Open Access Published by De Gruyter August 12, 2020

Simone Schultz-Balluff. 2018. Wissenswelt ‚triuwe‘. Kollokationen – Semantisierung – Konzeptualisierung (Germanistische Bibliothek 59). Heidelberg: Winter, 434 S.

Dietrich Busse

Anzuzeigen ist ein Werk, das die Chance hat, zu einem Standardwerk zu werden. Die Bochumer Habilitationsschrift von Simone Schultz-Balluff zielt nicht nur auf eine möglichst umfassende Darstellung der – wie schon länger bekannt ist und sich auch in den Untersuchungen des Bandes deutlich zeigt – ziemlich komplexen Semantik des Ausdrucks triuwe (in allen seinen lautlichen und graphematischen Varianten und Verwendungskontexten) in Texten der ahd. und mhd. Sprachepochen. Sie geht ihren Gegenstand auch mit einem innovativen Methoden-Setting an, das beispielgebend für viele weitere Studien werden könnte. Angesichts der großen Funktionsbreite der quellentextlichen Ausdrücke, die der Forschung und den Versuchen einer zusammenfassenden semantischen Beschreibung in der Vergangenheit schon immer erhebliche Probleme bereitet hat, ist es nur konsequent, wenn die Verfasserin ihre Arbeit mit Wissenswelt ‚triuwe‘ übertitelt, statt im Fach bislang eher übliche Betitelungen wie etwa „Zur historischen Semantik von triuwe“ oder „Begriffsgeschichte von triuwe“ zu wählen. Denn eines lehren die Ergebnisse der in diesem Werk reportierten Studien der Verfasserin: Dass die Verwendungsweisen von triuwe in den zugrundegelegten Quellen sich – trotz des Vorhandenseins einzelner gemeinsamer epistemischer Kernelemente – jeglichen Versuchen der Formulierung einer (in der diachronen Semantik des 19. und 20. Jahrhunderts von vielen favorisierten) einheitlichen oder Abstrakt-Bedeutung entziehen. Stattdessen, so argumentiert die Verfasserin überzeugend, muss es einer Tiefe und Breite zugleich anstrebenden Untersuchung darum gehen, die Verwendungsbreite und Vielfalt der triuwe-Ausdrücke in Hinblick auf alle wirksamen textfunktionalen und ‑situativen Faktoren in ihrem ganzen Umfang und ihrer Differenziertheit angemessen zu erfassen und darzustellen.

Die Arbeit entstand in der sog. „Altgermanistik“, die mithin einem Teilfach der Germanistik angehört, deren Vertreterinnen und Vertretern man wohl nicht zu nahe tritt, wenn man konstatiert, dass sie in ihrer überwiegenden Mehrzahl dieses schon lange vornehmlich als Literaturwissenschaft (oder breiter als textbezogene Kulturwissenschaft) der älteren deutschen Sprachepochen begreifen. Sie passt auch deswegen gut als Rezensionsobjekt in eine Zeitschrift für Rezensionen zur Germanistischen Sprachwissenschaft, weil sie in höchst innovativer Weise versucht, eben sprachwissenschaftliche Methoden im engeren Sinne (meist jüngerer Entstehungszeit) – wieder – im Forschungskontext der Altgermanistik zu etablieren. (Heute ist womöglich Vielen im Fach Germanistik nicht mehr bewusst, in welch enger Beziehung im Fach einst Altgermanistik und Sprachwissenschaft standen – noch zu Studienbeginn des Rezensenten kannten viele deutsche Universitäten noch gar keine eigenen Abteilungen für germanistische Sprachwissenschaft, sondern allenfalls Professuren in der „Älteren Abteilung“, deren Inhaber – oft mit einer Venia in „Deutscher Philologie“ oder ähnlich – sich zunehmend auf Linguistik spezialisiert hatten). Vor diesem Hintergrund ist es als durchaus mutiger und innovativer Schritt anzusehen, wenn man so beherzt, wie es die Verfasserin in dieser Arbeit tut, das Teilfach Altgermanistik durch (Re-)Implantierung linguistisch erprobter Methoden wieder an seine sprachwissenschaftlichen Wurzeln heranführt, und zwar – wie, um möglichen Missverständnissen (ob gewollten oder ungewollten) vorzubeugen, ausdrücklich betont werden sollte – ohne die Eigenständigkeit und die bewährten methodischen Standards des eigenen Teilfachs dabei aufzugeben oder zu schwächen.

Die vorliegende Studie widmet sich laut der Verfasserin explizit der Frage, „wie Sprachbetrachtung und Literaturbetrachtung auf der Grundlage der gegenwärtigen medialen Möglichkeiten (wieder) stärker in Wechselwirkung miteinander treten können. Die Grundannahme ist dabei, dass sprachliches und literarisches Schaffen – weil sie einander bedingen – unbedingt zusammen gesehen werden müssen.“ (S. 13)

Es sollen die Dimensionen Sprache, Literatur, Kognition und Kultur theoretisch wie methodisch in einen engeren Zusammenhang gebracht werden, als dies in klassischen Untersuchungen der Fall ist. Charakteristika des Programms der Studie sollen sein „Auswertung umfassender Korpora“, „Theoretische Verankerung“ und „Rückbindung der empirischen Ergebnisse an die Theoriebildung“ (S. 13). Folgende Aspekte sollen das Vorgehen leiten:

  1. „Es gibt Forderungen der germanistischen Mediävistik nach intensiverer Auseinandersetzung mit dem Text als sprachlichem Gebilde und nach deutlich mehr Einbezug historisch semantischer Vorgehensweisen;

  2. es liegen übertragbare Ansätze der kognitiven Linguistik und Verfahren der linguistischen Diskursanalyse sowie der Frame-Semantik zur Erfassung auch historischer Wissensstrukturen (Konzepte) vor;

  3. es kann eine Neuperspektivierung der historischen Semantik unter Verwendung der medialen Möglichkeiten erreicht werden, indem das Ineinandergreifen von Sprache und Literatur schließlich mit Blick auf die historische Kulturwissenschaft analysiert wird.“ (S. 14)

Dabei beharrt die Verfasserin darauf, dass „die vorliegende Untersuchung eine philologisch motivierte [ist], die dem Bereich der historischen Semantik zuzuordnen ist und deren Blickrichtung deutlich eine germanistisch-mediävistische ist“ (S. 14).

Das Buch umfasst sechs Kapitel unterschiedlichen Umfangs (und Gewichts). Im 12 Seiten umfassenden Einleitungsteil (Kap. I) entfaltet die Verfasserin die Grundannahmen des theoretischen wie methodischen Settings und die Motive für dessen Wahl, geht auf die Forschungsgeschichte zu „Treue“ in deutschen Texten des Mittelalters ein, gibt zum Vorgehen editorische Hinweise und schildert Vorgehensweise und Aufbau der Arbeit. Wie wichtig der Verfasserin die theoretische und methodische Neuorientierung ist, sieht man auch daran, dass dem der Entfaltung und Motivierung der theoretischen und methodischen Grundlagen und Grundannahmen gewidmeten Kap. II (unter der Überschrift „Sprache und Literatur im Spannungsfeld von historischer Semantik, kognitiver Linguistik und mediävistischer Literaturwissenschaft“) mit insgesamt 107 Seiten Umfang doch ein recht großes Gewicht in der Gesamtanlage der Arbeit zukommt. Im nur zehn Seiten umfassenden Kap. III werden sodann „Etymologie, Bedeutungsbereiche und Wortfamilie“ von triuwe dargestellt. Zentrum der Arbeit ist zweifellos der Bericht über die durchgeführten empirischen Untersuchungen im mit 203 Seiten deutlich über die Hälfte des Gesamttextes ausmachenden Kap. IV „Verwendungsweisen von triuwe und diskursive Formationen von ‚Treue‘ in deutschsprachigen Texten von den Anfängen bis 1350“. Ergänzt wird es durch eine zwanzig Seiten umfassende Teilstudie in Kap. V, die unter dem Titel „Perspektiven auf Literatur“ im ersten Teil Ergebnisse und Forschermeinungen aus der Forschungsliteratur zu triuwe zusammenfasst und diese dann im zweiten Teil mit Detailuntersuchungen zum Stellenwert und zur Funktion von triuwe in ausgewählten literarischen Quellentexten, u. a. ausführlicher dem Parzival Wolframs von Eschenbach, konfrontiert. Ein zusammenfassendes und bewertendes Kap. VI („Synergien, Grenzen und neue Wege einer historischen Semantik“) schließt den Haupttext ab. Ergänzt wird der Text durch einen sechzigseitigen Anhang, der neben Quellen-, Literatur- und Abbildungsverzeichnis ausführliche Übersichten über Zeiträume und Belegzahlen sowie von Belegstellen in allen zugrundegelegten Quellen von triuwe und untriuwe enthält.

Nachfolgend sollen die theoretischen wie methodischen Grundannahmen (in Kap. II) sowie die wichtigsten empirischen Ergebnisse und der Weg ihrer Gewinnung (in Kap. IV) etwas ausführlicher betrachtet werden.

Der erste Teil der theoretischen Grundlegung (Kap. II.1) gibt einen „Wissenschaftsgeschichtlichen Abriss zur historischen Semantik“ (1.2), bestimmt die „gegenwärtige Positionierung der historischen Semantik als Wissenschaftsrichtung“ (1.1) und erkundet „Neue Wege einer historischen Semantik“ (1.3). Referiert werden wichtige (linguistische) Positionen des 19. und 20. Jahrhunderts zu diachroner Semantik und Bedeutungswandel (Paul, Wundt, Wellander, Sperber, Trier, Coseriu, Keller) unter Berücksichtigung theoretischer Stichwortgeber wie Humboldt oder Wittgenstein (und unter Bezugnahme auf Darstellungen von u. a. Fritz 2006, Blank 1997, Nerlich 1992 sowie Busse 1987). Herausgearbeitet werden Motive dafür, über die traditionelle reine Wortbedeutungsgeschichte hinauszugehen und Ansätze aus der Begriffsgeschichte wie auch einer kognitivistisch verankerten Concept- bzw. Wissensanalyse zu berücksichtigen, wobei die strengen Maßstäbe einer empirischen, also stets in den Details des sprachlichen Datenmaterials verankerten linguistisch-semantischen Analyse keineswegs aufgegeben werden sollen. (Dass einer der wichtigsten Begründer der neueren historischen Semantik außerhalb der Germanistik, Reinhart Koselleck, mit seinem weit über die Geschichtswissenschaft hinaus beispielgebenden theoretisch-methodischen Programm des Lexikonwerks „Geschichtliche Grundbegriffe“ (1972) kein einziges Mal erwähnt wird und auch nicht im Literaturverzeichnis auftaucht, soll hier nicht kommentiert werden, verwundert aber; dies umso mehr, als er mitverantwortlich war für eine stärkere Fokussierung der historischen Semantik auf Wissensstrukturen, was ja doch ein zentraler Punkt der Agenda der Verfasserin ist). Erkennbar sucht die Arbeit Anschluss an neuere Strömungen im Bereich der kulturwissenschaftlich interessierten (germanistischen) Linguistik, wie etwa „handlungstheoretische Semantik, linguistische Diskursanalyse und Wissensrahmen“ (so die Überschrift von Teilkap. II.1.2.3). Nach ausführlicherer Diskussion von verschiedenen Positionen und Plädoyers zu einer Neubegründung des Verhältnisses von Literaturwissenschaft und Sprachwissenschaft in der Mediävistik (in Kap. II.2 u. d. T. „Spracharbeit und literarisches Schaffen: Die Relevanz semantischer Analysen für die germanistische Mediävistik“) plädiert die Verfasserin, wie sich im weiteren Verlauf von Kap. II zeigt, mit Nachdruck für einen Einbezug von theoretischen Perspektiven und Methoden, wie sie momentan stärker im linguistischen Teilfach der Germanistik virulent sind, auch in den Methodenkanon historisch-semantisch ausgerichteter Analysen in ihrem eigenen Teilfach, der germanistischen Mediävistik.

Ein zentraler Punkt in der beabsichtigten Neuorientierung der historisch semantischen Analyse mit konkreten Auswirkungen auf das Design der Datenerhebung und vor allem ‑auswertung und ‑interpretation sind „Wissenswelten“ (Teilkap. II.3) und „Wissensbereiche“. Ausgegangen wird dabei von der in der neueren wissensorientierten Semantik etablierten Auffassung, dass Wörter und Satzstrukturen in Texten Zugänge zu Wissenselementen und ‑bereichen erschließen (helfen), und zwar weit über die engen Grenzen eines traditionellen (wie strukturalistischen und logisch-semantischen) Verständnisses von Bedeutungswissen hinaus. Zu Recht zitiert die Verfasserin (S. 68) Heringer (1999, 23): „Die Grenze zwischen Sprachwissen und Sachwissen muss nicht gezogen werden. Die semantische Welt wird reicher ohne sie.“ Methodisch soll sich die auf Sprachmaterial gestützte Erschließung und Darstellung von Wissen und Wissensstrukturen an Beispielen der germanistisch-linguistischen Diskursanalyse und der Frame-Semantik orientieren, deren Vorgehensweisen die Verfasserin ausführlich in den Teilkap. II.5 („Sammeln und Auswerten: Diskursanalytische Möglichkeiten“) und II.6 („Ordnen und Sichtbarmachen: Frame-Semantik“) darstellt und diskutiert. Während es für die Orientierung an Zielen und Vorgehen der linguistischen Diskursanalyse im Kontext der germanistischen Mediävistik vereinzelt Vorläufer gibt (z. B. Braun 2006), stellt eine mediävistische Anwendung der neueren linguistischen Frame-Semantik ein absolutes Novum dar. Gemeinsam ist beiden Forschungsrichtungen eine strikte Korpus-Orientierung, weshalb die Verfasserin, wie in Teilkap. II.4 berichtet und diskutiert wird, besondere Sorgfalt für die Korpuszusammenstellung und die Art seiner Auswertung aufgewendet hat. Das „Design der Referenzkorpora zum Altdeutschen und Mittelhochdeutschen“ wird detailliert beschrieben; insbesondere geht die Verfasserin hier aber auch auf den für ihre Methodik wichtigen Aspekt der Differenzierung der Textquellen nach „Bezugswelten, Texttypen und Textfunktionen“ und die Differenzierung von Textstellen nach „Themen, Duktus und Sprechakten“ ein. Damit setzt sie bereits teilweise um, was im folgenden Teilkapitel mit Bezug auf das in der linguistischen Diskursanalyse beispielgebende „diskursanalytische Mehrebenenmodell“ von Warnke/Spitzmüller (2008, 44) an methodischen Anforderungen referiert wird. (Es ist nicht möglich, die zahlreichen Details der Vorgehensweise im Rahmen der Umfangsbeschränkung dieser Rezension zu referieren.) Die Grundlagen und Methoden der Frame-Semantik werden, beruhend auf dem Basismodell des Kognitionswissenschaftlers Barsalou (1992), mit Bezug u. a. auf die germanistisch-linguistischen Arbeiten von Konerding (1993), Ziem (2008) und Busse (2012) eingeführt.

Das Zentrum der Arbeit ist die auf insgesamt 779 Belegstellen (für triuwe, untriuwe und ihre graphematischen Varianten) der altdeutschen und mittelhochdeutschen Textquellen beruhende empirische Analyse. Das Vorgehen wird wie folgt beschrieben:

  1. „Ausgehend von Schlüsselwörtern werden Geltungsbereiche und Themenfelder skizziert. Diese Korrespondenzen im weiteren semantischen Umfeld hintergrundieren die Thematisierung von triuwe-Verhältnissen im Text;

  2. mit der Analyse der Verwendung von (un)triuwe in Präpositionalphrasen, im Objektgebrauch (Analyse entlang der Aktionsarten Agens und Patiens) und mit der Analyse der direkten und indirekten Modifikatoren wird das engere semantische Umfeld ausgewertet;

  3. wiederkehrende und an markanten Stellen im Text positionierte Formulierungsroutinen (Zweiwortverbindungen, formelhafte Wendungen) werden strukturell und mit Bezug zu Textstelle und Textsorte untersucht;

  4. ausgehend von der strukturellen Fraktur werden die sprachlichen Bilder hinsichtlich ihrer Geltungsbereiche und ihrer Aussagekraft analysiert.“ (S. 145)

Ergänzt werden soll dieses Methodensetting durch folgende Aspekte einer diskursiven Analyse:

  1. „Status von Treuebeziehungen: Im Zentrum steht die Auswertung der einzelnen möglichen Status: Konstituierung bzw. Beginn, Durchführung, Krise, Bruch und Beendigung eines Treueverhältnisses;

  2. Akteure und personelle Konstellationen: Da jedem Treueverhältnis ein (wenn auch imaginiertes) personelles Gefüge zugrunde liegt, werden die folgenden Verbindungen betrachtet: Herrschaftliche und genossenschaftliche Treueverbindungen, Treueverbindungen zwischen Mann und Frau, Eltern und Kind, Mensch und spirituellen Instanzen, Individuum und abstrakter Instanz.“ (S. 146)

Die dann folgenden über 200 Seiten an Auswertung und Analyse gehen diese Untersuchungsschritte systematisch durch und sind durch zahlreiche, „Frames“ genannte Darstellungen von Wissenskonstellationen und ‑beziehungen illustriert – insgesamt enthält das Buch 94 Abbildungen. Kap. IV.2 behandelt Schlüsselwörter, Geltungsbereiche und Themenfelder, Kap. IV.3 lexikalische Solidaritäten und Kollokationen, Kap. IV.4 analysiert Formulierungsroutinen, Kap. IV.5 sprachliche Bilder; Kap. IV.6 ist einer Analyse des Konzepts untriuwe gewidmet, Kap. IV.7 analysiert die situativen Rahmen von Treueverhältnissen und Kap. IV.8 stellt Akteure und personelle Konstellationen in den Mittelpunkt. Sämtliche Analysen erfolgen immer eng am Belegmaterial und mit der erforderlichen (leider anderswo nicht in allen mediävistisch-semantischen Analysen praktizierten) linguistisch-semantischen Detailliertheit und Sorgfalt. Kap. IV.9 „Semantisierungsrichtungen und Semantiken von (un)triuwe“ zieht dann eine semantische Bilanz über sämtliche Teilergebnisse. Herausgearbeitet werden vier „Geltungsbereiche“ von (un)triuwe mit jeweils eigenen semantisch-epistemischen Konstellationen und Prägungen: Rechtliches, Herrschaft und Gesellschaft, Religion und Glauben, sowie Individuum. Bezüglich der text- und textsortenübergreifenden Analyse werden folgende Ergebnisse festgehalten:

  1. „Texte verwenden weder einen einzigen noch beliebig viele Treuebegriffe; jede Verwendungsweise von (un)triuwe lässt sich einer der o.g. Bezugswelten zuordnen und referiert auf einen entsprechenden Bedeutungsbereich;

  2. die Verwendung von (un)triuwe erfolgt also nicht in erster Linie text-, sondern situationsbezogen und muss text- bzw. themenübergreifend, d. h. diskursiv, gedacht (und analysiert) werden;

  3. die textliche Implementierung und Disambiguierung von (un)triuwe muss als bewusster Vorgang bei der Textarbeit, d. h. bei der Herstellung von textlicher Kohärenz, bewertet werden;

  4. die sprachliche Gestaltung im Sinn von Spracharbeit zeigt in weiten Teilen mit den Bezugswelten korrelierende Muster;

  5. die sprachliche Faktur korreliert ausgesprochen deutlich mit der thematischen Ausrichtung.“ (S. 343)

Hinsichtlich einer zusammenfassenden Gesamtwürdigung der hier besprochenen Arbeit ist zu berücksichtigen, dass der Rezensent zwar ehemaliger Inhaber einer Professur für germanistische Sprachgeschichte, aber vom Fach her eben kein Mediävist ist. Der Blick ist daher eher ein allgemein sprachgeschichtlich und vor allem linguistisch informierter. Aus dieser Sicht erscheint die besprochene Arbeit als ein avancierter und an­spruchsvoller Versuch einer methodisch sehr umfassend angelegten historisch-semantischen Analyse, die eine Vielzahl von in der hier vorgefundenen Differenziertheit und Integration in der Mediävistik der letzten Jahre und Jahrzehnte nicht (oder kaum) verwendeten, vornehmlich in der jüngeren (germanistischen) Sprachwissenschaft entwickelten und etabliertem Analyseinstrumenten und ‑perspektiven benutzt und damit zu einer hinsichtlich der hier vorgeführten Komplexität, Differenziertheit und epistemischen Signatur der Semantik von (un)triuwe durchaus neuen und neuartigen Gesamtschau kommt. Insofern steht der weiterführende wissenschaftliche Ertrag und Nutzen dieser Arbeit für den Rezensenten außer Frage. Dahingestellt bleiben mag lediglich, ob die in dieser Studie demonstrierten Vorgehensweisen für die Protagonist*innen und informiertesten Vertreter*innen der (germanistisch-)linguistischen Diskursanalyse und Frame-Semantik in allen ihren Facetten deren Erwartungen in Hinblick auf die Standards dieser Analysemodelle erfüllt – aber das gilt schließlich auch für eine Vielzahl anderer Arbeiten, die von ihren Autor*innen als Beitrag zu Diskurs- oder Frame-Analysen verstanden werden.

Literatur

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Ziem, Alexander. 2008. Frames und sprachliches Wissen. Kognitive Aspekte der semantischen Kompetenz. Berlin, New York: de Gruyter. Search in Google Scholar

Online erschienen: 2020-08-12
Erschienen im Druck: 2020-12-01

© 2020 Dietrich Busse, publiziert von Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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