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BY-NC-ND 3.0 license Open Access Published by De Gruyter October 17, 2017

Juliane Schröter. 2016. Abschied nehmen. Veränderungen einer kommunikativen Kultur im 19. und 20. Jahrhundert (Germanistische Linguistik 307). Berlin, Boston: De Gruyter. 475 S.

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Juliane Schröter. 2016. Abschied nehmen. Veränderungen einer kommunikativen Kultur im 19. und 20. Jahrhundert (Germanistische Linguistik 307). Berlin, Boston: De Gruyter. 475 S.

Juliane Schröter. 2016. Abschied nehmen. Veränderungen einer kommunikativen Kultur im 19. und 20. Jahrhundert (Germanistische Linguistik 307). Berlin, Boston: De Gruyter. 475 S.


Wer an den Zusammenhängen zwischen Kultur/Gesellschaft und sprachlichem Handeln interessiert ist, wird mit dieser eingehenden Studie zu den Verfahren des fingiert mündlichen und des real schriftlichen Abschiednehmens seine wahre Freude haben. Immer wieder gelingt es der Autorin zu erklären, warum man in den vergangenen zwei Jahrhunderten Gesprächs- und Briefbeendigungen gerade so vollzogen hat, wie es damals Usus war. Untersuchungsobjekte sind die Beendingungsphasen von Gesprächen, wie sie in Theaterstücken und Romanen geschrieben wurden, und solche von privaten und geschäftlichen Briefen, die nicht diese literarische Vermittlung durchlaufen haben. Ausgeblendet bleiben also ganze und meist auch pathetisch gehaltene Texte, die Verabschiedungen vollziehen: Abschiedsbriefe, letzte Worte und Abschiedsreden.

Diese Habilitationsschrift steht in der Tradition des Züricher Zweigs der kulturanalytischen Linguistik, welche versucht, historische Gewohnheiten des Sprechens und Schreibens mit kulturellen Werten, Ansichten und Verhaltensweisen zu erklären. Dabei wird keineswegs eine unidirektionale, gar kausale Beziehung von kulturellen Gegebenheiten zum sprachlichen Akt vorausgesetzt; vielmehr rechnen ihre Vertreter mit Interdependenzen.

Im Kapitel „Theorie“ führt Schröter eine Reihe von Begriffen und Theorien ein, die für ihr Vorhaben relevant sind. Sie plädiert für eine Vermittlung zwischen repräsentationistischen und konstruktivistischen Positionen, wobei sie auf Anthony Giddens’ Theorie der Strukturierung verweist, nach der virtuelle soziale und normative Strukturen in Interdependenz mit einmaligen und wiederholten Praktiken treten. Sie diskutiert und übernimmt den Begriff ‚Praxis‘, der mit insgesamt 13 Bestimmungen komplex genug ist, auch stimmliche, handschriftliche, körperliche (z. B. Umarmung, Aufstehen) und objekthafte (z. B. Geschenke überreichen) Bezüge des sprachlichen Handelns einzubeziehen. Sie expliziert ihre Theorie des Sprachwandels, nach der neue Kontexte (soziale und politische Strukturen, Regeln und Einstellungen, Techniken, wirtschaftliche Entwicklungen) gewohnte sprachliche Handlungsweisen dysfunktional machen und – zuerst in Einzelschritten – einen Prozess der Innovation in Gang setzen, der neue Regeln, Einstellungen, Mentalitäten, Praktiken und sogar soziale Strukturen erwachsen lässt. All dies ist klar, verständlich, mit vielen Literaturhinweisen geschrieben, wird aber – dem Titel des Kapitels entsprechend? – kaum mit Beispielen belegt.

Konkreter und lebensnaher wird es in Kapitel 2, in dem die historischen Bedingungen des Abschiednehmens im 19. und 20. Jahrhundert diskutiert werden. Dies sind:

  1. Die auf lange Sicht zunehmend erweiterte „existenzielle Zugänglichkeit“: Die Menschen leben länger; ein Abschied wird seltener einer für immer.

  2. Die „physische Zugänglichkeit“: Eisenbahnen und andere Verkehrsmittel erleichtern eine Wiederbegegnung; sie bringen neue Abschiedssituationen hervor und machen Abschiede zu massenhaften Kommunikationsereignissen.

  3. Die „kommunikative Zugänglichkeit“: Die neuen Medien Telegrafie, Postkarte und Telefon bieten die Möglichkeit, nach einem Abschied erneut medial in Kontakt zu treten. Abschiede sind nicht mehr so gravierende Ereignisse; sie werden kürzer und vorläufiger.

  4. Die „transzendente Zugänglichkeit“: Die abnehmende Relevanz des christlichen Glaubens im öffentlichen Leben macht frühere religiöse Deutungselemente des Abschiednehmens obsolet. Sie schafft im 19. Jahrhundert aber neue: das erwartete Wiedersehen im Himmel.

Kapitel 3 ist eine lexikologische Studie zum Wort Abschied und seinen Wortbildungsverwandten auf der Basis von 29 Wörterbüchern und Enzyklopädien. Hier wird deutlich, wie sehr sich die Semantik von Abschied, jmd./sich verabschieden und des ganzen Wortfeldes verändert hat: von ‚Entlassung‘, ‚Entlassungsbrief‘, ‚Abreise‘ bei Adelung (1794ff.) zur Unterscheidung von Abschied (als Akt) und Verabschiedung (als sprachliche Handlung) im Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache (Klappenbach & Steinitz 1964ff.). Die Perspektive desjenigen, der verlassen wird und auch die höhere Position hat und z. B. Soldaten oder Dienstleute verabschiedet (‚entlässt‘, ‚beurlaubt‘), wird ab der Mitte des 19. Jahrhunderts weniger relevant und dann bedeutungslos. Damit entfallen auch die Bedeutungsvarianten ‚Entlassung‘ und ‚Erlaubnis‘. Die soziale Egalisierung zeigt sich auch im syntaktischen Wandel vom transitiven jemanden verabschieden zum vollreflexiven sich verabschieden. Die Funktionsverbgefüge A. geben/nehmen bekommen nostalgische Konnotationen. Im Wesentlichen stehen also sozialstrukturelle und mediale Änderungen hinter dem Bedeutungswandel.

Der erste empirische Durchgang gilt den mündlichen Verabschiedungen. Onomasiologische und Synonymwörterbücher liefern die Daten für Abschiedsgrüße; deren Idealformen vermitteln die Anstandsbücher, und deren situativ eingebettete Vollzüge werden an 740 epischen und dramatischen Abschiedsszenen in unterschiedlichen Gattungen verdeutlicht (auch Unterhaltungsliteratur, Kinder- und Jugendbücher; im Quellenverzeichnis sind das 18 Seiten!). Dabei wird unterstellt, dass sie zwar nicht realistische Abbildungen des sprachlichen Verhaltens sind (es fehlen ja alle prosodischen und nonverbalen Anteile), wohl aber, dass sie von den Autoren als passend zu den Situationen, den sozialen Rollen und Milieus konzipiert wurden. Für die Leser konnten sie Vorbilder werden und so wieder auf den Alltag zurückwirken.

Zu Abschiedsgrüßen und deren ‚Pragmatisierung‘ (in Analogie zum Begriff ‚Grammatikalisierung‘) von der lexikalischen Bedeutung zur gesprächs- und beziehungssteuernden Funktion, zu Beendigungsphasen vom ersten Zug der Beendigungseinleitung bis zum terminal exchange mittels Formeln gibt es viel (gesprächs-)linguistische Forschung, aber nicht so sehr zu den Reihenfolgeregeln der möglichen Handlungen dazwischen. Hier ist mit größeren Unterschieden zwischen (meist unreflektierter) gesprochensprachlicher Realität und literarischer Mimesis zu rechnen.

Schröter analysiert in diesem Kapitel den Bedeutungs- und Funktionswandel von acht Abschiedsgrüßen mit ihren Varianten. Dabei werden immer sozialstilistische, regionale, religiöse, politische und andere Bedeutungen und Umstände mitbedacht. Es ist ein Kapitel, das man mit Genuss liest. Aus der Formel Behüt dich Gott wird Gott eliminiert. Adieu als französisches Lehnwort war den Sprachpuristen ein Dorn im Auge und sollte durch Adé ersetzt werden, ohne zu bemerken, dass auch dieses Wort aus dem Französischen kam (vgl. S. 128). Leb’ wohl, Leben Sie wohl hatte eine gewisse pathetische Aufladung und war für einen Abschied auf lange Sicht geeignet. Ich empfehle mich, ursprünglich vom Weggehenden gesagt, konnte situationsspezifisch mit Konfliktpotential geladen werden (vgl. S. 142), ist aber wie ähnliche Formeln (Habe die Ehre, Gehorsamer Diener) in der Zwischenkriegszeit obsolet geworden. Heil Hitler wurde von den Nazis als ideologisch aufgeladener „‚totalitärer‘ Einheitsgruß“ (S. 148) auch für Abschiede gefordert, löste Konflikte aus und unterlief lang bestehende Regeln der sozialen Differenzierung beim Sich-Verabschieden. Auf Wiedersehen wurde in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts für kurzfristige Trennungen verwendet und ersetzte zu Beginn des 20. Jahrhunderts Adieu (obwohl es ursprünglich auch eine Lehnübersetzung von (jusqu’) au revoir war). Tschüs ersetzte in den letzten Jahrzehnten Auf Wiedersehen als Standardform, breitete sich von Norden nach Süden aus und reflektiert den allgemeinen Prozess der Informalisierung (vgl. Elias 1989). In einem Unterkapitel (4.3.) erklärt Schröter diese Beobachtungen mit Theorien des kulturellen Wandels. Dazu gehören die Säkularisierung des öffentlichen Lebens, die Orientierung an höheren Schichten im 19. Jahrhundert (Adieu, Auf Wiedersehen) und an Jugendlichen in letzter Zeit (ciao), die Vermeidung von Signalen der sozialen Unterordnung, die Abnahme von Distanz und die Zunahme von Nähe und Vertraulichkeit (tschüs, ciao, mach’s gut, Wangenkuss, Duzen), die Fiktion des baldigen Wiedersehens (bis dann), sprachpuristische und -politische Maßnahmen (Adieu, Heil Hitler). An einem Subkorpus von Dramen untersucht Schröter dann, von wem die Verabschiedung initiiert wird, bei wem man sich zuerst verabschiedet (früher: bei Damen und Statushöheren) und wie man sie dabei anredet (weniger Anreden mit dem Namen und mit Titeln). Auch hier nimmt die Relevanz sozialer Hierarchie ab und die der individuellen Selbstbestimmung zu (vgl. S. 186–198).

Der Wandel verläuft von monologischen Abschiedsreden zu mehr dialogischen, kürzeren und weniger pathetischen Formen. Man erwartet immer seltener eine lange Trennung oder ein Wiedersehen erst im Himmel. Seltener werden bzw. ganz verschwinden Segnungen (bis 1860 noch mit Gegensegen) und Empfehlungen an Dritte. Der Abschied am Bahnhof bringt ein besonderes Verhalten hervor: den schnellen Abschied, um den Schmerz zu verkürzen, analog zum schnellen, schmerzlosen Tod (S. 218). Schluchzen und Weinen, im 19. Jahrhundert noch ganz üblich, wenn auch bei Frau und Mann unterschiedlich (in Das Haidedorf von Stifter [1844] hängt der abschiednehmende Sohn an der „heiß weinend[en]“ Mutter, während um den „harten Mund“ des Vaters „ein heftiges Zucken ging“, S. 222), werden nach 1900 stark zurückgedrängt und stehen nach dem Ersten Weltkrieg nur noch Frauen und Kindern zu (vgl. S. 221). Im 20. Jahrhundert werden Gefühle der Trauer und Verzweiflung mit Ironie, Untertreibung, Lachen und Lächeln eingedämmt. Frauen müssen jetzt rationaler agieren, und Frauen und Männer müssen Selbstbeherrschung zeigen. – Es erstaunt, in welch vielfältige und fundamentale Bezüge die Reflexion über eine Alltagsaktivität wie das Beenden einer Interaktion führen kann.

Auch die empirische Untersuchung zu den Briefschlüssen steht auf einer breiten Datengrundlage. Es sind erstens 970 originale deutsche und schweizerische, private und geschäftliche Briefe, hauptsächlich aus den mittleren und oberen bürgerlichen Schichten, und zweitens 1.277 Musterbriefe aus Briefstellern (vgl. S. 231). Auch hier werden die relevanten Kategorien erst einmal in der Vorstudie erhoben, vor allem die Textbausteine Höflichkeitsäußerung (sie fehlen zu 7 % bei Geschäfts- und nur zu 0,2 % bei Privatbriefen, S. 248), Urheberidentifikation (Unterschrift), Ort und Datum, Postskript.

Die Syntax der Höflichkeitserweisungen zeigt, dass das Prinzip der ‚Zeitersparnis‘ das des ‚größeren Aufwands‘ (= syntaktische Komplexität) ablöste. Nur mit ergebenst oder hochachtungsvoll und Unterschrift zu schließen, wurde für Schweizer Geschäftsbriefe schon 1829 empfohlen (vgl. S. 258). Briefbeendigungen wurden im Lauf der Zeit immer formelhafter, wobei die Funktion, das Ende anzukündigen, wichtiger wurde als diejenige, Höflichkeit zu bekunden (vgl. S. 268). Eindrucksvoll sind die Tabellen S. 270, die den stetigen Anstieg der Basismorpheme Gruß/grüß- (z. B. Seien Sie gegrüßt, mit freundlichen Grüßen) und -acht- (hochachtungsvoll, mit vorzüglicher Hochachtung) dokumentieren.

Die Wendung von sozialdistinktiver zu intimitätsbekundender ‚Höflichkeitssemantik‘ (vgl. S. 283) ergibt sich auch bei den Analysen zur Wortsemantik. Wörter der Dienstbarkeit wie treu-, empfehl-, ergeben(st), dien-, untertän- etc. werden noch bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts gebraucht, haben aber in Geschäfts- und Privatbriefen unterschiedlich lange „Laufzeiten“. Morpheme des Respekts (hochacht-, ehr-, schätz-) nehmen im Privatbrief bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts zu, dann bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts wieder ab und werden dann von solchen der Freundschaft und Zuneigung abgelöst (herz-, freund-, lieb-, schön-). Wenn freundlich in der Formel Mit freundlichen Grüßen ab 1950 zur Standardform im Geschäftsbrief wird, dann kann man es im Privatbrief nicht mehr verwenden; entsprechend steigt hier die Frequenz von herz- (vgl. S. 288), was aber ab 1980 auch vom Geschäftsbrief vereinnahmt wird.

Der Blick auf die sprachlichen Handlungen zeigt, dass in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts das Segnen ganz verschwindet und dass mit der syntaktischen Komplexität die der Handlungen verwoben ist, z. B.: Mittlerweile wiederhole ich die Bitte um Ihr fortdauerndes Wohlwollen und habe die Ehre mich mit besonderer Hochachtung zu unterzeichnen / Euer Hochwohlgeboren / ergebener Diener / Schwerzenbach / Oberamtmann (Zürich 1831, S. 295). Nach 1820 nehmen solche Verschachtelungen von Einstellungserklärungen ab, zuerst im Geschäftsbrief. Die Akte für Danken, Glückwünschen, Trauer ausdrücken, sich in der Schuld von jemandem sehen etc. bleiben aber in Kondolenz- und Glückwunschbriefen grundsätzlich erhalten. Hier, aber auch sonst, sieht Schröter die Begrenztheit von statistischen Auszählungen, wenn unterschiedliche Briefgattungen nicht differenziert werden (vgl. S. 314). Eingehende Analysen erfahren dann das performativ ausgedrückte Unterzeichnen (zeichne ich ... im Geschäftsbrief bis 1950), Grüße von und an Dritte, Empfehlungen von/an Dritte(n) und die Schlussformel vollziehen. Die Adelstitulatur auch am Briefschluss wird schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts abgebaut und fällt dann nach 1918 ganz weg. Die Selbstbezeichnung als Diener wird im Geschäftsbrief 1861 zum letzten Mal gebraucht (vgl. S. 321), solche mit Verwandtschaftswörtern halten sich im Privatbrief noch bis ca. 1960. Entsprechendes gilt für die Possessivpronomen dein, euer, Ihr, bis nur noch der Vorname bleibt (Herzlich, Heide und Wolfgang).

Zur Erklärung all dieser Beobachtungen werden nun wieder allgemeine kulturelle Wandlungen herangezogen: von komplizierten zu einfachen Formen der Höflichkeit (vgl. S. 326); der Einfluss neuer Medien (Telegrafie, Postkarte und noch stärker das SMS: mfG), die zur Kürze zwingen (vgl. S. 327), wobei der Geschäftsbrief die Führung übernimmt (der Adressat ist ja oft unbekannt). Dies kann auch ein Anstoß dafür sein – Schröter formuliert bei solchen Rückwirkungen immer vorsichtig –, dass auch bei anderen Praktiken das Prinzip der Minderbeanspruchung das des kommunikativen Aufwands ablöst. Die kulturellen Phänomene, mit denen diese Beobachtungen in Beziehung gebracht werden, sind z. T. die gleichen wie bei den verbalen Beendigungen (Abnahme des Prinzips der Unterordnung zugunsten einer Selbstvernetzung im sozialen Raum, Zunahme der Nähe, Vertrautheit, Sympathie, alles mit Verweisen auf Forschungen von Norbert Elias, Charles Taylor, Angelika Linke, Peter v. Polenz, Robin Lakoff). Zu wenig sei dabei aber die moderne Flexibilität der Beziehungen in Betracht gezogen worden, was langfristige und gleichbleibende Beziehungen aufweiche, die Selbstbestimmtheit von Individuen aber stärke.

Im letzten empirischen Durchgang, als „Supplement“, zeigt Schröter die Änderungen der Abschiedspoesie in Stammbüchern und Alben auf, eine Praktik, welche zusammen mit Abschiedsgeschenken (Porträts, Schattenrisse) nach den beiden Weltkriegen stark abgenommen hat. Auch die Abschiedsgedichte weisen dieselben Tendenzen auf wie die Interaktions- und Briefbeendigungen: Die Betonung der immerwährenden Verbundenheit wird nicht mehr so wichtig; Stilzüge des Pathos und der Religion nehmen ab; nicht mehr das „Schicksal“, sondern die Lebensplanung des Weggehenden führt den Abschied herbei; man gewinnt diesem etwas Positives ab; Trauer und Schmerz werden abgemildert durch Ironie (vgl. S. 362f.); Kompensationen in Form von Erinnerungsgaben und das Symbol des Vergissmeinnichts werden abgelöst durch das Vertrauen auf ein Wiedersehen (vgl. S. 379). In sieben Haupttendenzen, die jeweils durch Indizien der vier Einzeluntersuchungen untermauert werden, fasst Schröter ihre Ergebnisse zusammen.

Insgesamt ist dies eine vorbildliche und in weiten Strecken mit Entdeckerfreude zu lesende Studie zu den kulturellen Fundierungen und Impulsen einer sprachlichen Praktik. Schröter argumentiert immer vorsichtig; sie richtet ihren Blick auch auf nicht-sprachliche, begleitende Handlungen; sie gibt in den empirischen Kapiteln viele, z. T. auch sprechend-prototypische Textbeispiele, die im Gedächtnis haften bleiben wie z. B. die amüsante Abschiedsrede eines Handwerksmeisters in Wilhelm Raabes Hungerpastor (S. 200). Interessant wären nun auf dem von Schröter beschriebenen Hintergrund des jeweils zeittypischen Abschiednehmens Spezialstudien zu historischen Ausnahmesituationen von Kriegen, Auswanderungsbewegungen, Vertreibungen oder Verfolgungen mit der Frage, ob man in diesen schwerwiegenden Situationen die allgemeinen Schreib- und Sprechmuster geändert hat oder nicht.

Literatur

Adelung, Johann Christoph. 1774–1786/1793–1818. Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, mit beständiger Vergleichung der übrigen Mundarten, besonders aber der Oberdeutschen. 4 Bde. 2., verm. und verbess. Aufl. Leipzig: Breitkopf.Search in Google Scholar

Elias, Norbert. 1989. Zivilisation und Informalisierung. In: Norbert Elias. Studien über die Deutschen. Machtkämpfe und Habitusentwicklung im 19. und 20. Jahrhundert. Hg. von Michael Schröter. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 31–158.Search in Google Scholar

Klappenbach, Ruth & Wolfgang Steinitz (Hg.). 1964–1977. Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache. 6 Bde. Berlin/Ost: Akademie.Search in Google Scholar

Published Online: 2017-10-17
Published in Print: 2017-12-4

© 2017 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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Downloaded on 30.1.2023 from https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/zrs-2017-0027/html
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