Maximilian Frankowsky

Marcel Schlechtweg. 2018. Memorization and the compound-phrase distinction. An investigation of complex constructions in German, French and English. (Studia grammatica 82). Berlin, Boston: De Gruyter. 291 S.

Open Access
De Gruyter | Published online: November 19, 2019

Welche sprachlichen Einheiten werden im mentalen Lexikon als Ganzes abgespeichert und welche entstehen nur temporär aus der Kombination abgespeicherter Einheiten? Welche Einheiten benennen Konzepte und welche modifizieren bloß bereits bestehende Konzepte? Werden syntaktische Bildungen anders verarbeitet als morphologische? Marcel Schlechtweg steigt in diese drei Diskurse ein und bereichert sie mit seiner Monographie (zugleich Dissertation an der Universität Kassel) um theoretische Überlegungen und empirische Daten zu Adjektiv-Nomen-Konstruktionen (im Folgenden: AN-Konstruktionen) im Deutschen, Französischen und Englischen. AN-Komposita, so die Hauptaussage der Arbeit, sind eher als Vollform repräsentiert und eignen sich besser zur Benennung von Konzepten als AN-Phrasen, denen als kompositionale Verbindungen eher die Funktion der Beschreibung zukommt.

Die Arbeit besteht aus acht Kapiteln sowie einem Appendix. Kapitel 1 führt in das Thema ein und erläutert die Forschungsinteressen sowie die Struktur der Arbeit. In Kapitel 2 werden Argumente für und gegen eine Morphologie-Syntax-Unterscheidung besprochen und hierzu Grundannahmen getroffen. Kapitel 3, 4 und 5 diskutieren strukturelle, semantisch-funktionale sowie kognitive Aspekte der Komposita-Phrasen-Unterscheidung. Kapitel 6 und 7 stellen zwei experimentelle Studien vor und bilden den empirischen Teil der Arbeit. Kapitel 8 fasst die Ergebnisse knapp zusammen.

Zu Beginn formuliert Marcel Schlechtweg seine Grundannahme, die fortan das Leitmotiv des gesamten Textes ist: Morphologie und Syntax sind klar voneinander zu unterscheiden. Für diese Position werden zahlreiche Argumente aus der Forschungsliteratur angeführt. Der Verfasser reflektiert außerdem die Kritik an solchen Distinktionsansätzen und listet Fälle auf, in denen Syntax und Morphologie interagieren. Trotz dieser Interaktion unterscheidet er zwischen Morphologie und Syntax und weist ihnen zwei distinkte Arbeitsbereiche zu. So agiere die Morphologie vor allem im Lexikon, die Syntax eher in der lexikonexternen Grammatik (S. 31).

Der Autor führt dann strukturelle Aspekte der Komposita-Phrasen-Unterscheidung auf. Primäre Faktoren, die Komposita in einer Sprache eindeutig definieren, werden von sekundären Faktoren, die sich sowohl in Komposita als auch in Phrasen finden lassen, unterschieden. Einziger primärer Faktor für die Unterscheidung zwischen AN-Phrase und AN-Kompositum ist demnach das Flexionsverhalten des Erstgliedes. Wird in einer AN-Konstruktion das Adjektiv abhängig vom Kopfnomen flektiert, liegt eine Phrase vor, bleibt es unflektiert, ein Kompositum. Andere üblicherweise angeführte Faktoren wie die der Köpfigkeit oder der Betonung der Konstituenten sind lediglich sekundäre Faktoren, die nur bei Abwesenheit des primären Faktors eine Rolle spielen – um nämlich kompositaähnliche Konstruktionen von phrasenähnlichen (compound-like constructions, CoLiCos, von phrase-like constructions, PhraLiCos) zu unterscheiden. Für das Englische wird etwa in Ermangelung des Faktors Flexion statt von CoLiCos von PhraLiCos gesprochen.

Darüber hinaus werden semantisch-funktionale und kognitive Aspekte der Komposita-Phrasen-Distinktion behandelt. Die gängige Annahme, dass Komposita Benennungseinheiten (naming units), Phrasen hingegen Beschreibungseinheiten (descriptive units) sind, wird damit begründet, dass Komposita von vornherein eine nicht-kompositionale Semantik inhärent sei (S. 99). Sie können darum leichter auf Arten referieren („compounds are more suited to name kinds“, S. 102), Konzepte besser benennen und Lexikalisierungsprozesse einfacher durchlaufen. Der Verfasser integriert das dual mechanism-Modell in seine theoretischen Überlegungen. Dieses nimmt für regulär gebildete Formen Berechnung, für irregulär gebildete Formen hingegen Vollformspeicherung an. Für die Komposita-Phrasen-Distinktion bedeutet das: Komposita werden als irreguläre (weil nicht-kompositionale) Formen im mentalen Lexikon abgespeichert, Phrasen als regulär gebildete Konstruktionen hingegen nicht.

Der Autor bespricht einschlägige Arbeiten zur Verarbeitung komplexer sprachlicher Konstruktionen (hier sind u. a. Baayen 1992; Libben 2006; Mondini et al. 2005; Zwitserlood 1994 zu nennen) und führt drei Faktoren an, denen in der Psycholinguistik großer Einfluss auf die Art der Verarbeitung zugesprochen wird: Lexikalisierungsgrad, Tokenfrequenz und semantische Transparenz. Ein hoher Lexikalisierungsgrad, eine hohe Tokenfrequenz und eine niedrige semantische Transparenz führen demnach dazu, dass eine komplexe sprachliche Konstruktion als Vollform abgerufen wird und also über einen eigenen Eintrag im mentalen Lexikon verfügt. Schlechtweg ergänzt, dass, selbst wenn man diese drei Faktoren kontrolliert, neu gebildete Komposita früher per Vollformzugriff abgerufen werden als neu gebildete Phrasen. Komposita hätten somit gegenüber den Phrasen einen Memorierungsvorteil.

In den empirischen Kapiteln 6 und 7 wird nun Evidenz für diese Annahmen geliefert. Hierzu werden einerseits deutsche AN-Komposita mit französischen NA-Phrasen verglichen, andererseits englische initialbetonte CoLiCos mit endbetonten PhraLiCos. Vergleiche zwischen deutschen und englischen Konstruktionen werden nicht vorgenommen, da der Faktor Frequenz zwischen diesen beiden Stimulisets nicht kontrolliert werden konnte. Im Experiment lernen Versuchspersonen (im Folgenden: VPs) deutscher, französischer und englischer Muttersprache über auditive Stimuli AN-Verbindungen, die dann an drei Folgetagen als gelernt identifiziert werden müssen. Reaktionszeiten und Akkuratheit der Antworten wurden als Indikator dafür angesehen, wie gut die Bildungen memoriert wurden.

Die Ergebnisse der Studie sind eindrucksvoll. Die untersuchten deutschen Komposita werden zunächst von ihrer jeweiligen VP-Gruppe besser memoriert als die französischen Phrasen von ihrer VP-Gruppe. Das ist überraschend, ist doch die Konstruktion NA-Phrase im Französischen für Benennung und Beschreibung gleichermaßen zuständig und darum frequenter als die Konstruktion AN-Kompositum im Deutschen. Der Faktor Frequenz hätte also eigentlich erwarten lassen, dass die französischen Bildungen von ihrer VP-Gruppe besser memoriert werden können als die deutschen Komposita von ihrer VP-Gruppe. Der Autor erklärt den Memorierungsvorteil der deutschen Komposita damit, dass AN-Komposita im Deutschen in ihrer Funktion stärker fokussiert sind, da ihnen die Benennungsfunktion exklusiver zukommt (S. 176). Am zweiten und dritten Tag erreichen die französischsprachigen VPs dann aber recht schnell die Reaktionszeiten und Akkuratheit, die die deutschsprachigen VPs bei Komposita zeigen.

Die Ergebnisse der beiden Versuchsgruppen zum Englischen zeigen dagegen keinen Vorteil für die CoLiCos. Der Verfasser vermutet, dass die VPs englischer Muttersprache die AN-Verbindungen durchweg kompositional interpretiert haben. Deshalb schließt er mit Kapitel 7 ein weiteres Experiment zum Englischen an. Diesmal wird mit einem Prätest sichergestellt, dass die für die Stimuli verwendeten Adjektive und Nomina semantisch divergent sind und somit Nicht-Kompositionalität vorausgesetzt werden kann. Mit diesem Design stellt sich dann ein Ergebnis ein, das die Hypothesen des Autors stützt: Die PhraLiCos werden nur am ersten Tag schneller und akkurater verarbeitet als die CoLiCos. In der Recallphase verbesserten sich die Ergebnisse für die CoLiCos stärker als die für die PhraLiCos, was als Hinweis auf eine schnellere Vollformabspeicherung der CoLiCos interpretiert wird. Die Ergebnisse beider Experimente stützen somit die Annahme des Autors, dass Phrasen zwar genauso gut wie Komposita die Benennungsfunktion erfüllen und als Vollform abgespeichert und abgerufen werden können, Komposita diese Eigenschaften aber schneller erwerben. Schlechtwegs Arbeit zeigt somit nachvollziehbar, dass es durchaus einen Unterschied macht, ob eine AN-Verbindung morphologisch oder syntaktisch gebildet ist, und dass Einzelsprachen in ihren Teilbereichen unterschiedlich komplex sein können.

Die Arbeit wirft aber auch einige Fragen auf, die nicht beantwortet werden. So ist es durchaus fraglich, ob die harte Grenze, die der Autor zwischen Komposita und Phrasen zieht, für eine sinnvolle Komposita-Phrasen-Unterscheidung zielführend ist. Die Setzung, dass nur ein einziges Definitionskriterium, nämlich die Flexion der ersten Konstituente, entscheidend für die Bestimmung der Konstruktion ist, führt dazu, dass etwa Hohepriester im Deutschen als Phrase angesehen wird (S. 50), ungeachtet von Faktoren wie Erstgliedbetonung u. a., die die Form zum Grenzfall machen. Werden mit einer solch scharfen Taxonomie wirklich Komposita bestimmt oder lediglich Formen, die am Erstglied nicht flektieren? Hier wäre die Diskussion anderer, etwa prototypentheoretischer Ansätze spannend gewesen.

Der Autor hätte außerdem einige seiner theoretischen Grundannahmen noch umfassender begründen können. Zum einen stellt sich die Frage, warum Komposita von vornherein irregulär und nicht-kompositional sein sollten. Die referierten psycholinguistischen Studien sprechen durchaus nicht dagegen, dass auch Komposita, sofern sie nicht voll opak sind, dekomponiert und ihre Konstituenten getrennt aus dem mentalen Lexikon abgerufen werden. Den LeserInnen bleibt hier nur, die Annahme a priori nicht-kompositionaler Komposita fürs Erste zu akzeptieren. Zum anderen hätte differenzierter begründet werden können, warum Komposita per se die angemesseneren („more appropriate“, S. 100) Benennungseinheiten sind. Studien, die eine strikte Zuordnung (Phrasen = Beschrei­bungseinheiten / Komposita = Benennungseinheiten) relativieren, etwa Schlücker & Plag (2011), werden zwar erwähnt, sprächen aber, so Schlechtweg, nicht gegen die generelle Tendenz. Der Faktor der Analogie, den Schlücker & Plag in ihrer Studie hervorheben, wird lediglich mit Verweis auf eine fehlende Vorhersagekraft von Analogiemodellen abgelehnt. Hier wäre es sinnvoll gewesen, die im empirischen Kapitel 6 diskutierten psycholinguistischen Studien bereits im theoretischen Teil anzuführen. Sie liefern Evidenz dafür, dass SprecherInnen tatsächlich AN-Komposita leichter lernen können als AN-Phrasen. Zugunsten dieser Studien hätten einige für das Erkenntnisinteresse eher irrelevante Studien zu Nominalkomposita in Kap. 5.2 unerwähnt bleiben können.

Zudem verwendet der Verfasser bei seiner Argumentation teilweise wenig geeignete Beispiele. An der Gegenüberstellung von Grüntisch und grüner Tisch soll etwa deutlich werden, dass beide Konstruktionen semantisch transparent sein können, aber nur das Kompositum nicht-kompositional sein kann, etwa wenn es auf einen Tisch referiert, der mit der Zeit erst grün wird (S. 114). Dabei ist es doch gerade der grüne Tisch, an dem sprichwörtlich Entscheidungen getroffen werden und der darum jede nur denkbare Farbe tragen kann, was die Phrase ihrer Kompositionalität beraubt. Auch wird das häufige Auftreten von Komposita in sogenannt-Kontexten einmal als Zeichen für ihre Neigung zur Benennung angeführt (S. 94), später hingegen wird behauptet, Komposita träten seltener als Phrasen mit sogenannt auf, da der Benennungsstatus von Komposita auch ohne sogenannt implizit gegeben sei (S. 101).

Diese offenen Fragen im theoretischen Teil schmälern aber nicht die interessanten Effekte, von denen Schlechtweg im empirischen Teil der Arbeit berichtet. Allerdings ist man hier als LeserIn zunächst irritiert, dass gleichzeitig mehrere Ansätze dafür verfolgt werden, welche messbaren Werte einen Memorierungsvorteil reflektieren. Der konservativste dieser Ansätze sagt voraus, dass deutsche MuttersprachlerInnen deutsche AN-Komposita an allen drei Tagen der Recallphase schneller und akkurater identifizieren können als französische MuttersprachlerInnen französische NA-Phrasen und dass englische MuttersprachlerInnen englische CoLiCos besser und akkurater bestimmen als englische PhraLiCos. Einschränkend wird außerdem aber auch angenommen, dass, sollte sich dieses Ergebnis nicht einstellen, der Memorierungsvorteil so verstanden wird, dass der Lerneffekt bei Komposita gegenüber Phrasen größer ist, und zwar dergestalt, dass sich Reaktionszeiten und Akkuratheit von Tag zu Tag bei Komposita (und CoLiCos) stärker verbessern als bei Phrasen (und PhraLiCos). Hier entsteht der Eindruck, dass der zu untersuchende Memorierungsvorteil in Abhängigkeit von den Ergebnissen des Experimentes definiert wird:

„Compounds/CoLiCos show a memorization advantage in comparison to phrases/PhraLiCos if they are responded to faster and more accurately [...] on all three days taken together. [...] If phrases/PhraLiCos are reacted to faster and more accurately than compounds/CoLiCos, one cannot consider this phenomenon to represent a memorization advantage. [...] we cannot interpret faster and more accurate responses to phrases/PhraLiCos as a sign of memorization advantage but, instead, as a simple frequency effect.“ (S. 162)

Wenn ein und derselbe Effekt, nämlich eine durchschnittlich schnellere und akkuratere Antwort durch die VPs, von vornherein für zwei Bedingungen unterschiedlich ausgelegt wird, macht sich das Experiment der Voreingenommenheit verdächtig. Man hätte hier vielleicht nicht von einem variabel definierten „Memorierungsvorteil“ sprechen sollen, sondern stattdessen allgemeiner davon, dass Komposita andere Memorierungsmuster durchlaufen als Phrasen.

Ungeachtet dieser Kritik bietet die Studie von Marcel Schlechtweg sehr viel. Sie umfasst eine detaillierte Diskussion der Morphologie-Syntax-Unterscheidung und eröffnet unzählige Anknüpfungspunkte für weitere Studien. Die Ausführungen sind dabei durchweg gut lesbar, die Kapitel weitgehend durchdacht strukturiert und miteinander verknüpft. Die Monographie ist insbesondere durch die umfangreiche und sorgfältig durchgeführte Datenerhebung von enormem Wert.

Literatur

Baayen, Harald. 1992. Quantitative aspects of morphological productivity. In: Geert Booij & Jaap van Marle (Hg.). Yearbook of morphology 1991. Dordrecht: Kluwer Academic Publishers, 109–149. Search in Google Scholar

Libben, Gary. 2006. Why study compound processing? An overview of the issues. In: Gary Libben & Gonia Jarema (Hg.). The representation and processing of compound words. Oxford: Oxford University Press, 1–22. Search in Google Scholar

Mondini, Sara & Claudio Luzzatti & Paola Saletta & Nadia Allamano & Carlo Semenza. 2005. Mental representation of prepositional compounds: Evidence from Italian agrammatic patients. In: Brain and Language 94 (2), 178–187. Search in Google Scholar

Schlücker, Barbara & Ingo Plag. 2011. Compound or phrase? Analogy in naming. In: Lingua 121 (9), 1539–1551. Search in Google Scholar

Zwitserlood, Pienie. 1994. The role of semantic transparency in the processing and representation of Dutch compounds. In: Language and Cognitive Processes 9 (3), 341–368. Search in Google Scholar

Published Online: 2019-11-19
Published in Print: 2019-12-04

© 2019 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

This work is licensed under the Creative Commons Attribution 4.0 Public License.