Friedrich Markewitz

Kirsten Adamzik. 2018. Fachsprachen. Die Konstruktion von Welten. Tübingen: Narr/Francke/Attempto. 357 S.

Open Access
De Gruyter | Published online: May 15, 2019

Ausrichtung des Werkes

In ihrer 2018 erschienenen Monographie setzt sich Kirsten Adamzik das Ziel, die Bedeutung der Fachsprachen(forschung) für eine moderne Informations- bzw. Wissensgesellschaft aufzuzeigen. Dahingehend überschreitet das hochkomplexe Werk die Grenzen reiner Einführungen. Stattdessen ist es zugleich

  1. a)

    Überblick über die Forschungsbereiche Varietätenlinguistik und Fachsprachenforschung (wobei der Schwerpunkt auf der Reflexion der fachlichen Entwicklungen, Gegenstandskonstitutionen und Probleme liegt),

  2. b)

    Diagnose des gesellschaftlichen Zeitgeistes (hinsichtlich des Zusammenhanges von Wissensgesellschaft und gesellschaftlicher Relevanz der Beherrschung von Fachsprachen),

  3. c)

    wissenschaftstheoretischer Beitrag zu Fragen der Konstitution von Begriffen, Theorien und Methoden,

  4. d)

    in Teilen Plädoyer für einen kooperativen Austausch in der Experten-Laien-Kommunikation und

  5. e)

    Präsentation eigener Forschungsvorstellungen.

Dieser komplexen Zielstellung wird das Buch sowohl in Bezug auf die behandelten Inhalte als auch im Hinblick auf den Detailgrad der Darstellung gerecht. Dabei wird aber ein großes Maß an Kontextualisierungskompetenz vorausgesetzt. Folgt man der Ausrichtung des Verlages, „Lehrbücher und Lernmedien für das erfolgreiche Studium zu veröffentlichen“, so gilt diese Zielsetzung für das vorliegende Werk eher für Masterstudierende. Adamzik benennt auf der Rückseite des Buches ihre Zielgruppe und verweist darauf, dass sich der Band „an fortgeschrittene Studierende“ wendet. Dem ist eindeutig zuzustimmen. Ihr Anspruch, die Perspektive von Nicht-Experten einzunehmen (vgl. S. 34), ist nur bedingt gelungen.

Inhaltlicher Überblick

Das Buch ist in sechs Kapitel eingeteilt. Dem ersten steht die Frage voran, wen überhaupt Fachsprachen interessieren. So wird auf den Sachverhalt rekurriert, dass zwar die Fachsprachenforschung ein umfassender Forschungsbereich ist, ihre Ergebnisse von der Öffentlichkeit aber kaum wahrgenommen werden (vgl. S. 9–10). Aus dieser Situation entwickelt die Autorin den Anspruch, die Bedeutung von Fachsprachen herauszuarbeiten, die Ergebnisse der Fachsprachenforschung einer größeren Öffentlichkeit zugänglich zu machen und Theorien wie Methoden des Forschungsbereiches darzustellen sowie kritisch zu hinterfragen. Diese Ziele werden im Kapitel aber nicht explizit gemacht, sondern zeigen sich eher im Laufe der Lektüre. Stattdessen folgt ein Einblick in die Konzeption von Fachsprachen. Adamzik verweist zunächst auf die Einteilung Roelckes (vgl. S. 11), wendet sich dann aber ihrer eigenen zu und versucht, Fachsprache im Rahmen der angewandten Linguistik (vgl. S. 11–14), der Sprachtheorie (bzw. Sprachphilosophie) (vgl. S. 14–22) und der deskriptiven Linguistik (vgl. S. 22–33) zu verorten. Roelckes Arbeiten sind an vielen Stellen eine der zentralen Bezugsgrößen und dienen als Orientierungsgröße, von denen sich Adamzik explizit abgrenzt (vgl. S. 185). Der umfassende Blick der Einleitung vermag eine Vielzahl an begrifflichen und theoretischen Konzepten in Position zu bringen, auf die im weiteren Verlauf zurückgegriffen wird, erweist sich aber gerade dadurch als im hohen Maße komplex und voraussetzungsreich.

Im zweiten Kapitel werden Fachsprachen als Teil des Varietätenspektrums reflektiert. Aus bisherigen Modellen der Varietätenbeschreibung (nach den Faktoren Zeit, Raum, Gruppe und Chamäleon) (vgl. S. 56–63) leitet Adamzik Desiderate für die Beschreibung von Fachsprachen ab, die mit diesen Kategorien nur unzureichend beschrieben werden können. Daher sollen die Beschreibungen durch eine zusätzliche, speziell für Fachsprachen charakteristische Dimension, nämlich die des Gegenstandsbezugs (vgl. 84 und 94–95) ergänzt werden. Das zweite Kapitel kann als symptomatisch für das Buch gelten: Es wird ein Weg gewählt, der aus einem beständigen Oszillieren zwischen Metareflexion, allgemeiner Draufschau und Klärung von Detailfragen gekennzeichnet ist. So bestimmt Adamzik den Forschungsstand zur Klassifikation von Varietäten (=Detailfragen), unterbricht dies aber immer wieder, um die Relevanz von Klassifikationen herauszuarbeiten und zu reflektieren (=Metareflexion wissenschaftlichen Arbeitens), um dann den durch Klassifikationen entstehenden Weg der Differenzierung hintanzustellen und sich der allgemeinen Charakterisierung von Varietäten zu widmen (=allgemeinere Draufschau). Sie bestimmt Varietäten als „unscharf begrenzte Mengen von sprachlichen Varianten, die mit außersprachlichen Faktoren assoziiert sind“ (S. 71). Auch die Wortwahl vermittelt den Impetus des Werkes: Die Verwendung von „unscharf“ oder „assoziiert“ suggeriert ein hohes Maß an Offenheit. Der ausführliche Bezug auf die Varietäten dient nicht nur als Absteckung des Gegenstandsbereiches, sondern präfiguriert spätere Festlegungen. Die intensive Reflexion über das Wesen von Varietäten wird dahingehend benötigt, Fachsprachen eben nicht mehr als solche zu fassen. So werden im vierten Kapitel „Fach- und Wissenschaftssprachen als nur sektorale Varietäten, die in erster Linie lexikalisch basiert sind“ (S. 165, Hervorhebung im Original), bestimmt. Exemplarisch zeigt sich hier der lange Atem, den das Buch erfordert, finden sich doch sowohl Rekurse auf die Lexik als charakteristisches Merkmal als auch die Reflexion von Varietäten an wesentlich früheren Stellen.

Nach der Bestimmung und Reflexion von Varietäten als Organisationsgrößen der Beschreibung von Fachsprachen folgt im dritten Kapitel eine soziologisch-gesellschaftskritische Analyse der modernen Gesellschaft. In diesem wird der Weg zu einer modernen Wissensgesellschaft nachgezeichnet. Auch damit verbundene Paradigmenwechsel, wie z. B. die Bedeutung der Bildungsexpansion, die Veränderungen schulischer wie universitärer Ausbildung oder die Auswirkungen der gesellschaftlichen Umstellung auf lebenslanges Lernen finden Erwähnung und werden reflektiert. Auch spielt die Frage des gesellschaftlichen Umgangs mit Wissen eine Rolle; vor allem der größere Zugang, die vielfältigeren Möglichkeiten seiner Distribution, aber auch die Gefahr seiner Entwertung (vgl. S. 126ff.). Diese Kontexte werden präsentiert, um Auswirkungen auf das Verhältnis der Kommunikation zwischen Wissenschaft und Gesellschaft bzw. Laie und Experte abzuleiten. Die Reflexionen des Verhältnisses münden in die Forderung, diese Grenzziehungen nicht noch weiter zu vertiefen (vgl. S. 248). Mit diesem fast essayistischen Kapitel überschreitet das Werk die Grenzen einer Einführung, aber auch die einer Beschreibung des Fachbereiches – statt auf die Genese von Fachsprachen und ihre Entwicklungen einzugehen (auf beides wird antizipierend verwiesen), findet eine allgemeine Reflexion der Bedeutung der Wissenschaft in der und für die Gesellschaft statt. Trotz der Vielzahl interessanter Beobachtungen ist zu fragen, ob dieses Buch der geeignete Ort für diese Fragestellungen ist.

Das vierte Kapitel greift mit dem Aspekt der Fächerabgrenzung nun deutlicher den eigentlichen Gegenstandsbereich der Fachsprachen auf. Dabei behält Adamzik die konstruktivistische Ausrichtung ihres Buches bei und betont, „dass bereits die Bestimmung von Fach eine perspektivische ist, weil Fächer nicht vorgegebenen Wirklichkeitsbereichen entsprechen“ (S. 164). Zunächst erfolgt die Präsentation von Themen aus der Perspektive einer genuin linguistischen Fachsprachenforschung: a) Kommunikation in den Fächern, b) Kommunikation über die Fächer und c) die sprachliche Konstruktion von Fächern in der Gesellschaft (vgl. S. 167–169). Der weitere Gang ist aber geprägt durch eine (erneut stark wissenschaftstheoretische) Reflexion der Fächerklassifikationen. Diese Klassifikationen, so Adamzik, sind aber für einen modernen Wissenschaftsbetrieb schwierig, da „Fächergrenzen zunehmend [verschwimmen] und interdisziplinäre Projekte [...] immer mehr Gewicht [gewinnen]“ (S. 179, Hervorhebung im Original). Dabei verweist Adamzik auch auf die Grenzen des eigenen Faches:

„Dass es aus linguistischer Sicht möglich sein sollte, diesen gordischen Knoten zu durchschlagen und eine neue Fächersystematik zu etablieren, ist denn wohl doch eine Illusion“ (S. 185).

Dieser kritische Ansatz findet sich auch an anderen Stellen (vgl. z. B. S. 302) und zeigt im positiven Sinne das hohe Maß an Reflexions- und Begrenzungsbereitschaft. Daran schließen sich „Systematisierungen in praktischer Absicht“ (S. 188) an, wobei z. B. auf die Systematisierung der DFG genauer eingegangen wird (vgl. S. 189–191). Erneut nicht festlegend, sondern die Offenheit und Fluidität ihrer Gegenstände herausstellend, verweist Adamzik schließlich bei ihrem Überblick über die „Bezugswelt [...] Deutschland im Jahr 2016“ (S. 188) auf die Pluralität der Fächerkonstitution im universitären wie auch im schulischen Bereich (vgl. S. 193–197).

Im fünften und letzten großen Kapitel geht es eher um die Synthetisierung bisheriger Überlegungen – anhand von Fächern alsdiskursiven Konstrukten. Für diesen Blick führt die Autorin, nachdem an früherer Stelle schon auf Berger & Luckmann verwiesen wurde, noch die (aufein­ander aufbauenden) Werke Kuhns und Flecks an (vgl. S. 217–239). Vor allem rekurriert sie auf Flecks Konzepte des Denkkollektivs und Denkstils und bestimmt als Ideal für den geisteswissenschaftlichen Denkstil „den Gestus des Prüfens und des Hinterfragens“ (S. 247, Hervorhebung im Original). Weiterhin geht es ihr um einen textlinguistischen Zugang zu Fachtextsorten, wobei sie die Debatte, ob die Fachsprachenforschung eher Fachwörter oder Fachtexte untersuchen solle, als fehlgeleitet zurückweist, da sich „Fachtexte [...] dadurch aus[zeichnen], dass in ihnen Fachwörter vorkommen. Fachwörter existieren aber [...] als wahrnehmbare Realität nur in Texten“ (S. 212). Im Rahmen der Textsortenbeschreibung von Fachtexten wird auch der im zweiten Kapitel antizipierte Verweis auf die Relevanz des situativen Kontextes noch einmal hervorgehoben (vgl. S. 235):

„Bei der Rezeption von Fachtexten geht es nicht nur darum, den Inhalt zu verstehen, vielmehr muss man sie in den disziplinären Diskurs einordnen können, d. h. wissen, welchen diskursiven Status Texte, Personen, Begriffe, Propositionen und Modelle haben“ (S. 249, Hervorhebung im Original).

In diesem Kontext verweist Adamzik auch auf die Notwendigkeit der Vermittlung von Textsortenwissen hinsichtlich Textsortenvarianten (z. B. Sammelband, Festschrift o. ä.) und Textsortenmerkmalen (z. B. Literaturverzeichnis, Fußnoten o. ä.). Als Textlinguistin rekurriert sie auf Textsorten als konventionalisierte, komplexe Sprachgebrauchsmuster (vgl. S. 265) und verweist auf ein Mehrebenen-Modell für ihre Beschreibung (vgl. S. 268). Das Kapitel schließt mit einem Blick auf die konstitutive Bedeutung von Fachwörtern (vgl. S. 285), wobei auf Kriterien der Differenzierung (vgl. S. 295) wie auch auf methodische Herangehensweisen (vgl. S. 298–299) eingegangen wird. Das Kapitel schließt mit Beispielen zur Entwicklung und Festigung von Fachwörtern (vgl. S. 310–330). Dabei mag es irritieren, dass Fachwörter nun als zentrale Elemente ausgewiesen werden – etwas, das im ersten Kapitel noch negativ bewertet wurde (vgl. S. 29).

Das Buch endet mit einem Fazit, in dem zentrale Ergebnisse des Argumentationsganges präsentiert werden. So wird hervorgehoben, dass Fächer, Fachausdrücke und wissenschaftliche Tatsachen keine Wahrheiten darstellen, sondern diskursiv dazu gemacht werden (vgl. S. 332). So unterliegen sie diskursiven Regeln und Machtverhältnissen und es gilt bei einer sich verändernden Gesellschaft auf diese diskursiven Veränderungen zu achten. Schließlich endet Adamzik symptomatisch offen mit der Feststellung, dass die Fragen der Fachsprachenforschung nicht endgültig beantwortbar sind, da

„sie [...] selbst an bestimmte Kategoriensysteme gebunden sind, die sich als Beschreibungen ausgeben, aber tatsächlich konkurrierende Konstrukte darstellen und überdies die Wirklichkeit (der Kommunikation) eindeutiger zu machen suchen, als sie es sind“ (S. 338).

Fazit

Kirsten Adamziks neues Buch zur Beschreibung der Fachsprachen unter konstruktivistischer sowie meta-reflexiver und wissenschaftstheoretischer Perspektive ist ein umfassendes Werk mit einem weiten Horizont. Daher ist es auch nur für einen speziellen Rezipientenkreis produktiv und richtet sich explizit an fortgeschrittene Studierende. Aber auch für den Einsatz im Haupt- bzw. Master-Studium bedarf es einer geeigneten Lerngruppe, die auf der einen Seite umfassende linguistische Vorkenntnisse mitbringt und sich auf der anderen Seite auf einen komplexen Text einlassen kann, der keine einfachen Zugriffe ermöglicht, sondern komplexe Argumentationslinien entwickelt. Zwar werden im Text typographische Mittel einer Einführung verwendet (Fettdruck, Fazitkästchen), dies ist aber irreführend, da das Werk kaum als solche verwendet werden kann. Auch als Nachschlagewerk eignet es sich nur bedingt, denn es gibt zwar ein Verzeichnis über Personen, nicht aber zu den Begriffen. Adamzik erweist sich als profunde Kennerin nicht nur ihres Fachbereiches, sondern auch darüber hinaus. Aus dieser globalen, interdisziplinären Perspektive ist das Werk geschrieben. Somit liegt ein umfassendes und bis zu einem gewissen Grad auch kontextuell entgrenzendes Buch vor, das vornehmlich für ein Fachpublikum geeignet ist. Innerhalb dieser Einschränkungen stellt es eine interessante Lektüre zu Fragen der Fachsprachenforschung dar und kann durch die Breite, Tiefe sowie Multiperspektivität überzeugen. Als Anregung für Diskussionen, die über die Fachsprachenforschung hinausgehen und Aspekte des kommunikativen Verhältnisses zwischen Wissenschaft und Gesellschaft in einer postfaktischen Wissensgesellschaft betreffen, ist das Buch zu empfehlen und dürfte eine herausforderungsvolle Lektüre darstellen.

Literaturverzeichnis

Berger, Peter & Thomas Luckmann. 1966. The Social Construction of Reality. A Treatise in the Sociology of Knowledge. Garden City, New York: Double­day. Search in Google Scholar

Fleck, Ludwik. 1980. Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache. Einführung in die Lehre vom Denkstil und Denkkollektiv. Frankfurt am Main: Suhrkamp. Search in Google Scholar

Kuhn, Thomas. 1976. Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen. Frankfurt am Main: Suhrkamp. Search in Google Scholar

Published Online: 2019-05-15
Published in Print: 2019-12-04

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