauchs- bzw. praxisorientierten Verständnis von Sprache beigetragen haben“ (S. 53). Die Punkte sind: technikgestützte Empirisierung sprachwissenschaftlicher Forschung, Blick auf die Materialität der Sprache, Kontextualisieren als Deutungsprodukt, Sprache als Medium menschlicher Sozialität, Handlungspotential menschlicher Rede. Sie fasst diese zusammen als „Teilprozesse in einem umfassenden Perspektivenwechsel vom Sprachsystem zum Sprachgebrauch“ (S. 59, Herv. A. L.) und schlägt, um Missverständnisse zu vermeiden, vor, statt von ‚Sprachgebrauch‘ von ‚Praxis‘ zu reden. Macht das die Sache aber wirklich klarer? Ihre Argumente wecken Widerspruch, vor allem den, dass auch die Kategorien ‚Praxis‘ und ‚Praktiken‘ als undefinierte Grundbegriffe in sehr unterschiedlicher Bedeutung gebraucht werden.[1] Das nimmt der Frage nach der Angemessenheit sprachlicher Praxis nichts von ihrer Bedeutung, fordert jedoch Differenzierung: Die Vernetzung der Kategorie ‚Angemessenheit‘ mit der Welt bedingt ihre sozial bezogene Skalarität und Beweglichkeit. Hervorzuheben ist, dass am Schluss eine Kategorie „nachgetragen“ wurde, die in das Feld Angemessenheit traditionell gehört, aber gegenwärtig völlig ausgeklammert wird: die des ‚Gefallens‘. Hier hätte man sich gewünscht, dass im Sinn einer weiteren Profilierung (S. 65) ein Bezug auf die vorfindlichen Diskussionen zum Ästhetischen, die die Kategorie des ‚aptum‘ ja immer auch bestimmt haben, zur Sprache gekommen wären. Und es bleibt die Frage, ob Gefallen wirklich nur die Angelegenheit des Adressaten ist und nicht auch die des Textes und des Textherstellers.

Weitere Beiträge widmen sich Fragen der Medialität der Texte unter dem Aspekt der Angemessenheit. Ulrich Schmitz geht ein auf die Beziehungen zwischen den sich auf einer gemeinsamen Fläche befindenden Texten und Bildern „unter dem Reglement eines visuellen Designs“ (S. 27). Er zeigt, dass das Zusammenspiel von Textdesign, Layout, Piktogrammen, Bildern in ihrer je spezifischen Zeichenhaftigkeit neue Sehflächen hervorbringt. Die strenge Einhaltung grammatischer Regeln, wie sie in längeren schriftlichen Ganztexten als Bedingung für Angemessenheit angesehen wird, gelte nicht mehr bei Sehflächen verschiedenster Art. Dort werde die Grammatik liquid. „Ordnung entsteht nach den Umständen und ist nicht vorab da“ (S. 36), d. h. weitergedacht, mit der Kategorie Angemessenheit, wollte man sie auch hier anwenden, muss man – was in ihrem Wesen liegt – Situation, Zweck und „Zusammenspiel verschiedener Ordnungsinstanzen“ (S. 36) im Blick haben. Emergenz, Dynamik und Effizienz sind nun die Orientierungsgrößen.

In dem Beitrag von Christa Dürscheid geht es um die Vielfalt schriftbasierter digitaler interaktiver Kommunikation und um das, was im öffentlichen Diskurs zu digitaler Kommunikation kritisch geäußert wird. Was wird in diesem Zusammenhang als unangemessen angesehen? Daraus ergibt sich die Frage des Beitrags danach, „welche Kriterien relevant sind, um die Angemessenheit des Sprachgebrauchs in der digitalen Kommunikation beurteilen zu können“ (S. 68). Es wird Bezug genommen auf die in den Medien zu findende Klage vom Sprachverfall in der digitalen Kommunikation, auf die von Zehetmair als „Fetzenliteratur“ charakterisierten digital vermittelten Äußerungen in ihrer spezifischen, durch Nähe zum Gesprochenen charakterisierten medienbedingten Ausprägung in SMS, Tweets, Chat, WhatsApp. Die überzeugende Schlussfolgerung der Autorin ist: „Es gibt nicht den Sprachgebrauch in der digitalen Kommunikation; es gibt verschiedene Sprachgebräuche“ (S. 75, Herv. i. O.). Dass das so ist und dass diese nach den Kontexten beurteilt werden müssen, in denen sie stehen, überrascht nicht. Die Erfahrung gibt es auch aus textlinguistischen Beschreibungen „nichtdigitaler“ Texte.

Lothar Müller geht es um das Verhältnis von Mündlichkeit und Schriftlichkeit als „Schlüsselphänomen jeder Reflexion des Zusammenhangs von Medien- und Sprachgeschichte“ (S. 77). In einer scharfsinnigen Auseinandersetzung mit McLuhans Oppositionssetzung von Stimme und Schrift und gegen dessen Auffassung von „Untergang und Wiederkehr der Stimme“ (ebd.) setzt Müller die Vorstellung der wechselseitigen Durchdringung von Mündlichkeit und Schriftlichkeit. Er richtet die Aufmerksamkeit auf die Tatsachen von Mediensymbiosen, Überschreitungen von Mediengrenzen und gegenseitiger Verstärkung als Symbioseeffekt. Im zweiten Teil des Beitrags gibt er einen aktuellen, historisch situierten Einblick in das Verhältnis von Mündlichkeit und Schriftlichkeit in Tages- und Wochenzeitungen, die neben dem Buch „entscheidend zur Herstellung der modernen Öffentlichkeit“ beigetragen haben und noch beitragen (S. 79). Dieser Teil ist ein in seiner Prägnanz beeindruckender Überblick über wichtige Stationen der Entwicklung des Zeitungswesens mit Blick auf zeitungstypische Genres. Es folgt im dritten Teil eine ebenso knappe wie prägnante Darstellung der Rolle des Internet als „Infrastruktur der Vernetzung und Integration aller klassischen Medien“ (S. 82). Der neue internetgestützte schwellenlose Typ schriftliche Mündlichkeit und der traditionelle literarisch geformte Typ schriftlicher Mündlichkeit vermischen sich. Auch wenn nicht explizit angesprochen, ist hier doch die Kategorie der Angemessenheit, die Notwendigkeit, die Kriterien bzw. Bezüge der Kategorie immer neu zu überdenken, im Blick.

Friedrich Forssman äußert sich im Gespräch mit Jürgen Schiewe zur kommunikativen Relevanz von Typographie. In der Praxis der Typographie und in der Editionswissenschaft wird der Zusammenhang von typographischer Gestaltung, von Druckflächen und buchherstellerischer Form sehr ernst genommen. Die Frage, ob die drei Dimensionen der Angemessenheit, nämlich Gegenstand, Situation und Publikum, auch für die Typographie gelten, wird bejaht. Das zieht die Frage Schiewes nach sich, ob daher die Buchgestaltung lediglich eine dem Inhalt dienende Funktion habe. Zugespitzt, so Forssman, habe die Typographie neben ihrer dem Inhalt dienenden Funktion auch eine selbständige Mitteilung. Es sei gar nicht möglich, mit Typographie nichts auszusagen. Auch eine zurückhaltende Typographie teile etwas mit – nämlich den Willen zur Zurückhaltung. Das Gespräch ist aus meiner Sicht ein wichtiger und origineller Beitrag zur Form-Funktion-Debatte.

In Jürgen Spitzmüllers lucidem Text wird die Schrift als materielles, soziales und ideologisches Phänomen in die Debatte gebracht. Es geht um die Frage, inwiefern Schrift als semiotisches System und zugleich materielle und daher wahrnehmbare Erscheinung sprach-, schrift- und zeichentheoretisch relevant ist. Die Antwort: Materialität ist Bedingung für Wahrnehmbarkeit und Wahrgenommenwerden, sie hat selbst Zeichencharakter und ist konstitutiv für referentielle und für soziale Bedeutung. Im Zusammenhang mit der Funktion sozialer Bedeutungsstiftung von Schriftform findet man eine überzeugende, an Beispielen veranschaulichte Darstellung dieses Teils des kommunikativen Wissens einer Gemeinschaft. Angemessen ist Schriftgestaltung nicht schon dann, wenn sie der Lesbarkeit dient, sondern erst in dem Fall, wo sie soziale Beziehungen und Werthaltungen dem Kommunikationsziel entsprechend ausdrückt. Der Beitrag mündet überzeugend in der Bestimmung von Angemessenheit als keineswegs neutraler Kategorie, sondern als „diskursives (und damit immer auch kritisch zu reflektierendes) Produkt“ (S. 109).

Nina Janich geht auf das Miteinander von Text und Bild ein, das den Textalltag zunehmend prägt und mittlerweile etablierter Gegenstand sprachwissenschaftlicher Analysen ist. Der Betrachtung dieses Miteinanders muss sich, so Janich, die Frage nach der Angemessenheit dieser Zuordnung im jeweiligen Fall anschließen. Sie blickt auf „unterschiedliche Formen und Funktionen des Bildeinsatzes in Texten“ (S. 136) mit Bezug auf Sauers Modell zur Beschreibung von Text- und Bildverständlichkeit und wendet das auf ein Text-Bild-Konglomerat aus einem Sachbuch für Kinder, auf einen Wissenschafts- und einen Werbetext an. Es wird deutlich, welch komplexe und unterschiedliche Bild-Text-Relationen man schon im Kindesalter einübt. Am Beispiel eines Textes, der wissenschaftliche Erkenntnisse an Laien vermitteln soll, wird gezeigt, dass die argumentierende und verallgemeinernde Funktion der Mitteilung durch die sprachliche Seite des Textes geleistet wird. An einem Werbetext stellt Janich dar, wie Werbewirkung durch pseudowissenschaftliche Darstellung erreicht werden soll. Die Angemessenheit solcher Texte, so ihr Vorschlag, soll an Ballstaedts Beschreibung von Bildfunktionen anknüpfen, die nach Kommunikationsbereichen und Textsorten ausdifferenziert werden müssten. Dafür stünden Arbeiten von Linguisten (Stöckl) und Semiotikern (Kress, van Leeuwen) zur Verfügung, die bereits Ausdifferenzierungen von Bild-Text-Beziehungen vorgelegt haben.

In den folgenden Beiträgen geht es um Bezüge verschiedener Art: Angemessenheit wird mit Blick auf Kategorien wie Diskurs, Wirklichkeitskonstruktion, Wissenschaft/Wissenschaftssprache betrachtet. Thomas Niehr bringt den Diskursbegriff in die Debatte ein. In einem knappen Überblick zeigt er analog zur Erweiterung der Satzgrammatik zur Textlinguistik den Ausbau der Textlinguistik zur Diskurslinguistik, die ganze Textensembles untersucht mit dem Ziel der Erforschung „gesellschaftlich verbreiteter Denk- und Handlungsmuster, um gesamtgesellschaftliches Wissen und seinen Wandel zu analysieren“ (S. 112). Er gibt eine Beschreibung des Diskurs- und des Korpusbegriffes, gefolgt von einem ausführlichen Beispiel für die Erforschung eines Diskurses, nämlich des bundesrepublikanischen Zuwanderungsdiskurses in seinen verschiedenen Phasen. Nach Niehr ist Angemessenheit, wenn sie vor dem jeweiligen „diskursiven Hintergrund“ (S. 118) gesehen wird, als Kriterium auch für die Diskursanalyse geeignet, wobei kollektiv geltende Anschauungen einen Rahmen vorgeben, in dem man sich risikofrei bewegen kann (S. 119).

Ingo Warnkes Beitrag befasst sich mit dem Sprechen über Städte, ausgehend von der Annahme, dass ein solches Sprechen die Wahrnehmung von Orten prägt. Er wirft die Frage auf, ob eine Kritik des urbanen Diskurses gebraucht wird und was in dem Kontext als angemessen gelten kann. Am Fall einer journalistischen Äußerung über den Prenzlauer Berg, der als „Spießerviertel“ gelte, wird gezeigt, wie schwierig eine Antwort ist. Das Sprechen über Städte wird als Teil deklarativer Praktiken (Searle) angesehen, solcher Praktiken also, die durch die Aussage Fakten, d. h. das Ausgesagte erst herstellen. Die Relationalität von Angemessenheit sei in diesem Zusammenhang unter dem Aspekt von „etwas gilt mir als etwas“ zu betrachten. Jedes Sprechen über Städte als individuelle Aussage darüber, dass jemandem etwas als etwas gilt, sei dann angemessen, wenn diese Aussage als individueller Anspruch auf Geltung des Gesagten erörtert wird. Warnke weist selbst daraufhin, dass dies für ‚Sprechen über etwas‘ schlechthin zutrifft.

Ulrike HaasText zu Sprachen und Sprachgebräuchen in den Wissenschaften ist bei aller Knappheit oder gerade ihretwegen ein beeindruckendes Lehrstück zur Wissenschaftssprache. Ausgangspunkt ist die Feststellung, dass auch Sprachgebräuche in der Wissenschaft – anders als oft angenommen – vielfältig und beweglich sind, was folgerichtig die Anwendung der Kategorie der Angemessenheit anspruchsvoll macht. Man erfährt im Folgenden Aufschlussreiches über Schreibprozesse, Schreibprobleme und deren Hintergründe. An einem klug gewählten einführenden Beispiel wird die Vielfalt der „Erscheinungsformen und Einflussfaktoren wissenschaftlichen Sprachgebrauchs“ (S. 155) skizziert und im Anschluss daran auf Angemessenheit bzw. Unangemessenheit bezogen. Maßstab sind die Sache und die Adressaten. Nicht nur die Textproduzenten sind verantwortlich für das Verstehen eines Textes, die Rezipienten sind es ebenfalls. Auch der verstehende und interpretierende Umgang mit Wissenschaftssprache gehört dazu, wenn es um Angemessenheit geht. Haas mahnt, völlig zu Recht, die Verantwortung der Gesellschaft an, Lesekompetenzen auszubilden.

Uwe Pörksen widmet sich dem Zusammenhang von Wissenschaftssprache, Umgangssprache und Politikberatung. Zunächst werden an einem Beispiel Ansprüche an die Wissenschaftssprache erörtert, woran sich die Überlegung anschließt, welche Leistung die Übersetzung eines wissenschaftlichen Textes mit dessen spezifischen Merkmalen in die Umgangssprache mit ihrem spezifischen Denkstil der Welterfahrung (Beispiel Sachbuch) darstellt, ja, ob diese überhaupt möglich ist. Die zwar wohl utopische, aber faszinierende Vorstellung von der Ausbildung einer Kultur der Wissenschaftssprache durch die wissenschaftliche Avantgarde des Landes wird entwickelt. Daran schließt sich die Frage an, was geschehe, „wenn die umgangssprachliche Wissenschaft in Politikberatung übergeht“ (S. 168). Pörksen zeigt am Beispiel der Textgattung „politische Entscheidungsrede“ mit ihren Merkmalen und Leistungen, was Politikberatung, ermöglicht durch das Zusammenwirken von wissenschaftlichem Expertentum und politischer Autorität, leisten muss.

Abschließend und ergänzend zu der am Anfang geäußerten Zustimmung zu Intention und Inhalt des Sammelbandes soll nun noch die Form kommentiert werden. In ihrer Schlüssigkeit, Stringenz und Klarheit sowie in der Verständlichkeit der jeweils knappen Darstellung sind die Texte des Bandes ein überzeugendes Beispiel für das, was Schiewe unter angemessenem, kultiviertem Gebrauch von Sprache versteht. Mit diesem Band haben wir ein exzellentes Beispiel für eine essayistische und dabei streng wissenschaftlich fundierte Sprachkritik-Linguistik vor uns.

Published Online: 2017-11-8
Published in Print: 2017-12-4

© 2017 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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Downloaded on 4.2.2023 from https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/zrs-2017-0024/html
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