Open Access Published by De Gruyter April 29, 2020

Zimmer, Christian. 2018. Die Markierung des Genitiv(s) im Deutschen. Empirie und theoretische Implikationen von morphologischer Variation (Reihe Germanistische Linguistik, Band 315). Berlin, Boston: De Gruyter.

Peter Gallmann

Der Gegenstand der vorliegenden Arbeit ist auf den allerersten Blick relativ eng: Im Zentrum steht ein morphologisches Problem beim Genitiv Singular der Maskulina und Neutra der deutschen Gegenwartssprache, nämlich die Variation von Genitiv‑s und Endungslosigkeit. Die Arbeit zeigt jedoch, dass man mit gut konzipierten Fragestellungen und geschickt ausgewählten Methoden zu Einsichten gelangen kann, die nicht nur das namengebende morphologische Problem der Arbeit betreffen, sondern darüber hinaus für die Grammatikschreibung und die Grammatikforschung in den Bereichen Morphologie, Norm/Varianz und Sprachwandel von allgemeinem Interesse sind.

Inhalt

Der Genitiv bereitet im Deutschen viele Probleme. Es gibt hier einerseits die bekannten Gebrauchsprobleme, etwa die Konkurrenz mit anderen Konstruktionen (keineswegs nur die überstrapazierte Konkurrenz mit dem Dativ), siehe dazu die Zusammenstellung in Duden (2016, Randnummern 1534–1540). Und zum anderen gibt es Formprobleme, namentlich bei den starken Maskulina und Neutra.[1] Wie in der Publikation von Konopka & Fuß (2016) nachgewiesen wurde, handelt es sich dabei nicht um eine schlichte Dreifachopposition ‑es vs. ‑s vs. null; so gut wie immer stehen sich nämlich entweder die lange und die kurze Endung oder aber die kurze Endung und gar keine Endung gegenüber. Die Arbeit von Konopka & Fuß hat vor allem bei der ersten Opposition zu neuen Einsichten geführt. Dass Zimmer nun eine Arbeit vorlegt, in der die zweite Opposition, ‑s vs. null, im Zentrum steht, ist daher als sinnvolle Arbeitsteilung in der morphologischen Forschung zum deutschen Genitiv zu begrüßen.

Die Arbeit hat einen sinnvollen Aufbau. Nach einer Übersicht (Kapitel 1) werden in Kapitel 2 die Methodik einer größeren Korpusuntersuchung und deren Ergebnisse vorgestellt und diskutiert. In Kapitel 3 werden erste Schlussfolgerungen gezogen, insbesondere die in der Fachliteratur vorgeschlagenen Faktoren für Endungslosigkeit hinsichtlich ihrer Wirksamkeit gewichtet. In Kapitel 4 werden drei Gruppen von Nomen mit überdurch­schnittlich oft zu beobachtender Endungslosigkeit genauer betrachtet: schwach integrierte Fremdwörter, Eigennamen und Kurzwörter. Kapitel 5 zieht Schlüsse auf das Flexionsklassensystem des Deutschen.

Kapitel 1 liefert außer der Übersicht über den Aufbau des Buches auch eine Übersicht zum Forschungsstand. Erwähnenswert ist der Einbezug der frühen Arbeit von Appel (1941), da diese schon vieles wenigstens als Vermutung postuliert hat, was nun in der vorliegenden Arbeit besser, als es damals möglich war, nachgewiesen werden konnte.

In Kapitel 2 macht der Verfasser plausibel, dass das von ihm gewählte Korpus DECOW2012 besonders geeignet ist, Tendenzen in der Genitivmarkierung aufzuzeigen. Dieses Korpus enthält eine große Anzahl nicht professionell editierter und korrigierter Texte. Dass darin auch schlichte Versehen und Tippfehler enthalten sind, wird vom Verfasser selbstverständlich berücksichtigt. In die Korpusrecherche wird eine breite Palette möglicher Faktoren einbezogen, die die Genitivmarkierung beeinflussen und die auf den Seiten 20–21 übersichtlich präsentiert werden. Sie sind alle irgendwann schon einmal in der Fachliteratur genannt worden, aber erst mit der vorliegenden Arbeit ist mit einiger Sicherheit der Nachweis gelungen, welche davon tatsächlich relevant sind. Damit die Breite der Untersuchung klar wird, seien hier diese Faktoren trotz der bei Rezensionen gebotenen Kürze aufgelistet:[2]

  • Frequenz (→ eher Endungslosigkeit bei niedriger Frequenz)

  • Lexik: ± Fremdwort, ± Kurzwort (→ mehr Endungslosigkeit bei Items mit Pluswerten)

  • Lexik/Semantik: ± Eigenname (→ mehr Endungslosigkeit bei Eigennamen)

  • Lexik/Semantik: ± inhärente Monoreferenz (eigennamenähnliche Appellative) (→ wenn der Faktor vorliegt, lässt sich eine schwache Tendenz zu vermehrter Endungslosigkeit nachweisen)[3]

  • Genus: Maskulinum vs. Neutrum (→ kein Einfluss nachweisbar)

  • Syntax/Wortbildung[4]: Kernnomen + juxtaponiertes Nomen (→ mehr Endungslosigkeit als bei einfachen Kernen)

  • Syntaktische Funktion der Genitivphrase (Attribut, Objekt, Adverbiale, Komplement einer Adposition) (→ kein Einfluss nachweisbar)

  • Innere Struktur der Genitivphrase: ± Vorhandensein bestimmter Determinierer; Verschachtelung von Genitivphrasen („Genitivhäufung“), Abstand zwischen Determinierer und Nomen (Umfang der Nominalgruppe) (→ kein Einfluss nachweisbar)[5]

  • Wortbildung: ± Derivation, ± Komposition, ± Fugen-s (→ kein Einfluss nachweisbar)

  • Wortausgang, darunter ± s-Laut (→ mehr Endungslosigkeit bei Wortausgang -s, aber nur dann, wenn zugleich eine der oben genannten Lexemtypen vorliegt: Eigenname, monoreferentes Appellativ, Fremdwort, Kurzwort; sonst kein Einfluss der phonologischen Struktur des Wortes auf die Genitivmarkierung nachweisbar)[6]

  • Andere lautliche Faktoren: Silbenzahl, Anzahl der auslautenden Konsonanten, Anzahl der s-Laute innerhalb des Wortes (→ kein Einfluss nachweisbar)

Der Verfasser kommt zu dem Schluss, dass hauptsächlich Ausdrücke, die der lexikalischen Peripherie zuzurechnen sind, zu Endungslosigkeit tendieren. Das sind offenbar Lexeme mit besonderem „Schonungsbedarf“. Zu dieser Einschätzung passen die Faktoren niedrige Frequenz, Eigenname/Eigennamenähnlichkeit sowie (wenig etabliertes) Fremdwort und Kurzwort. Darüber hinaus stellt er fest, dass Genitivphrasen so gut wie immer einen Determinierer mit s‑Genitiv aufweisen.[7] Endungslosigkeit am Nomen führt daher nur dazu, dass der Kasus weniger redundant angezeigt wird, der Kasus ist also auch dann immer klar erkennbar.

In Kapitel 3 geht der Verfasser den zwei Faktoren nach, die sich pro und contra Genitivmarkierung auswirken: Schemakonstanz vs. systemkonforme saliente Kodierung grammatischer Merkmale. Was sich schon in der Diskussion in Kapitel 2 abgezeichnet hat (und auch schon von Appel 1941 vermutet worden ist), verdeutlicht sich: In der Peripherie hat die „Schonung“ der Ausgangsform, das heißt die Schemakonstanz, mehr Gewicht (→ Unterlassung der Flexion), im Zentrum hingegen die Genitivanzeige (→ Beitrag zur Wortgruppenflexion und damit bessere Erkennbarkeit der syntaktischen Funktion der jeweiligen NP)[8]. Beides kommt systematisch zum Zug. Der Verfasser legt zu Recht Wert auf die Feststellung, dass Peripherie nicht mit Unsystematizität gleichgesetzt werden darf. In der Peripherie können einfach andere Regeln – und zwar teilweise durchaus systematisch – zum Zug kommen als im Kern des Sprachsystems.

In Kapitel 3 wird kurz die sonst nicht im Zentrum der vorliegenden Arbeit stehende Opposition von Langform -es und Kurzform -s des Genitivflexivs angesprochen, und zwar im Hinblick auf die Schemakonstanz. Hier möchte der Gutachter relativierend bemerken, dass hohe Gewichtung der Schemakonstanz nicht so eindeutig für die Verwendung der Kurzform spricht: Eine Genitivform wie die als Beispiel herangezogene Form Verbundes hat zwar eine andere Silbenstruktur als die Ausgangsform Verbund, bewahrt aber den zugrundeliegenden stimmhaften Obstruenten [d]. Die als Beispiel herangezogene Form Verbunds ist hinsichtlich der Silbenstruktur konstant, weist aber Auslautneutralisierung auf (das hat zwar auch die Ausgangsform; vgl. aber den Plural Verbünde). Offenbar ist die Konstanz der Silbenstruktur wichtiger als die Konstanz beim auslautenden Obstruenten. Die theoretischen Überlegungen konnten durch ein Leseexperiment des Verfassers bestätigt werden: Periphere nominale Wortformen können schneller verarbeitet werden, wenn sie ohne Genitiv‑s stehen.

Kapitel 4 widmet sich den wichtigsten drei Unterarten nominaler Einheiten, bei denen die Flexion im Genitiv unterlassen wird, das heißt den nominalen Einheiten mit besonderem „Schonungsbedarf“: wenig integrierte Fremdwörter, Eigennamen und Kurzwörter (und unter diesen vor allem die buchstabierten Initialkurzwörter des Typs AKW). Was die Fremdwörter betrifft, so kann der Verfasser auf Basis besonderer Recherchen in Korpora mit entsprechender diachroner Tiefe nachweisen, dass Endungslosigkeit schon im 17. Jahrhundert üblich war, und zwar vor allem bei damals neuen Fremdwörtern. Mit der Integration in den zentralen Wortschatz ging auch die Endungslosigkeit im Genitiv zurück. Typische Beispiele sind Klima (Clima), Embryo, Interesse.

Bei den Eigennamen spielt Vertrautheit eine Schlüsselrolle. Hier liefert der Verfasser ebenfalls zwei überzeugende Nachweise: zum einen eine Korpusstudie, bei der nach den einzelnen in Frage kommenden Faktoren wie [± frequent], [± graphematisch integriert] sorgfältig differenziert wird, unter anderem mit einem Akzeptabilitätstest: Hier wurden die Genitivformen geografischer Eigennamen abgefragt – und tatsächlich tendierten die Versuchspersonen bei Namen aus ihrer näheren Umgebung eher zum Genitiv‑s als bei solchen in weniger vertrauten Gegenden (vgl. die Karten zu Engadin und Inn, S. 159 und 161). Bei den buchstabierten Initialkurzwörtern des Typs AKW (davon zu unterscheiden sind lautierte Initialkurzwörter wie UFO) weist der Verfasser zu Recht darauf hin, dass hier sogar eine Tendenz besteht, auf das Plural‑s zu verzichten,[9] die Schemakonstanz ist hier also besonders hoch gerankt. Nur am Rand erwähnt wird der (im amtlichen Regelwerk nicht vorgesehene, aber gar nicht so selten anzutreffende) Behelf, das Genitiv‑s mit einem Apostroph vom restlichen Wortkörper zu trennen, zum Beispiel des Pkw’s, des AKW’s; vgl. hierzu Scherer (2013).

In Kapitel 5 diskutiert der Verfasser, inwieweit das systematische Anfügen bzw. das ebenso systematische Nichtanfügen des Genitiv‑s mit Vorschlägen der typologischen Fachliteratur zur inneren Organisation von Flexionsklassensystemen kompatibel ist. Hinsichtlich der Frage, wie viele Deklina­tionsklassen überhaupt für das Deutsche angesetzt werden sollen und wie diese sich zueinander verhalten, kommt die bisherige Fachliteratur zu keinem einheitlichen Bild. Insbesondere stehen sich Ansätze gegenüber, die nach dem Muster etwa des Lateins Kasus- und Numerusflexion zusammen betrachten, also Paradigmen mit acht Merkmalkombinationen (2 Numeri, 4 Kasus) annehmen, und Ansätze, die (wie die Dudengrammatik 2016) zur Annahme tendieren, im heutigen Deutschen hätten sich beim Nomen die Numerusflexion und die Kasusflexion weitgehend voneinander entkoppelt, sodass diese unabhängig voneinander zu betrachten seien.[10] Der Verfasser stützt sich im Folgenden auf den ersten Ansatz. Im Vordergrund steht die Frage, inwiefern sich die zwei typischsten Muster des „Schonungsbereichs“ (Fremdwörter, Eigennamen und buchstabierte Akronyme) zu den übrigen Mustern verhalten. Muster (i): s‑Genitiv und s‑Plural; Muster (ii): ø‑Genitiv und s‑Plural. Wenn man tatsächlich zwei eigenständige Paradigmen ansetzt, zeigt sich schnell, dass das Deklinationsklassensystem des Deutschen den strikten Lesarten von zwei bekannten Generalisierungen der Fachliteratur widerspricht: dem Paradigm Economy Principle von Carstairs (1987) und dem No Blur Principle von Carstairs‑McCarthy (1994). Beide Generalisierungen haben sich bei der Beschreibung von Flexionssystemen unterschiedlichster Sprachen bewährt, sodass sich die Frage stellt, ob die deutschen Daten unter einem etwas anderen Blick vielleicht trotzdem damit vereinbar sind. Geprüft werden vier Möglichkeiten: a) Die zwei Formenreihen werden als Ausnahme deklariert und gar nicht ins Grundsystem der deutschen Sprache integriert; b) die Formenreihen bilden eigenständige Klassen; c) die Formenreihen sind der Klasse der Feminina mit s‑Plural zuordnen (diese haben von Haus aus einen ø‑Genitiv); d) die Formenreihe mit ø‑Genitiv ist als Variante der Klasse mit s‑Genitiv und s‑Plural zu bestimmen. Die sorgfältige Diskussion führt den Verfasser zu dem Schluss, dass für den letzten Ansatz d) die meisten Argumente sprechen. Dazu gehört auch, dass dieser Ansatz der Genusschranke gerecht wird, das heißt der deutlichen flexionsmorphologischen Trennung von Maskulinum/Neutrum einerseits und Femininum/Plural andererseits (die in Ansatz c) verletzt würde). Gegen a) spricht unter anderem, dass das Phänomen zu systematisch auftritt, als dass es als vernachlässigbar eingestuft werden kann. Die Varianz des Typs -s vs. -ø wird im Übrigen unterschieden von Phänomenen wie des Magneten vs. des Magnets, wo wohl tatsächlich ein Schwanken zwischen zwei Flexionsklassen anzunehmen ist.

Dieses Ergebnis von Kapitel 5 legt nahe, dass nicht jede Art von Varianz eigenständige Flexionsklassen konstituiert, sodass man an der universellen Geltung der zwei Generalisierungen vorderhand festhalten kann.

Fazit

Der Verfasser weist auf einer breiten und fundierten theoretischen Grundlage mit unterschiedlichen empirischen Untersuchungen (Korpusrecherche, Leseexperiment, Beurteilungstest) überzeugend nach, dass Endungslosigkeit im Genitiv Singular der Maskulina und Neutra ein Phänomen ist, das hauptsächlich lexikalische Einheiten mit besonderem „Schonungsbedarf“ betrifft, das heißt Ausdrücke mit erhöhter Anforderung an die Schemakonstanz, insbesondere wenig integrierte Fremdwörter, Eigennamen und eigennamenähnliche Ausdrücke sowie buchstabierte Initialkurzwörter.

Das ist aber noch nicht alles. Das Buch ist auch für Forschende, die sich nicht speziell für die Genitivmorphologie interessieren, mit Gewinn zu lesen. Von Interesse ist es insbesondere auch für diejenigen, die sich allgemeiner mit der Frage befassen, ob und gegebenenfalls wie empirische Untersuchungen zu Einsichten auch auf der theoretischen Ebene führen. Das vorliegende Buch zeigt, dass und wie das möglich ist.

Literatur

Ackermann, Tanja. 2018 a. Grammatik der Namen im Wandel. Diachrone Morphosyntax der Personennamen im Deutschen. Berlin, Boston: De Gruyter. Search in Google Scholar

Ackermann, Tanja. 2018 b. From genitive inflection to possessive marker? The development of German possessive -s with personal names. In: Tanja Ackermann, Christian Zimmer & Horst Simon (Hg.): Germanic Genitives. Studies in Language Companion Series. Amsterdam, Philadelphia: Benjamins, 189–230. Search in Google Scholar

Appel, Elsbeth. 1941. Vom Fehlen des Genitiv‑s. München: Beck. Search in Google Scholar

Carstairs, Andrew. 1987. Allomorphy in Inflexion. London: Croom Helm. Search in Google Scholar

Carstairs-McCarthy, Andrew. 1994. Inflection classes, gender, and the principles of contrast. In: Language 70, 737–788. Search in Google Scholar

[Dudengrammatik 2016 =] Wöllstein, Angelika & Dudenredaktion (Hg.). 2016. Duden. Die Grammatik. 9., vollständig überarbeitete und aktualisierte Auflage. Berlin: Dudenverlag. Search in Google Scholar

Gallmann, Peter. 2018. The Genitive Rule and its background. In: Tanja Ackermann, Horst Simon & Christian Zimmer (Hg.). Germanic Genitives. Studies in Language Companion Series. Amsterdam, Philadelphia: Benjamins, 149–180. Search in Google Scholar

Konopka, Marek & Eric Fuß. 2016. Genitiv im Korpus. Untersuchungen zur starken Flexion des Nomens im Deutschen. Tübingen: Narr. Search in Google Scholar

Scherer, Carmen. 2013. Kalb’s Leber und Dienstag’s Schnitzeltag. Zur funktionalen Ausdifferenzierung des Apostrophs im Deutschen. In: Zeitschrift für Sprachwissenschaft 32, 75–112. Search in Google Scholar

Online erschienen: 2020-04-29
Erschienen im Druck: 2020-12-01

© 2020 Peter Gallmann, publiziert von Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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