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BY-NC-ND 3.0 license Open Access Published by De Gruyter November 8, 2017

Tabea Becker & Juliane Stude. 2017. Erzählen (Kurze Einführungen in die germanistische Linguistik 19). Heidelberg: Universitätsverlag Winter. 99 S.

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Tabea Becker & Juliane Stude. 2017. Erzählen (Kurze Einführungen in die germanistische Linguistik 19). Heidelberg: Universitätsverlag Winter. 99 S.


Eine schmale, aber dennoch facettenreiche und mit anschaulichen Beispielen illustrierte Einführung zum Erzählen legen Tabea Becker und Juliane Stude vor – sie reiht sich als bereits 19. Band in die „kurzen Einführungen in die germanistische Linguistik“ (KEGLI) ein. Dass diese Einführungen tatsächlich so kurz sind, wie es der Reihentitel betont, kann je nach Standpunkt als Vor- oder als Nachteil interpretiert werden. Nicht von der Hand zu weisen ist das Argument, dass die Tiefe des wissenschaftlichen Diskurses zu einem Thema kaum auf einer so knappen Strecke abzubilden ist. Doktoranden, die sich mit genau jenem Thema intensiv beschäftigen, werden also eher nicht zur Zielgruppe gehören. Für StudentInnen sind solche kurzen Einführungen (ob nun aus dieser oder anderen Reihen) attraktiv, weil sie erstens erschwinglich und zweitens in überschaubarer Zeit komplett zu erarbeiten sind. Drittens steckt in ihnen im Idealfall die Erfahrung von guten AutorInnen, die angesichts der Umfangsvorgaben nicht nur auf Basis ihres Expertenwissens Relevanzentscheidungen treffen können und müssen, sondern meist auch stilistisch mehr leisten müssen als jemand, der einen langen Text schreibt.

Erzählen ist im Kontext von Narrativitätsforschung und allenthalben anzutreffenden Storytelling-Konzepten (z. B. im Unternehmenskontext, vgl. Müller 2016, oder in der Psychotherapie, vgl. Boothe 2011) zu einem solchen Mega-Thema herangewachsen, dass die Autorinnen gut daran tun, den Gegenstand ihrer Einführung zu begrenzen. Nicht Formen epischer Literatur oder das dramatische Erzählen stünden im Mittelpunkt, so Becker und Stude in ihrer Einleitung, sondern das

Alltagserzählen – in seiner mündlichen und schriftlichen Form [...], wie es Untersuchungsgegenstand der linguistischen Erzählforschung, der interaktionalen Linguistik, der Konversationsanalyse und unter Erwerbsgesichtspunkten der Psycholinguistik und der Sprachdidaktik ist“ (S. 1).

Die folgende Darstellung setzt ihren Schwerpunkt vor allem auf das mündliche Erzählen und somit auf Ergebnisse der interaktionalen Linguistik und Konversationsanalyse. Sie beschränkt sich also auf das, was in einschlägigen Einführungen in die Erzähltheorie (z. B. bei Martínez & Scheffel 2016) als soziolinguistische Strömung zur Erforschung des Erzählens im Alltag vorgestellt wird. Entscheidend ist, dass die Autorinnen die sprachlich-kommunikative Handlung Erzählen von der literaturwissenschaftlichen Gattung der Erzählung trennen wollen (S. 1). Sie stellen sich explizit in eine Traditionslinie, die auf den Beginn der Erforschung des „Erzählens innerhalb von Gesprächen“ zurückführt (vgl. Sacks, Schegloff & Jefferson 1974) und verwenden fast ausschließlich Beispiele aus authentischen mündlichen Gesprächen, die in transkribierter Form (GAT) vorliegen. Diese geschickt ausgewählten Beispiele tragen entscheidend zur Anschaulichkeit der Darstellung und Nachvollziehbarkeit der Argumentation bei – auch wenn man sich als Leser mitunter dafür interessieren würde, von wem sie in welchem Kontext erhoben wurden.

Im auf die Einleitung folgenden zweiten Kapitel skizzieren die Autorinnen, was sie mit Verweis auf Becker (2009: 64) unter Erzählen verstehen, nämlich „einen spezifisch strukturierten abgegrenzten Teil innerhalb eines Gesprächs, der mindestens ein Element der Diskontinuität oder Ungewöhnlichkeit aufweist“ (S. 6). Die Kategorie des Erzählens wird als Kontinuum konzipiert, an dessen Polen auf der einen Seite das prototypische Erzählen, auf der anderen Seite das unspezifische Erzählen notiert wird. Das prototypische Erzählen wird dabei z. B. mit den Parametern monologisch und literal beschrieben (S. 11f.) – Ansprüchen also, denen der im Band gesetzte Schwerpunkt, das mündliche Erzählen im Diskurs, gar nicht entsprechen kann. Das räumen auch Becker und Stude ein: „Gerade bei der Erforschung von Alltagserzählungen sind die Untersuchungsgegenstände nicht selten solche Erzählungen, die sich am Übergang zum unspezifischen Erzählen befinden“ (S. 16). An diesem Punkt kann man fragen, warum man sich gerade mit den peripheren Exemplaren einer Kategorie beschäftigen soll. Es drängt sich der Verdacht auf, dass dieses Problem aus der nicht befriedigend beantworteten Frage resultiert, in welcher Verbindung die Handlung des Erzählens mit der Gattung der Erzählung steht. Hier fehlt der Argumentation der Bezug zu einem größeren erzähltheoretischen Kontext.

Im dritten Kapitel schließlich finden jene Aspekte Platz, die als genuin linguistisch verstanden werden können und bei den Autorinnen als „Charakteristika des Erzählens“ firmieren: Die Vorstellung textlinguistischer Aspekte dient dazu, auch sprachliche Äußerungen im Diskurs unter dem Begriff „Text“ zu fassen (Kap. 3.1). Narrative Struktur (Kap. 3.2) wird ausgehend von Labov & Waletzky (1967) beschrieben, das Kapitel zu Tempus (Kap. 3.3) rekurriert umfangreich auf Topalovic & Uhl (2014). Es folgt die Vorstellung von Strategien zur Rede- und Gedankenwiedergabe (Kap. 3.4) und weiterer erzähltypischer sprachlicher Mittel (Kap. 3.5); beide bieten sich aufgrund ihrer Strukturierung und Klarheit gut für Didaktisierungen an. Das vierte Kapitel versammelt im Vergleich dazu deutlich heterogenere Perspektiven auf das Erzählen; die Autorinnen subsumieren sie unter dem Titel „Dimensionen des Erzählens“. Zuerst diskutieren sie v. a. die Eigenschaften mündlicher Erzählungen unter der Überschrift „Medialitäten des Erzählens“ (Kap. 4.1). Dieses Teilkapitel hätte man sich auch gut bei der Diskussion der theoretischen Grundlagen (Kap. 2) vorstellen können. Dort hätte es die Entscheidung einbetten können, dass hier vor allem mündliche Alltagserzählungen in den Blick genommen werden. Die Vorstellung verschiedener Funktionen des Erzählens (Kap. 4.3) beschränkt sich – dem Schwerpunkt des Werks folgend – auf einen Kanon von Funktionen, die dem mündlichen Erzählen zugeschrieben werden, nämlich: Unterhaltungsfunktion, identitätsstiftende Funktion, therapeutische Funktion und pädagogisch-didaktische Funktion.

In meinen Augen liegt es auf der Hand, zu dieser fachlichen Fundierung auch fachdidaktische Perspektiven zu addieren. Das Erzählen ist eine „ganz grundlegende sprachliche Handlung“ (S. 1), die unsere Identität prägt und in der schulischen Realität einen hohen Stellenwert einnimmt. Schon allein daraus resultiert die Bedeutung des Themas für LehrerInnenaus- und weiterbildung und damit für die Fachdidaktik. Insofern ist es nur folgerichtig, dass die Autorinnen ein Kapitel zum Erzählerwerb (Kap. 5) und zur Didaktik des Erzählens (Kap. 6) anschließen. Das auf entwicklungspsychologische Erkenntnisse zugreifende fünfte Kapitel trägt ganz entscheidend zum Facetten- und Abwechslungsreichtum bei, die diesen Band für den Leser so angenehm gestalten.

Schließlich zeichnet sich auch das sechste, auf die Didaktik des Erzählens ausgerichtete Kapitel durch die überzeugende Einbindung anschaulicher Beispiele aus. Die Autorinnen zeigen damit auf, wo die tradierten Muster der Erzählpraxis – zum Beispiel die Orientierung am idealtypischen Erzählen (S. 80) oder der „Erzählkreis“ (S. 81ff.) – in der Schule in die falsche Richtung führen. Alternative Konzepte, der Gesprächskreis und das Peer-Tutoring, werden aber nur vergleichsweise kurz vorgestellt (vgl. S. 85). Hier wären umfangreichere und vielleicht ebenso mit Beispielen fundierte Ideen wünschenswert – wer könnte solche Vorschläge besser formulieren als die Expertinnen für das Thema?

Ein Einführungsband trägt aber ohnehin ein großes Gewicht auf seinen Schultern: Er kann niemanden komplett zufriedenstellen. Je komplexer das Thema ist, desto schwerer wird dieses Gewicht. Erzählen ist ein solch komplexes Thema. Man könnte sich zum Beispiel auch wünschen, dass erörtert wird, inwiefern die vorgestellten Funktionen des Erzählens zu einer didaktischen Situierung des Erzählens beitragen können – oder dass der Begriff des „Erzähltons“ (S. 72) genauer vorgestellt würde. Wie vielen anderen Publikationen meint man auch dieser an manchen Stellen anzumerken, dass sie unter (zu) großem Zeitdruck produziert wurde. Der referierte bayerische Lehrplan (S. 79) ist veraltet, im Literaturverzeichnis finden sich kleinere Inkohärenzen und im Darstellungstext wird aus Herrn Lauer Herr Plauer (vgl. S. 55) – um nur einen Tippfehler zu nennen. Das soll aber nicht den Eindruck erwecken, als würden diese Kleinigkeiten überhand nehmen und die Lesefreude dauerhaft schmälern. Die Einführung ins Erzählen von Tabea Becker und Juliane Stude verschafft einen abwechslungsreichen und dadurch nie langweiligen Überblick vor allem über das mündliche Erzählen im Diskurs. Für StudentInnen dürfte die Darstellung gerade aufgrund ihrer anschaulichen Argumentation gut verständlich sein, und die Aufgaben am Ende der jeweiligen Kapitel dürften zur Verständnissicherung beitragen, auch wenn bislang (Stand 15.9.2017) noch keine Lösungshinweise auf der Online-Präsenz der KEGLI-Reihe zur Verfügung stehen. Zudem erfüllt der schmale Band auch ein Desiderat aus schulpraktischer Sicht (vgl. Rödel 2014): Er repräsentiert anwendbares Wissen oberhalb der Satzebene, das damit gut für den (auch mündlichen) Formulierungsvorgang aufzubereiten ist. Das macht das Werk auch für ambitioniert unterrichtende LehrerInnen interessant.

Literatur

Becker, Tabea. 2009. Erzählentwicklung beschreiben, diagnostizieren und fördern. In: Carmen Spiegel & Michael Krelle (Hg.). Sprechen und Kommunizieren in der Schule. Baltmannsweiler: Schneider, 64–81.Search in Google Scholar

Boothe, Brigitte. 2011. Das Narrativ. Biografisches Erzählen im psychotherapeutischen Prozess. Stuttgart: Schattauer.Search in Google Scholar

Martínez, Matías & Michael Scheffel (2016): Einführung in die Erzähltheorie. 10., überarbeitete Auflage. München: Beck.10.17104/9783406705243Search in Google Scholar

Müller, Michael. 2016. Die erzählte Organisation: Narrative Methoden im Unternehmenskontext. In: Mitteilungen des Deutschen Germanistenverbands 63, 284–296.10.14220/mdge.2016.63.3.284Search in Google Scholar

Labov, William & Joshua Waletzky. 1967. Narrative analysis. Oral versions of personal experience. In: Jule Helm (Hg.). Essays on the verbal and visual arts. Seattle: University of Washington Press, 12–44. Search in Google Scholar

Rödel, Michael. 2014. Deutschunterricht am Gymnasium – Was kann die Sprachwissenschaft leisten? In: Michael Rödel (Hg.): Deutschunterricht am Gymnasium – Was kann die Sprachwissenschaft leisten? Baltmannsweiler: Schneider, 1–16.Search in Google Scholar

Sacks, Harvey, Emanuel A. Schegloff & Gail Jefferson. 1974. A simplest syste­matics for the organisation of turn-taking in conversation. In: Language 50, 696–735.Search in Google Scholar

Topalovic, Elvira & Benjamin Uhl. 2014. Linguistik des literarischen Erzählens. In: Zeitschrift für germanistische Linguistik 42, 26–49.10.1515/zgl-2014-0002Search in Google Scholar

Published Online: 2017-11-8
Published in Print: 2017-12-4

© 2017 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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Downloaded on 4.2.2023 from https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/zrs-2017-0033/html
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