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BY-NC-ND 4.0 license Open Access Published by De Gruyter November 8, 2017

Henrike Helmer. 2016. Analepsen in der Interaktion. Semantische und sequenzielle Eigenschaften von Topik-Drop im gesprochenen Deutsch (OraLingua 13). Heidelberg: Universitätsverlag Winter. 274 S. Ewa Trutkowski. 2016. Topic Drop and Null Subjects in German (Linguistics and Philosophy 5). Berlin, Boston: De Gruyter. 248 S.

Anna Volodina

Reviewed Publications:

Henrike Helmer. 2016. Analepsen in der Interaktion. Semantische und sequenzielle Eigenschaften von Topik-Drop im gesprochenen Deutsch (OraLingua 13). Heidelberg: Universitätsverlag Winter. 274 S.

Ewa Trutkowski. 2016. Topic Drop and Null Subjects in German (Linguistics and Philosophy 5). Berlin, Boston: De Gruyter. 248 S.


1 Zwei Perspektiven – ein Thema

Wenn man den Sprachgebrauch in der alltäglichen Interaktion studiert, stellt man fest, dass nur ein Bruchteil der Äußerungen nach normgrammatischen Kriterien als vollständig bezeichnet werden kann. Soll mündliche Kommunikation effektiv und ungestört funktionieren, reicht es in der Regel, kommunikative Einheiten zu verwenden, die nicht satzwertig sind. So wird jemand, der ein gerade aufgetischtes Gericht kommentiert, vielleicht einfach „Schön!“ oder „Lecker!“ sagen. Je weiter weg von der Sprechsituation der kommunizierte Sachverhalt situiert ist und je wahrscheinlicher kommunikative Missverständnisse sind, umso wahrscheinlicher werden vollständige Sätze. Diese Situationsgebundenheit und der damit einhergehende im weitesten Sinne elliptische Charakter des Sprachgebrauchs ist spätestens seit Koch & Oesterreicher (1985) unter dem Stichwort konzeptionelle Mündlichkeit als Abgrenzung sowohl von medialer Mündlichkeit als auch von konzeptioneller Schriftlichkeit bekannt.

Dass sich Sprache in der Interaktion u. a. durch ‚Unvollständigkeit’ sprachlicher Strukturen von der schriftsprachlichen Norm unterscheidet, heißt nicht, dass Sprache im Gebrauch jeglicher Regelhaftigkeit entbehrt. Es ist eine immer noch nicht abschließend geklärte (theoretische) Frage, wie das, was in der Interaktion ‚weggelassen‘ wird, begriffen werden soll: Sind das ‚unvollständige’ Strukturen, die durch die Weglassung einer oder mehrerer Einheiten, die dem normgrammatischen Muster gemäß vorhanden gewesen wären, entstanden sind (vgl. Klein 1993), oder sind das sprachliche Muster, die nicht als Reduzierung, sondern als syntaktisch eigenständige Strukturen zu begreifen sind (vgl. Zifonun et al. 1997: 410f.)? In beiden Fällen gilt ohne Zweifel, dass für einen erfolgreichen kommunikativen Akt (echte oder unechte) Weglassungen nicht beliebig sind, sondern bestimmten Regeln oder Prinzipien entsprechen. Von dieser Perspektive aus lassen sich unterschiedliche Kategorien von Unvollständigkeit definieren und empirisch untersuchen. Der Terminus Ellipse im engeren Sinne wird häufig verwendet, um sich auf eine nicht genannte, aber im Äußerungskontext auf irgendeine Weise prominente Entität zu beziehen und diese quasi in die semantische Struktur dessen, was gesagt ist, zu integrieren (vgl. Zifonun et al. 1997: 413). Analepsen dagegen beziehen sich auf kontextuell vorerwähnte Entitäten, die in der semantischen Struktur zwar vorhanden sind, syntaktisch aber nicht realisiert werden (vgl. Hoffmann 1999: 72). Letzteres ist – aus einer etwas anderen Perspektive – auch unter dem Begriff Topik-Drop bekannt.[1]

Fasst man hingegen Sprachgebrauch als Domäne der Sprachkompetenz auf, wie dies in der generativen Grammatik üblich ist, fällt der Blick zunächst auf die bestechende Regelhaftigkeit vollständiger Sätze. Dies lässt sich an konstruierten Sätzen studieren, die diese Regelhaftigkeit gezielt an ihre Grenzen treiben, mit dem Ziel, diese vollständig (und idealerweise sprachübergreifend) zu spezifizieren. Aber auch in dieser Forschungstradition ist man sich darüber im Klaren, dass in bestimmten Fällen regelhaft unvollständige Sätze verwendet werden. So werden etwa in direkten Antworten auf Konstituentenfragen Kurzantworten in den meisten Fällen vollständig ausformulierten Antworten vorgezogen. Seit Jahrzehnten wird darüber diskutiert, ob solche Kurzantworten auf echten Weglassungen beruhen oder aber in sich vollständige Sprechakte sind. Ein anderer systematischer Bereich, in dem pronominale Argumente systematisch weggelassen werden können, ist unter dem Label pro-drop (Huang 1984) bekannt. Hier geht es darum, dass einige Sprachen (wie die meisten romanischen Sprachen, nicht aber das Französische) Subjektpronomina (ob referentiell oder expletiv) weglassen können, wohingegen andere (so etwa germanische Sprachen wie das Deutsche und das Englische) dies nicht in derselben systematischen Form, also nur eingeschränkt bzw. unter besonderen Bedingungen erlauben: So ist die Weglassung von Pronomina in der 1. Person in Tagebuchkontexten für das Englische die primäre Form von Nullsubjekten, auch als Diary Drop (Haegeman 1990) bekannt. Im Deutschen ist außerdem das schon genannte Phänomen des Topik-Drop (Fries 1988) verbreitet, d. h. die Weglassung referentieller, im Diskurs vorerwähnter Subjekte (und auch Objekte), ein Phänomen, das hauptsächlich auf mündliche Interaktion beschränkt ist.

Die Auslassung referentieller Subjekte bzw. Objekte in satzinitialer Position (Vorfeld) betrifft sogenannte Topiks, d. h. hochgradig saliente, ‚vertraute’ Argumente (im Sinne von Roberts 2012), um die es in der Äußerung geht. Topik (in Abgrenzung zu Kommentar) ist auch unter den Begriffen Thema (in Abgrenzung zu Rhema) oder logisches Subjekt (in Abgrenzung zum grammatischen Subjekt) bekannt. Topik-Drop unterscheidet sich von pro-drop grundsätzlich, was die syntaktische Struktur angeht, obwohl beide Phänomene auf den ersten Blick verwandt zu sein scheinen. Konkret handelt es sich bei pro-drop um eine weitgehend freie Weglassung von Subjektpronomina, die sowohl in Haupt- als auch in Nebensätzen möglich ist und auch expletive Pronomina einschließt. Dagegen handelt es sich bei Topik-Drop um die Weglassung von referentiellen schwachen Pronomina, was im Vergleich zu pro-drop viel eingeschränkter ist. Außerdem ist Topik-Drop kein Spezialfall von pro-drop, da beim Topik-Drop nicht nur Subjekte, sondern auch Objekte weggelassen werden können.[2]

Damit bildet Topik-Drop ein Beispiel im weitesten Sinne elliptischer Strukturen, die für beide der sich in vielen Hinsichten entgegenstehenden Forschungstraditionen von großem Interesse sind und durch zwei im Jahr 2016 erschienene Dissertationen aus zwei vollkommen unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet werden: Die beiden Bücher von Ewa Trutkowski (De Gruyter) und Henrike Helmer (Universitätsverlag Winter) zum übergeordneten Thema Topik-Drop im Deutschen bieten den Anlass und die Grundlage der nachfolgenden Besprechung. Im Folgenden wird zunächst über die Methoden und Forschungsperspektiven der Bücher berichtet. Im Anschluss werden die wichtigsten Befunde zusammengefasst. Zuletzt wird eine allgemeine Diskussion geführt, in der in erster Linie deutlich gemacht wird, wie die beiden Arbeiten künftige Forschung beeinflussen könnten.

2 Methoden und Forschungsperspektiven

Die beiden Monographien eint einzig das Thema und das außerordentlich hohe Niveau. In fast jeder anderen Hinsicht sind sie diametral unterschiedlich, insbesondere in den Forschungszielen und den angewendeten Methoden:

Ewa Trutkowskis Dissertation wurde auf Englisch verfasst und kommt aus einer generativen Grammatiktradition, verbindet aber auch Forschungstraditionen aus der formalen Semantik und Diskurspragmatik. Das Ziel der Arbeit ist eine mikroskopische Analyse von Topik-Drop im Deutschen, in der in erster Linie subtile Unterschiede in Kasus und Interpretation untersucht werden, um damit zu der Diskussion beizutragen, wie der Status des Deutschen in der Spannweite von (Nicht-)Nullsubjektsprachen zu beurteilen ist. Die empirischen Methoden umfassen in erster Linie in der Psycholinguistik verbreitete Experimente zur Validierung der (zugegeben, recht subtilen) Urteile. Nur vereinzelt wird dabei auf Korpusbeispiele zurückgegriffen. Die zwei experimentellen Studien, die den empirischen Kern der Arbeit bilden, wurden online durchgeführt und bestanden hauptsächlich darin, die Akzeptabilität von (teils mündlichen, teils schriftlichen) Beispielen von Teilnehmerinnen und Teilnehmern beurteilen zu lassen. Dabei wurden die Beispiele jeweils so konzipiert, dass die theoretischen Hypothesen zu direkten Vorhersagen hinsichtlich der Verfügbarkeit bestimmter Interpretationen bestimmter Beispiele führen.

Henrike Helmers Dissertation ist auf Deutsch verfasst und kommt aus der Tradition der Gesprächsanalyse und der Interaktionslinguistik; die Arbeit enthält aber auch Elemente klassischer germanistischer Grammatiktheorien, der Valenzgrammatik und unterschiedlicher Theorien der anaphorischen Prominenz, wie etwa der Accessibility Theory (Ariel 1988). Das Ziel der Untersuchung ist eine umfassende Analyse der Distribution von Topik-Drop im gesprochenen Deutsch und der Vergleich zwischen Anaphorik und Analepse als zwei semantisch verwandte, aber formal sehr unterschiedliche Wege, sich auf vorerwähnte Entitäten zu beziehen. Die Arbeit setzt in erster Linie Methoden der Korpuslinguistik ein und basiert auf einem relativ großen Korpus gesprochener Sprache, welches aus zwei Teilen besteht: 13 Stunden und 29 Minuten Aufnahmen aus dem am Institut für Deutsche Sprache (IDS) in Mannheim verwalteten Korpus „Forschungs- und Lehrkorpus Gesprochenes Deutsch“ (FOLK) sowie 21 Stunden und 19 Minuten Aufnahmen aus dem Korpus „Gespräche im Fernsehen“ (auch als GIF bekannt), ebenfalls vom IDS Mannheim bereitgestellt. Die Selektion der untersuchten 541 analeptischen Strukturen mit Topik-Drop musste im Korpus manuell erfolgen, was eine beachtliche Arbeit darstellt (eine maschinelle Suche nach Topik-Drop und allgemein nach Ellipsen ist in diesen Korpora (noch) nicht möglich). Die Korpusbelege wurden im Anschluss ausführlich nach einer Vielzahl von Kriterien annotiert. In der Annotation wurden grammatische und diskurspragmatische Kategorien zusammen erfasst. Auf der grammatischen Seite wurden beispielsweise die Art des Antezedens, deskriptive Statistiken zum finiten Verb in der analeptischen Äußerung sowie die Topologie der fehlenden Ergänzung der Analepse im Datensatz kodiert. Auf der diskurspragmatischen Seite wurden etwa Sprecherwechsel, Diskurs- und Äußerungstopik annotiert. Vor diesem Hintergrund konnten Besonderheiten der statistischen Distribution von Topik-Drop im gesprochenen Deutsch ermittelt werden.

3 Wichtigste Befunde

Ewa Trutkowski leistet einen wichtigen Beitrag zur Syntax und Semantik von Topik-Drop im Deutschen und zu einer allgemeinen Theorie von Null-Subjekten. Im Folgenden werde ich zwei ihrer zentralen Thesen kurz erläutern: die Unterscheidung zwischen zwei Arten von Topik-Drop und die Unterscheidung zwischen Topik-Drop und dem sogenannten out of the blue drop.

Trutkowski unterscheidet zwei Typen von Topik-Drop: Verbatim Topik Drop und Non-Verbatim Topik Drop. Die formalen Unterscheidungskriterien sind die Kasusmerkmale des weggelassenen Topiks bzw. des Pronomens, mit dem das Nulltopik hätte realisiert werden können, und die Semantik des Matrixverbs. Im Falle des Verbatim Topik Drop muss die semantische Rolle des Nulltopiks mit der des Diskursantezedens identisch sein. Daraus folgt, dass die Matrixverben beider Sätze semantisch verwandt sein müssen. Hier darf das Nulltopik (Ø) in jedem beliebigen Kasus stehen, vgl. (1) und (2) (S. 3–4, Beispiele 6b, 6c).

(1) A: Der Hans hat die Oma gestern beim Einkaufen getroffen.

B: Øacc Hat der Otto heute beim Bäcker getroffen.

(2) A: Der Hans hat die Oma gestern beim Einkaufen getroffen.

B: Ødat Ist der Otto heute beim Bäcker begegnet.

In (1) ist das Nulltopik das direkte Objekt und steht im Akkusativ, da das Matrixverb sowohl für das Antezedens als auch für das Nulltopik identisch ist. In (2) sind die Matrixverben nicht identisch, vergeben aber in beiden Fällen die semantische Rolle thema; das Nulltopik steht in diesem Fall im Dativ.

Im Falle des Non-Verbatim Topik Drop muss das Nulltopik bzw. das Pronomen, das weggelassen wurde, entweder im Nominativ oder im Akkusativ stehen und im Satz als Subjekt oder als direktes Objekt fungieren; in diesem Fall müssen nun die semantischen Rollen des Nulltopiks und des Antezedens nicht identisch sein, vgl. (1) und (3) (S. 3, Beispiel 6a).

(3) A: Der Hans hat die Oma gestern beim Einkaufen getroffen.

B: Øacc Hat der Otto heute zum Flughafen gefahren.

In (3) steht das Nulltopik im Akkusativ, deshalb ist es belanglos, dass das Matrixverb an das Nulltopik die semantische Rolle patiens vergibt und nicht thema, wie im Falle des Antezedens. Da in (1) das Nulltopik ein akkusativisches direktes Objekt ist, kann das Beispiel nicht nur als Verbatim Topik Drop, sondern auch als Non-Verbatim Topik Drop analysiert werden. Diese Unterscheidung ist deshalb wichtig, weil sie die semantische Interpretation des Nulltopiks beeinflusst. So beobachtet Trutkowski, dass nur Verbatim Topik Drop sogenannte gebundene Lesarten – auch bekannt als sloppy readings – erlaubt, Non-Verbatim Topik Drop dagegen nicht, vgl. (4) und (5), (S. 6, Beispiele 10 und 11).

(4) A: Der Hans hat gestern seinen Prof getroffen.

B: Øacc Hat der Otto heute auch getroffen.

(5) A: Der Hans hat seinem Prof gestern beim Umzug geholfen.

B: Øacc Hat der Otto heute im Supermarkt getroffen.

(4) kann sowohl als Verbatim Topik Drop als auch als Non-Verbatim Topik Drop analysiert werden, da in diesem Beispiel das Nulltopik sowohl auf „Prof von Hans“ als auch auf „Prof von Otto“ referieren kann. (5) hingegen kann nur als Non-Verbatim Topik Drop analysiert werden, weil hier lediglich die Lesart, dass Otto den Prof von Hans getroffen hat, möglich ist. Dies zeigt, dass nur Verbatim Topik Drop gebundene Lesarten erlaubt, ansonsten müsste (5) dieselbe Lesart wie (4) haben. Diese Beobachtung ist wichtig und bisher vollkommen unbekannt. Da die Daten aber auf den ersten Blick nicht jeden überzeugen, liefert Trutkowski in einem aufwändig konstruierten Experiment empirische Evidenz, dass ihre Intuition sich mit der Intuition einer repräsentativen Menge von Sprecherinnen und Sprechern des Deutschen deckt.

Der zweite zentrale Befund aus Trutkowskis Dissertation, auf den ich an dieser Stelle eingehen möchte, ist, dass sich die Fälle, in denen das Deutsche die Weglassung von Pronomina in der 1. und 2. Person Singular erlaubt, radikal von Fällen von Topik-Drop unterscheiden. Erstere sind nämlich aufgrund der Kongruenz zwischen Verb und Subjektpronomen rekonstruierbar und deshalb auch ohne explizites Diskursantezedens weglassbar. Die Besonderheit ist, dass es zwar oft Synkretismen in den verbalen Flexionsformen des Deutschen gibt, diese aber in der Regel nur die 1. und 3. Person betreffen. Da nun aber Weglassungen von Subjekten in der 3. Person als Topik-Drop kontextuell lizenziert werden, nicht aber out of the blue, besteht keine Verwechslungsgefahr zwischen den beiden Phänomenen. Diese Beobachtung ist deshalb wichtig, weil sie Trutkowski erlaubt, das Deutsche systematisch von „echten“ pro-drop-Sprachen abzugrenzen, in denen die Flexion des Verbs systematisch mit der Weglassbarkeit von unbetonten pronominalen Subjekten zusammenhängt. Damit kann das Deutsche höchstens als partielle pro-drop-Sprache bezeichnet werden.

Die zwei genannten Beobachtungen betreffen nur einen Teil der wertvollen Ergebnisse experimenteller Untersuchung und der theoretischen Vorschläge in Trutkowskis Monographie und sollen dem Leser zumindest einen kursorischen Einblick in ihre Arbeit gewähren.

Henrike Helmer verfolgt in ihrem Buch, wie bereits weiter oben erläutert, einen ganz anderen Ansatz. Ihr geht es nicht darum, das zu untersuchen, was das Regelsystem des Deutschen – eventuell durch konstruierte Beispiele an die Grenzen getrieben – erlaubt, sondern darum, was Sprecherinnen und Sprecher des Deutschen in realen Interaktionssituationen tun. Daraus ergibt sich eine andere Systematisierung der Distribution von Topik-Drop im gesprochenen Gegenwartsdeutsch, die weit über die empirische Domäne von Trutkowskis Monographie hinausgeht. Ich werde an dieser Stelle zwei besonders wichtige Beobachtungen hervorheben: 1. die Unterscheidung zwischen direkten und indirekten Analepsen und 2. einen spezifischen Vergleich zwischen der Verwendung von anaphorischen vs. analeptischen Ausdrücken hinsichtlich der Rolle des Sprecherwechsels in der Konversation.

Die Unterscheidung zwischen direkten und indirekten Analepsen betrifft die Frage, ob das Antezedens eines weggelassenen Topiks mit Letzterem koreferent ist oder ob die Relation zwischen diesen beiden Entitäten eine andere ist. Direkte Analepsen sind solche, bei denen das Antezedens mit dem weggelassenen Topik referentiell identisch ist. Während sich die Arbeit von Trutkowski fast ausschließlich auf Fälle mit nominalem Antezedens beschränkt, findet Helmer eine Vielzahl von Beispielen, in denen das Antezedens direkter Analepsen propositional ist. So können sowohl Komplementsätze, Hauptsätze, komplexe Turn Construction Units (TCUs), die Sprecherwechsel erlauben, und elliptische Strukturen als Antezedens dienen. Beispielsweise werden auch Fälle diskutiert, in denen das Antezedens selbst bereits elliptisch ist, wie am Beispiel (6) gezeigt, das hier verkürzt – mit der in eckigen Klammern aufgelösten Analepse – wiedergegeben wird (S. 122–123, Beispiel 30: Studentisches Alltagsgespräch):

(6) 03 A: [das essen ist] SEHR gut.

[...]

07 B: [dass das essen sehr gut ist] FREUT mich?

In (6) bezieht sich A mit „SEHR gut“ auf das vor der Sprecherin aufgetischte Essen. Die Äußerung von B „FREUT mich?“ mit propositionalem Topik-Drop bezieht sich auf den elliptischen Satz von A, d. h. auf der konzeptuell grammatischen Ebene wird die Äußerung von B (Z. 07) hier von der Autorin als Dass das Essen sehr gut ist, freut mich rekonstruiert (S. 123).

Helmer diskutiert des Weiteren Fälle, in denen das Antezedens eine Nominal- oder Verbalphrase oder ein Adjektiv ist. Letzteres ist ein besonders interessanter Fall, weil Adjektive nach der klassischen Definition von Topikalität wenig erwartbar sind, vgl. das Beispiel (7), das gemäß der Transkription und Analyse des Beispiels 43 (S. 139, Spielinteraktion zwischen Erwachsenen) hier ebenfalls gekürzt dargestellt wird.

(7) 03 A: der_s doch bald VIERzig oder so.

[...]

05 B: IS_er nich schon [VIERzig]?

In (7) wird das (prädikative) Adjektiv „VIERzig“ in der Antwort-Sequenz von B durch ein Nullelement ausgedrückt (siehe die Auflösung der Analepse in eckigen Klammern).

Im Falle von indirekten Analepsen ist die Relation zwischen Antezedens und weggelassenem Topik nicht Identität, sondern u. a. Metonymie oder Antinomie. Den Fall der metonymischen Relation zwischen Antezedens und Analepse illustriert die Autorin u. a. an Beispielen wie (8) (S. 160, Beispiel 53: Pärchengespräch).

(8) 06 A: war aber wIrklich_n SCHÖner tach.

[...]

18 B: kann auch ANders ablaufen;

Im Kontext von (8) bezieht sich das Antezedens tach in der Äußerung von A auf den Hochzeitstag der zwei Interaktanten. In der analeptischen Äußerung von B wird aber auf ‚einen Hochzeitstag generell‘ (vgl. S. 160) Bezug genommen, was eine klassische pars-pro-toto-Metonymie darstellt, d. h. in diesem Fall: vom Spezifischen wird metonymisch auf das Allgemeine geschlossen.

Nach einer sehr ausführlichen Diskussion der Bandbreite von Analepsen im gesprochenen Deutsch wendet sich Helmer dem Vergleich zwischen der Verwendung von Anaphorik und Analepse zu. Dazu hat sie ein Parallelkorpus aufgebaut, in dem 200 Belege annotiert wurden, in denen anaphorische Bezüge auf vorher erwähnte Entitäten im Diskurs vorliegen. Zwar handelt es sich bei dieser Zahl wegen der Komplexität und Vielfalt von Anaphorizität eher um eine Orientierungsgröße, aber bei einigen Vergleichen lassen sich durchaus interessante und vermutlich statistisch in anderen Bereichen reproduzierbare Beobachtungen machen. Besonders interessant ist die Beobachtung, dass bei Analepse mit einem Verhältnis von 64 % zu 36 % das Antezedens und das weggelassene Topik von unterschiedlichen Sprechern produziert (bzw. gerade nicht produziert) werden, wohingegen das Verhältnis bei anaphorischen Äußerungen in etwa gleich ist (vgl. S. 201f). Das bedeutet, dass Analepse essentiell auf Interaktion beruht, wohingegen Interaktivität für den anaphorischen Gebrauch zunächst keinerlei Rolle zu spielen scheint. Dies ist eine wichtige und bis dato für das Deutsche noch nie empirisch überprüfte Beobachtung.

Ebenso stellt Helmer fest, dass zumindest in der gesprochenen Sprache Analepsen viel häufiger (etwa in jedem zweiten Fall) ein propositionales Antezedens haben, wohingegen gewöhnliche Anaphern nur in etwa jedem vierten Fall auf ein propositionales Antezedens referieren (vgl. S. 211). Damit zeigt sich, dass für die Beschreibung von Topik-Drop die Beschränkung auf das nominale Antezedens möglicherweise nicht ausreichend ist.

4 Abschließende Diskussion

Im finalen Teil dieser Besprechung werde ich zunächst ein paar Lücken identifizieren, die sich durch das parallele Lesen der beiden Bücher aufgetan haben und die in künftiger Forschung möglicherweise geschlossen werden könnten. Im Anschluss möchte ich auf einige Aspekte hinweisen, in denen die vorliegenden Arbeiten die weitere Forschung beeinflussen könnten.

So belegt Helmer in dem Vergleich zwischen Analepse und Anaphorik zwar die statistische Signifikanz der beobachteten Unterschiede, was aber nicht erfolgt, ist ein Zusammenrechnen der beobachteten Unterschiede. Daher ergibt sich die Frage, ob diese Unterschiede zusammenhängen oder unabhängig voneinander sind. Es könnte zum Beispiel sein, dass die Beobachtung, dass Anaphern weniger häufig propositionale Bezüge haben, mit der Beobachtung korreliert, dass Anaphern weniger häufig beim Turnwechsel verwendet werden als Analepsen. Eine ausführlichere statistische Untersuchung der bereits erhobenen Daten könnte darauf Antworten liefern.

Trutkowski weist nach, dass bestimmte verbsemantische Merkmale und Kasus-Kombinationen im Akzeptabilitätstest besser abschneiden als andere. Das wird als Evidenz dafür gesehen, dass bestimmte Konstruktionen als Null-Topiks besser oder schlechter bewertet werden. Ein expliziter Vergleich in demselben Experiment zu anaphorischen Ausdrücken in denselben Konstruktionen liegt aber nicht vor. Könnte man hingegen nachweisen, dass das beobachtete Akzeptabilitätsgefälle anaphorische Ausdrücke nicht betrifft, wäre das Argument umso überzeugender. Anders gesagt, die vergleichende Methodologie Helmers könnte in einem experimentellen Design den Ansatz Trutkowskis flankieren.

Schließlich stellt sich die Frage nach dem Stellenwert der beiden Arbeiten in der allgemeinen Diskussion um Topik-Drop. Diese Frage lässt sich für jede der beiden Forschungstraditionen, in denen die Arbeiten angesiedelt sind, unterschiedlich beantworten. Ich möchte hier auf zwei Aspekte hinweisen, in denen beide Forschungstraditionen voneinander profitieren könnten: Es wäre beispielsweise interessant zu überprüfen, ob die semantischen Rollen der Verben und die Kasusmerkmale von Null-Topiks, die bei Trutkowski als Grundlage für die Unterscheidung zwischen Verbatim und Non-Verbatim Topik Drop fungieren, auch in Helmers Daten zu statistisch signifikanten Unterschieden führen würden. Mit anderen Worten: Man könnte überprüfen, ob Trutkowskis theoretische Generalisierung im alltäglichen Sprachgebrauch „sichtbar“ wird. Umgekehrt stellt sich die Frage, wie die Fälle adjektivischer Analepse im Rahmen einer syntaktischen Theorie zu analysieren sind.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Topik-Drop im Deutschen ein wichtiges und komplexes Phänomen an der Grammatik-Pragmatik-Schnittstelle darstellt, welches von den beiden besprochenen Arbeiten aus unterschiedlichen Perspektiven und mit unterschiedlichen Methoden beleuchtet wird. Sowohl die empirische Breite des Phänomens in der gesprochenen Sprache als auch subtile Unterschiede in der Distribution und Interpretation von Topik-Drop bzw. Analepse werden in beiden Büchern auf sehr hohem Niveau thematisiert, was einen wichtigen wissenschaftlichen Fortschritt darstellt, der in künftiger Forschung nicht ignoriert werden kann. Zugleich offenbaren die beiden Arbeiten den oft übersehenen wissenschaftlichen Mehrwert unterschiedlicher methodischer und theoretischer Ansätze in der Beschäftigung mit gesprochener Sprache, sofern sie nicht als konträr, sondern als ergänzend aufgefasst werden.

Literatur

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Published Online: 2017-11-08
Published in Print: 2018-11-27

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