Anke Holler

Vilmos Ágel. 2017. Grammatische Textanalyse. Textglieder, Satzglieder, Wortgruppenglieder. Berlin, Boston: Walter de Gruyter. xviii, 941 S.

De Gruyter | Published online: November 27, 2020

Grammatik von oben

Bücher, die auf eine umfassende Beschreibung der Grammatik des Deutschen zielen, sind meistens dick. In dieser Hinsicht bildet Vilmos Ágels Grammatische Textanalyse. Textglieder, Satzglieder, Wortgruppenglieder mit knapp eintausend Seiten Umfang keine Ausnahme. Allerdings unterscheidet sich Ágels 2017 bei Walter de Gruyter erschienenes Werk in anderer Hinsicht auffallend von aktuellen Standardgrammatiken zur deutschen Gegenwartssprache: Die Analyse beginnt bei der größten bedeutungstragenden Einheit, dem Text, und nicht beim Wort. Entsprechend folgt die Gegliedertheit der zu analysierenden Einheiten nicht der üblichen Wortartennomenklatur, sondern basiert auf funktionalen Texteinheiten unterschiedlicher Größe. Unter der Grammatischen Textanalyse – ein Begriff, den Ágel eigens prägt – versteht der Verfasser „eine Art deszendente, ,von oben nach unten‘ gerichtete, Syntax des Deutschen: eine Syntax vom Text über den Satz zum Wort“ (S. xiii). Diese, zugleich den Auftakt des Buches bildende Aussage steckt den Rahmen für das gesamte Herangehen ab: Grammatisch bedeutet im Grunde syntaktisch, die Beschreibungseinheiten werden jedoch originär vom Text und nicht vom Satz abgeleitet. Beide Annahmen haben geschätzte Vorläufer. Während das Primat der Syntax grammatiktheoretisch – von der Valenzgrammatik bis zur generativen Grammatik – Usus ist, erinnert die Beschreibung aller sprachlichen Phänomene in Bezug auf die Grundeinheit ‚Text‘ unmittelbar an Weinrichs (zuletzt 2005 wieder aufgelegte) Textgrammatik.

Ágel und Weinrich teilen die Grundüberzeugung, dass die grammatische Beschreibung einer Sprache von ihrem textuellen Gebrauch her gedacht werden muss, weswegen beide die Analyse konkreter Texte zum methodischen Prinzip erheben. Während Weinrich aber bottom-up vorgeht, d. h. die traditionellen grammatischen Terme und Kategorien voraussetzt und diese mittels eines festgelegten Sets semantischer Merkmale textgrammatisch beschreibt und dabei sowohl mündliche wie auch schriftliche Sprachdaten sowie verschiedene Textsorten einbezieht, konzentriert sich Ágel auf geschriebene literarische Texte und bestimmt die verschiedenen grammatischen Kategorien und strukturellen Gesetzmäßigkeiten top-down nach funktionalen Gesichtspunkten.

Ágel ist sicher nur zuzustimmen, dass die Interpretation lyrischer und narrativer Texte ohne eine fundierte grammatische Analyse nicht gelingen kann. Aber rechtfertigt dieses schon die Umkehrung der Analyserichtung, quasi von den pragmatischen Gebrauchsbedingungen hin zu den syntaktischen Strukturen und lexikalischen Klassen? Üblich ist es jedenfalls nicht. Neuere Grammatikbeschreibungen stehen meist in der Tradition der ars grammatica, der klassischen Sprachlehre, und erfassen – in der Regel entlang der Wortarten – die Gesetzmäßigkeiten des lautlichen Inventars (Phonetik/Phonologie), die Formmerkmale der Wörter (Morphologie), die regelhaften Erscheinungen des Satzbaus (Syntax) und ggf. wort- oder satzbezogene Aspekte der Bedeutungskonstitution (Semantik). Pragmatische Prozesse sind nach dieser traditionellen Auffassung kein Teil der Grammatik, sondern operieren auf den durch die Grammatik zur Verfügung gestellten Einheiten und Strukturen. In einem noch engeren Sinne verstanden ist Grammatik von vornherein nur syntaktisch ausgerichtet und betrachtet die Bestandteile des Satzes hinsichtlich ihrer Form und Funktion innerhalb des Satzes sowie in Bezug auf ihre regelhafte Verknüpfung und Distribution. Mit dieser rein syntaktischen Sicht auf grammatische Strukturen scheint Ágels Grammatikverständnis zu korrespondieren, aber er sieht eben nicht den Satz, sondern den Text als die Basiseinheit jedweder grammatischer Beschreibung. Sätzen misst Ágel von vornherein einen eigenen, sogenannten „textsemantischen Wert“ (S. 10) bei. Dies begründe, so der Verfasser, warum ein Satz immer auch in Abhängigkeit von seiner pragmatischen Funktion im Diskurs zu analysieren sei.

Abgesehen von den wissenschaftlichen Überzeugungen des Verfassers ist der textorientierte Ansatz vor allem durch die verschiedenen Adressaten des Buches motiviert. Experten und Laien, Schüler:innen und Lehrer:innen, Sprach- und Literaturwissenschaftler:innen[1], kurz alle Interessierten sollen einen Zugang zur deutschen Grammatik finden können. Dieses Anliegen ist nicht hoch genug zu schätzen; inwieweit es durch eine neue, ungewohnte Darstellungsweise grammatischer Zusammenhänge tatsächlich gelingt, die anvisierten Benutzergruppen für die Grammatik zu begeistern, wird sich zeigen. Jedenfalls ist für diejenigen, denen die Schulgrammatik schon immer ein Graus war, jetzt eine Alternative auf dem Markt, die die grammatischen Formmerkmale von Sätzen (und Satzäquivalenten bzw. satzwertigen Ausdrücken) textgetrieben und gebrauchsnah beschreibt.

Der vorliegende Abriss der deutschen Grammatik aus textueller Perspektive gliedert sich in vier große inhaltliche Teile, an die sich ein äußerst umfangreicher fünfter Teil als Apparat anschließt. Dieser fünfte Teil des Buches (= Teil V, S. 791–941) ist so nützlich, dass man ihn vor der Lektüre der vier inhaltlichen Teile mit einem Lesezeichen versehen sollte: Zum ersten findet sich hier der sogenannte Leittext, der als Beispielgrundlage für die gesamte textgrammatische Analyse im Buch dient. Es handelt sich um eine Rezension von Jochen Jung, die 2009 in der Wochenzeitung „DIE ZEIT“ erschienen ist und die Novelle Landesbühne von Siegfried Lenz bespricht. Zum zweiten folgt nach den üblichen Quellen-, Literatur- und Abbildungsverzeichnissen sowie einer Zusammenfassung der Darstellungskonventionen ein Glossar, das Ágels neu angelegte Grammatikbeschreibung und den damit verbundenen terminologischen Neuansatz kompakt zugänglich macht. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass das Glossar für das Verständnis von Ágels Grammatikanalyse ähnlich essentiell ist wie jene detaillierten Aufstellungen aller Figuren, ihrer Namen und verwandtschaftlichen Beziehungen am Ende eines Familienepos. So wie manche familiäre Verflechtung erst dort den Leser:innen bewusst wird, werden manche terminologische Abhängigkeiten und inhaltliche Verbindungen in Ágels textgrammatischem Ansatz erst beim Studium des Glossars augenfällig. Der Apparat (und die Grammatik) wird mit einem ausführlichen, für die Navigation im Buch überaus zweckmäßigen Sachregister und einem Wort- und Ausdrucksregister beschlossen.

Die Gliederung des Werkes in einen einführenden Teil, der die notwendigen konzeptionellen Grundlagen legt (= Teil I, S. 1–57) und den man schon deswegen nicht überspringen sollte, und drei weiteren Teilen, die die verschiedenen grammatischen Einheiten sukzessive auf drei funktionalgrammatischen Ebenen, der Makro-, der Meso- und der Mikroebene, beschreiben, ist konsequent am funktionalen Top-down-Ansatz des Verfassers ausgerichtet: Die höchste funktionale Ebene, die Makroebene, umfasst den gesamten Text und wird von den sogenannten Textgliedern gebildet (= Teil II, S. 59–246). Dazu zählen neben (i) Sätzen auch strukturelle Einheiten, die laut Verfasser die typischen Oberflächenmerkmale von Sätzen, wie beispielsweise die Präsenz eines finiten Verbs, vermissen lassen. Ágel identifiziert zwei Arten solcher grammatischer Makroglieder und nennt sie (ii) Nichtsätze und (iii) Kohäsionsglieder. Die Sätze selbst bilden die Mesoebene (= Teil III, S. 247–687). Als Mesoglieder gelten folgerichtig die klassischen Satzglieder (inklusive des Prädikats). Die Satzglieder werden durch sogenannte Kommentarglieder und Kommentarmittel ergänzt. Kommentarglieder haben selbst Satzgliedstatus und drücken Sprechereinstellungen aus, während zu den Kommentarmitteln spezifische Einheiten mit Kommentarfunktion, aber ohne Kommentargliedstatus gerechnet werden. Schließlich werden auf der untersten Ebene, der Mikroebene, sogenannte Wortgruppenglieder beschrieben (Teil III, S. 689–789). Dazu gehören neben einigen Sonderfällen wie die sogenannten Recyclatoren die Attribute, aber vor allem auch sogenannte Phrasenkerne und Phrasenköpfe – eine Differenzierung, die in etwa den aus der generativen Grammatik bekannten Unterschied zwischen lexikalischen und funktionalen Köpfen aufnimmt.

Angesichts dieser Stratifizierung, der die grammatische Beschreibung folgt, fungieren die Wortarten im vorliegenden Band nicht mehr als Gliederungseinheiten beziehungsweise Ankerpunkt für die grammatische Beschreibung. Auch eine systematische Übersicht über die insgesamt vom Verfasser angenommenen Wortarten gibt es nicht. In Ágels funktionalistischem Modell kommt ihnen erklärtermaßen eine neue Rolle zu: „Aus Sicht einer grammatischen Textanalyse, die auf der ‚Berechnung‘ der grammatischen Werte ‚Textglied‘, ‚Satzglied‘ und ‚Wortgruppenglied‘ basiert, stellen (Sub-)Wortarten [...] grammatische Formen, d. h. potenzielle Argumente in der Funktion-Argument-Wert-Formel dar“ (S. 30). Im Teil I erfährt man zusätzlich, dass die Grundidee des Konzepts der Grammatischen Textanalyse sei, „dass die Architektur der Grammatik in Analogie zu der logischen Formel ,F(A) = W‘, d. h. Funktion(Argument) = Wert, zu beschreiben ist. Dabei ist die Funktion-Argument-Wert-Formel auch rekursiv anwendbar: F(A = W1) = W2“ (S. 20). Diese Aussage bildet den Kern des Grammatikverständnisses des Verfassers, aber was soll sie genau bedeuten? Die Architektur einer Grammatik ergibt sich in der Regel aus den angenommenen grammatischen Teilsystemen, deren Entitäten und der Art und Weise ihrer Interaktion. Beispielsweise können Prinzipien grammatische Entitäten oder Prozesse in der Weise beschränken, dass alle wohlgeformten Ausdrücke einer Sprache und nur diese abgeleitet oder zugelassen werden. Für Ágels Ansatz sind Konzepte wie die Grammatikalität oder die Wohlgeformtheit von sprachlichen Ausdrücken jedoch nicht von Bedeutung. Das ist wesentlich darauf zurückzuführen, dass die Grammatische Textanalyse, wie sie vom Verfasser vertreten wird, nicht auf qua Kompetenz potenziell produzierbare grammatische Ausdrücke gerichtet ist, sondern gewissermaßen performant auf bereits produzierte, d. h. in existierenden Texten realisierte Sprachdaten. Ágel geht es also genaugenommen um eine beobachtungsadäquate Grammatik, weswegen man nicht mit der Erwartung an sie herantreten sollte, dass auf ihrer Grundlage theoriebasierte Vorhersagen über zulässige (oder nicht zulässige) sprachliche Ausdrücke formuliert werden können.

Die drei sprachlichen Repräsentationsebenen, die sich aus der dargestellten funktionalen Analyse ergeben, sind jeweils durch eine (rekursive) Abbildungsrelation miteinander verbunden, die Ágel auch als „grammatische Funktion-Argument-Wert-Formeln“ (S. 22) bezeichnet. Der zugrundeliegende Funktionsbegriff bleibt jedoch, abgesehen von den immer wieder erwähnten Formeln, recht vage. So ist unklar, ob es sich tatsächlich um eine Zuordnung von Objekten zweier zuvor definierter Mengen gemäß einer Abbildungsvorschrift im mathematischen Sinne handeln soll, was bedeutete, dass jedem Objekt der einen Menge genau ein Objekt der anderen Menge zugeordnet würde. Wenn das angedacht ist, stellt sich die Frage, welche Mengen betrachtet würden und wie die Abbildungsrelationen jeweils aussähen. Ágel hält sich hinsichtlich dieser Fragen eher bedeckt. Er scheint davon auszugehen, dass auf allen Ebenen, d. h. auf der Wortgruppen-, Satz- und Textebene, verschiedene grammatische Funktionen ad hoc stipuliert werden können, sodass für jeden sprachlichen Ausdruck mit bestimmten grammatischen Formmerkmalen bestimmbar wird, welche spezifische Funktion dieser Ausdruck auf der jeweiligen Ebene übernimmt. Beispielsweise ergibt die Anwendung der Objektfunktion auf eine Substantivgruppe im Akkusativ auf Satzebene ein Akkusativobjekt. Offen bleibt, wie die verschiedenen Funktionen definiert sind und auf welchen Ausdrucksmengen sie genau operieren. Zu den wortgruppen- und satzgrammatischen Funktionen schreibt der Verfasser u. a., dass sie „im Detail zwar äußerst problematisch, aber – zumindest teilweise – etabliert sind und entsprechend auf eine mehr oder weniger lange fachliterarische Tradition zurückblicken können“ (S. 25). Das bedeutet, dass sich Ágel unausgesprochen darauf verlässt, dass Lesern Funktionen wie Attribut, Subjekt, Objekt oder Adverbialbestimmung intuitiv vertraut sind. Hier wie an einigen anderen Stellen scheint die textgrammatische Analyse also das Wissen einer Standardgrammatik vorauszusetzen.

In Bezug auf die textgrammatischen Funktionen werden drei nicht weiter definierte Funktionen A, B und C stipuliert, die auch Textgliedformeln genannt werden, weil sie auf Argumente wie „Formen von grammatischen Sätzen“, „Formen von Nichtsätzen“ und „Formen von Kohäsionsgliedern“ angewandt, die Textglieder Satz, Nichtsatz und Kohäsionsglied als Werte liefern, wobei die Funktion A als „die Kodierung der relativen grammatischen Autonomie“, die Funktion B als „die Kodierung der fehlenden relativen grammatischen Autonomie“ und die Funktion C als „Textkohäsiv“ (wohinter sich eine Menge von Funktionen von Kohäsionsmitteln verbirgt) beschrieben wird, vgl. S. 24 ff. Eine Konsequenz dieser Sicht ist, dass der Satz auf Textebene als Textglied und damit als Funktionswert figuriert, aber zugleich kann er als Form das Argument einer Textfunktion bilden. Interessanterweise ist es zudem erlaubt, die für eine funktionalgrammatische Ebene definierten Funktionen auf Größen einer anderen Ebene anzuwenden. Ágel spricht in diesem Fall von „Recycling als grammatischer Grundtechnik“, die zu „Rekursivität zwischen funktionalgrammatischen Ebenen“ (S. 35) führe, wodurch semantische Transparenz zwischen den Ebenen entstünde. Beispielsweise könne die für die Satzebene (= Mesoebene) definierte Objektfunktion auf Argumente der Textebene (= Makroebene) angewendet werden und Textglieder auf Satzglieder abbilden. Dies wirft wiederum die Frage nach dem verwendeten Funktionsbegriff und einer konsistenten Definition der Datentypen auf, zumal im Dunkeln bleibt, woher im angegebenen beispielhaften Fall der Abbildung „Objekt (Textsequenz) = Akkusativobjekttext“ letztlich die formale Akkusativmarkierung herkommt. Die Textsequenz trägt dieses Formmerkmal nicht und die Objektfunktion kann sie ebenfalls nicht ohne Weiteres beisteuern.

Aber zurück zum Ausgangspunkt, den Wortarten: Hier wird zwischen Primär- und Sekundärformen unterschieden. Primärformen wie Verben, Substantive, Adjektive und Adverbien könne man ohne Textzusammenhang identifizieren; Sekundärformen seien hingegen selbst grammatische Werte, die nur textbasiert bestimmt würden. Beispielsweise ergibt die Anwendung der Abtönungsfunktion auf das Wort ja, dass es sich um eine Abtönungspartikel handele. Wenn hingegen die Antwortfunktion auf ja angewendet wird, dann handele es sich um eine Antwortpartikel. Wird im nächsten Schritt die Funktion Textkohäsiv auf die Abtönungspartikel ja oder die Antwortpartikel ja angewendet, werden beide als ein Kohäsionsglied eingestuft. Dies liefert deskriptiv zwar das gewünschte Ergebnis, aber in welchem Sinne ist es vorteilhafter, eine Abtönungsfunktion und eine Antwortfunktion anzunehmen, als ja wie gewohnt lexikalisch als Partikel zu kategorisieren und gemäß allgemeiner Prinzipien kontextabhängig entweder als Abtönungspartikel oder als Antwortpartikel zu interpretieren?

Die oberflächennahe textgrammatische Analyse, wie sie Ágel vorschlägt, zielt auf eine exhaustive Beschreibung der in authentischen Texten vorkommenden Einheiten, was aber sofort die Frage nach dem grammatisch-pragmatischen Status dieser Einheiten aufwirft und darüber hinaus zum generellen Problem der Segmentierung von Texten führt. Was sind die elementaren Einheiten eines Textes und wie können sie bestimmt werden? Handelt es sich um syntaktische Größen (beispielsweise Sätze?) oder semantische Entitäten (beispielsweise Propositionen?) oder pragmatische Einheiten (beispielsweise Illokutionen?) oder Einheiten ganz anderer Natur? Ágel vertieft diese Problematik nicht und nimmt vereinfachend an, dass Texte in Analogie zu Sätzen linear in funktionalgrammatische Glieder zerlegt werden können, und zwar in die drei bereits oben genannten Textglieder Satz, Nichtsatz und Kohäsionsglied. Um schrittweise zu diesen Textgliedern zu gelangen, werden Texte in einfache orthografische Einheiten, sogenannte Textsequenzen, die „in der Regel mit einem Großbuchstaben anfangen und einem Satzschlusszeichen enden“ (S. 66), untergliedert,[2] worauf dann die bereits erwähnten Textgliedformeln angewendet werden. Es ist plausibel, dass zwischen den orthografisch bestimmten Textsequenzen und den funktional bestimmten Textgliedern kein 1:1-Verhältnis herrscht: Zwar kann ein orthografischer Satz aus genau einem Textglied bestehen, aber genauso kann er mehrere Textglieder umfassen oder ein Textglied kann sich über mehrere orthografische Sätze erstrecken. Bei der Verarbeitung real existierender Texte wird jedenfalls schnell offenkundig, dass es eine idealisierte Annahme ist, vom (grammatischen) Satz als einziger textstruktureller Analyseeinheit auszugehen, da satzübergreifend Einheiten zu Textsegmenten zusammengefasst werden können oder Einheiten unterhalb der Satzebene selbständige Textsegmente bilden. Allerdings können Textsegmente intern weiter strukturiert und ihre Teile nicht nur linear, sondern auch hierarchisch zueinander geordnet sein. Deswegen gilt die Textsegmentierung als ein komplexes und notorisch schwieriges Unterfangen. Aber jede Textanalyse muss zuallererst die Frage nach den minimalen Textbausteinen und ihren Beziehungen zueinander beantworten, denn aus der Art und Weise der Segmentierung und der angenommenen Verknüpfungsrelationen ergeben sich letztlich Textstruktur und Textbedeutung. Die Forschung in diesem Bereich ist inzwischen immens und hat nicht zuletzt durch die computerlinguistische Aufbereitung und Auswertung von Textkorpora wichtige Impulse erhalten (vgl. z. B. Stede 2007). Zwei elaborierte Diskurstheorien haben sich etabliert: die Rhetorical Structure Theory (RST, Mann/Thompsen 1988, Taboada 2006) und die Segmented Discourse Representation Theory (SDRT, Asher/Lascarides 2003). Beide Theorien verfolgen zwar jeweils eigene Segmentierungsansätze[3], fassen aber – gewissermaßen wie Ágel, nur in umgekehrter Analyserichtung – die Textstruktur als Fortsetzung der Satzstruktur auf und nutzen explizite sprachliche Markierungen an der Textoberfläche zur Identifikation der minimalen Analyseeinheiten und ihrer Verknüpfungsbeziehungen. Da beide Theorien für die textgrammatische Analyse einschlägig sind, wäre es wertvoll zu wissen, wie sich Ágel zu ihnen positioniert, welche Annahmen er teilt, welche er verwirft und warum. Dass diskurstheoretische Ansätze dieser Art vom Verfasser komplett ausgeblendet werden, halte ich für die größte Schwäche der Grammatischen Textanalyse, zumal diese selbst Textglieder als oberflächennahe Analyseeinheiten ansetzt.

Bei allen Unterschieden im Detail ist es eine weitere gängige diskurstheoretische Annahme, dass Textsegmente lokal durch Konnektoren verbunden werden (können) und dass es genau diese funktionale Eigenschaft ist, die die Zugehörigkeit von Ausdrücken unterschiedlicher syntaktischer Kategorie zur Klasse der Konnektoren begründet. Wie im Handbuch der Konnektoren (HdK, Pasch et al. 2003) aufgezeigt, kann diese Lexemklasse syntaktisch und semantisch einheitlich beschrieben werden: Konnektoren werden als Teil eines syntaktisch identifizierbaren Trägersegments analysiert und aufgrund ihrer semantischen Binarität verknüpfen sie dieses mit einem benachbarten Bezugssegment. Auch wenn die genaue Beziehung zwischen Konnektoren und Kohärenzrelationen alles andere als trivial ist, wie die breite Forschung in diesem Bereich herausgearbeitet hat (siehe Mann/Thompson 1988, Sanders et al. 1992, Knott/Sanders 1998, Kehler 2002 u. a.), wird üblicherweise angenommen, dass die in der Grammatikschreibung inzwischen gut begründete Klasse der Konnektoren die Kohärenzrelationen und damit den Bedeutungszusammenhang zwischen benachbarten Segmenten markiert. Ágels Kohäsionsglieder scheinen mit dieser Ausdrucksklasse zu korrespondieren. Allerdings bezeichnet Ágel selbst nur einen Subtyp der Kohäsionsglieder als Konnektoren, weil er abweichend von den Autoren des HdK die Junktoren nicht als Konnektoren einstuft. Erschwerend kommt hinzu, dass er Konnektoren als Kohäsionsglieder beschreibt, die – anders als Junktoren – keine satzsemantische, sondern nur text- und gesprächsorganisierende Funktion hätten, indem sie „Sätze mit Sätzen, Nichtsätze mit Nichtsätzen oder Sätze mit Nichtsätzen verbinden“ (S. 14). Vor dem Hintergrund, dass die klassischen Konnektoren (einschließlich der Junktoren) semantisch interpretiert werden können, überrascht diese enge Sicht auf die Konnektoren. Hinzu kommt, dass nach Ágels Auffassung Kohäsionsglieder nicht Teil einer minimalen Analyseeinheit sind, sondern selbst eine solche darstellen, die dann aber grundsätzlich anderen kategorialen Typs sein muss als Sätze und Nichtsätze, wobei gerade eine eindeutige Abgrenzung zu Letzteren nicht unproblematisch ist.

Eine weitere zentrale Frage betrifft den in der textgrammatischen Analyse unterstellten Satzbegriff, dessen Festlegung angesichts der etwa 200 Vorgängerversuche (vgl. Zifonun et al. 1997) prinzipiell eine Herausforderung ist. Ágel beschreibt den grammatischen Satz als einen Satz mit folgenden Ingredienzien: ein einziges Hauptprädikat, das ein Szenario entwirft, und eine topologische Felderstruktur mit realisierter Satzklammer. Allerdings hat das generelle Anliegen des Verfassers, alle Glieder eines Textes gemäß ihrer realisierten Abfolge flach und vollständig zu beschreiben (Ágel nennt dies das Kriterium der Restlosigkeit einer funktionalen Satzanalyse), die Nebenwirkung, dass mitunter die Grenze zwischen parole und langue verschwimmt, wie auch in Bezug auf den postulierten Satzbegriff deutlich wird, denn es bleibt in der Schwebe, ob der grammatische Satz vom Verfasser als Äußerungseinheit in konkreten Texten oder aber als abstrakte, valenzgrammatisch festgelegte Größe angesehen wird. Es heißt nur allgemein, dass der grammatische Satz durch die Präsenz eines (hierarchisch höchsten) Hauptprädikats gekennzeichnet sei, was zugleich bedeute, dass „[d]er Text genauso viele grammatische Sätze [enthält], wie er Hauptprädikate enthält“ (S. 11). Umgekehrt gelten alle in einem Text orthografisch durch einen Punkt abgeschlossenen Einheiten ohne Prädikat ihrer Form nach als sogenannte Ganzsätze (eine weitere Bezeichnung für den orthografischen Satz) bzw. als Textsequenz, ihrer Funktion nach aber als Nichtsätze.

Gewöhnungsbedürftig sind zwei weitere neu eingeführte Begriffspaare zur Beschreibung von Sätzen: die Unterscheidung zwischen realem versus virtuellem Satz („In realen Sätzen sind alle Satzglieder real vorhanden. In virtuellen Sätzen gelten Satzglieder aus realen Sätzen weiter, sie sind im virtuellen Satz ‚virtuell‘ vorhanden.“ [S. 887]) sowie die Unterscheidung zwischen statischem versus dynamischem Satz („Wenn die Grundvalenz in einem Satz 1:1 realisiert wird, entstehen statische Sätze mit einem statischen Prädikat. [...] Wird die Grundvalenz kategorial oder konstruktionell überlagert, entstehen dynamische Sätze mit einem dynamischen Prädikat und ggf. dynamischen Satzgliedern [...].“ [S. 887]). Hier spricht der Verfasser wie an verschiedenen anderen Stellen eine eigene terminologische Sprache. Die erste Unterscheidung dient genaugenommen der Beschreibung klassischer Koordinationsellipsen; die zweite erfasst im wesentlichen Valenzalternationen unterschiedlichen Typs.

Es ist zugegebenermaßen nicht leicht, den diffizilen Satzbegriff theoretisch in den Griff zu bekommen. Die ebenfalls oberflächennah agierende Duden-Grammatik (Fabricius Hansen et al. 2009) bietet beispielsweise drei konzeptionell verschiedene, sich aber ergänzende Definitionsvarianten an:

  1. (1)

    Ein Satz ist eine Einheit, die aus einem Prädikat mit finitem Verb und den zugehörigen Ergänzungen und Angaben besteht.

  2. (2)

    Ein Satz ist eine abgeschlossene Einheit, die nach bestimmten Regeln (den syntaktischen Regeln) gebildet worden ist.

  3. (3)

    Ein Satz ist die kleinste Einheit, mit der eine sprachliche Handlung vollzogen werden kann.

Interessanterweise haben die drei definitorischen Klauseln jeweils unterschiedliche Konsequenzen für die Beurteilung von Nebensätzen und Satzäquivalenten bzw. satzwertigen Ausdrücken. Während Satzäquivalente nur im Sinne von (3) als Sätze gelten können, sind Nebensätze nach (3) keine Sätze, aber nach (1). Sind Nebensätze Bestandteil eines komplexen Satzes, gilt dieser als Ganzes sowohl nach (1) und (2) als auch nach (3) als Satz. Um Sätze von Nichtsätzen abzugrenzen, kombiniert Ágel gewissermaßen (1), (2) und (3): (1) ist für Ágel die notwendige Bedingung für Sätze, während Nichtsätze die funktional ausgerichtete Klausel (3) erfüllen, aber gerade nicht (1). (2) hingegen trifft auf Sätze wie Nichtsätze zu, wenn diese eine grammatische Struktur aufweisen, was laut Ágel aber nicht für Satzäquivalente gilt. (2) wird von Ágel insofern angereichert, als er das Stellungsfeldermodell als Kriterium für die Festlegung des Satzbegriffs heranzieht. Im Zuge dessen müssen Nebensätze zu Nichtsätzen herabgestuft werden, da Ágel aus unabhängigen Gründen gegen die Ausdehnung des topologischen Klammerbegriffs auf Nebensätze argumentiert. Zudem seien Nichtsätze grundsätzlich von Sätzen topologisch abgrenzbar, weil ihnen die Felderstruktur und die Satzklammer fehlten. Wieso eine topologische Analyse für Nichtsätze und damit auch Nebensätze ausgeschlossen sein soll, erschließt sich angesichts der Analysen in Wöllstein (2010) nicht unmittelbar. Für die Festlegung des Satzbegriffs scheint es weder vorteilhaft noch erforderlich zu sein, auf das Stellungsfeldermodell zu rekurrieren.

Weil Nichtsätze kein Hauptprädikat aufweisen, entwürfen sie „per definitionem kein prädikatsinduziertes Szenario“ (S. 27), sondern sogenannte Impressios, die – so Ágel – „semantisch eher mit impressionistischen Gemälden vergleichbar [sind]“ (S. 170). (An dieser Stelle zeigt sich exemplarisch, dass die im gesamten Band vorkommenden, teils metaphorisch gebrauchten, terminologischen Neuschöpfungen zwar kreativ, aber nicht immer leserführend sind. Bei aller Wertschätzung für Monets Seerosen ist aus der Maltechnik allein nur schwer zu erschließen, was eine impressionistische Semantik sein könnte.) Laut Verfasser zieht das fehlende Hauptprädikat zusätzlich nach sich, dass Nichtsätze keine autonome Kodierung im Text aufweisen, weswegen „Nichtsätze syntaktischsemantisch anpassungsfähige Textglieder“ (S. 173) seien. Für Satzäquivalente oder verblose Ausdrücke wie „Endlich Sonne!“ mag dies aufgrund der fehlenden Prädikation noch einsichtig sein. Aber inwieweit trifft es auf Nebensätze zu, die im Standardfall ein prädizierendes finites Verb in Endstellung enthalten? Für komplexe Sätze wie „Jemand behauptet, dass Pippi ein Pferd heben kann“ ist schwer erkennbar, in welchem Sinne im dass-Satz ein „untergeordnetes Prädikat“ (S. 886) und kein Hauptprädikat realisiert ist. Um eine nebensächliche Prädikation kann es sich jedenfalls nicht handeln. Die – nicht vorhandene – autonome Kodierung, auf die Ágel Bezug nimmt, ist eine Bedeutungsrelation von Komplementen[4], die zusammen mit drei weiteren Relationen (e. g. Sachverhaltsbeteiligung, Perspektivierung und Sachverhaltskontextualisierung) in der Grammatik der Deutschen Sprache (GdS, Zifonun et al. 1997) stipuliert wird. Dort wird aber bereits das grundlegende Dilemma, dem sich die Grammatikschreibung in Bezug auf die Definition des Satzes gegenübersieht, thematisiert und gelöst: Aus formaler Sicht stellt der Satz eine verbzentrierte Einheit dar, die neben einem finiten Verb auch die entsprechenden Komplemente und Supplemente enthält, während der Satz aus funktionaler Sicht eine kommunikative Minimaleinheit bildet, mittels derer sprachliche Handlungen vollzogen werden (siehe GdS, S. 86f.).

Dies führt direkt zu einem weiteren grundlegenden Aspekt der gebrauchsorientierten Grammatischen Textanalyse – die Hinwendung zum literarischen Text als hauptsächlicher Datenquelle. Dies begründet der Verfasser damit, dass Standardgrammatiken größte Schwierigkeiten hätten, narrative Texte adäquat zu erfassen. Aber ist diese Kritik legitim? Literarische Texte sind wie alle anderen Texte Produkte des menschlichen Sprachvermögens und beruhen daher auf den Einheiten und Prinzipien des Sprachsystems, die in Bezug auf eine Einzelsprache auch in einer Grammatik kodifiziert sein können. Aber anders als Gebrauchstexte sind literarische Texte das Ergebnis künstlerischen Schaffens. Literarizität wird oftmals gerade über Abweichungen von sprachlichen Regeln oder Normen erzeugt, weil so nicht nur Inferenzprozesse beim Adressaten angestoßen werden können, sondern auch bestimmte Interpretationsspielräume entstehen. Jede intendierte Regelverletzung setzt aber die Kenntnis der zu verletzenden Regel voraus. Gerade das Regelhafte zu erfassen, ist vorrangige Aufgabe der Grammatikschreibung. Dies schließt die Beschreibung der durch die sprachliche Form ausgelösten ästhetischen Effekte nicht ein. Literarische Texte als Beleggrundlage zu verwenden, ist dennoch nicht verkehrt, aber es muss klar sein, zu welchem Zweck dies geschieht. Es kann nicht darum gehen, das spezifisch Literarische zu ermitteln, sondern es müssen diejenigen grammatischen Eigenschaften des Ausdruckssystems herausgearbeitet werden, die Texte ganz unterschiedlicher Art, vom Notizzettel bis zum lyrischen Gedicht, hervorbringen. Alle weitergehenden Charakteristika literarischer Texte sind ein genuiner Untersuchungsgegenstand der Literaturwissenschaft, nicht der Linguistik. Poetik und Grammatik sind verschiedene Kenntnissysteme. Insofern ist Vorsicht geboten, denn das Spezifische eines literarischen Textes in Bezug auf einen anderen Text entzieht sich möglicherweise einer grammatischen Beschreibung vollständig.

Eine Grammatik möglichst nah an der Sprachwirklichkeit zu entwickeln, wie es Ágel beabsichtigt, ist unbestritten ein wichtiges Anliegen. Vor mehr als zwei Dekaden hat sich das Leibniz-Institut für Deutsche Sprache mit der Erstellung der GdS auf Basis einer Fülle von authentischen Daten und Korpusnachweisen dieses Desideratums angenommen, schon damals mit dem wichtigen Hinweis, dass „Belege – auch von sprachlichen Autoritäten – nicht der Aufgabe einer grammatischen Beurteilung auf intuitiver wie theoretischer Grundlage [entheben]“ (GdS, S. 13). Ein Novum, das Ágels Textgrammatik allerdings für sich beanspruchen kann, ist die konsequent durchgehaltene Analyse eines Leittextes. Überraschend ist jedoch, dass genau dieser Leittext kein literarischer Text ist, sondern eine Rezension und damit ein Gebrauchstext – wenn auch zu einem literarischen Gegenstand.

Der vorliegende Band ist in jeder Hinsicht schwergewichtig. Für eine gute Handhabbarkeit sorgen neben dem eingangs erwähnten Apparat vor allem die äußerst nützlichen Marginalglossen sowie die zahlreichen Zusammenfassungen und Merksätze am Ende von Abschnitten. Mit diesen Hilfen ist die Grammatische Textanalyse als Nachschlagewerk gut nutzbar. Wenn man sich aber durch das Buch sequentiell durcharbeitet, fällt eine gewisse Redundanz in Inhalten und Formulierungen auf, die sich in Folgeauflagen möglicherweise beseitigen ließe. Dies würde nicht nur zu einer Straffung der Darstellung beitragen, sondern den Band vermutlich für breitere Leserschichten öffnen. Vielleicht könnte in diesem Zusammenhang auch die Vielzahl der Fußnoten noch einmal überdacht werden. Diese weisen den Verfasser als Kenner der älteren und neueren sprachtheoretischen Literatur unterschiedlicher Provenienz aus, weswegen zahlreiche Hinweise für die Argumentation im Text so bedeutsam sind, dass sie ein größeres Gewicht in der Darstellung verdienten.

Ágel schreibt gleich zu Beginn des Bandes, dass der „eigentliche, nichtgrammatische, Sinn der grammatischen Textanalyse in der grammatischen Fundierung der semantischen Interpretation von Texten [besteht]“ (S. 4). Die Analyse eines Satzes hinsichtlich seiner grammatischen Merkmale und Gesetzmäßigkeiten sei kein Selbstzweck. Aber würde das denn heute noch jemand ernsthaft behaupten? Selbst die vom Verfasser häufig kritisch beurteilte formale Sprachwissenschaft verharrt nicht in der Beschreibung von einzelnen Sätzen, sondern wendet sich seit mehr als zwei Jahrzehnten gezielt textstrukturellen und diskurssemantischen Zusammenhängen zu. Mit dem Feld der formalen Pragmatik hat sich zudem ein Gebiet entwickelt, das dezidiert versucht, Modelle für den Gebrauch von Sätzen im jeweiligen Kontext zu entwerfen, ausgehend von modelltheoretisch fundierten Analysen der jeweils betrachteten Sätze und ihrer grammatischen Einheiten. Auch die auffallend spitzen Bemerkungen in Bezug auf vorhandene syntaktische Analysen der generativen Grammatik scheinen nicht immer angebracht. Natürlich muss man die Annahmen der generativen Grammatik nicht teilen und sicher gibt es berechtigte Kritik an ihren Ergebnissen und Entwicklungen (vgl. z. B. Richter/Sternefeld 2011), aber unbestritten haben generative Ansätze wertvolle Generalisierungen hervorgebracht und damit wesentlich zu einer systematischen Beschreibung des Deutschen beigetragen. Dies ist nicht zuletzt einer empirischen (experimentellen wie korpusbasierten) Methodik zu verdanken, die nicht nur, aber auch im generativen Rahmen erschlossen wurde. Eine Grammatikanalyse, die wie die von Ágel vorgeschlagene mit einer „Funktion-Argument-Wert-Formel“ (s. o.) als basalem Beschreibungsmechanismus operiert, steht der generativen Grammatik in ihrem Streben nach einer expliziten und formal präzisen Erfassung sprachlicher Gesetzmäßigkeiten eventuell näher als vom Verfasser angenommen.

Mit Ágels Grammatischer Textanalyse liegt ein kenntnisreicher Abriss der deutschen Grammatik aus textueller Perspektive vor, dessen Anleihen bei Weinrichs Textgrammatik zwar selten expliziert werden, aber offensichtlich sind. Inwieweit sich das umfangreiche Werk auch als Kompendium für die Sprachlehre des Deutschen eignet, wird sich erweisen müssen. Aus theoretischer Perspektive ist zu bedauern, dass der aktuelle Diskussionsstand zur Informationsstrukturierung, Diskurssemantik und formalen Pragmatik nur am Rande einbezogen wird. Erfreulich ist jedoch, dass der Versuch unternommen wird, die gesamte Bandbreite der konkreten sprachlichen Erscheinungen an der Textoberfläche in einer Grammatik abzubilden. Dadurch wird das Buch vermutlich auch für korpuslinguistisch ausgerichtete Projekte interessant, die für die Annotation größerer Textmengen sprachliche Signale in authentischen Texten systematisch erkennen und konsistent interpretieren müssen.

Es ist Ágels Verdienst, Grammatikbeschreibung nicht nur konzeptionell neu zu denken, sondern auch bis ins Detail auszubuchstabieren. Ágels konsequent datenorientiertes Vorgehen, das Widerhall in der wiederkehrenden akribischen Analyse ein und desselben Textes findet, ist beeindruckend. Allerdings verlangt es den Nutzer:innen die Bereitschaft ab, sich zeitlich und intellektuell auf eine spezifische Begrifflichkeit und eine textgetriebene Darstellungsweise der Grammatik des Deutschen einzulassen. Dass auch Studierende dazu bereit sind, ist der vorliegenden Textgrammatik zu wunschen.

Literatur

Asher, Nicholas & Alex Lascarides. 2003. Logics of Conversation. Cambridge: Cambridge University Press. Search in Google Scholar

Fabricius Hansen, Cathrine, Peter Gallmann, Peter Eisenberg & Reinhard Fiehler. 2009. Duden 04: Die Grammatik. Mannheim: Bibliographisches Institut. Search in Google Scholar

Kehler, Andrew. 2002. Coherence, Reference, and the Theory of Grammar. Stanford: CSLI. Search in Google Scholar

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Online erschienen: 2020-11-27
Erschienen im Druck: 2020-12-01

© 2020 Anke Holler, publiziert von Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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