Open Access Published by De Gruyter September 30, 2020

Katharina Jacob. 2017. Linguistik des Entscheidens. Eine kommunikative Praxis in funktionalpragmatischer und diskurslinguistischer Perspektive. Berlin, Boston: De Gruyter. 489 S.

Christina Gansel

Der Haupttitel des Bandes Linguistik des Entscheidens markiert das Ziel, „eine Grundlegung für eine Linguistik des Entscheidens zu entwerfen“ (S. 5), die theoretische mit methodischen Grundlagen verbindet und empirisch überprüft. Der Zielstellung, „die kommunikative Praxis des Entscheidens linguistisch zu modellieren“ (S. 5), wird die Ausarbeitung voll und ganz gerecht. Als grundsätzliches Problem in diesem Vorhaben wird erkannt, „dass das Entscheiden durch wenige lexikalische Einheiten repräsentiert ist“ (S. 262) und sich auf der Ausdrucksseite nur in geringem Maße beobachten lässt. Die Verfasserin nimmt damit ernst, dass es sich bei einer Entscheidung um ein „momenthaftes Ereignis“ (Luhmann 1994: 276) handelt, das schwieriger zu beobachten ist als Objekte. In einem solchen Sinne geht Katharina Jacob vor, wenn sie nicht nur den kurzen Moment der Entscheidung in seiner sprachlichen Gefasstheit erkunden möchte, sondern „zusätzlich das kommunikative Davor und Danach untersucht“ (S. 4). Diese Erkenntnis führt konsequenterweise zu einer Konzeptualisierung des Entscheidens als Prozess, der sich aus einer Kette von Handlungen (Entscheidungsstränge) zusammenfügt. Die Differenz von Entscheidung und Entscheiden prägt theoretisches Verständnis wie empirische Vorgehensweise.

Mit der das zweite Kapitel zur interdisziplinären und interdisziplinär praktizierten Entscheidungsforschung abschließenden Arbeitsdefinition zum Entscheiden wird den genannten Aspekten Rechnung getragen. Darin eingeschlossen werden die wichtigen Parameter, dass mit Entscheidungen Absichten verbunden sind, Entscheidungen kommunikativ und interaktional kollektiv verhandelt und in einzelnen Kommunikationssituationen beobachtet werden können. „Entscheiden wird hier definiert als ein Prozess, der mentale Vorgänge wie auch aktionale und interaktionale Dimensionen des Handelns umfasst und von kontextuellen Rahmenbedingungen bestimmt ist“ (S. 72).

Heuristik und Systematik

Die Heranführung an den Untersuchungsgegenstand sowie die systematisch voranschreitende theoretische Fundierung der Ausarbeitung und empirischen Untersuchung erscheint in jeder Hinsicht innovativ. Katharina Jacob entschließt sich zunächst für eine Heuristik zur Ermittlung der kommunikativen Praxis des Entscheidens, die sie im dritten Kapitel entfaltet. Dabei geht es um Fragen zur Erfassung des linguistischen Gegenstandes, um die Beschreibung des Gegenstandes und um die Deutung des Gegenstandes und seine Verortung in der Linguistik generell. Im Zentrum der heuristischen Diskussion stehen linguistische Prämissen und das hermeneutische Verfahren, um die kommunikative Praxis des Entscheidens zu erfassen. Zum einen wird der Begriff der kommunikativen Praktik mit Blick auf den zu untersuchenden Gegenstand als entscheidensspezifische Verhaltens- und Handlungsweise in einem spezifischen gesellschaftlichen Bereich gefasst. Als ein solcher wird die parlamentarische Kommunikation ausgemacht und in dieser Forschungsarbeit als prototypische Entscheidungskommunikation und damit empirischer Gegenstand begründet und am Beispiel des parlamentarischen Diskurses um erneuerbare Energien innerhalb des Zeitraumes von 1983 bis 2013 umfassend untersucht.

Zum anderen wird im Sinne der Linguistischen Diskursanalyse herausgestellt, welche Rolle deklarativem und prozeduralem Wissen in dieser Praktik zukommt. Mit der Untersuchung von Inhalten und Themen ist das für Entscheidungen deklarative Wissen einzubeziehen. Das prozedurale Wissen, das sich im Entscheiden zeigt und nicht artikuliert wird, erscheint in der Tat als die interessantere Seite, die in konstruktivistische Vorannahmen mündet und in handlungsleitenden Konzepten erfasst wird.

Zwei heuristische Annahmen strukturieren den weiteren Verlauf der Arbeit – Entscheiden wird als Prozess und Entscheidung als Moment dieses Prozesses (resultativ) fokussiert. Entscheiden als Prozess wird von Katharina Jacob auf der Grundlage von Sprechhandlungstypen untersucht, die sich in Konstituierung, Evaluierung und Modifizierung sowie kommunikative Selektion aus Optionen differenzieren. Wenn es um die kommunikative Praxis des Entscheidens geht und damit um Kommunikation, dann stellt sich die Frage, warum nicht ein Kommunikationsbegriff/-modell zugrunde gelegt wird, der/das die komplexe Struktur des „Pragma-semiotischen Vierecks“ (S. 101) weniger überfüllt erscheinen lässt und doch wenig über Kommunikation aussagt. Aus dieser Perspektive ist es zu begrüßen, wenn die Verfasserin mit Bezug auf die Linguistische Diskursanalyse darauf verweist, dass diese Diskurszusammenhänge als Kommunikationszusammenhänge versteht und keinen eigenen Kommunikationsbegriff entwickelt, implizit jedoch meint, dass dies erforderlich sei. Ob das Pragma-semiotische Viereck einen Kommunikationsbegriff ersetzen kann, sollte weiterhin überprüft und diskutiert werden. Aus der Anlage der Forschungsarbeit und ihren Ergebnissen spricht sehr viel für den abstrakten Luhmann’schen Kommunikationsbegriff, der Kommunikation als dreifache Selektion von Information, Mitteilung und Verstehen konzeptualisiert und Anschlusskommunikation impliziert (vgl. Luhmann 1988: 191–201). Mit diesem Kommunikationsbegriff erscheint es zudem nicht erforderlich, den Text als zerdehnte Sprechsituation aufzufassen, und es ließen sich kommunikative und kognitive Perspektivität (vgl. Köller 2004: 21–22) einbinden.

Funktionale Pragmatik und Linguistische Diskursanalyse

Katharina Jacob sieht als ein Desiderat in der linguistischen Forschung an, dass funktionalpragmatische und diskurslinguistische Forschung lediglich marginal oder gar nicht aufeinander Bezug nehmen. Explizit geht es ihr im vierten Kapitel ihrer Forschungsarbeit darum herauszuarbeiten, wie sich Funktionale Pragmatik und Linguistische Diskursanalyse aufeinander beziehen und vernetzen lassen. Eine methodologische Gegenüberstellung und Zusammenführung beider Richtungen bilden die Grundlage für die Methodologie zur Analyse der kommunikativen Praxis des Entscheidens.

Dem Untertitel des vorliegenden Bandes gerecht werdend, entwickelt und diskutiert die Verfasserin nun den theoretischen Beschreibungsrahmen für die Analyse der kommunikativen Praxis des Entscheidens. Während die Funktionale Pragmatik auf der Grundlage umfassend berücksichtigter Forschungsbeiträge als linguistische Schule bezeichnet wird, erweist sich „die Linguistische Diskursanalyse als ein Forschungsdach mit unterschiedlichen Ausprägungen“ (S. 113). Für beide Forschungsrichtungen werden die Forschungsgenese, das Erkenntnisinteresse sowie die wechselseitige Wahrnehmung beschrieben. Engere Bezüge werden zwischen der Funktionalen Pragmatik und der Kritischen Diskursanalyse ausgemacht, die in ihren Publikationen das Ziel anstreben, jeweils offensichtliche methodische Schwächen mit Bezug auf die andere Richtung auszugleichen. Katharina Jacob gelangt zu der Schlussfolgerung, dass Funktionale Pragmatik und Linguistische Diskursanalyse sich in einer Phase des „Nebeneinander-Forschens“ (S. 138) befunden haben, es allerdings an der Zeit sei, die Anschlussfähigkeit beider Richtungen als Forschungspotential (ebd.) zur Kenntnis zu nehmen.

Diese von ihr identifizierte Lücke schließt die Verfasserin und nutzt das Potential beider Forschungsrichtungen für die Analyse von Entscheidenssträngen. Der funktionalpragmatische Zugriff sieht in der Funktion, im Zweck den Ausgangspunkt, der die Form erzeugt. Kommunikative Zwecke und sprachliche Formen stehen in dieser Perspektive also in Korrelation zueinander und die Pragmatik als Lehre vom sprachlichen Handeln sieht in Kommunikation einen zentralen Zweckbereich sprachlichen Handelns. Dass dieser Zweckbereich sich in sehr unterschiedliche Kommunikationsbereiche gliedert, ist nicht nur Erkenntnisinteresse der Funktionalen Pragmatik, sondern ebenso der Systemtheorie, der systemtheoretisch orientierten Textlinguistik oder der Linguistischen Diskursanalyse, wenn sie sich Spezialdiskursen zuwendet und an diesen den Zusammenhang von Sprache und Wirklichkeit, die Konstituierung von Wirklichkeit mit Hilfe von Sprache untersucht.

Dem vielversprechenden Ziel der methodischen Zusammenführung von Funktionaler Pragmatik und Linguistischer Diskursanalyse folgend, geht es im fünften Kapitel der Forschungsarbeit um eine systematische und minutiöse Aufarbeitung der Begriffsverwendung in den beiden Forschungsbereichen, wobei drei Arten der Begriffsverwendung für die eigene Methodologie abgeleitet werden:

  • Termini werden in Inhalt und Form aus der jeweiligen Forschungsrichtung übernommen (z. B. Text als zerdehnte Sprechsituation);

  • die Ausdrucksseite wird übernommen, die Inhaltsseite durch den einen Ansatz „inspiriert“ und durch den anderen „modifiziert“ (z. B. Handlungsmuster);

  • Inhaltsaspekte werden übernommen und mit einer neu festzulegenden Ausdrucksseite verwendet (z. B. kulturelle, gesellschaftliche und institutionelle Rahmenbedingungen; vgl. S. 146–147).

Der zweite Unterabschnitt in diesem Kapitel liefert sodann in konsequenter Weise eine Gegenüberstellung und Zusammenführung des funktional-pragmatischen und diskurslinguistischen Ansatzes, indem die Begriffe Handlung, Funktion, Muster, Wissen, Kultur, Gesellschaft, Institution, Diskurs und Text, sprachliche Oberfläche sowie die Vorgehensweise jeweils aus beiden Forschungsrichtungen beleuchtet werden. Als Ergebnis der methodologischen Zusammenführung des funktionalpragmatischen und diskurslinguistischen Ansatzes fasst Tabelle 6 (vgl. S. 241–244) die Analyseebenen und -kategorien zusammen, wobei ein jeweiliger Bezug auf den funktionalpragmatischen bzw. diskurslinguistischen Ansatz hergestellt wird. Symptomatisch für die Begriffszusammen- und Gegenüberstellung der beiden fokussierten Forschungsansätze ist das Fehlen eines tragfähigen Kommunikationsbegriffs. Während die Linguistische Diskursanalyse den Terminus Kommunikation lediglich verwendet, jedoch nicht bestimmt, wie Katharina Jacob herausarbeitet, vollzieht sich „aus funktionalpragmatischer Sicht [...] Kommunikation nur durch Interaktion, sprachliches, mentales und aktionales Handeln ist also interaktionales Handeln“ (S. 162).

Eine schon fast systemtheoretische Perspektive einnehmend, geht die Verfasserin davon aus, dass in der sprachlichen Oberfläche Verweise zu finden sind, „die darauf deuten, dass dem sprachlichen, aktionalen oder interaktionalen Handeln ein mentales Handeln vorausgeht“ (S. 162). In systemtheoretischer Perspektive kann das „mentale Handeln“, die Rekonstruktion von Denkvorgängen aus der sprachlichen Oberfläche als Informationsselektion durch Bewusstsein interpretiert werden. Die auf S. 161 aufgeführten Beispiele legen eine solche Interpretation nahe wie ebenso die Unterscheidung von Regierung und Opposition mit ihren Handlungskonzepten, die sich, wie in der Analyse sichtbar wird, durch divergierende Sprechhandlungen unterscheiden. Wenn Diskursakteure sich für etwas „mental entschieden haben“ (S. 161), bedeutet dies eine Informationsselektion, die in eine Mitteilungshandlung mündet: „damit ist die Beschlussempfehlung des Ausschusses für Wirtschaft und Technologie angenommen“ (ebd., Hervorhebung im Original – Ch.G.). Interaktionalität resultiert letztlich aus Anschlusskommunikation. Aus den theoretischen wie empirischen Darlegungen in der Forschungsarbeit von Katharina Jacob spricht Vieles dafür, dass man sich in beiden miteinander verbundenen Forschungsansätzen einer Klärung des Kommunikationsbegriffs stellen sollte. Die systemtheoretische Unterscheidung von Kommunikation und Handlung erscheint vor dem Hintergrund der vorliegenden Dissertationsschrift durchaus produktiv.

Empirie und Ergebnisse

Mit ihrer empirischen Untersuchung zu 62 Entscheidenssträngen in der Energiepolitik der Bundesrepublik Deutschland von 1983 bis 2013 zu erneuerbaren Energien leistet Katharina Jacob einen erschöpfenden Beitrag zur Erforschung parlamentarischer Kommunikation und den damit in Verbindung stehenden Entscheidensprozessen. Flussdiagramme zu den Entscheidenssträngen präsentieren das Zusammenwirken von handlungsleitenden Konzepten (z. B. der REGIERUNG/der OPPOSITION) und interaktionalen Zwecken (z. B. UNTERRICHTEN, VERHANDELN, EMPFEHLEN). Der Untersuchung liegen zwei Korpora zugrunde, die mit dem jeweiligen Zugriff der Linguistischen Diskursanalyse (thematisches Korpus) und der Funktionalen Pragmatik (Korpus zur kommunikativen Praxis des Entscheidens) bearbeitet werden. In Hinblick auf das thematische Korpus werden zwölf Subthemen anhand von Schlüsselwörtern ermittelt und diskutiert, indem diese anhand von Belegäußerungen mit Präsuppositionen, grundsätzlichen Praktiken und (handlungsleitenden) Konzepten verbunden werden (vgl. S. 304–305). Im Anschluss an die Unterscheidung von Bearbeitungsentscheidung und Gegenstandsentscheidung widmet sich die Verfasserin den vier Entscheidenssträngen (A-D), die als prototypische Handlungsmuster und in Variationen in diachroner Perspektive beschrieben werden. Fallbeispiele zum Entscheiden im parlamentarischen Diskurs um erneuerbare Energien (Nuklearkatastrophe von Tschernobyl, die Vereinbarung zwischen der Bundesregierung und den Energieversorgungsunternehmen am 14. Juni 2000, das Entscheiden zur Laufzeitverlängerung deutscher Kernkraftwerke am 28. Oktober 2010, Nuklearkatastrophe von Fukushima) sowie ein Sachregister runden die überaus gelungene und anregende Ausarbeitung insgesamt ab.

Literatur

Köller, Wilhelm. 2004. Sprache und Perspektivität. Zur Struktur von Objektivierungsformen in Bildern, im Denken und in der Sprache. Berlin, Boston: De Gruyter. Search in Google Scholar

Luhmann, Niklas. 1988. Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. Frankfurt am Main: suhrkamp taschenbuch. Search in Google Scholar

Luhmann, Niklas. 1994. Die Wirtschaft der Gesellschaft. Frankfurt am Main: suhrkamp taschenbuch. Search in Google Scholar

Online erschienen: 2020-09-30
Erschienen im Druck: 2020-12-01

© 2020 Christina Gansel, publiziert von Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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