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BY-NC-ND 3.0 license Open Access Published by De Gruyter November 8, 2017

Simona Leonardi, Eva-Maria Thüne & Anne Betten (Hg.). 2016. Emotionsausdruck und Erzählstrategien in narrativen Interviews. Analysen zu Gesprächsaufnahmen mit jüdischen Emigranten. Würzburg: Könighausen & Neumann. xvii, 388 S.

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Simona Leonardi, Eva-Maria Thüne & Anne Betten (Hg.). 2016. Emotionsausdruck und Erzählstrategien in narrativen Interviews. Analysen zu Gesprächsaufnahmen mit jüdischen Emigranten. Würzburg: Könighausen & Neumann. xvii, 388 S.


Der vorliegende Sammelband enthält zwölf Beiträge, die, wie es im Untertitel heißt, „Analysen zu Gesprächsaufnahmen mit jüdischen Emigranten“ bieten. Die Analysen erfolgen nicht unter dem Blickwinkel einer bestimmten Forschungsrichtung bzw. nach einem bestimmten linguistischen Verfahren, d. h. es steht in diesem Sammelband kein gleichbleibendes Forschungsinteresse im Fokus, sondern es werden verschiedene Facetten der wissenschaftlichen Betrachtung erprobt – und zwar, das ist die Besonderheit, an einem (gemeinsamen) Korpus. Der Titel hebt also sozusagen den gemeinsamen Nenner der Beiträge heraus.

Grundlage für diesen Band ist das gemeinsame Interesse der Beiträger am sogenannten „Israelkorpus“ (S. vii). Es handelt sich um ein Korpus, das größtenteils im Rahmen eines DFG-Projektes über Sprache und kulturelle Identität unter der Leitung von Anne Betten in den Jahren 1989 bis 1994 erstellt wurde und das den Titel „Emigrantendeutsch in Israel“ (Korpus IS) trägt. Dabei wurden ca. 150 Aufnahmen narrativer autobiographischer Interviews (mit 170 jüdischen Emigranten) aus den deutschsprachigen Regionen Mitteleuropas durchgeführt. 1998 wurde das Korpus durch „Wiener in Jerusalem“ (Korpus ISW) ergänzt. Es umfasste ursprünglich 22 Interviews mit jüdischen Emigranten aus Österreich, die bei einer Exkursion von Studierenden und Lehrenden, ebenfalls unter der Leitung von Anne Betten, aufgenommen wurden; 2010/2011 wurde das Korpus von Michaela Metz um drei Interviews erweitert. Schließlich wurde noch das Korpus „Zweite Generation deutschsprachiger Migranten in Israel“ (ISZ) in das Israelkorpus integriert. Dazu zählen 70 Ton- und Videoaufnahmen, die zwischen 1999 und 2012 mit 63 Nachkommen deutschsprachiger Juden, hauptsächlich den Kindern der Interviewpartner aus dem IS und ISW, durchgeführt wurden (vgl. http://agd.ids-mannheim.de/IS–_extern.shtml.).

Die Beiträger des Sammelbandes haben sich in Workshops und Kolloquien an verschiedenen Universitäten (u. a. Bologna, Neapel, Paris, Rom, Salzburg) zwischen 2011 und 2014 immer wieder intensiv mit dem Israelkorpus beschäftigt und kamen dabei auf die Idee, „einige dieser Beiträge auszuarbeiten und zu publizieren“ (S. x). Im Mittelpunkt der Beiträge stehen auf der Basis der narrativen autobiographischen Interviews des Israelkorpus „die Themenkomplexe ‚Erzählstrategien‘ und ‚Emotionen‘“ (S. xi), dabei werden allerdings, gemäß den diversen Forschungsschwerpunkten, jeweils unterschiedliche Aspekte der Themenkomplexe in den Blick genommen. Die ersten vier Beiträge beschäftigen sich mit dem Themenkomplex „Emotionen“, die sechs folgenden Beiträge können dem Themenkomplex „Erzählstrategien“ zugeordnet werden und in den beiden letzten Beiträgen widmen sich die Autoren der Frage nach der sozialen und kulturellen Identität der Interviewten.

Thematisch eröffnet wird der Band mit Simone Leonardis Beitrag „Erinnerte Emotionen in autobiographischen Erzählungen“. Nach einem theoretischen Teil, in dem stringent die Forschungsergebnisse zum Zusammenhang von Erzählen, Emotion und Erinnerung sowie der Nutzen des Bachtin’schen Chronotoposbegriffs vorgestellt werden, zeigt die Verfasserin anhand von Erzählungen über „traumatische Erlebnisse und deren Erinnerung“ (S. 7), wie die zeiträumliche Dimension, die Emotionen und die Erinnerungsarbeit zusammenspielen: Die Erinnerungsthematisierungen

„und das damit verbundene, unterschiedlich ausgedrückte Emotionspotential der Narrative dienen [...] der aus dem doppelten Zeitpfeil gewonnenen Perspektivierung der Erzählungen, in der sich verschiedene Chronotopoi aufschichten und verschränken“ (S. 38).

Eva-Maria Thüne analysiert Emotionen, die bei der Schilderung des Abschieds von den Eltern bzw. dem nachträglichen Erfahren des gewaltsamen Todes der Eltern der Interviewten (sogenannte „Spuren“, S. 58ff.) offenbar werden. Die Beispielanalysen ergeben, dass einerseits zwischen Abschieden, die als solche erlebt wurden, und solchen, die erst im Nachhinein als Abschied erkannt wurden (vgl. S. 53), zu differenzieren ist, da die jeweiligen Abschiedsszenarien „unterschiedlich erinnert und wiedergegeben“ werden (S. 53). Sowohl beim Abschied wie auch bei den Spuren müssen „Emotionsbeschreibungen und -thematisierungen einerseits und Emotionsausdruck andererseits“ differenziert werden (S. 55). Die Komplexität des Emotionsausdrucks zeigt sich dabei auf den Ebenen der Prosodie, des para- und nonverbalen Verhaltens, der Formulierungsverfahren und der Lexik. Dass die Trauerarbeit nicht abgeschlossen ist, belegen Stellen, an denen es explizit um den Tod der Eltern geht, denn diese sind besonders markiert:

„Diese Markierungen entwickeln sich graduell durch Intensivierung, aber nicht propositiv auf lexikalischer Ebene, sondern ex negativo z. B. durch Wiederholungen, Pausen und Abbrüche.“ (S. 77)

In Anne Bettens Beitrag liegen nicht die Emotionen im Fokus des Interesses, vielmehr geht die Autorin am Beispiel zweier Familien den Fragen nach, warum die 1. Generation ihre traumatischen Erfahrungen vor der Emigration ihren Kindern (2. Generation) lange verschwiegen hat und weshalb die 2. Generation (lange Zeit) nicht nachgefragt hat. Sie gelangt zu dem Ergebnis, dass

„diese schmerzhaften und den Einzelnen vielleicht auch manchmal beschämenden Einzelheiten lange nicht in das familiale Gedächtnis eingehen sollten, [...], bis eine davon unabhängige neue und starke (israelische) Identität des Familienverbandes gesichert war.“ (S. 119)

Die Konzeptualisierung von Emotionen in lexikalischen Ausdrücken untersucht Sabine Kösters Gensini in ihrem sehr gut strukturierten Beitrag. Im ersten, theoretisch-methodologischen Teil werden systematisch und überzeugend die Grundlagen für die empirische Analyse vorgestellt und diskutiert. Der empirische Teil, in dem sie sich in erster Linie auf Fiehler (1990) stützt, gliedert sich wiederum in drei Teile. Zunächst wird der Gefühlswortschatz des volltranskribierten Teils des Israelkorpus vorgestellt, darauf folgt die Untersuchung der lexikalischen Beschreibung der Emotionen, die verschiedene Emigranten während der ersten Rückkehr nach Deutschland empfunden haben, und schließlich wird der lexikalische Ausdruck von Emotionen in einem Gesamtinterview analysiert. Das Ergebnis – dass „die Frequenz von Wörtern zur expliziten Gefühlsbenennung“ (S. 134) im Vergleich mit dem Gesamtkorpus sehr gering ist – „zeigt in aller Deutlichkeit, wie selten hier Gefühle explizit verbalisiert werden“ (S. 135). Der Verfasserin gelingt es, „einen repräsentativen Eindruck der lexikalischen Charakteristik der Emotionsdarstellung in diesem Korpus zu vermitteln“ (S. 163), auch wenn nicht „alle Emotionen durch Wörter ausgedrückt werden“ (S. 164).

Der zweite Themenkomplex des Sammelbandes wird mit Johannes Schwitallas erstmals in Thüne & Betten (2011) abgedrucktem Beitrag zu Fluchterzählungen eingeleitet. Schwitalla untersucht, mit welchen narrativen Erzählmustern die Fluchterzählungen versprachlicht werden. Obwohl sich nur acht der zehn untersuchten Fluchterzählungen einem bestimmten Typ zuordnen lassen (vgl. S. 175), gelangt er mithilfe der Eigenschaften „Raffung vs. Detaillierung, involvierend vs. neutral berichtend“ (ebd.) zu vier Typen (vgl. S. 175ff.), wobei allerdings zweien davon jeweils nur ein Interview zugeordnet werden kann. Abschließend geht der Verfasser der Frage nach, inwieweit die von den Interviewten gewählte Erzählform mit der jeweiligen Art der Selbstdarstellung zusammenhängt.

Ebenfalls mit Fluchterzählungen beschäftigt sich Steffen Haßlauer. Im Fokus seiner ausführlichen Analyse zweier Fluchterzählungen steht dabei, wie das unterschiedliche Ausmaß an Selbst- und Fremdbestimmtheit sowie das emotionale Erleben bzw. die Emotionsmanifestationen sprachlich realisiert werden. Die Analysen verdeutlichen, dass die „unterschiedlichen Fokussetzungen, Erzählhaltungen, Perspektiven und narrativen Textsorten“ (S. 227) aus der unterschiedlichen narrativen Identitätszuweisung der Interviewten an sich selbst resultieren.

Einen grammatischen Ansatz wählt Irmtraud Behr. Anhand eines kompletten Interviews arbeitet sie die vielfältigen Funktionen von „autonom gebrauchte[n] einfache[n] oder komplexe[n] nominale[n] Konstruktionen“ (verblose Sätze [VLS] bzw. propositionale Äußerungseinheiten) (S. 232) heraus und zeigt eindrücklich, wie VLS in unterschiedlichen Formulierungs- und erzähltechnischen Verfahren vom Sprecher bewusst zu verschiedenen Zwecken eingesetzt werden. Es wird deutlich, dass der Rückgriff auf VLS dem Sprecher erlaubt, seine subjektive Perspektivierung auszudrücken und auch gleichzeitig den Grad der Emotionalisierung beim Gesprächspartner zu steuern.

Johannes Schwitallas zweiter Beitrag beschäftigt sich mit verschiedenen Formen der Redewiedergabe. Zunächst werden drei grundsätzliche narrative Funktionen der Redewiedergabe innerhalb von Ereignisdarstellungen vorgestellt, im Anschluss daran werden drei Dialoge genauer analysiert. Zuletzt erfolgt ein Vergleich mit den schriftlichen Redewiedergaben aus Victor Klemperers Tagebüchern, der zeigt, dass „inhaltlich, beziehungsmäßig und in Bezug auf die Typen von Redewiedergaben“ kein Unterschied zwischen mündlicher und schriftlicher Realisierung besteht (S. 293). Die Analysen lassen darüber hinaus noch zweierlei erkennen: zum einen, dass die Interviewten wie auch Klemperer darum bemüht sind, den Personen, deren Rede sie wiedergeben, gerecht zu werden, und zum anderen, dass die Redewiedergaben zwar immer prosodisch von der eigenen Sprechweise abgehoben werden, es aber keine „nationalsozialistische sprecherische ‚Erkennungsmelodie‘“ gibt (S. 295).

Am Israelkorpus beschreibt Anne Larrory-Wunder die bekannten und gut erforschten gesprochensprachlichen Phänomene wie Redeüberlappung, Wiederholungen, Reparaturen, Reformulierungen, Satzpartikeln, Vagheitsindikatoren und „Indikatoren der Versprachlichung“ (Stein 2004: 279)[1], die anzeigen, welche intersubjektive Rolle sie in den Interviews beim Aufbau von Repräsentationen von Gegenständen und Sachverhalten spielen, um Sprecher- und Hörervorstellungen abzugleichen.

Nicht die Erzählstrategien der Interviewten stehen im Beitrag von Giorgio Antonioli im Fokus des Interesses, sondern er untersucht, welche Rolle die von den Interviewerinnen verwendeten Konnektoren und, also und dann für die „antizipatorische Verstehensdokumentation“ (S. 320) haben. Dass die Konnektoren systematisch eingesetzt werden, um sowohl Wissensasymmetrien auszugleichen als auch intersubjektive Kooperation herzustellen (vgl. S. 332), stellt „ein wiederkehrendes konstitutives Merkmal der Interviewerinnen“ (S. 333) und somit ein Spezifikum des Israelkorpus dar, wie der Verfasser eindrücklich zeigen kann.

„[G]enderhistorische Aspekte, [...] insbesondere die Konstrukte von Männlichkeit“ (S. 338) im Israelkorpus, untersucht Patrick Farges. Auf der Basis von zehn Interviews geht er der Frage nach, welche Emotionen die Gender-Identität der Jungen und jungen Männer geprägt haben. Die Beispielpassagen belegen überzeugend, wie sie ihre Mannwerdung im Spannungsfeld zwischen den Männlichkeitsvorstellungen einer „‚deutschen‘ wehrhaften Männlichkeit, einem bildungsbürgerlichen Männlichkeitsideal und einer [...] ‚jüdisch-deutschen‘ Männlichkeit“ (S. 341) vollziehen mussten und wie antisemitische Erfahrungen die sich entwickelnde Männlichkeit beeinträchtigten.

Den Abschluss des Bandes bildet ein bereits in Thüne & Betten (2011) abgedruckter Beitrag von Anne Betten. Im Mittelpunkt der Ausführungen steht das Verhältnis der 2. Generation zur deutschen Sprache sowie deren Einstellung zur deutschen Kultur und den deutschsprachigen Ländern. Die Interviewten berichten von ihren Kindheitserfahrungen und von ihrer Einstellung zur „Herkunftskultur der Eltern“ (S. 374). Dabei zeigen sich unterschiedliche Positionierungen und „tiefe Einblicke in (frühere und heutige) Identitätsgefühle“ (S. 395), so dass auch die Gründe für die Einstellung zur deutschen Sprache erkennbar werden.

Für eine abschließende Gesamtbetrachtung des Bandes ist Folgendes festzuhalten: Eher kritisch ist der gewählte Titel zu sehen, der suggeriert, dass die vorliegenden Beiträge der linguistischen Narrationsforschung zugeordnet werden können, was nur teilweise der Fall ist. Wünschenswert wäre darüber hinaus auch eine Begründung für den Wiederabdruck der beiden Beiträge von Johannes Schwitalla und Anne Betten gewesen. Trotz dieser kleineren Einschränkungen ergibt sich ein positives Gesamtbild: Durch die Erprobung verschiedener Forschungsinteressen an einem gemeinsamen Korpus ist der Sammelband zwar methodisch, theoretisch und zumindest teilweise auch inhaltlich recht heterogen, dennoch punkten die meisten Beiträge mit sehr anschaulichen Analysen und es werden zahlreiche innovative Methoden und Ansätze präsentiert, die auch neue Forschungswege aufzeigen, vor allem aber den Wert des Israelkorpus für die linguistische Forschung (erneut) unterstreichen.

Literatur

Fiehler, Reinhard. 1990. Kommunikation und Emotion. Berlin, New York: De Gruyter.10.1515/9783110863000Search in Google Scholar

Stein, Stephan. 2004. Formelhaftigkeit und Routinen in mündlicher Kommunikation. In: Kathrin Steyer (Hg.). Wortverbindungen – mehr oder weniger fest. Jahrbuch des Instituts für Deutsche Sprache 2003. Berlin, New York: De Gruyter, 262–288.10.1515/9783110622768-013Search in Google Scholar

Thüne, Eva-Maria & Anne Betten (Hg.). 2011. Sprache und Migration. Linguistische Fallstudien. Rom: Aracne.Search in Google Scholar

Published Online: 2017-11-8
Published in Print: 2017-12-4

© 2017 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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Downloaded on 28.3.2023 from https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/zrs-2017-0036/html
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