Verena Sauer

Rahel Beyer. 2017. Der pfälzische Sprachinseldialekt am Niederrhein. Eine generationsbasierte Variablenanalyse. Mannheim: Institut für deutsche Sprache – amades. 444 S.

Open Access
De Gruyter | Published online: November 19, 2019

In ihrer Dissertationsschrift Der pfälzische Sprachinseldialekt am Niederrhein. Eine generationsbasierte Variablenanalyse beschäftigt sich Rahel Beyer mit der dialektalen Struktur und Variation einer der letzten Dialektinseln auf deutschsprachigem Gebiet. Ihr Ziel ist es darzustellen, inwieweit sich die soziolinguistischen Veränderungen (Überwindung der Isolation und stattfindende Assimilation mit dem angrenzenden Dialektraum) in der dialektalen Sprechweise der Bewohner widerspiegeln. Die Autorin führt einen Apparent-Time-Vergleich durch, indem sie Sprechproben zweier Generationen miteinander vergleicht. Besonders positiv fällt auf, dass in den Vergleich sowohl konsonantische (sechs Variablen) als auch vokalische Besonderheiten (13 Variablen) einbezogen werden.

Die Gliederung der Arbeit ist unkonventionell. Der Erläuterung der Zielstellung sowie der Forschungsfrage der Untersuchung in Kapitel 4 gehen die theoretische Auseinandersetzung zu Dialektwandel und Sprachinseln (S. 13–46) in Kapitel 2 sowie die spezifische Darstellung der pfälzischen Sprachinsel (S. 47–66) in Kapitel 3 voraus. Für manche Leser wären diese Erläuterungen sicherlich etwas besser nachvollziehbar, wenn bereits zu Beginn die Zielstellung klar definiert und die anleitende Forschungsfrage formuliert worden wäre. In Kapitel 4 stellt Beyer das Untersuchungsziel dar: „Es gilt also zu untersuchen, inwieweit sich die skizzierten soziolinguistischen Veränderungen in der dialektalen Sprachstruktur niederschlagen“ (S. 68). Dieses versucht die Autorin anhand der folgenden Forschungsfragen zu eruieren:

  1. „In wie fern [sic!] lässt sich der abnehmende Gebrauch des ‚Pälzersch‘ – bei zunehmendem (regional gefärbten) Standarddeutsch-Einfluss – auch an dialektalen Merkmalen festmachen?“ (S. 68)

  2. „Gibt es grundsätzlich quantitative Unterschiede zwischen älteren und jüngeren Sprechern hinsichtlich der Realisierungsfrequenz von phonologischen Dialektmerkmalen?“ (S. 68–69)

  3. Gibt es abbauanfälligere oder -resistentere Laute? (vgl. S. 69)

  4. „Bleiben einige wenige ‚urpfälzische Laute‘ erhalten oder werden sie sogar verstärkt verwendet, um dann zu Identitätsmarkern auf sozialer Ebene umfunktioniert zu werden?“ (S. 70)

In Kapitel 5 folgt die Ergebnisdarstellung, der sich eine etwas knappere sechsseitige Interpretation der Ergebnisse in Kapitel 6 anschließt. Die solide Diskussion über die Einflussfaktoren, die die Entwicklung des Sprachinseldialekts geprägt haben (S. 167–203), sowie die Schlussbetrachtung (S. 205–211) werden in Kapitel 7 und 8 dargestellt. Zudem umfasst die Dissertation von Beyer einen 218-seitigen Anhang mit Transkripten, auf die vereinzelt auch im Fließtext eingegangen wird.

Rahel Beyer beginnt ihre Ausführungen mit einer Definition der Varietät Dialekt und entscheidet sich, in ihrer Arbeit sowohl den „Ortsdialekt“ als auch „die (tiefere) Regionalsprache“ (S. 15) als Dialekt und davon abgegrenzt die „überregionale deutsche Sprechsprache sowie standardnahe Sprechlagen mit Regionalakzent“ (S. 15) unter dem Terminus Hochdeutsch zu fassen. Darauf aufbauend werden die sozial-beständigen Faktoren Geschlecht, Alter, Bildung/Beruf und geografischer Kontext der Sprecher aufgezeigt und deren Einfluss auf den Dialektgebrauch im deutschsprachigen Raum dargestellt. Ergänzend werden auch die situativ-dynamischen Faktoren (z. B. Funktionalität der Varietät) erläutert, die den Gebrauch einer Varietät beeinflussen können. Beyer verweist zudem auf die (historischen) Entwicklungslinien, wie etwa den Aufstieg des Bürgertums, die Verstädterung und Industrialisierung sowie „eine gesteigerte soziale und regionale Mobilität“ (S. 25), die einen Dialektwandel im Sinne einer Dialektverdrängung zugunsten einer standardnäheren Varietät herbeiführen können. Diese Faktoren sind im Hinblick auf die Sprachinsel als Untersuchungsgegenstand von besonderer Bedeutung, da es sich um meist schwach besiedelte, räumlich begrenzte Areale „mit relativ klaren Grenzen“ (S. 30) handelt, die „vom Gebiet der Mehrheitsgesellschaft umschlossen [werden] [...], von dem sie sich durch abweichende Sprache und Traditionen deutlich unterscheiden“ (S. 30). Die außersprachlichen Faktoren „Verstädterung“ sowie „Mobilität“ der Sprachinselbewohner können zur Auflockerung bzw. auch zur Auflösung des Netzwerkes innerhalb der Sprachinselgemeinschaft und somit zum Aussterben des Sprachinseldialektes führen. Ein wichtiger Faktor, der eine Assimilation mit dem umgebenden Dialektraum verzögern kann, ist die Sprachinselmentalität der Bewohner, also „ein subjektives Bewusstsein [...] für ihre kulturelle Eigenständigkeit und ihre Andersartigkeit“ (S. 33).

Die in Kapitel 2 erläuterten Merkmale von Sprachinseln erklärt die Autorin in Kapitel 3 im Hinblick auf die pfälzische Sprachinsel am Niederrhein sehr anschaulich: Eine kleine Gruppe von Auswanderern aus der Pfalz siedelt sich Mitte des 18. Jahrhunderts in der Gocher Heide an der heutigen deutsch-niederländischen Grenze an. Die Auswanderer leben relativ abgeschieden und weitgehend autonom in ihrer Siedlung, was einerseits zu einer stark eingeschränkten Mobilität und andererseits zur Isolation bzw. nur sehr wenig Austausch mit der umgebenden Mehrheitsgesellschaft führt. In dieser Phase der Isolation bildet sich die Sprachinselmentalität der Bewohner aus. Erst im 20. Jahrhundert, im Zuge der aufkommenden Massenmedien und der sich verbessernden Verkehrsbedingungen und damit erhöhten Mobilität der Siedler, kommt es allmählich zu Assimilationsprozessen und dem Beginn der Auflösungsphase der Sprachinsel am Niederrhein. Diese Phase ist geprägt durch den Verlust der administrativen Einheit der Siedlung, die Schließung der Dorfschule sowie die fortschreitende Industrialisierung und den Rückgang der Landwirtschaft. In der Folge wird der Dialekt immer mehr zugunsten des Hochdeutschen aufgegeben. Die Autorin spannt hier gekonnt einen Bogen von den theoretischen, allgemeinen Vorüberlegungen hin zu den spezifischen Besonderheiten der niederrheinischen Sprachinsel. Im kurzen Forschungsüberblick fällt vor allem die Untersuchung von Honnen & Forstreuter (1994) ins Auge, die Sprachaufnahmen des Pälzersch erhoben und dem Fachpublikum in Form einer Begleit-CD zum Werk zugänglich gemacht haben. Es ist m. E. bedauerlich, dass diese Aufnahmen in der vorliegenden Untersuchung nicht für einen Real-Time-Vergleich genutzt werden konnten. Beyer gibt an, dass die „Sprachproben [...] eher den Sprachgebrauch der älteren Generation [dokumentieren; Einfügung: V.S.], was angesichts des diagnostizierten Dialektrückgangs in der jüngeren Generation kein repräsentatives Bild liefert“ (S. 65).

In Kapitel 4 präsentiert die Autorin schließlich ihre Untersuchungsziele sowie die daraus abgeleiteten Forschungsfragen. Die Veränderungen der lautlichen Struktur in der niederrheinischen Sprachinsel, welche auch auf die soziolinguistischen Veränderungen in diesem Raum hin analysiert werden, basieren auf einem Apparent-Time-Vergleich zweier Alterskohorten. Alle Probanden der jüngeren Sprechergruppe (38–52 Jahre) wurden während bzw. nach den 1960er Jahren primär sozialisiert. In diesem Zeitraum hat ein radikaler Wechsel der Lebensumstände der Sprachinselbewohner stattgefunden. Die ältere Probandengeneration (73–83 Jahre) wurde hingegen vor diesem Wechsel primär sozialisiert. Während die jüngeren Probanden zum Zeitpunkt der Erhebung maximal ca. 50 Jahre alt sein durften, waren die Probanden der älteren Generation mindestens 65 Jahre alt. Insgesamt umfasst das Korpus zwölf Sprecher aus den Dörfern Pfalzdorf, Louisendorf und Neulouisendorf. Dafür wurden drei Aufnahmen aus dem Projekt[1]Dokumentation und Beschreibung des pfälzischen Sprachinseldialekts am Niederrhein übernommen und weitere neun Aufnahmen wurden von Beyer 2010 erhoben.

Leider können weitere Hinweise, z. B. bezüglich der Probandenzusammensetzung im oben genannten Projekt, nur über einen Link eingesehen werden, der zum Zeitpunkt meiner Lektüre (November 2018) nicht mehr gültig war.

Neben einem freien Gespräch der Probanden miteinander im gewohnten häuslichen Umfeld, in dem die Sprecher Anekdoten und Alltagsbegebenheiten erzählen sollten, werden in einem zweiten Teil die Sozialdaten durch die Interviewerin erfragt. Beyer konstatiert deshalb zu Recht, dass sich ihre Untersuchung „eher auf der Ebene einer Idiolektanalyse“ (S. 74) bewegt. Das Sprachmaterial wurde von der Autorin im Rahmen einer Variablenanalyse untersucht und mithilfe der Statistiksoftware R ausgewertet.

Im Ergebnisteil (Kapitel 5) wird nun die „Realisierungsfrequenz von phonologischen Dialektmerkmalen in zwei Generationen ermittelt“ (S. 89), wobei sowohl konsonantische als auch vokalische Besonderheiten untersucht werden. Beyer konnte ermitteln, dass die ältere Generation (G1: 78 % Dialektrealisierung) geringfügig häufiger die dialektalen Realisierungen zeigt als die jüngere Sprechergeneration (G2: 75,3 % Dialektrealisierung). Die konsonantischen Variablen werden in beiden Generationen häufiger dialektal realisiert als die vokalischen. Bei diesen konnte jedoch eine stärkere Variation ermittelt werden, d. h. die Spanne von erreichten Realisierungshäufigkeiten ist größer als bei den konsonantischen Besonderheiten.

Die Autorin leitet anschließend drei Entwicklungstendenzen ab und teilt die untersuchten Merkmale dementsprechend ein:

  1. Abbau des dialektalen Merkmals

  2. Erhalt des dialektalen Merkmals

  3. Zunahme des dialektalen Merkmals (Regeneration/Ausbau)

Besonders stark abgebaut werden die pfälzische /b/-Spirantisierung (Newwel vs. Nebel), die pfälzische /g/-Tilgung (schlahn vs. schlagen), die Entrundung (heere/grien vs. hören/grün) sowie die Hebung von /o/ (Sunne vs. Sonne) etc. Erhalten bleiben hingegen die Palatalisierung (fescht vs. fest), der Rhotazismus (Ferre vs. Feder), die Hebung von /e/ (Himbd vs. Hemd) sowie die Entrundung von [ɔɪ] (Heische vs. Häuschen). Darüber hinaus konnte Beyer auch Dialektvarianten ermitteln, deren Verwendung in der jüngeren Probandengruppe, im Vergleich zu den Älteren, zunimmt, wie etwa die Senkung von /u/ zu /o/ (Dorscht vs. Durst), bei der es sich um ein Phänomen handelt, „das für die Nordwestpfalz, das Ursprungsgebiet der niederrheinischen Siedler, ziemlich typisch“ (S. 125) ist.

Diese lautliche Entwicklung führt die Autorin darauf zurück, dass die Senkung zur Markierung der Sprachinselidentität der Sprecher dient und deshalb wieder verstärkt in der jüngeren Generation vertreten ist. Die abbauanfälligeren Merkmale sind auf die Standardassimilationen zurückzuführen, die Sprachinselvarietät passt sich der Standardsprache an. Die abbauresistenten Merkmale zeigen hingegen den „pfälzischen Ursprung der Kolonie“ (S. 166) und bleiben deshalb erhalten (siehe Kapitel 6).

Bei der tabellarischen Darstellung der Ergebnisse ist die genaue Zuordnung der im Text beschriebenen und in der Tabelle dargestellten Prozentwerte nicht immer problemlos möglich. So werden im Fließtext Prozentwerte angegeben, die in der tabellarischen Darstellung fehlen oder abweichen (vgl. Tabelle 45, S. 154–155). Darüber hinaus muss auch beachtet werden, dass sich einige Variablen nur auf geringe Datenmengen stützen (z. B. unverschobenes p, in G1 mit insgesamt 18 Realisierungen, davon 16 Belege für die dialektale Variante und 2 Belege für die verschobene Variante), was Einfluss auf die Übertragbarkeit mancher Ergebnisse haben kann.

In Kapitel 7 werden weitere Faktoren diskutiert, die die lautliche Struktur des Sprachinseldialekts beeinflusst haben könnten:

  1. die umgebende niederfränkische Umgangssprache,

  2. die Lexemgebundenheit, im Sinne einer lexikalisch gesteuerten Variation,

  3. die Steuerung der Ausbreitung von Lautwandelphänomenen durch Frequenzeffekte,

  4. phonologischer Wandel entsprechend den Annahmen der Natürlichen Phonologie.

Beyer kommt zu dem Schluss, dass das Niederfränkische auf den Sprachinseldialekt keinen großen Einfluss hatte, und auch bei der Untersuchung der Frequenzen von Lexemen sowie hinsichtlich der Prinzipien der Natürlichen Phonologie konnte keine klare Tendenz abgeleitet werden. Im Hinblick auf eine lexikalisch gesteuerte Variation stellt die Autorin allerdings fest, dass meist morphologisch einfache Lexeme und Lexeme des täglichen-dörflichen Lebens dialektal realisiert werden (Kapitel 7).

Im Rahmen der Schlussbetrachtungen (Kapitel 8) resümiert Beyer, dass Dialektrückgang durch sprachliche Assimilation (mehr Kontakt zu den Niederrheinern) und Dialektschwund (Rückgang des Dialektes zugunsten merkmalsärmerer Varietäten) in dem Gebiet stattgefunden haben, aber auch die Herausbildung eines „subjektiven Bewusstseins für die kulturelle Eigenständigkeit und die Andersartigkeit“ (S. 205) der Sprachinselbewohner beobachtet werden konnte.

Abschließend kann festgehalten werden, dass die Arbeit von Rahel Beyer den lautlichen Wandel der niederrheinischen Sprachinsel vor einem historischen Hintergrund sowie auf Basis der aktuellen soziolinguistischen Situation fundiert darstellt und somit einen beachtenswerten Beitrag zur Sprachinselforschung leistet.

Literatur

Honnen, Peter & Cornelia Forstreuter. 1994. Sprachinseln im Rheinland. Eine Dokumentation des Pfälzer Dialekts am unteren Niederrhein und des „Hötter Platt“ in Düsseldorf-Gerresheim (Rheinische Mundarten 7). Köln: Rheinland-Verlag. Search in Google Scholar

Published Online: 2019-11-19
Published in Print: 2019-12-04

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