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BY-NC-ND 3.0 license Open Access Published by De Gruyter November 8, 2017

Volker Harm, Holger Runow & Leevke Schiwek (Hg.). 2016. Sprachgeschichte des Deutschen. Positionierungen in Forschung, Studium, Unterricht. Stuttgart: Salomon Hirzel. 234 S.

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Volker Harm, Holger Runow & Leevke Schiwek (Hg.). 2016. Sprachgeschichte des Deutschen. Positionierungen in Forschung, Studium, Unterricht. Stuttgart: Salomon Hirzel. 234 S.


Bei einem Buch mit dem Titel Sprachgeschichte des Deutschen erwartet man eigentlich eine konsistente Darstellung. Der Untertitel Positionierungen in Forschung, Studium, Unterricht zeigt allerdings, dass eine gänzlich andere Richtung eingeschlagen wird: In den 14 Beiträgen, die aus Vortragssektionen beim Kieler Germanistentag 2013 hervorgegangen sind, werden sehr heterogene Aspekte des Verhältnisses von Sprachgeschichte und Schule beleuchtet. Bei einigen Beiträgen treten diese Aspekte auch in den Hintergrund oder sind gar nicht zu erkennen.

Genaueres über Motivation und Zielsetzung des Bandes enthält der einführende Beitrag von Holger Runow, Volker Harm und Leevke Schiwek. Ansatzpunkt sind einerseits Probleme der Vermittlung sprachhistorischer Fakten in einer an etymologischen und wortgeschichtlichen Fragen durchaus interessierten Öffentlichkeit, die häufig mit pseudowissenschaftlichen Publikationen bedient wird, aber auch die Situation des mittlerweile fragmentierten Faches Germanistik an den Universitäten, die zu einer für die Sprachhistorie prekären Situation führte. Sprachgeschichtliche Kenntnisse werden infolge des linguistischen Zeitgeistes zunehmend für entbehrlich gehalten. Vor diesem Hintergrund

„werden in dem vorliegenden Band Vorschläge unterbreitet und Positionen formuliert, die eine Stärkung der Sprachgeschichte in Studium und Schulunterricht, aber auch im Kontakt mit einer breiteren Öffentlichkeit zum Ziel haben“ (S. 12).

Dem Postulat, dass die Sprachgeschichte deutlich machen müsse,

„dass zur Erforschung der Sprache wesentlich auch die Erforschung ihrer Geschichtlichkeit bzw. ihrer Wandelbarkeit gehört, dass Sprachwissenschaft ohne eine starke historische Komponente ihren Gegenstand verfehlt“ (ebd.),

kann in Zeiten einer zunehmend postfaktischen synchron-linguistischen Ignoranz nur mit allem Nachdruck zugestimmt werden. Ein anderer Aspekt ist die Notwendigkeit der Vermittlung sprachhistorischer Kenntnisse in der Schule. Defizite selbst in gängigen Unterrichtswerken sind allzu offensichtlich.

Der erste Beitrag („Auf dem Holzweg? Vom mittelalterlichen ‚Sprachzauber‘ zur fächerübergreifenden Reflexion der deutschen Sprache in historischer Perspektive“) von Otto Neudeck skizziert ein sprachhistorisches Projekt für die Sekundarstufe I (7. Gymnasialklasse). Es umfasst eine mehrschichtige (stilistische, wortsemantische, syntaktische, lautlich-graphematische) Behandlung althochdeutscher Paternoster-Versionen, des Fränkischen Taufgelöbnisses und schließlich des zweiten Merseburger Zauberspruchs. Vom Wort holz ‚Wald‘ ausgehend konnten dann Wege (gewiss keine Holzwege!) in die sprachliche Gegenwart beschritten werden. Der Rezensent hätte diesen Unterrichtsstunden gerne beigewohnt!

Holger Zimmermann wirft in seinem Beitrag („Sprachgeschichte als ständiger Begleiter im Deutschunterricht? Fachdidaktische Konzeptionen und Einstellungen von Lehrkräften zum Einsatz von Sprachgeschichte im Deutschunterricht“)

„die Frage auf, ob die Bedeutung von Sprachgeschichte an den Schulen tatsächlich so gering ist, wie sie vielfach empfunden wird, oder ob sich die Thematik inzwischen nicht doch innerhalb des Deutschunterrichts etabliert hat“ (S. 34).

Merkwürdig mutet die Formulierung an, bislang hätten Lehrpläne den Akzent „auf die Untersuchung hochsprachlicher Texte weiter zurückliegender Sprachepochen, insbesondere des Mittelhochdeutschen“ (S. 35) gelegt. Dass Mittelhochdeutsch trotz der Wortkomponente „hoch“ nichts mit dem Hochdeutschen im heutigen Verständnis zu tun hat, lernt man eigentlich in einem germanistischen Grundstudium (sofern dieses faktenbezogen ist). Im Rahmen eines „kompetenzorientierten“ Deutschunterrichts könne – jenseits von Faktenwissen – den Schülern „die wichtige Tatsache vermittelt“ werden, „dass sich auch ihre Gegenwartssprache kontinuierlich weiterentwickelt und sie andauernden Wandlungsprozessen unterliegt“ (S. 36). Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden, sieht man einmal davon ab, dass der Gegensatz von Fakten (Zimmermann spricht von „Vermittlung deklarativen Wissens“) und Kompetenz ein gehöriges Maß an Zeitgeist impliziert. Den Wert der Thematisierung von Sprachgeschichte im Unterricht sieht er (zusammen mit einer Reihe weiterer Autoren) in den Möglichkeiten der Vernetzung mit anderen Lernbereichen „für weiter gefasste Lernziele“ (S. 47). Aber wie sieht es mit den – um das Wort nochmals zu bemühen – „Kompetenzen“ der Lehrenden aus? Belastbare und repräsentative Daten kann Zimmermann hier nicht bieten, sondern nur exemplarische individuelle Äußerungen von Deutschlehrern verschiedener Schultypen wiedergeben (teilweise handelt es sich lediglich um wörtlich protokollierte mündliche Aussagen in grenzwertigem Deutsch). Darin scheint sich ein Unterrichtsprinzip zu manifestieren, das man am ehesten mit „gelegentliche Improvisation“ kennzeichnen kann. Die Perspektiven, die sich für eine Integration der Sprachgeschichte in einen „kompetenzorientierten“ Unterricht ergeben, scheinen (anders als im ersten Beitrag) reichlich unkonkret und diffus.

Ein Beitrag von Harald Bock stellt den Sprachwandel in den Vordergrund. Ziel ist es, zu fragen, inwiefern sprachgeschichtliches Wissen

„dazu beitragen kann, einen traditionell von literarischen Themen dominierten Deutschunterricht zu bereichern und die oftmals zivilisationskritisch geführte Kontroverse um Sprachgebrauch und kulturelle Werte zu versachlichen“ (S. 52).

Es geht wie in den Überlegungen von Zimmermann um die Integration sprachgeschichtlicher Aspekte in einen größeren, übergeordneten Fach- und Sachzusammenhang, also darum, „wie die schulisch zu vermittelnde Sprachgeschichte mit der Geistesgeschichte im Allgemeinen und mit der Literaturgeschichte im Besonderen verknüpft werden kann“ (S. 53), das allerdings mit speziellem Blick auf die „von der schleswig-holsteinischen Zentralabiturkommission vorgenommene Eingrenzung der Thematik auf die spannungsreiche Konstellation von ‚Sprachverlust und Kreativität‘“ (ebd.). Wie der Bogen zur apostrophierten „Geistesgeschichte im Allgemeinen und [...] dem Literaturunterricht im Besonderen“ geschlagen werden soll und kann, bleibt indessen unklar. Die Überlegungen, die sich an einen zitierten Text über sprachliche Aversionen schließen, mögen in einem Unterrichtskontext zum Thema Sprachkritik durchaus angebracht sein. Mit Sprachgeschichte haben sie aber wenig zu tun. Damit soll nicht bezweifelt werden, dass die Thematik Sprachwandel und Sprachverfall im Deutschunterricht sinnvoll ist. Inwieweit jedoch Sprünge von Herders und Humboldts Sprach(wandel)auffassung über Hugo von Hofmanns­thals Sprachskepsis bis hin zu Wittgenstein und schließlich zum „globalisierten Sprachwandel“ (was immer das konkret sein mag) im Schulunterricht wirklich adäquat und „motivational hinreichend“ (S. 59) verhandelt werden können, ist kaum zu beurteilen. Vorsichtige Zweifel an solch hehren Postulaten für Jugendliche im Alter von 16, 17 oder maximal 18 Jahren scheinen angebracht. Eine kritische Auseinandersetzung mit einem Autor wie Bastian Sick scheint schon eher in den Rahmen dessen zu passen, was sinnvoll geleistet werden kann. Dem Fazit, nur wenn es gelinge, „linguistische Themen funktional in den Oberstufenstufenunterricht zu integrieren, sie diskursfähig, populär und effektiv zu gestalten“, könne „Sprachgeschichte reüssieren“ (S. 68), ist uneingeschränkt zuzustimmen.

Deutlich stärkere sprachliche (sprachhistorische) Bodenhaftung zeigt der Aufsatz von Yvonne Luther mit der Titelfrage „Warum beißt man eigentlich ins Gras und in saure Äpfel? Redewendungen mit beißen als Zugang zur Sprachgeschichte“. Denn ein Zugang zur sprachlichen Lebenswelt kann sich dadurch ergeben, dass man bildliche Ausdrucksweisen, die Kinder kennen, näher beleuchtet und sie gewissermaßen auf Entdeckungsreise schickt. In einer Art Feldversuch wurden Schüler zunächst mit dem Grimmschen Wörterbuch (1. und 2. Auflage) und weiteren lexikographischen (Wörterbuchnetz) und Textressourcen (Cosmas) bekannt gemacht. Auch Nachbarsprachen wurden herangezogen. Am Beispiel der Verben nhd. beißen und beizen wurden exemplarisch Bedeutungs- und Lautwandelprozesse demonstriert. Gleichzeitig konnten Überlieferungsgegebenheiten älterer Sprachstufen des Deutschen in den Blick genommen werden. „Die Verknüpfung des Themas ‚Sprachgeschichte des Deutschen‘ mit der Behandlung historischen phraseologischen und bildlichen Sprachgebrauchs“ (S. 82) ist sicher eine Möglichkeit, junge Menschen an sprachliche, insbesondere sprachhistorische Gegebenheiten heranzuführen und ihr Interesse dafür zu wecken.

Das bisherige Rahmenthema „Sprachgeschichte und Schule“ wird im Beitrag von Nathalie Mederake, die nach „eines Wörterbuchs Zweck“ fragt, eigentlich verlassen. Die Thematik ist aber von großer Bedeutung, da in der gegenwärtigen wissenschaftspolitischen Situation die philologisch fundierte Lexikographie, wie sie in dem mittlerweile abservierten Grimmschen Wörterbuch praktiziert wurde, einer aufgeblähten, dabei halbgaren, mitunter stümperhaften elektronischen Wortschatzpräsentation (Typ DWDS = Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache) geopfert worden ist, die in dem Beitrag (aus welchen Gründen auch immer) allerdings nicht genannt wird.

Andreas Deutsch betitelt seinen Beitrag „Wenn die Maus wissen will, was Schirmherr heißt. Rechtssprachgeschichte im Deutschen Rechtswörterbuch und ihre Vermittlung auch an nichtwissenschaftliche Zielgruppen“. Der Beitrag beginnt mit einem Abriss von Geschichte, Konzeption und Struktur des DRW und schließt mit bedenkenswerten Überlegungen zu dessen – spielerischer! – Verwendung im Unterricht.

Nach der „Grammatik der Möglichkeiten“ fragt Sonja Zeman. Untertitelt ist der Beitrag „Zum Zukunftspotential der Historischen Grammatik in Lehre und Forschung“. Sie versteht ihre Ausführungen „als ein Plädoyer für eine theoretische Reflexion der paradigmatischen Grundbedingungen der historischen Grammatikforschung“ (S. 118). Diese „Grundbedingungen“ sieht sie im „Einbezug sprachtypologischer, dis­kurspragmatischer sowie varietätenlinguistischer Perspektiven“ (ebd.), die nicht mit „einem anachronistischen Rehabilitierungsversuch“ (ebd.) verwechselt werden dürften, sondern „unter einer panchronen Integration synchroner wie diachroner Perspektiven eine Anbindung an gegenwärtige Tendenzen der Sprachtypologie, Diskurspragmatik und Varietätenlinguistik ermöglicht“. Ins Verständliche übersetzt heißt das wohl: Sprachgeschichte bezieht ihre Existenzberechtigung aus ihrer Fähigkeit zur Anpassung an linguistische Tagesmoden. Demonstriert wird das mit Blick auf zwei Problemfelder aus dem bevorzugten Arbeitsfeld der Verfasserin, der mittelhochdeutschen Tempusverwendung, genauer: (1) „Perfekt-Präteritum-Alternation im Mittelhochdeutschen“ und (2) „Futurperiphrase im Mittelhochdeutschen“. An eine (!) Stelle aus Wolframs Parzival mit einer vereinzelten Perfektform die gebruoder hânt dir vil getân, der eine Reihe von einfachen Präterita folgt (S. 141, Vers 6–13), schließen sich Überlegungen zu „unterschiedlichen diskursgrammatischen Funktionen“ und einer „narrative[n] Verkettung“ an, wie man sie „aus übereinzelsprachlichen Untersuchungen zu Formen mit einer prototypischen Perfektsemantik“ (S. 123) kenne. Hätte die Verfasserin den vorausgehenden Vers 5 mitzitiert (und vor allem berücksichtigt!) – er lautet jung vlaetic süezer man –, hätte sie gesehen, dass das Perfekt hânt (dir vil) getân im Reim mit man steht und dadurch wohl auch bedingt ist. Mittelhochdeutsche Verstexte, noch dazu in selektiver Zitation, sind als Materialgrundlage für derartige Fragestellungen denkbar ungeeignet. Was zu suln + Infinitiv als Möglichkeit einer mittelhochdeutschen Futurperiphrase gesagt wird, wiederholt Bekanntes. In ihrem Fazit landet Zeman letztlich dann doch wieder bei dem – völlig richtigen – Standpunkt, dass gegenwartssprachliche Strukturen als Ergebnisse historischer Zustände und Entwicklungen zu begreifen sind. Aber dafür braucht es kein „diskurspragmatisches“ Make-Up, sondern eher eine Rückbesinnung auf Hermann Paul.

Thematisch nahe bei Zeman ist auch der Beitrag von Elisabeth Scherr zum Thema „Von ‚Erzähltempus‘ bis ‚Gegenwartsrelevanz‘. Zur Thematisierung der diachronen Entwicklung des Tempussystems und seiner Funktionalisierung im Deutschunterricht“. Ausgangspunkt ist allerdings nicht die Historie, sondern es sind die gegenwartssprachlichen Verhältnisse und ihre Behandlung in Unterrichtsbüchern, die durchwegs Formales in den Vordergrund stellt: Wie bilde ich die verschiedenen Zeitstufen von Verben? Die Fragestellung ist jedoch keineswegs trivial, sondern durchaus legitim, denkt man an die geringen Kenntnisse, die teilweise selbst angehende Germanistikstudenten mitbringen. Semantische Aspekte der Tempusverwendung werden in Schulbüchern überhaupt nicht thematisiert. In einem weiteren Abschnitt wird ein anschaulicher „Abriss der Ausbildung der Vergangenheitstempora“ gegeben. Was dabei nicht zur Sprache kommt, ist der Umstand, dass die Entstehung und Entwicklung von Periphrasen von der generellen diachronen Tendenz zum analytischen Sprachbau und zur Satzklammer zumindest mitbeeinflusst wurde. Das heißt: Allein mit aspekt- und tempusbezogenen Ansätzen lassen sich die historischen Vorgänge (und damit die heutigen Verhältnisse) nicht erklären. Dass sich die Behandlung der Tempora im Deutschunterricht nicht nur auf die relativ einfach fassbaren und vermittelbaren formalen Aspekte beschränken sollte, sondern dass auch funktionale Gesichtspunkte Lehrgegenstände sein sollten, kann nicht bestritten werden.

„Die Entwicklung des Artikelgebrauchs in Nomen-Verb-Verbindungen im Deutschen im Vergleich zum Dänischen“ thematisiert Kathrine Thisted Petersen. Was in einem deutsch-dänischen Vergleichszusammenhang gleich zu Beginn die „Indianersprache Nahuatl“ (S. 152, nach Sapir 1911) zu suchen hat, erschließt sich dem germanistischen Rezensenten freilich nicht. Der ganze Beitrag krankt daran, dass immer wieder Verb-Kollokationen als Funktionsverbverbindungen behandelt werden, die gar keine sind, z. B. (S. 23) Der Junge hat Hunger, (S. 26) in Wut/Armut geraten, (S. 28) sich im Streik befinden, zu Bett bringen, zu Hilfe kommen. – Ein sprachlicher Missgriff, der auch Germanistikstudenten kaum auszutreiben ist und offenbar auch in ambitionierten Wissenschaftstexten anzutreffen ist, ist die Redeweise, dass Wörter oder Phrasen etwas „beschreiben“ würden (so z. B. S. 154, wenn es heißt, das Pronomen „sie ... beschreibt die Katze bzw. Schokolade als Art“). Wörter bezeichnen oder benennen zwar etwas, aber sie „beschreiben“ nichts. Befremdlich ist es auch, wenn Lexeme wie Wut, Abstimmung oder Aufführung als „Massensubstantive“ (S. 157) bezeichnet werden. Es handelt sich um Abstrakta. Das ist nicht dasselbe. Unwidersprochen sei der dankenswerterweise belegbasierten Feststellung, dass das Vorhandensein oder Fehlen von Artikeln in präpositionalen Fügungen stark von der jeweiligen Präposition abhängt.

Drei weitere Beiträge thematisieren keine grammatischen Fragen, sondern eher diskursgeschichtliche Aspekte. Zunächst wirft Dessislava Stoeva-Holm in „Das Stockholmisch Koch-Gespraͤchs Vortrab (1644) von Ditlevus Maius“ einen eher ungewöhnlichen Blick auf ein Exemplar der Textsorte „Kochbuch“. Es geht „um die Textinhalte in ihrer Funktion von Lebensberatung und Verhaltenssteuerung“ (S. 166), nicht um Wortbildungen, syntaktische Strukturen oder Textmuster, wie man es aus bisherigen sprachhistorischen Forschungen zu Kochbüchern kennt. Das Besondere dieses als Dialog zwischen einer Frau Martha und einer Magd gehaltenen Kochbuchs ist, dass es den Anspruch erhebt, „Konzepte für ein gesundes, sinnvolles und tugendhaftes Leben zu bieten“ (S. 177).

Thomas Gloning holt in seinem Beitrag „Kommunikationsgeschichte, Themengeschichte, Ideengeschichte. Beispiele für Zusammenhänge und Lehrszenarien“ weit aus: Es geht um nichts Geringeres als die sprachliche Realisation gesellschaftlicher oder wissenschaftlicher Diskurse und ihre Vernetzung mit anderen Lebens- und Diskursbereichen. Exemplarisch dargestellt wird das anhand einer „Schlüsseltextanalyse“ zum Thema „Rassenhygiene“ im Nationalsozialismus und zu Denunziationspraktiken im 17. und 20. Jahrhundert. Anhand kurzer Beispieltexte werden „Thematisierungspraktiken“, „Systemstellen“ und Wortschatzsektoren“ (S. 185) herausgearbeitet. Wirklich neue Einsichten ergeben sich dabei auf anderthalb Seiten freilich nicht. Anhand eines kurzen Auszugs aus einem Kölner Hexenverhörsprotokoll und einem – gewiss anrührenden – Abschiedsbrief eines geschundenen Vaters an seine Tochter (Bamberg 1628) werden „sprach- und kommunikationsgeschichtliche Aspekte“ (S. 191) angedeutet, die in der einschlägigen Literatur allerdings keineswegs unbekannt sind. Heutige Leser könnten gefragt werden (oder können sich selbst fragen), ob sie einen Menschen, der unter unerträglicher Folter Namen nannte, moralisch als Denunzianten verurteilen würden. Ob das jedoch noch in den Zuständigkeitsbereich der Sprachgeschichte des Deutschen fällt (sei es an der Universität oder an einer Schule), darf doch bezweifelt werden. Auch die Fragen, die nach den „Kommunikations- und Interaktionszusammenhängen“, den „kommunikativen Handlungsspielräumen“ und „moralischen Beurteilungen“ (S. 194) im Zusammenhang mit Denunziationsfällen der NS-Zeit aufgeworfen werden, gehören eher in den Zuständigkeitsbereich der neueren Geschichte und der Sozialpsychologie, des Ethik- oder Religionsunterrichts als in den der Germanistik oder des Deutschunterrichts an einer Schule. Allerdings tun sich Perspektiven zur fächerübergreifenden Zusammenarbeit auf.

Das Autorentandem Isabelle Engelhardt & Martin Wengeler befasst sich unter dem Titel „Doppelverdiener und Neue Frau“ mit der „Diskursgeschichte der Weimarer Republik am Beispiel der ‚Frauenfrage‘“. Es geht um das Verständnis von „Sprachgeschichte als Zeitgeschichte“ (S. 204). Hintergrund ist ein DFG-Projekt zur Sprache der Weimarer Republik, das zwölf Themenfelder (S. 206f.) abdeckte, darunter als sechstes „Die ‚große Kulturdebatte der schaffenden Frau‘. Der Diskurs um die Rolle der Frau in der Weimarer Republik“. In dem Beitrag erfährt man anhand von Zitaten aus Zeitungen der Weimarer Epoche manches, was aus heutiger Sicht skurril bis chauvinistisch anmutet (was sonst hätte man auch erwartet?). Man kann das gewiss unter das wissenschaftlich sanktionierte Generalthema „Diskursgeschichte“ stellen. Letztlich geht es dabei um die Registrierung und Kontextualisierung auffallender Wortverwendungen (z. B. neu, modern) oder Wortbildungen (z. B. Kameradin, Pflichtenkonflikt). Man kann sich einen Beitrag wie diesen (freilich mit etwas heruntergebrochener leserInnenfreundlicher Diktion) auch ganz gut in einem Magazin wie „Brigitte“ oder „Emma“ vorstellen.

Susanne Haaf & Christian Thomas geben einen Ein- und Überblick über „Die historischen Korpora des deutschen Textarchivs als Grundlage für sprachgeschichtliche Forschungen“. Das Projekt verfolgt „das Ziel, die Grundlage für ein Referenzkorpus des historischen Neuhochdeutschen zu erarbeiten und damit eine Korpusbasis für linguistische Untersuchungen zu dieser Sprachstufe zu schaffen“ (S. 217). Gemeint ist die Zeit vom 17. bis zum 19. Jahrhundert. Der Beitrag informiert über die Textauswahl und Verfahren bei der Transkription der Texte des Kernkorpus, über ein Erweiterungskorpus zum „Deutschen Textarchiv“ (DTA), über Verfahren nach DTA-Basisformat und über die automatische linguistische Analyse, die unter anderem zu den derzeit beliebten „Wortwolken“ führt, das heißt zu Wörterlisten, bei denen der Schriftgrad andeutet, wie häufig ein Lexem belegt ist. Abschließend erfolgen Anwendungshinweise zum „Arbeiten mit dem DTA“. Es bleibt zu hoffen, dass die Lemmatisierungen mit so viel Sachverstand erfolgen, dass das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS), das sich daraus speist, nicht weitere Fälle produziert wie beispielsweise eine Fehlschreibung geluten für gelitten, die ebenso unter dem Stichwort Gluten („in vielen Getreidearten vorkommende[n] Eiweißstoff, der in Verbindung mit Flüssigkeit für die klebrige Konsistenz des Teiges beim Backen sorgt“) geführt wird wie der Plural von Glut. Das wäre in der Tat „Qualitätssicherung“!

Was hier vorliegt, ist keine „Sprachgeschichte des Deutschen“, sondern ein thematisches Patchwork, in dem Einzelfragen unterschiedlicher Relevanz und Qualität zu sehr verschiedenen Sprachbereichen behandelt werden. Auch die Klammer „Studium und Unterricht“ ist nur teilweise erkennbar. Gerade diejenigen Beiträge, die solche Bezüge explizit formulieren, enthalten durchaus bedenkenswerte Überlegungen.

Published Online: 2017-11-8
Published in Print: 2017-12-4

© 2017 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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Downloaded on 30.1.2023 from https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/zrs-2017-0025/html
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