Beatrice Primus

Said Sahel. 2018. Kasus. (Kurze Einführungen in die germanistische Linguistik 21). Heidelberg: Universitätsverlag Winter. 99 S.

Open Access
De Gruyter | Published online: November 19, 2019

Der vorliegende Band erschien in der Reihe „Kurze Einführungen in die germanistische Linguistik“ (Kegli). Diese Reihe präsentiert Einführungen in thematisch abgesteckte Gebiete der germanistischen Linguistik und adressiert ein Lesepublikum, das über keine Vorkenntnisse verfügt. Die Reihenvorgabe sieht 100 Seiten lange Texte mit einheitlich gegliederten Kapiteln vor. Am Ende jedes Kapitels gibt es eine Zusammenfassung, eine Liste der wichtigsten Fachbegriffe, Vorschläge zur weiterführenden Lektüre und Aufgaben, deren Lösungen auf der Reihenwebseite bereitstehen. Jeder Band schließt mit Literaturverzeichnis, Glossar und Sachregister. Auch der 21. Band „Kasus“ ist dementsprechend gestaltet.

Das Buch über Kasus ist in elf Kapitel gegliedert. Das erste Kapitel thematisiert die grundlegende Unterscheidung zwischen morphologischem Kasus, der unter anderem durch Kasussuffixe realisiert wird, und syntaktischem Kasus, der vornehmlich durch syntaktische Relationen wie Rektion und Kongruenz determiniert wird. Im zweiten Kapitel werden die vier Kasus des Deutschen mehrfach geordnet in Kasus rectus (Nominativ) vs. Kasus obliquus (Akkusativ, Dativ, Genitiv), in direkte Kasus (Nominativ, Akkusativ) vs. indirekte Kasus (Dativ, Akkusativ) sowie als Kasushierarchie Nominativ >> Akkusativ >> Dativ >> Genitiv. Jede Einteilung wird mit Bezug auf morphologische und syntaktische Kasus zweigleisig motiviert. Dadurch gewinnt man Einblicke in interessante Zusammenhänge zwischen morphologischen und syntaktischen Kasus, die andernorts wegen der in der Linguistik tradierten Trennung von Morphologie und Syntax schwer zugänglich sind.

Das dritte Kapitel widmet sich ausschließlich der Kasusmorphologie und fokussiert die Arbeitsteilung bei der formalen Kennzeichnung der Kasus unter den Elementen einer Nominalphrase (Artikel, Adjektiv, Nomen). Hier wird das bekannte Prinzip der Monoflexion besprochen, wonach ein „aussagekräftiges“ Kasussuffix in der Regel nur einmal in der Nominalphrase erscheint, und zwar entweder am Artikelwort oder am Adjektiv (d-er dunkle Wald, ein dunkl-er Wald). Zudem wird erklärt, wie im Zusammenspiel der Flexionsform des Artikelworts, Adjektivs und Nomens die Kasuskategorie der gesamten Nominalphrase trotz Formenzusammenfall (Synkretismus) von links nach rechts zunehmend deutlicher wird.

Das vierte Kapitel beschäftigt sich mit Kasusrektion als Relation zwischen einer kasustragenden Nominalphrase und einem kasuszuweisenden Element. Die Darstellung wird sinnvollerweise nach der Kategorie des Kasusregenten gegliedert: Verben, Präpositionen, Adjektive und Substantive. Hier geht es darum, welche Kasus diese Kategorien überhaupt regieren, mit welcher syntaktischen Funktion diese Kasus typischerweise assoziiert sind und welche Kasus (dis)präferiert sind. Von den vier Kasusregenten können nur Verben ein Nominativsubjekt haben. Dies wird in Einklang mit der neueren Syntaxforschung dadurch erklärt, dass die Präsenz eines Nominativsubjekts von der Präsenz der Person- und Numerusflexion (Finitheit) am Verb abhängt. Folgerichtig können weder Kategorien ohne Finitheit (Adjektive, Präpositionen, Substantive) noch nicht-finite Verbkonstruktionen ein Subjektnominativ zu sich nehmen (Peter hofft, das nächste Spiel zu gewinnen vs. Peter hofft, dass er das nächste Spiel gewinnt). Was die (dis)präferierte Kasusrektion betrifft, so ist bei Verben der Genitiv eindeutig dispräferiert und bei Präpositionen fallen Genitiv und Akkusativ zugunsten des Dativs zurück, während Substantive den Genitiv als einzigen Kasus, und zwar in Attributfunktion, wählen.

Die Kopplung des Subjektnominativs an Finitheit passt zu der Annahme, dass ein zweiter Nominativ bei Prädikativen (Er ist ein außergewöhnliches Talent) und bei Konjunktionalphrasen (Er benimmt sich wie ein kleiner Junge) nicht auf Kasusrektion, sondern auf Kasuskongruenz (Kasusübereinstimmung) zurückgeht. In diesen Beispielen liegt Kongruenz mit dem Nominativsubjekt vor, in anderen Fällen mit dem Objekt. Prädikative und Konjunktionalphrasen werden zusammen mit den Appositionen im fünften, der Kasuskongruenz gewidmeten Kapitel behandelt.

Es gibt allerdings auch die im sechsten Kapitel behandelten freien Kasus, die weder auf Rektion noch auf Kongruenz zurückgehen: der freie Akkusativ (Er redete den ganzen Tag), der freie Dativ (Er repariert seinem Nachbar das Garagentor) und der freie Genitiv (Eines Tages wirst du es verstehen). Die Abgrenzung freier Dative von Dativobjekten ist ein schwieriger und kontrovers diskutierter Bereich der deutschen Grammatik, der im Buch unter Rückgriff auf neuere Spezialuntersuchungen behutsam und differenziert angegangen wird. Freie Nominative werden hier wie in den meisten Grammatikwerken nicht erwähnt. Sie werden allerdings später (S. 77–78) als „inkongruenter Nominativ“ behandelt (Das Stück des Schriftstellers Thomas Bernhard, Dramatiker aus Österreich) und kommen auch als Anredenominativ vor (Herr Müller, wo bleiben Sie?).

Zwischen Kasus und semantischen Rollen bestehen systematische Zusammenhänge, die im siebten Kapitel thematisiert werden. Eine semantische Rolle beschreibt die Art der Beteiligung eines Partizipanten an der von einem Verb beschriebenen Situation. So bezeichnet das Verb schenken eine Handlung, in welcher jemand als Agens willentlich verursacht, dass etwas als Patiens in den Besitz einer anderen, als Rezipient klassifizierbaren Entität kommt. Im Wesentlichen sind die Zusammenhänge zwischen Kasus und Rolle bestechend einfach: Im prototypischen Fall wird das Agens im Nominativ kodiert, das Patiens im Akkusativ und der Rezipient im Dativ. Ausnahmen dazu gibt es viele, aber dem Autor gelingt es unter Rückgriff auf neuere Forschungsergebnisse, diese sehr gut in den Griff zu bekommen. Zum einen hängt der Nominativ, wie bereits erwähnt, von der Finitheit des Verbs ab und kommt daher unabhängig von seiner semantischen Rolle in (so gut wie) jedem finiten Satz vor. Daraus ergibt sich, dass nur von Agens zu Nominativ, nicht aber von Nominativ zu Agens gefolgert werden kann. Zum anderen gibt es viel mehr semantische Rollendifferenzierungen als die drei oben genannten. Die meisten lassen sich allerdings reduzieren, wenn man Agens, Patiens und Rezipient als Bündel grundlegender Basisrollen wie etwa Verursacher oder Besitzer definiert. Dabei akkumulieren prototypische Vertreter einer so definierten generalisierten Rolle mehr Basisrollen als periphere Vertreter. Die drei genannten Rollen-Kasus-Zuordnungen sind für prototypische Vertreter zuverlässiger als für periphere. Diese neuere Methode wendet der Autor sehr konsequent an und kann auf diese Weise ein in älteren Darstellungen diffuses Bild der Zusammenhänge zwischen Kasus und semantischen Rollen sehr gut systematisieren.

Nahtlos an dieses Kapitel schließt sich das achte Kapitel über drei Kasusalternationen an, die auch als Diathesen bekannt sind: Passiv, Ergativ und Mittel (Medium). In diesen Konstruktionen behält die Agens-zu-Nominativ-Generalisierung ihre Gültigkeit, was angesichts gegenteiliger Aussagen in der Forschung überrascht. Genauer betrachtet kommt Agens-zu-Nominativ (in dieser Richtung formuliert) nicht zur Anwendung, weil das Agens für die Kasusrektion nicht zur Verfügung steht (Agensblockade). Im Ergativ und im Mittel (Medium) ist ein Agens weder vorhanden noch bei einer agensorientierten Modalangabe wie absichtlich oder freiwillig erschließbar (Ergativ: *Die Vase zerbricht absichtlich, Mittel: *Das Buch liest sich freiwillig). Im Passiv ist das Agens zwar semantisch erschließbar (Das Buch wird freiwillig gelesen), aber für die Kasusrektion syntaktisch blockiert und somit nur als Präpositionalphrase realisierbar (Das Buch wird von vielen gelesen). Insoweit trifft die allgemeine Feststellung des Autors, dass in diesen Diathesen die semantischen Rollen des korrespondierenden Aktivsatzes erhalten bleiben (S. 60), nur auf das Passiv zu, aber nicht auch auf die anderen beiden Diathesen.

Die Kapitel neun und zehn behandeln Schwankungen im Gebrauch der Kasus. Sie betreffen in besonderem Maße den sprachhistorisch rückläufigen Genitiv, der im neunten Kapitel gezielt in den Fokus genommen wird. In der Hauptsache wird in diesen Kapiteln erläutert, in welchen Konstruktionen und unter welchen Bedingungen ein bestimmter syntaktischer Kasus durch einen anderen Kasus oder durch eine Präposition ersetzt wird (während des Gipfels/dem Gipfel; die Behandlung akuter Erkrankungen/von akuten Erkrankungen). Neben solchen Schwankungen der syntaktischen Kasuskategorie kommen auch rein morphologische Erscheinungen wie etwa der Wegfall des Genitivsuffixes zur Sprache (die Jahrzehnte des Rokokos/des Rokoko).

Das letzte, elfte Kapitel komplettiert den im Buch präsentierten vielfältigen Überblick über kasusbezogene Phänomene durch den Kasuserwerb im Kindesalter. Den roten Faden der Darstellung bilden die in vielen Studien belegten Erwerbsschritte. Zunächst gibt es nur kasusneutrale Formen. Später entwickelt sich ein Zwei-Kasus-System bestehend aus Nominativ für Subjekt und Akkusativ für Nicht-Subjekt. Daraus entfaltet sich ein Drei-Kasus-System mit Nominativsubjekt, Dativ- und Akkusativobjekt. Der Genitiv wird mit Ausnahme des frühen pränominalen Genitivs (Mamas Kissen) erst später erworben.

Der Gesamteindruck, den das Buch hinterlässt, ist sehr positiv. Hervorzuheben ist, dass stets die aktuellere Forschung berücksichtigt wird, sodass zu vielen Aspekten interessante, nicht in allen Überblicksdarstellungen bereitgestellte, gewinnbringende Erkenntnisse vorliegen. Die neuere Forschung wird theoretisch unaufdringlich präsentiert und didaktisch sehr gut aufbereitet. Fachterminologie wird auf das notwendige Minimum reduziert und sowohl im Text als auch im Glossar gut erläutert. Bei schwierigeren Analysen werden sprachliche Testverfahren als Hilfestellung angeboten. Tabellarische Darstellungen sowie prägnante Zusammenfassungen und Fachbegriffslisten am Ende der einzelnen Kapitel sind sehr gute Orientierungshilfen. Literaturhinweise und Aufgaben bieten interessierten Leserinnen und Lesern weiterführende Anregungen.

In einem einführenden Werk muss man bei aller gebotenen sachlichen Angemessenheit Vereinfachungen in Kauf nehmen. Dem Autor gelingt der Spagat zwischen Angemessenheit und Einfachheit durch bewährte Mittel wie die Fokussierung auf typische Fälle und einschränkende Zusätze (meistens, für gewöhnlich). Fehlen solche Einschränkungen, entstehen Missverständnisse, die im Buch erfreulicherweise selten vorkommen. Einer dieser Fälle soll zur Illustration genannt werden. Der Autor spricht auf Seite 54 wiederholt von einer „strukturellen Gesetzmäßigkeit (...), der zufolge jeder Satz ein Subjekt haben muss.“ Diese strikte Formulierung folgt neueren Syntaxtheorien, in denen ihre uneingeschränkte Gültigkeit nur durch die Annahme unsichtbarer Subjektpronomen gesichert ist. Auf diese kontrovers diskutierte Prämisse verzichtet jedoch das vorliegende Buch. Demzufolge, aber dem obigen strikten Gesetz widersprechend, wird z. B. für Infinitivkonstruktionen wie Peter hofft, das nächste Spiel zu gewinnen explizit kein Subjekt“ (S. 24) angenommen. Auch an anderen Stellen findet man subjektlose Sätze.

Fachwissenschaftliche Termini werden sparsam eingesetzt und knapp, aber gut erläutert. Eine der seltenen Unklarheiten betrifft den wiederholt und an manchen Stellen zentral eingesetzten Markiertheitsbegriff, der nicht nur in diesem Buch, sondern generell schwer zu fassen ist. Zum einen wird er rein formal-morphologisch gedeutet, wie im dritten Kapitel über „Markierung von Kasus“. Zum anderen wird er syntaktisch-funktional aufgefasst. So wird im zweiten Kapitel die Markiertheitshierarchie Nominativ >> Akkusativ >> Dativ >> Genitiv von einer Skala syntaktischer Funktionen abgeleitet: Subjekt >> direktes Objekt >> indirektes Objekt >> Attribut. Wiederum in eine andere Richtung geht die Verwendung dieses schillernden Begriffs, wenn ein Sprachgebrauch als „stilistisch stark markiert“ (S. 71) klassifiziert wird. Größte Verwirrung stiften folgende widersprüchliche Angaben auf Seite 10:

„So gilt eine Kategorie im Vergleich zu einer anderen Kategorie als höher markiert, wenn sie u. a. häufiger im Sprachgebrauch vorkommt, früher erworben wird oder durch das aufwändigere morphologische Mittel angezeigt wird.“

Das zuletzt genannte Kriterium trifft in der Tat auf höher markierte Kasus zu, wie der Autor im zweiten Kapitel wiederholt zeigt. Allerdings gelten das erste und zweite Kriterium nicht für höher markierte Kasus wie Dativ und Genitiv, sondern für weniger markierte Kasus wie Nominativ und Akkusativ. Der Genitiv ist nicht häufiger in Gebrauch als der Nominativ und Akkusativ, sondern eher umgekehrt rückläufig, wie der Autor im neunten und zehnten Kapitel erläutert. Das elfte Kapitel konstatiert keinen frühen, sondern einen späten Dativerwerb und einen noch späteren Genitiverwerb. In diesen Kapiteln wird der Markiertheitsbegriff allerdings nicht mehr bemüht, vielleicht, weil die referierten Forschungsarbeiten dies auch nicht tun.

In dem insgesamt sehr ansprechend gestalteten Text kommen bedauerlicherweise einige Unachtsamkeiten vor. Hier werden zur Illustration nur zwei Beispiele angeführt. So verwirrt, dass „den [sic] Nominativ das Agens (...) kodiert“ (S. 4). Beim Beispiel Peter hofft, dass er das nächste Spiel haushoch gewinnt irritiert die Erläuterung, dass „der eingebettete Satz ein lexikalisch realisiertes Subjekt, den Eigennamen Peter, aufweist“ (Bsp. (2), S. 24. Korrekt wäre: „das Pronomen er.“ Die Vorzüge des Buches überwiegen bei weitem solche Schwachstellen. Ich kann daher die Lektüre dieses Buches allen, die sich mit diesem wichtigen Bereich der deutschen Grammatik beschäftigen möchten, mit großem Nachdruck empfehlen.

Published Online: 2019-11-19
Published in Print: 2019-12-04

© 2019 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

This work is licensed under the Creative Commons Attribution 4.0 Public License.