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BY-NC-ND 3.0 license Open Access Published by De Gruyter November 8, 2017

Annette Klosa & Carolin Müller-Spitzer (Hg.). 2016. Internetlexikografie.Ein Kompendium. Berlin, Boston: De Gruyter. xviii, 347 S.

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Annette Klosa & Carolin Müller-Spitzer(Hg.). 2016. Internetlexikografie. Ein Kompendium. Berlin, Boston: De Gruyter. xviii, 347 S.


Der längst Tatsache gewordene „Siegeszug des Internets“ (S. xi) macht auch vor der Sprachwissenschaft nicht halt; sei es inhaltlich, als Forschungsthema der meist als Medienlinguistik bezeichneten Teildisziplin, oder methodisch, wie die immer wichtiger und zahlreicher werdenden korpuslinguistischen Arbeiten eindrücklich belegen. Das Internet und die damit einhergehenden technischen Möglichkeiten führen darüber hinaus aber auch zu tiefgreifenden Veränderungen in jahrhundertealten, etablierten wissenschaftlichen und kulturellen Praktiken,[1] so auch in der Lexikografie, die sich durch das zahlreiche Aufkommen verlagsexterner, kostenloser Wörterbuchangebote in den letzten Jahrzehnten großen Herausforderungen gegenübersieht. Diesen Herausforderungen, aber auch den mit diesem Wandel einhergehenden Chancen für die Internetlexikografie ist das Kompendium gewidmet, das als gemeinsame Abschlusspublikation (S. xv) des von der DFG geförderten wissenschaftlichen „Netzwerks Internetlexikografie“ entstanden ist.

Das selbsterklärte Ziel des Kompendiums liegt darin, einen „verständlich verfassten und thematisch einführenden Überblick in [sic!] die einzelnen Arbeitsfelder“ zu geben und dabei „die grundlegenden Konzepte und Methoden verständlich zu vermitteln“ (S. xv). Der von den Herausgeberinnen anvisierte Einsatzbereich des Werkes ist entsprechend neben der universitären Lehre denn auch die Lehrer*innenausbildung.

Zum Inhalt der Kapitel

Das Kompendium umfasst insgesamt acht Kapitel, denen eine Einleitung der Herausgeberinnen vorausgeht. Darin wird nebst den bereits angesprochenen Herausforderungen und allgemeinen Anmerkungen zur (Internet-)Lexikografie auch die Arbeit des wissenschaftlichen Netzwerkes genauer beleuchtet, wobei die detaillierte Aufzählung aller Mitglieder und der durchgeführten Workshops allerdings wenig gewinnbringend und für den Lesefluss eher störend ist; hier hätte, wie es an anderen Stellen auch geschieht, ein Verweis auf die entsprechende Website durchaus genügt. Nach einer Übersicht über den Inhalt der von verschiedenen Autor*innen verfassten Kapitel des Bandes wagen die Herausgeberinnen abschließend einen Blick in die Zukunft der Lexikografie. Dabei stellen sie etwas resigniert fest, dass der Fortbestand von Wörterbüchern, „wie wir sie heute kennen“ (S. xviii), zwar unklar sei; aufgrund der Tatsache aber, dass sich Praktiken wie diejenige der Lexikografie nur sehr langsam wandeln,

„[...] haben [sie] guten Grund davon auszugehen, dass das vorliegende Kompendium zumindest für die kommenden Jahre einen guten Überblick über [das] Forschungsfeld bietet.“ (S. xviii)

Das sich anschließende erste Kapitel stammt von Peter Meyer, Axel Herold und Lothar Lemnitzer und widmet sich den technischen Rahmenbedingungen der Internetlexikografie. Es ist fraglich, ob die anfänglichen, teils sehr basalen Anmerkungen zur Internettechnologie wirklich notwendig sind; es darf wohl davon ausgegangen werden, dass Personen, die sich mit diesem durchaus spezialisierten Überblickswerk befassen, bereits Kenntnis davon besitzen, was das Internet, eine URL, eine Startseite, ein Server oder ein Browser sind. Abgesehen davon gibt das Kapitel jedoch einen interessanten Einblick in verschiedene technische Prozesse und Verfahren – z. B. Logging und Versionierung –, die für die Erstellung eines Internetwörterbuches zentral sind.

Im zweiten Kapitel entwickeln Stefan Engelberg und Angelika Storrer ein Klassifikationsraster für Internetwörterbücher und -portale. Basierend auf der Typologie von Engelberg & Lemnitzer (2009) unterscheiden sie zunächst zwischen medienspezifischen und medienunabhängigen Merkmalen zur Einteilung von Wörterbüchern und stellen zuletzt eine Typologie von Wörterbuchportalen vor, worunter sie Verbünde von Wörterbüchern verstehen. Die mit zahlreichen Beispielen versehene Darstellung ist übersichtlich und als Grundlage für die weitere Lektüre des Kompendiums sehr gewinnbringend.

Das dritte Kapitel von Annette Klosa und Carole Tiberius beschäftigt sich mit dem lexikografischen Prozess. Nach einer Übersicht zu dessen bisheriger Erforschung werden die Besonderheiten des computerlexikografischen Prozesses detailliert beschrieben und mit vielen Beispielen aus der Praxis veranschaulicht. Abschließend werden verschiedene Softwarelösungen diskutiert, die der Unterstützung des lexikografischen Prozesses dienen. Insgesamt weist das Kapitel einige Redundanzen zum vorangehenden Beitrag sowie teilweise eher nebensächliche Informationen auf (z. B. zur Größe des Teams im Elexiko-Projekt, S. 90), die den Text stellenweise unnötig in die Länge ziehen.

Letzteres trifft z. T. auch auf das vierte Kapitel zu: In ihrem stark technisch ausgerichteten Beitrag gehen Axel Herold, Peter Meyer und Carolin Müller-Spitzer ausführlich auf die Datenmodellierung ein. Neben der Einführung von Datenstrukturen und Repräsentationsformaten werden verschiedene Datenmodelle dargestellt und abschließend Standardisierungsbestrebungen aufgezeigt. Insgesamt ist das Kapitel für einen einführenden Überblick recht komplex und spezialisiert.

Das fünfte Kapitel, verfasst von Stefan Engelberg, Carolin Müller-Spitzer und Thomas Schmidt, ist den Vernetzungs- und Zugriffsstrukturen gewidmet. Darin werden Möglichkeiten der Vernetzung von Angaben in Internetwörterbüchern aufgezeigt und – anhand von zahlreichen konkreten Beispielen – semasiologische, onomasiologische und weitere Zugriffsstrukturen anschaulich dargelegt. Ein Ausblick auf neue Perspektiven und Impulse für die Wörterbuchforschung rundet dieses sehr lesenswerte Kapitel ab. Zu monieren sind jedoch die formalen Nachlässigkeiten auf Seite 165 und 166. Dort ging je ein Bildverweis verloren.

Mit der automatischen Gewinnung lexikografischer Angaben befassen sich Alexander Geyken und Lothar Lemnitzer im sechsten Kapitel. Sie gehen darin auf die Frage ein, wie lexikografische Angaben automatisch aus Sprachkorpora gewonnen werden können. Dazu besprechen sie in einem etwas zu allgemein gehaltenen Teil zunächst die Eigenschaften solcher Korpora. Anschließend werden verschiedene (formbasierte, inhaltsbasierte und gebrauchsbasierte) Angabeklassen und die Möglichkeiten ihrer automatischen Extraktion erläutert und mit Beispielen illustriert. Diskutiert werden schließlich die Grenzen automatischer Verfahren sowie die Möglichkeit der Integration von Primärquellen.

Den immer wichtiger werdenden, aber bisher noch wenig erforschten Aspekt der Nutzer*innenbeteiligung beleuchten Andrea Abel und Christian M. Meyer in Kapitel 7. Sie kategorisieren darin mithilfe konkreter Beispiele unterschiedliche Möglichkeiten der Nutzer*innenbeteili­gung (direkt, indirekt, begleitend) und zeigen in der Diskussion mögliche Vor- und Nachteile dieser Optionen auf. Dieses sehr informative Kapitel macht deutlich, wie zentral dieser Aspekt für zukünftige Perspektiven der Internetlexikografie ist.

Wichtig in diesem Zusammenhang ist auch das letzte, von Carolin Müller-Spitzer verfasste Kapitel zur Wörterbuchbenutzungsforschung – einem ebenfalls noch jungen Forschungszweig (vgl. dazu auch den Sammelband von Müller-Spitzer 2014). Die methodischen (stark an die empirische Sozialforschung angelehnten) Ausführungen im ersten Teil sind stellenweise sehr allgemein gehalten; erst im zweiten Teil geht es tatsächlich um die Benutzungsforschung im Hinblick auf Internetwörterbücher. Die starke Zergliederung dieses thematisch hoch relevanten Kapitels beeinträchtigt zudem den Lesefluss.

Zum Aufbau und den formalen Aspekten

Jedem der acht Kapitel ist ein Bild vorangestellt. Dieses steht mit dem nachfolgenden Kapitelinhalt in einem metaphorischen Zusammenhang, der in einem kurzen Folgetext erläutert wird. Dieser durchaus reizvolle Einstieg in die einzelnen Beiträge ist mehrheitlich gut umgesetzt, wenn auch nicht immer gleich konsequent durchgehalten (positiv hervorzuheben ist hier insbesondere Kapitel 4, wo das Bild immer wieder aufgegriffen wird). Im Anschluss an diesen kurzen visuell-textuellen Einstieg folgt für jedes Kapitel noch einmal ein separates Inhaltsverzeichnis mit Seitenangaben; das scheint zwar angesichts des bereits zu Beginn des Bandes aufgeführten detaillierten Inhaltsverzeichnisses zunächst überflüssig, ist aber bei der Lektüre der einzelnen Kapitel tatsächlich hilfreich – außerdem trägt diese zusätzliche Gliederungsangabe der zunehmenden Tendenz Rechnung, auch Einzelbeiträge in Sammelbänden als separate Publikationen z. B. im digitalen Vertrieb zu führen. Ebenfalls der Strukturierung dienen die in allen Kapiteln verwendeten Marginalien, die eine gute Orientierungshilfe darstellen – wobei auch hier z. T. qualitative Unterschiede zwischen den einzelnen Beiträgen feststellbar sind.

Die Kapitel schließen jeweils mit den entsprechenden Literaturangaben, wobei deren Zweiteilung in „Weiterführende Literatur“ und „Literaturverzeichnis“ eher irreführend als hilfreich ist und dazu führt, dass manche Titel im selben Beitrag doppelt aufgeführt sind.[2] Dies trifft im Übrigen auch für mehrere Einträge im Sachregister am Ende des Bandes zu.

Eine letzte kritische Anmerkung sei hier noch erlaubt: Das Genderkonzept des Bandes ist unsystematisch, feminine Formen wechseln sich nur in unregelmäßigen Abständen mit maskulinen ab. Eine konsequente Strategie wäre hier wünschenswert gewesen.

Zum Gesamtkonzept des Kompendiums

Gerade im Zusammenhang mit dem im Kompendium behandelten Thema kommt man nicht um die Frage herum, ob eine (Open-Access-)Online-Publikation der Printausgabe nicht vorzuziehen gewesen wäre – zumal a) je nach Interessensschwerpunkt bzw. wissenschaftlicher Provenienz für manche Leser*innen nur einzelne Kapitel relevant sein dürften und b) die Herausgeberinnen einleitend selbst betonen, dass der Band „irgendwann [...] eher eine Art historischen Schnappschuss zur Internetlexikografie Mitte der 2010er Jahre darstellen“ (S. xviii) wird.

Abgesehen von dieser Grundsatzfrage erlaubt das Buch einen interessanten und umfassenden Einblick in die Fragestellungen, Methoden und Themen der heutigen Internetlexikografie. Das Ziel, einen einführenden Überblick über die Internetlexikografie für Forschung und insbesondere auch Lehre (inkl. Lehrer*innenausbildung) zu bieten, erfüllt das Werk freilich nur teilweise: Während einige Ausführungen deutlich zu allgemein gehalten sind (und auch in anderen Einführungswerken, z. B. zur Korpuslinguistik, gut platziert wären), erweisen sich andere wiederum als zu elaboriert. Das allerdings hängt auch vom (wissenschaftlichen) Hintergrund der Leser*innen ab: So eignen sich einige Kapitel mehr für die sprachwissenschaftlich-philologische, andere wiederum mehr für die computerlinguistisch-technische Seite der Lexikografie. Dies hätte indes deutlicher ausgewiesen werden können, denn so entsteht bisweilen der Eindruck, dass die Verfasser*innen der jeweiligen Kapitel sich selbst nicht immer ganz über ihr Zielpublikum im Klaren sind.

Zum Schluss sollen aber noch die zahlreichen anschaulichen Beispiele aus der Praxis positiv hervorgehoben werden. Diese ermöglichen auch disziplinfremden Leser*innen einen lohnenswerten Einblick in die kulturell relevante und wissenschaftliche Praxis der Lexikografie und ihre digitalen Erscheinungsformen.

Literatur

Engelberg, Stefan & Lothar Lemnitzer. 2009. Lexikographie und Wörterbuchbenutzung (Stauffenburg-Einführungen 14). 4., überarbeitete und erweiterte Auflage. Tübingen: Stauffenburg. Search in Google Scholar

Möhrs, Christine & Carolin Müller-Spitzer. 2013. Elektronische Lexikografie (Studienbibliographien Sprachwissenschaft 42). Tübingen: Groos.Search in Google Scholar

Müller-Spitzer, Carolin (Hg.). 2014. Using Online Dictionaries (Lexicographica Series Maior 145). Berlin, Boston: De Gruyter.10.1515/9783110341287Search in Google Scholar

Wiegand, Herbert Ernst, Michael Beißwenger, Rufus H. Gouws, Matthias Kammerer, Angelika Storrer & Werner Wolski. 2010. Systematische Einführung. In: Dies. (Hg.): Wörterbuch zur Lexikographie und Wörterbuchforschung. Bd. 1: A-C. Berlin, New York: De Gruyter, 1–122.Search in Google Scholar

Published Online: 2017-11-8
Published in Print: 2017-12-4

© 2017 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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Downloaded on 4.2.2023 from https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/zrs-2017-0032/html
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