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BY-NC-ND 3.0 license Open Access Published by De Gruyter November 8, 2017

Eric Wallis. 2016. Kampagnensprache. Wie Greenpeace mit Sprachkritik den Umweltdiskurs beeinflusst (Sprache – Politik– Gesellschaft 17). Bremen: Ute Hempen. 442 S.

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Eric Wallis. 2016. Kampagnensprache. Wie Greenpeace mit Sprachkritik den Umweltdiskurs beeinflusst (Sprache – Politik– Gesellschaft 17). Bremen: Ute Hempen. 442 S.


Eric Wallis hat eine gelungene, akribisch durchgeführte, linguistische Diskursanalyse zum Thema „Genmilch“ am Beispiel der Auseinandersetzung zwischen Greenpeace und der Unternehmensgruppe „Müller“ vorgelegt. Die 442 Seiten umfassende Monographie basiert auf der 2011 von der Philosophischen Fakultät der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald, angenommenen Dissertation zum Thema Streit im Umweltdiskurs – Wie Greenpeace mit Sprachkritik den Umweltdiskurs beeinflusst. Ziel der Arbeit war es, anhand eines von Akteuren vorangetriebenen Mikrodiskurses Struktur und Handlungen der interagierenden Akteure abzubilden (vgl. S. 63). Basierend auf einem intensiv recherchierten und zusammengestellten Mikrokorpus aus den Jahren 2004 bis 2010 zum Themenbereich „Greenpeace gegen Müller-Milch im Streit um Genfutter und Milchproduktion“ gelingt es, Einblicke herauszuarbeiten, die in überlagernden, neben- und übergeordneten Diskursen – neben diesem „Milchdiskurs“ – in einen „Lebensmitteldiskurs“, „grünen Gentechnik-Diskurs“ und „Umweltdiskurs“ usw. eingebettet sind. Insofern handelt es sich um eine gesellschaftskritische linguistische Studie, die exemplarisch aufzeigt, wie gesellschaftspolitisch relevante Diskurse voneinander abhängen, aufeinander aufbauen und sich gegenseitig beeinflussen.

Eric Wallis geht dabei geradezu klassisch vor: Ausgehend von einem knappen Abriss des – interdisziplinär und international bearbeiteten – Umweltdiskurses fokussiert er auf den Mehrwert durch linguistische Analysen. Anhand ausgewählter Studien skizziert er gerafft, welche linguistisch relevanten Arbeiten zum Thema vorliegen. Etwas verschleiert bleiben die Auswahlkriterien dieser Zusammenstellung, deren neuester referierter Beitrag 2012 erschienen ist.

Nach der thematischen Relevanzsetzung vertieft der Autor die theoretischen Grundlagen, auf denen seine Analyse aufbaut, wobei er darauf hinarbeitet, „Kommunikation als Wissenswandel mit der Analyse des sprachlichen Wandels zu verknüpfen“ (S. 21). Zentral sei, „wie gesellschaftliches Wissen durch Sprache initiiert, etabliert und verbreitet wird“ (S. 21). Für die Umsetzung wählt er einen konstruktivistischen Ansatz: Akteure entwickeln in der Interaktion Einheiten, die den Diskurs vorantreiben, Sprache dient dabei als Mittel der Orientierung, wobei jegliches Handeln als „sich orientieren“ mit dem Ziel des „sich beruhigen“ verstanden wird. Sprache repräsentiere Wissen, auf dem Handlungen basieren (vgl. S. 25), auch wenn neben diesen „Anhaltspunkten“ „Spielräume“ der Bedeutungszuordnung bestünden, so dass jeweils einem perspektivischen Sprechen ein perspektivisches Sehen vorausgehe (vgl. ebd.). Für den zu untersuchenden „Fall Müller“ heißt das, dass zwei konkurrierende Perspektiven vorliegen, die für unterschiedliche Orientierungen stehen. Die Übernahme bzw. Vermeidung eines bestimmten Sprachgebrauchs ist als Indiz dafür zu sehen, dass eine Perspektive übernommen bzw. vermieden wird, was eher auf eine hermeneutische Herangehensweise hinweist. Eröffnet wird auch die Möglichkeit eines Metadiskurses: Kritische Sprachthematisierung wird als zusätzlicher Motor einer Verbreitung von einer gewissen Art bedeutungsgeladener Lexeme gesehen. „Sprachkritik und der sich daraus ergebende Streit erhöhen die diskursive Aufmerksamkeit“ (S. 33). Diskurse werden als Dispersionssysteme von Perspektiven (vgl. S. 37) verstanden, die sich durch Kommunikation dynamisch weiterentwickeln.

Wallis unterscheidet zwei Ebenen: eine intratextuelle Analyseebene und eine Diskursprogression auf Ebene der Akteure. Die intratextuelle Ebene wird quantitativ über „diskursbeherrschende Leitvokabeln“ (S. 45), ideologisierende Sprachthematisierung (vgl. S. 46) und „weitere Distanzmarker“ (S. 47), wie beispielsweise die Polyphonie (vgl. S. 49), Implikaturen und Präsuppositionen (vgl. S. 51), deduktiv erfasst. Dieser breite Fächer an Kategorien bringt es mit sich, dass für die nachfolgende Korpusanalyse auf einige der wenig distinktiven Kriterien und Homonyme z. B. bei Partikeln verzichtet wurde. Mit einer Gebrauchsdominanz- und Frequenzanalyse wird eine Grundlage für die Verwendung unterschiedlicher Sprachgebrauchsmuster geschaffen: Muster werden quantitativ, korpuslinguistisch erhoben. Die Diskursprogression ist hingegen nicht quantitativ zu erfassen: Wann welche Diskurshandlungen wozu beitragen und weshalb, muss qualitativ und exemplarisch bearbeitet werden (vgl. S. 57). Hierbei wird der oben eingeführte Orientierungsbegriff angewandt, das Analysekonzept basiert auf dem DIMEAN-Modell von Spitzmüller & Warnke (2008).

Das Korpus selbst besteht aus Texten, die dem Mikrodiskurs „Greenpeace gegen Müller-Milch im Streit um Genfutter und Milchproduktion“ zugeordnet werden, aber auch anderen Diskursen zuzurechnen sind (so z. B. dem Gentechnik- oder Lebensmitteldiskurs). Ein vollständiges Korpus zu erstellen ist illusorisch, da nur schwerlich „alle“ Texte erfasst werden können. Hingegen wurde ein „relevantes Korpus“ zusammengestellt, versehen mit „Kappungsgrenzen“, damit der Umfang der Textmenge bearbeitbar bleibt. Dazu werden Akteure und Medien limitiert; der Fokus liegt hier bei den ursprünglichen, „repräsentativen Textsorten der Hauptbeteiligten“ (S. 65); Diskursbeiträge und Diskurshandlungen anderer Akteure werden zwar exemplarisch erfasst, aber nicht in die Analyse integriert. Ausgeschlossen wurden zusätzlich Texte einer nicht primären Orientierungsstufe, die als nicht typisch eingeschätzt wurden. Ziel war es, mittels der Kappungsgrenze ein repräsentatives Korpus mit der Maßgabe zu erstellen, dass Texte, die keine wesentlich neuen Argumente beinhalten (vgl. S. 67), nicht aufgenommen werden, weshalb, so die Argumentation, Texte neuer Medien (Foren, Blogs, Newsletter etc.) keinen Eingang gefunden haben. Insgesamt ergibt sich für das Untersuchungskorpus ein Umfang von 385 Texten verschiedener Akteure (Greenpeace, Müller, Gericht, Leitmedien, Regional- und Fachpresse), die allesamt genau erfasst und detailliert ausgewiesen sind.

Aufgrund der vielfältigen Analyseebenen und Fragestellungen ist die Arbeit methodisch komplex aufgebaut. Argumentationsstrukturen lassen sich nicht quantitativ über eine Korpusanalyse erfassen, wie es z. B. bei Gebrauchshäufigkeiten möglich ist, sondern es ist eine akribische, qualitative Textarbeit notwendig, um Argumentation und Topoi zu erfassen. Die Konzepte, die auf impliziten Argumentationsmustern basieren und über Topoi realisiert werden, sind nur durch qualitatives Arbeiten zu extrapolieren, weshalb das Korpus induktiv nach diesen Verdichtungsmustern „abgesucht“ worden ist (vgl. S. 88). Ausführlich referiert der Autor die herausfordernde Arbeit, sinnvolle Kategorien aus dem korpusbasierten Datenmaterial zu bilden. Speziell fokussiert er auf die Schwierigkeit, dass viele der Argumentationsstrukturen nur bruchstückhaft realisiert worden sind (vgl. S. 92) und die Zuordnung somit auf einem – aufwändigen – vierfachen iterativen Prozess basiert. Eine weitere Herausforderung formuliert er bei der Ergebnisdarstellung: Induktiv und deduktiv erhobene Daten müssen verbunden werden, sozusagen Schlüssel- und Schlagwörter in eine Argumentationsstruktur eines Diskurses eingebunden werden, Tiefen- und Oberflächenstruktur müssen verschränkt und als emergente, diskursiv relevante Struktur verstanden werden.

Nach der Diskussion der Grund- und Ausgangslage analysiert Wallis jede der einzelnen Kategorien ausführlich, unterlegt mit Textteilen aus dem Korpus: Akteursanalyse, Analyse von Distanzmarkern und die Untergruppen der perspektivischen Konstruktion von ‚Gentechnik‘, ‚Qualität‘, des ‚Verbrauchers‘, von ‚Müller/Befürwortern der Gentechnik‘ und schließlich von ‚GP/Gegnern der Gentechnik‘. Ergänzt werden diese Analysen durch thematische Rahmungen und Interpretationen bis hin zu einem „Glücksfall“ – so der Verfasser – diskurslinguistischer Analyse (S. 184), bei dem in einem Gerichtsverfahren moniert wird, dass es nicht als Austragungsort für wissenschaftliche Dispute dienen solle.

Abschließend werden die Ergebnisse der einzelnen Analysen nochmals zusammengefasst, in Verbindung gebracht und gewichtet. Sprachgebrauch sei perspektivisch, in gegnerischen Kontexten finde sich gerade die Sprachgebrauchskritik des Widersachers als Perspektivierungshilfe (vgl. S. 395). Die Merkmale beschränken sich keinesfalls auf das Vokabular, sondern erstrecken sich auf Topoi und Argumentationsstrukturen, die wiederum selbst auf schon vorbestehenden, wohl u. U. auch auf stereotypen Bewertungen basieren. Topoi werden teilweise als „perspektivisch versprachlichte Weltbilder“, als „Doppeltopoi“, zusammengehalten und helfen so auch Überschneidungsbereiche in der Argumentation für alle Beteiligten zugänglich zu machen. Hauptkonzepte und tragende Unterkonzepte des Diskurses werden ohnehin durch Argumentationsstrukturen zusammengehalten – unabhängig davon, ob von Befürwortern oder Gegnern geäußert (Krankheits-, Gefahren-, Gift-, Qualitätstopos usw.). Der Alternativtopos ist hingegen den Gegnern der Gentechnik vorbehalten (vgl. S. 404). Der Verbraucher wird allseitig als ‚Opfer‘ dargestellt. Diskursprogression wird in der abschließenden Interpretation eng an quantitative Verwendungen angebunden, als „stabil“, „dauerhaft“, „beständig“ (S. 413) u. Ä. bezeichnet, also sozusagen wieder an eine Gebrauchshäufigkeit zurückgebunden. Sprachwandel – einer der anfänglich ausgeführten Punkte – wird als Symptom für einen durch konkurrierende Perspektiven eingeleiteten Wissenswandel verstanden und vice versa.

(Linguistische) Arbeiten zu gesellschaftlich relevanten Fragestellungen sind dringend notwendig. Eric Wallis ist einem der vielen wichtigen, aktuellen Diskurse akribisch nachgegangen und konnte aufgrund der reichen Daten eine präzise Entwicklung nachzeichnen. Die konstruktivistische Grundidee, dass Akteure etwas vorantreiben, sich gegenseitig beeinflussen, den Diskurs prägen und von ihm geprägt werden, wurde durch eine minuziöse, hermeneutische Analyse ergänzt. Die Vorgehensstrategie der Akteure – feste Grundpositionen weiterhin zu vertreten, dabei aber die Terminologie und Argumentation vom Gegenpart zu funktionalisieren und im Bedarfsfall zu integrieren – macht diese Analyse verflochten und komplex. Die Analysekategorien unterschiedlicher diskurssemantischer Grundfiguren (vgl. S. 80) – Topoi, Argumentationsstrukturen (vgl. S. 81), Muster – neben der Analyse von Distanzmarkern und Überlegungen zum Sprachwandel sind vielseitig angelegt und anspruchsvoll in der Umsetzung. Ab und an schimmert durch, dass die Verwebung dieser unterschiedlichen Kategorien nicht evident, argumentativ schwierig einzubinden sowie allenfalls auch einer langen Entstehungsphase der wissenschaftlichen Arbeit geschuldet ist. Die Analyse der „Distanzmarker“ bewegt sich auf einer anderen Ebene als Fragen der Perspektivierung durch Texte: Diese Ebenen sinnvoll zusammenzufügen, um mehr als die Summe der Einzelteile zu schaffen, ist anspruchsvoll.

Die Überlegungen zu den Perspektivierungen sind in dieser fein ziselierten Weise eindrucksvoll, doch manchmal beschleicht einen das Gefühl, dass diese teilweise zwar nicht vollständig dekontextualisierten, aber doch nur eingeschränkt kontextualisierten Daten eher einen engen Blick auf die Texte erlauben. Weitgehend werden die Daten als Belegstellen zur reichhaltigen Illustration vorgängiger theoretischer Überlegungen beigezogen.

Für die Lesefreundlichkeit sind die Visualisierungen zu Beginn der Analysekapitel ausgesprochen hilfreich: So behält man in den detaillierten Analysen und Interpretationen den Überblick über die Zusammenhänge und die Argumentationsebenen der Exzerpte in Bezug auf die gesamten Texte. Das schrittweise Vorgehen erhöht die Reliabilität. Da der Fokus stark auf die Analyse gelegt wurde, gerät eine Weiterentwicklung bzw. eine kritische Reflexion der theoretischen Voraussetzungen im Rahmen der Diskursanalyse ins Hintertreffen. Die Frage der Wahl der Analyse-Katego­rien, mithin der Über- und Unterspezifiziertheit methodischer Kriterien bleibt etwas im Raum stehen. Unverständlich bleibt der Ausschluss von digitalen Texten, wie Forumsbeiträgen, Blogartikeln, Newslettern, Beiträgen und Kommentaren auf Facebook, Tweets etc. Gerade Texte aus neuen Medien würden zur Verwendung, Übernahme und Angleichung von Argumentationsstrukturen vermutlich einiges beitragen.

Die Analyse ist sorgfältig und kleinschrittig durchgeführt, wichtig für den Diskurs rund um „gesunde“ Milch. Für ein gesellschaftspolitisch entsprechend relevantes Thema hätte sie aus meiner Sicht jedoch durchaus pointierter in ihren generellen Aussagen ausfallen können. Gesellschaftspolitische und -kritische Stimmen müssen hörbar und lesbar sein.

Literatur

Spitzmüller, Jürgen & Ingo Warnke. 2008. Methoden der Diskurslinguistik. Sprachwissenschaftliche Zugänge zur transtextuellen Ebene (Linguistik – Impulse & Tendenzen 31). Berlin, New York: De Gruyter. Search in Google Scholar

Published Online: 2017-11-8
Published in Print: 2017-12-4

© 2017 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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Downloaded on 4.2.2023 from https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/zrs-2017-0041/html
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