Kirsten Adamzik

Heiko Hausendorf, Reinhold Schmitt & Wolfgang Kesselheim (Hg.). 2016. Interaktionsarchitektur, Sozialtopographie und Interaktionsraum (Studien zur deutschen Sprache 72). Tübingen: Narr/Francke/Attempto. 448 S.

De Gruyter Mouton | Published online: October 20, 2017

Der Band ist Bestandteil einer Serie von Publikationen, die aus der langjährigen und in jüngerer Zeit intensivierten Zusammenarbeit einer Gruppe von ForscherInnen hervorgegangen ist, die ursprünglich von der Gesprächsanalyse herkommen und sich streng materialgebundenen empirischen Analysemethoden verpflichtet fühlen. Es sind nicht zuletzt die technischen Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte, die dabei zu einer Verlagerung von Forschungsschwerpunkten geführt haben: Hatte man zunächst nur Audioaufnahmen zur Verfügung, erlaubt die Videotechnik auch den systematischen Einbezug nicht-sprachlicher Elemente. Dies bildet die Grundlage für multimodale Interaktionsanalysen.

Zu diesem Arbeitsfeld finden seit 2003 halbjährliche Arbeitstreffen am Institut für Deutsche Sprache statt, die „die Entwicklung des multimodalen Ansatzes in der deutschsprachigen linguistischen Interaktionsanalyse wesentlich mitgeprägt haben“ (S. 13). Die jüngste Entwicklung ist durch die Kooperation mit einem Teilprojekt des universitären Forschungsschwerpunkts Sprache und Raum an der Universität Zürich geprägt, das sich besonders der Rolle der Architektur für die Interaktion widmet. Es veranstaltet regelmäßige Workshops, die die Grundlage für den vorliegenden Band bilden. Die Ergebnisse sind auch online zugänglich (www.spur.uzh.ch/research/publications.html, Stand: 21.08.2017). Dies ermöglicht die Präsentation umfangreicher Detailanalysen und ist umso willkommener, als die Videobilder im Druck nicht immer gut zu erkennen sind.

Neben einem Einleitungsbeitrag, der den skizzierten Hintergrund genauer erläutert, umfasst der Band vier Teile: Im theoretischen Teil (I) geht es um Basiskonzepte. Vertieft werden diese in drei weiteren Beiträgen der Herausgeber im methodischen Teil (II), der Videoaufzeichnungen, das Analysematerial aller Beiträge, zum Gegenstand hat. Hinzu kommt hier ein Aufsatz von Lorenza Mondada (S. 111–160), der außerordentlich differenziert Möglichkeiten und Probleme der (noch nicht standardisierten) multimodalen Transkription behandelt. Am umfangreichsten ist der Teil III (S. 225–404) mit insgesamt fünf Fallanalysen. Teil IV „Interdisziplinäre Kommentare“ enthält schließlich drei Beiträge von Architekten (S. 405–448).

Wie die Herausgeber hervorheben, weisen die „Beiträge aufgrund der intensiven Vorgeschichte ein für einen Sammelband ungewöhnlich hohes Maß an Kohärenz“ auf, auch wenn die beiden zentralen, neuen und titelgebenden Konzepte, Interaktionsarchitektur und Sozialtopografie (die Schreibung Sozialtopographie erscheint nur auf dem Buchumschlag und dem Titelblatt), „in ihren Implikationen z. T. umstritten sind“ (S. 8). Das dritte Titelwort, Interaktionsraum im Sinne des mit und durch Interaktion geschaffenen und genutzten Raums, sei dagegen inzwischen einigermaßen etabliert und steht, wie zwei der Herausgeber schreiben, „nicht im Zentrum unseres aktuellen Erkenntnisinteresses“ (S. 28).

Das erklärte Ziel der Herausgeber besteht darin, die „interaktionistische Raumanalyse als eigenständigen Ansatz im Forschungsfeld der linguistischen Interaktionsanalyse zu etablieren“ (S. 31). Der Schwerpunkt dieser Besprechung liegt daher auf dem theoretischen Teil, in dem der konzeptuelle Rahmen entfaltet wird. Er umfasst zwei Beiträge, deren erster die zentralen „Grundlagen unseres interaktionistisch-raumanalytischen Verständnisses“ (S. 27) betrifft: Hausendorf & Schmitt, „Interaktionsarchitektur und Sozialtopografie: Basiskonzepte einer interaktionistischen Raumanalyse“ (S. 27–54). Konzeptionell baut diese Analyse auf dem textlinguistischen Ansatz von Hausendorf & Kesselheim (2008) auf, der Text als lesbares Etwas bestimmt. Diesem Zusammenhang gilt der zweite theoretische Beitrag: Hausendorf & Kesselheim, „Die Lesbarkeit des Textes und die Benutzbarkeit der Architektur. Text- und Interaktionslinguistische Überlegungen zur Raumanalyse“ (S. 55–85).

Ein wesentliches (und vor dem Hintergrund der Konversationsanalyse bemerkenswertes) Anliegen besteht in der bewussten „Abkehr von der in einem bestimmten Raum faktisch vollzogenen Interaktion“ (S. 38). Statt realer Interaktionsprozesse (bzw. bezogen auf Texte: realer Lektüreprozesse) soll untersucht werden, inwiefern die Architektur (bzw. das materielle Textsubstrat) bestimmte Handlungs-/Interaktions-/Lektüreweisen nahelegt, ja erwartbar macht. Dabei wird ein sehr breites Konzept von Architektur zugrunde gelegt, das sowohl bauliche Anlage als auch Möblierung, technische Ausstattung und Dekoration umfasst. Diese Gestaltungsmittel, die zusammenfassend als architektonische Erscheinungsformen bezeichnet werden, laden zu bestimmten Interaktionsformen ein: Die Räume sind zugerichtet, speziell gestaltet für bestimmte Interaktionen, stellen Lösungen spezifischer Interaktionsprobleme dar. Das gilt in besonderer Weise für institutionelle Kontexte, um die es in dem Band geht: Institutionsspezifische Handlungen und soziale Rollen materialisieren sich in architektonischen Erscheinungsformen. So sind etwa Kirchenräume und Hörsäle ausgerichtet auf ein Vorne, das dem zentralen Akteur vorbehalten ist. Ein Gang zwischen Stuhlreihen lädt dazu ein, sich auf diesem zu bewegen und einen Platz einzunehmen usw.

Interaktionsarchitektur ist also als Dispositiv von Erwartbarkeiten zu verstehen. Die Räume sind so gestaltet, dass gewisse Wahrnehmungen und Handlungen möglich und naheliegend sind, andere nicht. Die Autoren sprechen hier von interaktionsarchitektonischen Basisimplikationen wie Sichtbarkeit, Hörbarkeit, Be-Greifbarkeit, Begehbarkeit usw. (vgl. S. 34) bis hin zu Besitzbarkeit (S. 47) im Sinne von ,man kann darauf sitzen‘. Als Oberbegriff benutzen sie den Ausdruck Benutzbarkeit, eine Parallelbildung zu Lesbarkeit für Texte. Wahrnehmbare Eigenschaften von Texten bzw. architektonisch gestalteten Räumen fungieren als Lesbarkeits- bzw. Benutzbarkeits-Hinweise, die darüber orientieren, wie man mit dem Angebot umgehen kann bzw. soll.

Der zweite theoretische Beitrag geht genauer auf die weit verbreitete metaphorische Verwendung von Text und lesen ein (einen Raum ,lesen‘, indem man seine Benutzbarkeit realisiert) und erläutert die Parallelen zwischen Text und Raum. Die Autoren plädieren dann jedoch entschieden für eine Unterscheidung von Lesbarkeit und Benutzbarkeit und führen dafür ein Argument an, das auf eine Differenz zwischen Text und Raum führt, die für die Analysemethodik zentral ist: Wie genau der Leser mit den Lesbarkeitshinweisen von Texten (gemeint sind damit ausschließlich Schriftdokumente) umgeht, ist dem Forscher nämlich nicht zugänglich. Was sich in den Köpfen der Individuen abspielt, liegt ausdrücklich außerhalb des Interesses (vgl. besonders S. 61). Demgegenüber

„findet das Benutzen von Räumen einen vergleichsweise leicht dokumentierbaren und insofern empirisch sehr gut zugänglichen Ausdruck: Die Emergenz von Benutzbarkeitshinweisen verkörpert sich gleichsam in beobachtbarer Sensorik und Motorik Anwesender“ (S. 71).

Das macht die Videoaufnahmen, speziell Standbilder(folgen), für die Autoren zum privilegierten Arbeitsinstrument. Allerdings ist die Sensorik, die tatsächlichen Wahrnehmungen der real agierenden Menschen, über Videoaufnahmen kaum zugänglich. Insofern es sich bei Wahrnehmungen – ebenso wie bei Leseprozessen – um individuelle Aktivitäten und Erfahrungen handelt, dürften sie für den gewählten Ansatz auch gar nicht relevant sein. Bei diesem steht vielmehr ganz das technisch sichtbar Gemachte im Vordergrund. Wir haben es also nicht mit Formen teilnehmender Beobachtung zu tun, die ja eine andere Standardmethode von Interaktionsanalysen darstellen. Dass zugunsten einer ,objektiven‘ Kamera-Perspektive konsequent darauf verzichtet wird, das sinnliche und emotionale Erleben realer Akteure einzubeziehen, gehört zu den Spezifika des Ansatzes, die die Architekten (Teil IV) problematisieren.

Aus linguistischer Sicht frappiert an diesem Ansatz besonders die Rückstufung der Bedeutung von Sprache. Es gilt zwar das theoretische „Postulat der Egalität aller Ausdrucksressourcen“ (S. 42); da man aber lange Interaktion „auf das Verbale reduziert“ (S. 105) hat, soll jetzt anscheinend das bislang ,unterprivilegierte‘ Sichtbare eigenständig zum Zuge kommen. Das zeigt sich besonders an der sog. visuellen Erstanalyse, die Schmitt propagiert: „Der ‚Frame-Comic‘ als Dokument multimodaler Interaktionsanalyse“ (S. 189–224) – Frame ist hier im Sinne der Filmanalyse als elementare Einheit, als Einzelbild einer Filmsequenz, zu verstehen. Dabei betrachtet man den Film zunächst ohne Ton.

Sich nur um die „in den architektonischen Erscheinungsformen immer schon impliziten Interaktanten (im Sinne des impliziten Lesers), nicht um die ,realen‘ Interaktanten aus Fleisch und Blut“ (S. 38) zu kümmern, ist eine theoretisch-methodische Entscheidung, die man befürworten kann oder nicht. Nicht entziehen kann sich das Projekt der Analyse von Interaktionsarchitektur einem anderen Tatbestand: Die architektonischen Erscheinungsformen mögen bestimmte Handlungsweisen und Interaktionen nahelegen, determinieren können sie sie nicht. Einfach gesagt: Auf Tischen kann man auch sitzen, stehen, liegen oder tanzen, wenngleich das eigentlich nicht vorgesehen ist.

Dessen sind sich die Herausgeber auch sehr bewusst (vgl. besonders S. 38, S. 44) und zur Bearbeitung dieses Problems dient das zweite Basiskonzept, die Sozialtopografie. Wie man sich in einer Kirche, einem Hörsaal, einem Museum usw. (angemessen) verhält, ergibt sich nicht schon aus den architektonischen Erscheinungsformen, sondern setzt voraus, dass man über Vorwissen, genauer: in der Sozialisation erworbene Handlungsschemata für die entsprechenden Interaktionsformen und -räume, verfügt. Die Autoren sprechen hier von einem gesellschaftlich vorhandenen Raumnutzungswissen. Während also die Interaktionsarchitektur vergleichsweise ,kulturarme‘ Implikationen des Raums betrifft (vgl. S. 45), entspricht Sozialtopografie Wissensbeständen, die besonders stark historisch, sozial und (sub-)kulturell geprägt sind:

„Mit dem Konzept der ,Sozialtopografie‘ sollen genau diese sozial und kulturell vermittelten und geprägten Orientierungen und handlungspraktischen Wissensgrundlagen von Raumnutzern erfasst werden. Sozialtopografie manifestiert sich in der Spezifik der multimodalen Raumnutzung als situationssensitive Interpretation der interaktionsarchitektonischen Implikationen des Raums. Als solche werden sie durch Anwesende und/oder unter Anwesenden sichtbar (gemacht) und für uns analysierbar“ (S. 42).

Wiederum steht das Sichtbare im Vordergrund, obwohl die sozial-kulturelle Vermittlung (auch) sprachlich erfolgt. Das gilt besonders in institutionellen Kontexten, solange man damit (noch) nicht vertraut ist. Kirchenräume etwa betreten viele Menschen nur selten und schon in katholischen und protestantischen Kirchen unterscheidet sich die Raumnutzung signifikant. Man könnte Eingeweihte befragen, was üblich ist und erwartet wird. Auch diese Methode versagt sich die interaktionistische Raumanalyse jedoch und unterstellt:

„Sozialtopografisches Wissen ist auf Verbalisierung in der Regel gerade nicht angewiesen, sondern manifestiert sich in der Nutzung selbst. [...] Verbalität spielt für die sozialtopografische Rekonstruktion aufgrund der Routinen der Nutzer in der Regel keine Rolle!“ (S. 51).

Den Zusatz „in der Regel“ darf man wohl so verstehen, dass dies eben nur für Nutzer gilt, die schon routiniert handeln können. Die Normen für das körperliche Verhalten in spezifischen Institutionen muss man aber ebenso lernen wie diejenigen für das hier ebenfalls spezifische Sprachhandeln. Besonders wichtig ist jedoch, dass routinierte Nutzer und erst recht die Raumgestalter (hier nehme ich wieder ein Argument aus Teil IV auf) die Normen (mindestens teilweise) explizieren können – anders als etwa die ,Regeln‘ für den Sprecherwechsel. Alltagsgespräche muten Laien bekanntlich chaotisch an.

Die Bewusstheit oder Bewusstseinsfähigkeit des Wissens um die Nutzung institutioneller Räume impliziert natürlich, dass auch die Analysierenden über entsprechendes Alltagswissen verfügen. Methodisch geht es ihnen nun darum, das Alltagswissen zugunsten einer möglichst voraussetzungsfreien Analyse auszuschalten, so dass sich die Befunde ,rein aus den Daten‘ ergeben. Das Ziel richtet sich daher darauf, sich die vertraute Wirklichkeit zu verfremden (vgl. S. 45), sich ‚methodisch dumm zu stellen‘ (vgl. S. 103) und eine Perspektive einzunehmen, „die maximal mit unserer informierten und verständigen sozialtopografischen Alltagsperspektive kontrastiert“ (S. 46).

Während die Analyse der Interaktionsarchitektur auf dokumentierte Interaktionen gar nicht angewiesen ist (vgl. S. 50 und S. 174), lässt sich Sozialtopografie im Sinne kulturell geprägten Raumnutzungswissens nicht ohne Rückgriff auf reale Interaktionen rekonstruieren, d. h. die präferierten Verhaltensmuster lassen sich nur daran ablesen, wie sich die Menschen in entsprechenden Kontexten normalerweise verhalten. Blenden die Forscher das eigenkulturelle Vorverständnis und die Wissensbestände der Akteure aus, sind sie im Prinzip darauf angewiesen, eine größere Menge realer Interaktionen miteinander zu vergleichen, um wiederkehrende Muster zu eruieren. Nur so kann ausgeschlossen werden, dass das Beobachtete nicht etwa auf die individuellen Akteure, sondern tatsächlich entweder auf interaktionsarchitektonische Voraussetzungen oder auf das Spezialwissen zurückgeht, über das sozialtopografisch kompetente Akteure verfügen (vgl. in diesem Sinne auch den Kommentar S. 422ff.).

Tatsächlich behandeln die Fallstudien (sie arbeiten durchgängig mit Videomaterial, das ursprünglich für Studien zur Interaktion erstellt wurde) jedoch überwiegend kurze Ausschnitte, die ungewöhnlichen Episoden entsprechen. Schon im zweiten Theoriebeitrag kommt ein Beispiel zur Sprache, in dem die Tische in einem Seminarraum umgestellt werden, weil die Anordnung nicht zu den angestrebten Interaktionszielen (über die man allerdings nichts Weiteres erfährt) passt (S. 65ff.). Die Autoren nehmen dieses Beispiel jedoch nicht zum Anlass, konventionalisierte Praxen im Umgang mit dysfunktionalen Einrichtungen zu thematisieren (z. B. Schilder, die verbieten, Veränderungen vorzunehmen, oder die dazu auffordern, die ursprüngliche Anordnung mindestens wieder herzustellen). So kann es nur als Beleg für die These fungieren, dass das, was die Architektur nahelegt, „mit jeder denkbaren Nutzung irgendwie ,bearbeitet‘ wird“ (S. 33; Herv. i. O.): Das Nahegelegte wird realisiert oder auch nicht.

Kommen wir nun zu den eigentlichen Fallanalysen. Bei der ersten (Hausendorf & Schmitt, „Vier Stühle vor dem Altar“, 227–262) geht es um einen sog. Alpha-Gottesdienst, der die (nicht dokumentierte) gewöhnliche Interaktion zwischen Pfarrer und Gemeinde um andere Elemente bereichert (u. a. Live-Band, Kaffee und Gebäck an Bistrotischen). Dausendschön-Gay & Schmitt (263–301) widmen sich den architektonischen Gegebenheiten eines Unterrichtsraums; dieser kann allerdings noch nicht funktionsgerecht benutzt werden, weil sich der Unterrichtsbeginn wegen einer vorangegangenen Klausur ungewöhnlich lange verzögert. Zum Gegenstand machen die Autoren daher Warten als institutionelle Praktik. Angesichts mangelnder Vergleichbarkeit dieser Episode mit anderen Wartesituationen bleibt jedoch offen, welche allgemeineren Aussagen die Autoren daraus ableiten wollen. Sehr außergewöhnlich ist auch der Interaktionsausschnitt eines Museumsbesuchs, den Kesselheim (335–360) näher betrachtet: Ein kleines Kind führt seinen Begleiterinnen vor, dass man den Raum auch zum Versteckspielen benutzen kann.

Das meiste Vorwissen (allerdings nicht gerade sehr aktuelles) dürfte das von Putzier (303–333) analysierte Handeln im Chemieunterricht mobilisieren. Wiederum stellt sich die Frage, inwieweit die Einzelinteraktion irgendetwas über die Rolle der Architektur oder von sozialtopografischem Wissen über diesen Situationstyp erkennen lässt (vgl. in diesem Sinne auch den Kommentar von Guggenheim, S. 423f.). Der Beitrag von Mondada & Oloff (361–404) schließlich fällt insofern aus dem Rahmen, als es um ein Radiostudio und damit das Handeln (zweier) professioneller Akteure geht. Sozialtopografisches Alltagswissen gibt es dazu nicht. Zugleich repräsentiert dieser Beitrag am stärksten die Analyse von Interaktionsraum als einer ständigen Hervorbringung, da die Akteure die Ausstattung immer wieder anders benutzen (z. B. eine Tastatur als Ablage).

Die neuen Analysekonzepte (Interaktionsarchitektur und Sozialtopografie) verstehen die Herausgeber „nicht als Alternative und Konkurrenz zu bereits etablierten Ansätzen“ (S. 31), sondern als Ergänzung. Dem wird man umso bereitwilliger zustimmen, als ihre Stärke, die außerordentlich minutiöse Dokumentation sehr kleiner Interaktionsausschnitte, auf Kosten des Verständnisses größerer Zusammenhänge inklusive der Gesamtinteraktion geht. So erschließt sich dem Leser die Typik von Alpha-Gottesdiensten nicht, wenn ihm vorenthalten wird, wie die von der Gemeinde gestalteten mit den traditionelleren Teilen verbunden werden. Dem Ziel, die Wirklichkeit zu verfremden und zu zeigen, wie man die verständige Alltagsperspektive überlisten kann, wird der Sammelband sicherlich gerecht.

Literatur

Hausendorf, Heiko & Wolfgang Kesselheim. 2008. Textlinguistik fürs Examen. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. Search in Google Scholar

Published Online: 2017-10-20
Published in Print: 2017-12-4

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