Open Access Published by De Gruyter August 12, 2020

Simone Schultz-Balluff. 2018. Wissenswelt ‚triuwe‘. Kollokationen – Semantisierung – Konzeptualisierung (Germanistische Bibliothek 59). Heidelberg: Winter, 434 S.

Jan-Dirk Müller

Unter dem Titel Wissenswelt sucht die Verfasserin, gestützt auf das ‚Korpus historischer Texte des Deutschen‘, das Konzept ahd. triuwa/mhd. triuwe in seinen Verwendungsweisen darzustellen. „Für die Strukturierung und Visualisierung wird die diskurslinguistisch motivierte Frame-Semantik gewählt“ (S. 16). Diese erlaubt, ausgehend vom Einzelwort, eine Analyse auf allen formalen und inhaltlichen Ebenen des Sprachsystems (syntak­tisch, textsortenbezogen, funktional, nach Akteuren, wortfeld­bezogen) durchzuführen. Eine solche Untersuchung, die methodisch die historische Semantik auf eine neue Grundlage stellt, fehlte bisher. Sie gibt Einblicke in den Sprachgebrauch und erlaubt dem Literaturwissenschaftler die be­sondere ‚poetische‘ Verwendung vor dem Hintergrund zeitgenössischen Wissens einzuschätzen.[1] Schultz-Balluff betritt mit ihrer Analyse des Materials im Rahmen der Frame-Theorie Neuland. Ihre Untersuchung eines differenzierten und in viele Bereiche ausstrahlenden Konzeptes wie triuwe kann sich nur auf eher triviale Vergleichsbeispiele (car usw.) stützen. Sie selbst sieht deshalb die Revisionsbedürftigkeit ihrer Ergebnisse voraus, die solch einem ersten Versuch anhaftet.

Für den Literaturwissenschaftler sind weniger die syntaktischen Ver­bindungen, in denen triuwe auftritt, die Verbindung mit verschiedenen Präpositionen oder der Gebrauch in verschiedenen syntaktischen Funkti­onen von Interesse als die „Geltungsbereiche“ und „Themenfelder“. Sie treten in einer linguistischen Habilitationsschrift naturgemäß hinter sprachlichen Phänomen zurück. Die Verdienste der Arbeit in diesem ihrem genuinen disziplinären Bereich und insbesondere ihr theoretischer Grundriss sind nicht Gegenstand dieser Besprechung.

Ein Problem ist vor allem die Extraktion des Konzepts triuwe aus mittelalterlichen Texten und die Bestimmung seines Bedeutungsumfangs. Während die Analyse von Einzelstellen im Allgemeinen überzeugt, ist die Differenzierung der Bedeutungsvielfalt problematisch. Schultz-Balluff fasst zu diesem Zweck Fälle des Wortgebrauchs zu Gruppen zusammen, die nach verschiedenen Kategorien gebildet werden. Diese sind nicht immer glücklich ausgewählt und untereinander nicht hinreichend abge­stimmt. Schultz-Balluff unterscheidet drei Geltungsbereiche von triuwe: „Recht“, „Herrschaft und Gesellschaft“ sowie „Gott und Glauben“ (S. 148). Diese bezeichnen aber Phänomene von ganz unterschiedlichem Status. So ist Recht ein Teilbereich der Bereiche Herr­schaft und Gesell­schaft, in diesen aber durch einen besonderen Grad der Formali­sierung und Institutionalisierung ausgezeichnet. Dieser bedingt einen besonderen Typus von Textsorten, nicht aber unbedingt unterschiedliche Bedeu­tungen.

Es ist sinnvoll und wird durch die Belege bestätigt, Rechtstexte gesondert zu behandeln, als eine besondere Textsorte, aber als Subkate­gorie einem bestimmten herrschaftlichen oder gesellschaftlichen Bereich zugehörig. Dagegen ist es problematisch, Herrschaft und Gesellschaft als einen gemeinsamen Lebensbereich zusammenzufassen, denn sie unter­scheiden sich durch das asymmetrische Verhältnis der Beziehungen zwischen den Akteuren, das entscheidend für die Konzepti­on von triuwe ist. Bei Herrschaft steht die in triuwe grundsätzlich implizierte Wechsel­seitigkeit vor dem Hintergrund der Ungleichheit der Partner. Bei der triuwe von ‚oben‘ nach ‚unten‘ spielen ethische Konnotationen stärker eine Rolle als rechtliche Verpflichtungen, bei triuwe von ‚unten‘ nach ‚oben‘ ist es umgekehrt. Beides gehört in jedem Fall zusammen, doch wie? Anderer­seits wäre bei ‚Gesellschaft‘ zu fragen, ob es sich um öffentliche (z. B. genossenschaftliche) oder private (z. B. fami­li­äre) Beziehungen handelt. Grad und Art der Verpflichtung ist jeweils eine andere und der Anteil rechtlicher Komponenten differiert. Hier wäre nach dem Grad der Institu­ti­onalisierung zu unterscheiden.

Vollends eine andere Sphäre wird mit „Gott und Glauben“ betreten. Die Struktur der triuwe‑Beziehungen ist in einigen Hinsichten eine grund­sätzlich andere als im zwischenmenschlichen Bereich. Rechtliche Konno­ta­ti­onen treten hier hinter ethischen und religiösen zurück. Gottes triuwe impliziert offenbar nicht eine Verpflichtung, sondern im Gegenteil Gnade, während hier menschliche triuwe im Umkreis christlicher Tugenden er­scheint. Wieder stellt sich die Frage, wie triuwe in konkreten Situationen des Verhältnisses des Menschen zu Gott gefasst ist (z. B. Beichte, Meditation, Sakrament). Ist sie vom Modell herrschaftlicher triuwe beein­flusst? Vom Modell vertraglicher Abmachungen? Von Modellen emoti­onaler Beziehungen? Welche Modelle gibt es sonst?

Das zu begrüßende Vorhaben, die „Wissenswelt triuwe“ auf den unterschiedlichen Ebenen des Sprachsystems („Mehr-Ebenen-Analyse“, S. 96) zu erforschen, setzt deren nachvollziehbare Hierarchisierung voraus. Mit der Unterscheidung von „Geltungsbereichen“ sind sehr unterschiedliche Strukturierungen des triuwe-Verhältnisses aufgerufen (symmetrisch – asymmetrisch), ein unterschiedliches Verhältnis der Akteure (hierarchisch – nicht‑hierarchisch), unterschiedliche Formen des Verhaltens (aktiv – passiv, Handlung – Haltung), unterschiedliche Text­sorten (normativ – erzählend/beschreibend). Es ist ein Verdienst der Arbeit, alle die erwähnten Punkte zu berühren – sie klingen schon in den theoretischen Erörterungen von Beispielen für frames und ihre Übertragbarkeit auf das triuwe-Konzept an (S. 112–129) –, aber sie werden nicht systematisch, nicht aufeinander abgestimmt und nicht klar vonein­ander abgegrenzt behandelt. Das führt zu zahlreichen Überschneidungen und Wiederholungen.

Schultz-Balluff lehnt sich relativ eng an das sprachliche Material an, versäumt es aber, signifikante, konsistente und untereinander hierarchi­sierte Kategorien zu seiner Ordnung zu bilden. Ihre Kategorien­bildung kombiniert beliebig ganz unterschiedliche Gesichtspunkte. Sie ordnet z. B. die Verben, die sich in einer Präpositionalphrase mit triuwe verbinden, nach den Verbtypen „Aktivierung/Bewegung/initiierend“, „andauernd/ stagnierend“, „zeitlich begrenzter Zustand/Aktion“, „Deaktivierung (Richtungsänderung, Verlangsamung, Stillstand“ (S. 168). Erschließen diese Kategorien (framesemantisch) relevante Aspekte des Konzepts triuwe? Diese Verbtypen werden noch einmal in „verbal, handelnd, bewegt“ bzw. „kognitiv, passiv, aktiv“ bzw. „verbal, kognitiv, handelnd [noch einmal] verbal“ bzw. „kognitiv, aktiv“ unterteilt. Das sind höchst unterschiedliche Aspekte; sie liegen nicht auf einer Ebene. Den dergestalt unterteilten Gruppen werden einzelne Verben aus den Texten des Korpus zugeordnet. Es liegt auf der Hand, dass es sich um eine Vermengung von systematisch ganz unterschiedlich gelagerten Begriffen handelt. Entsprechend willkürlich ist die Zuordnung der Verben im Einzelnen. Zum dritten Typus („zeitlich begrenzter Zustand/Aktion“) zählen etwa (unter der Unterkategorie „handelnd“) die Verben erslahen (in der Tat: wenn es erledigt ist, ist es vorbei, also zeitlich begrenzt) und geschehen; (unter der Unterkategorie „verbal“) die Verben meinen (ist nichts für die Ewigkeit) und raten (damit verbringt man nicht sein ganzes Leben); (unter der Unterkategorie „kognitiv“) gâch sîn (S. 168). Ähnlich inkonsistent, da die Ebenen beliebig wechseln, ist die Auflistung von „Themenfeldern“: (1) „Personen/Personenkreise“, (2) „Miteinander/Umgang“, (3) „Verhalten“, (4) „Anlass (Haltung)“, (5) „Sachverhalt“, (6) „Eigenschaften“, (7) „abstrakte Größen“. Diese werden wiederum aufgegliedert nach dem „Fokus“ (1) „spirituell“, „weltlich“, (2) „aktiv“, statisch“, (3) „innerlich“, „konkret“, (4) „statisch“, „aktiv“ (5) „konkret“, (6) „Tugenden“, „Verhaltensweisen“, (7) „spirituell“, „weltlich“ (S. 158).

Das sind vielleicht etwas beliebig herausgegriffene Beispiele. Sie stellen allerdings durchgängig die Brauchbarkeit der Gruppenbildung und damit die der Visualisierungen in Frage, die diesen disparaten Gliederungsschemata folgen. Die Bildung von Kategorien und Unterkategorien hat gelegentlich etwas Zwanghaftes. Spielt die Zeit bei Treueverhältnissen wirklich die entscheidende Rolle, wie suggeriert wird, wenn beim „situativen Rahmen von Treueverhältnissen“ (Kap. IV, 7) unterschieden wird in ‚Beginn‘, ‚Fortdauer‘, ‚Krise‘ oder ‚Bruch‘ derselben. Diese haben zwar jeweils unterschiedliche lexikalische Solidaritäten, doch hat sich mir nicht erschlossen, was sie Relevantes zur „Wissenswelt triuwe“ und zu Bedeutung und Gebrauch von triuwe beitragen. Hier hätte eine weniger kleinteilige, dafür konsistentere und spezifischere Kategorien­bildung mit anschließender qualitativer Analyse nahegelegen.

Hierzu fügt sich auch der Eindruck zur Visualisierung der Ergebnisse in 93 Schemata. Diese ist insofern recht verwirrend, als deren Kategorien doch sehr handgestrickt wirken und die Pfeile und Verbindungslinien keineswegs selbsterklärend, im Gegenteil z. T. mehrdeutig sind. Ihre graphische Unterscheidung wird nicht erklärt; manchmal fällt es schwer, sich in ihrem Gewirr zurechtzufinden. Jedenfalls ist ihr Ertrag weit geringer als die Einzelinterpretationen von Textstellen im Fließtext. Auch die „Wortwolken“ (z. B. S. 176–182) können zwar anschaulich einen Eindruck vermitteln, welche „Schlüsselwörter“ im Umkreis eines bestimmten Konzeptes auftreten, doch bringen auch sie keinerlei Erkenntnisse über die Strukturierung des jeweiligen Wortfeldes. Die Gründe, bestimmte Lexeme in eine „Wortwolke“ zusammenzustellen, sind durchaus diskutierbar (z. B. S. 183: unter „triuwe: zeitlich begrenzter Zustand, Aktion“ die Verben begraben, engelten, herten, lazen, leren, lonen, trinken usw.).

Die lexikalischen Solidaritäten sind natürlich andere in den verschiedenen Bereichen. So weist z. B. die sehr häufige Verbindung mit ere auf die Sphäre sozialer Anerkennung, die nur in bestimmten Sozialverhältnissen eine Rolle spielt. Aus literaturwissenschaftlicher Sicht wäre auf solche Kontextabhängigkeit zu achten. Aus dieser Perspektive scheint es sinnlos, bei der Auswahl von „Schlüsselwörtern“ sämtliche Wörter, die in einem Text im Umkreis von triuwe stehen (z. B. sämtliche Vergehen, die in einem Beichtformular genannt werden, in dem triuwe vorkommt) aufzulisten. Von Interesse sind nur solche, die mit triuwe in einer grammatikalischen (z. B.in Paarformeln wie triuwe und ere) oder semantischen Beziehung stehen (z. B. Verben, die regelmäßig mit triuwe verbunden werden). Die langen Wortlisten sind z. T. unspezifisch (S. 152f., 296 u. ä.).

Abschließend noch ein Wort zur Behandlung genuin literaturwissenschaftlicher Themen: Dem Abschnitt über das Sonderphänomen des Bildgebrauchs im Umkreis von triuwe liegt ein unterbestimmter Bildbegriff zugrunde, der erlaubt, Prägungen wie blüende triuwe und triuwe schîn tuon unter demselben Rubrum zu behandeln. Hier fehlt eine explizite Auseinandersetzung mit Metapherntheorie und Metapherngebrauch und die Unterscheidung von habitualisierten Metaphern (das Herz als Sitz von triuwe und dergleichen) und nicht-habitualisierten (der rîchen triuwe ein ast). Statt von den Bildspendern wäre von Strukturen und Funktionen metaphorischen Sprechens auszugehen (einige Deutungen sind fragwürdig; z. B. dürfte blüende triuwe kaum auf ‚Vergänglichkeit‘ weisen).

In einem knappen Kapitel mustert Schultz-Balluff literaturwissen­schaftliche Deutungen von triuwe und deren angebliche Entwicklungen nach Meinung der Forschung. Diese verkennt häufig den breiteren Sprachgebrauch. Hier rückt die linguistische Analyse die Proportionen zurecht. Das Beispiel Wolframs von Eschenbach und seiner angeblichen Erweiterung der Bedeutung von triuwe auf den religiösen Bereich zeige in Wirklichkeit, „dass Wolfram [...] möglicherweise auf die gesamte bekannte und verfügbare Variationsbreite von triuwe zurückgreift“ (S. 346; vgl. S. 360–363). Die im allgemeinen Sprachgebrauch angelegte Spirituali­sierung und Emotionalisierung von triuwe rückt Wolfram ins Zentrum; vom Religiösen strahlt sie dann auch auf die übrigen Bereiche aus. Ohne dass dort die rechtliche Komponente verloren ginge, wird triuwe nicht nur Inbegriff eines positiven Welt- und Gottesverhältnisses, sondern auch Inbegriff von Mitmenschlichkeit. Das ist vor dem Hintergrund von Schultz-Balluffs Befunden klarer zu sehen. Auch was sie in Bezug auf andere Autoren als deren Profil von triuwe herausarbeitet, ist, wie sie zeigt, anschließbar an die zuvor am pragmatischen Schrifttum untersuchten Verwendungsweisen.

Insofern sind Untersuchungen wie die vorliegende, trotz mancher Mängel, notwendig. Sie sollten sich nicht in kleinteiligen Taxonomien von zweifelhafter Bedeutung verlieren. Dann sind die Visualisierungen willkommene Beigaben. Eine kulturwissenschaftlich interessierte Mediä­vistik kann davon nur profitieren. Wie immer man die Untersuchung im Einzelnen beurteilt, sie ist ein wichtiger Schritt zu einer breiter aufge­stellten historischen Semantik.

Literatur

Müller, Jan-Dirk. 2015. Was heißt eigentlich triuwe in Wolframs von Eschenbach Parzival? In: Das Mittelalter 20, 311–326. Search in Google Scholar

Online erschienen: 2020-08-12
Erschienen im Druck: 2020-12-01

© 2020 Jan-Dirk Müller, publiziert von Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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