Ad Foolen

Klaus Welke. 2019. Konstruktionsgrammatik des Deutschen. Ein sprachgebrauchsbezogener Ansatz (Linguistik – Impulse und Tendenzen 77). Berlin, Boston: De Gruyter. 542 S.

De Gruyter | Published online: October 29, 2020

Wer Welkes Valenzgrammatik des Deutschen (2011) mit seinem hier zu besprechenden Buch Konstruktionsgrammatik des Deutschen (2019, im Folgenden KxGdD) rein anhand des Titels vergleicht, könnte meinen, der Autor der beiden Werke hätte seine theoretische Orientierung geändert. Wer die Bücher tatsächlich gelesen hat, wird aber bestätigen, dass es sich bei dem neuen Buch um eine natürliche Weiterentwicklung von Welke (2011) handelt. Und eigentlich reicht der Entwicklungsgang bis 1988 zurück, als Welkes Buch Einführung in die Valenz- und Kasustheorie erschien. Wie Hundsnurscher (1990: 233) in seiner Besprechung von Welke (1988) schon feststellte, handelte es sich bei dem Buch „um eine äußerst kritische Auseinandersetzung mit den theoretischen Grundlagen und mit der aktuellen Forschungsdiskussion zur Valenz- und Kasustheorie“. Und wie Hundsnurscher (S. 233) weiter bemerkte, ging Welke in seinem Buch aus dem Jahr 1988 schon „kritisch auf Fillmores Kasustheorie ein und zeigt[e] Möglichkeiten ihrer Weiterentwicklung“. Man könnte sagen, dass Welke in dem Buch von 2011 und noch mehr in KxGdD diese Weiterentwicklung zu Ende führt.

Gliederung

In dem ersten kurzen Kapitel von KxGdD werden Gliederung und Terminologie eingeführt. Dann folgt ein längeres Kapitel, in dem die Konstruktionsgrammatik und die Wort-Satz-Grammatik einander gegenübergestellt werden. Wort-Satz-Grammatik steht für alle Grammatikmodelle, die Sätze auf der Grundlage von Lexikoneinträgen projizieren, insbesondere Valenzgrammatik und Generative Grammatik.

Die übrigen 15 Kapitel sind in zwei Teilen untergebracht: I. Konstruktion und II. Konstruktionsvererbung. In Teil I werden primäre schematische Konstruktionen des Deutschen beschrieben: Argument-, Prädikativ-, Modifikator- und Substantivkonstruktionen. Auch der Wortstellung, ein wenig bearbeitetes Thema in der Konstruktionsgrammatik (im Folgenden KxG), wird ein Kapitel gewidmet. Teil II richtet sich auf vererbte, abgeleitete Konstruktionen, darunter Passiv-, Medial-, Präpositionalobjekt-, Verbpartikel/Präfix- und Nominalisierungskonstruktionen. Literaturverzeichnis, Sach- und Personenregister schließen das 542 Seiten umfassende Werk ab.

Valenztheorie und Konstruktionsgrammatik

Seit jeher bereiten Sätze, die mehr oder weniger Argumente zu einem valenztragenden Kopf enthalten als im Valenzlexikon vorgesehen, Probleme. Nach Welke (2011) kann dieses deskriptive Problem auf unterschiedliche Weise gelöst werden. Eine Möglichkeit ist die Erweiterung der Valenzpalette im Valenzlexikon, wie in (E-)VALBU oft praktiziert. Welke zeigt, dass dies zu immer detaillierteren Lexikoneinträgen führt. Eine Alternative wäre, die Valenzgrammatik durch ein anderes Grammatikmodell zu ersetzen, wie Goldberg (1995) das mit ihrer Konstruktionsgrammatik vorgeschlagen hat. Ihr Beispielsatz „Pat sneezed the napkin off the table“ (Goldberg 1995: 29) ist in der nachfolgenden KxG-Forschung wiederholt als Demonstration dafür zitiert worden, dass eine lexikonbasierte projektionistische Grammatik nicht erklären kann, warum ein intransitives Verb wie „sneeze“ („niesen“) ein Akkusativobjekt und Direktivkomplement regieren kann. Coercion ist eine mögliche Erklärung: Ein Verb wird ad hoc in eine Konstruktion „gezwängt“, zu der es eigentlich nicht gehört. Coercion klingt aber nach „Ausnahmefall“, während Sprachgebrauchsdaten inzwischen hinreichend gezeigt haben, dass solche Diskrepanzen zwischen „Grundvalenz“ und aktuellem Gebrauch regulärer Teil der Sprachpraxis sind. Eine Theorie, die diesen Aspekt des Sprachgebrauchs als „normales“ Phänomen behandelt, wäre also vorzuziehen. Die KxG beansprucht gerade auf Grund dieses Arguments ihren Platz als zu bevorzugende Grammatiktheorie. Mit KxGdD gehört Welke zu den Autoren, die wie Goldberg die Lösung des deskriptiven Problems bei der Konstruktionsgrammatik suchen.

Obwohl Welke also nicht verheimlicht, dass sein Modell stark von dem Lakoff-Goldberg-Ansatz inspiriert wurde, setzt er zugleich auch eigene Akzente. So plädiert er dafür, das Valenzlexikon beizubehalten, dabei aber Valenz auf Grundvalenz zu beschränken und Argumentanpassungen (Reduzierung und Erweiterung) der Verwendung in Konstruktionen zu überlassen. Mit anderen Worten, er plädiert für eine Synthese der beiden Forschungsrichtungen, allerdings unter dem Primat der Konstruktion. In Welke (2011) wurde schon skizziert, wie eine solche Kombination der Valenz- und Konstruktionsgrammatik modelliert werden könnte. In KxGdD wird dieses Modell weiterentwickelt, sprachphilosophisch und -psychologisch begründet und mit weiteren deskriptiven Kapiteln (u. a. zu Passiv und Wortstellung) angereichert.

Eigene Ausgangspunkte und Akzente

Welkes Orientierung auf KxG, insbesondere auf die kognitive Lakoff-Goldberg-Richtung, heißt nicht, dass er das KxG-Modell einfach übernimmt und auf das Deutsche anwendet. Durch das ganze Buch hindurch werden bestehende Konzepte und Beschreibungen aus der KxG kritisch geprüft und, wo nötig, weiterentwickelt. Es ist unmöglich, im Rahmen dieser Besprechung den vielen theoretischen Aspekten des reichhaltigen Werkes gerecht zu werden. In den folgenden Absätzen können nur illustrierenderweise einige besondere Ausgangspunkte und Akzente hervorgehoben werden.

Welke betont, dass in der Sprache Dynamik eine zentrale Rolle spielt. Für Dynamik braucht man aber mindestens zwei „Pole“, z. B. die von de Saussure unterschiedenen: Sprache und Sprachgebrauch, Form und Bedeutung, Synchronie und Diachronie, Form und Substanz. Es war bestimmt hilfreich, dass de Saussure diese Aspekte und Perspektiven klar voneinander trennte, aber jetzt, mehr als ein Jahrhundert später, ist es an der Zeit, sie wieder zu kombinieren. Nicht die Unterschiede holistisch auswischen, sondern sie in einer Perspektive der dialektischen Dynamik zu konzeptualisieren, das ist die Herausforderung.

KxGdD hat den Untertitel „Ein gebrauchsbezogener Ansatz“. In der KxG wird „usage-based“ unterschiedlich benutzt. Meistens wird damit betont, dass grammatische Analysen induktiv auf reellen Sprachgebrauchsdaten basieren und nicht primär deduktiv auf hypothetischen Regeln. Welke will aber mit „gebrauchsbezogen“ auf den Sprachgebrauchsprozess fokussieren, auf die kreative Bildung von Äußerungen auf der Grundlage von Konstruktikon,[1] Lexikon und Kontext. Es geht um Operationen der Sprecher/Hörer in der sprachlichen Tätigkeit.

Die KxG neigt dazu, die Sprache holistisch zu konzeptualisieren. So wird der Unterschied zwischen Kompetenz und Performanz relativiert. Welke plädiert dafür, den Unterschied unter dem Primat des Sprachgebrauchs beizubehalten: Kompetenz ist sedimentierte Performanz.

Die gerade erwähnte holistische Tendenz der KxG zeigt sich auch darin, alle Konstruktionen als gleichwertig zu behandeln. Welke unterscheidet eine „core grammar“ von eher peripheren, idiomatischen Konstruktionen und Wendungen. In dem jetzigen Buch beschränkt er sich auf die Kerngrammatik, das heißt auf Argumentkonstruktionen im Sinne von Goldberg (1995).

Eine weitere holistische Tendenz der KxG betrifft die Relativierung des Unterschieds zwischen semantischer und enzyklopädischer Information (Sprachwissen und Weltwissen). Die mit der KxG verbundene Frame-Semantik betont gerade, dass Verstehen nur auf dem Hintergrund des allgemeinen geteilten Wissens möglich ist. Welke verneint die Relevanz des Weltwissens nicht, sieht aber genügend Gründe dafür, konventionalisierter Bedeutung (Sprachwissen) einen eigenen Status zuzuschreiben.

In der KxG wird meistens angenommen, dass frequenter abweichender Gebrauch („coercion“) zu Konventionalisierung führt bzw. führen muss (von Performanz zu Kompetenz). Welke betont aber, dass das Spannungsgefühl des abweichenden Gebrauchs auch bei hoher Frequenz beibehalten werden kann. Der Gebrauch von intransitiven Verben in medialen Resultativkonstruktionen („Er schläft sich gesund“) kommt häufig vor, führt aber nicht dazu, dass die Grundvalenz von schlafen im (mentalen) Lexikon angepasst wird. Diese „Spannung“ zwischen System und Gebrauch macht gerade kreative, expressive Effekte möglich (vgl. für niederländische Beispiele Foolen 2008: 5).

Semantische Rollen werden von Welke „signifikativ“, intensional und nicht denotativ-semantisch extensional definiert, wie das in der formalen Semantik und auch von Fillmore (1968) versucht wurde. In der Semantik soll es darum gehen, wie Rollen die Wirklichkeit, insbesondere menschliche Handlungssituationen, konzeptualisieren, es geht nicht um direkte Abbildung einer „objektiven“ Wirklichkeit.

Wie bei Lakoff und Goldberg werden Rollen und Konstruktionen prototypisch definiert. Durch analoge Ausweitungen können Sprecher ähnliche Realitäten konzeptuell erfassen. Diese Vision passt zu der Denkart des Autors, der nicht auf Absolutes orientiert ist, sondern immer von der Idee ausgeht, dass es sich bei Sprache um etwas Relatives handelt, um prototypische und weniger prototypische Fälle, und um Pole, die nicht als aristotelische, kategorische Zweiteilungen aufgefasst werden sollen, sondern als Quellen von Spannung, die zu Dynamik, Übergängen, graduellen Erneuerungen führen.

Erneuerungen und Ausweitungen können sich verselbständigen und sich durch Grammatikalisierung weiter von der ursprünglichen Konstruktion entfernen, wobei aber typischerweise auch Merkmale des prototypischen Ursprungs beibehalten werden. Solche Prozesse werden von Welke (Konstruktions-)Vererbung genannt. Dieser Vererbungsbegriff weicht von dem in der KxG gängigen Begriff „inheritance“ ab, wo es primär um Zusammenhänge zwischen Schemata unterschiedlichen Abstraktionsgrades geht.

Vererbungsprozesse finden primär im Sprachgebrauch statt. Dabei ist meistens auch eine diachrone Dimension impliziert. Das Sprachbewusstsein ist primär synchron, native speaker kennen nicht die ganze Sprachgeschichte, aber es ist durchaus so, dass sie ein Gespür dafür haben, was alt ist und was neu, was eher primär und eher sekundär (abgeleitet, vererbt) ist.

In Kapitel 7 werden Bausteine für eine konstruktionelle Betrachtung der Wortstellung zusammengetragen. Wortstellung ist kein typisches KxG-Anliegen, aber, wie Welke betont, komme keine seriöse Grammatiktheorie um dieses Thema herum. Ein wichtiger Unterschied bei Welke ist der zwischen primärer und sekundärer Perspektivierung. 1., 2. und 3. Argument eines Verbs (z. B. Nominativ, Dativ und Akkusativ) sind im Konstruktikon in dieser Reihenfolge perspektiviert. Es geht hier um den allgemeinen inneren Ablauf von Prozessen (Agens bearbeitet ein Objekt, Agens orientiert sich benefaktiv auf eine andere Person usw.). In der linearen Abfolge in einem aktuellen Satz kann diese normale Reihenfolge beibehalten werden oder aber von einer sekundären Perspektivierung überlagert werden. Hier kommt die ganze Problematik von Thema-Rhema, Topik-Fokus usw. ins Spiel.

Zu den eigenen Akzenten des Vorgehens in KxGdD gehört auch, dass brauchbare Bausteine aus anderen Forschungsparadigmen aufgegriffen werden. Viele deskriptive und theoretische Arbeiten, die seit 1988 in der internationalen Linguistik und speziell in der Germanistik über Kasus, Valenz, semantische Rollen, Argumente und Argumentkonstruktionen publiziert wurden (das Literaturverzeichnis von KxGdD umfasst 22 Seiten), wurden einbezogen. So wird im Kapitel über Wortstellung Maienborns generative Studie (1996) über die Platzierung von lokalen Adjunkten positiv bewertet, und die Befunde werden übernommen, wobei die baumstrukturellen Analysen konstruktionell umgedeutet werden.

Welke kennt sich nicht nur mit der modernen Linguistik und Kognitionspsychologie aus, er greift auch regelmäßig auf die Zeit vor der Systemlinguistik des 20. Jahrhunderts zurück. Von Humboldt, von der Gabelentz und vor allem auch Paul werden an passender Stelle einbezogen. Wie im vorigen Absatz schon betont wurde, werden Saussure’sche Dichotomien nicht abgelehnt, aber ihre Absolutheit wird relativiert, wodurch fast automatisch die Verbindung zur Sprachwissenschaft des 19. Jahrhunderts wiederhergestellt wird.

Zielgruppe

Bei einem Titel wie Konstruktionsgrammatik des Deutschen könnte man der Versuchung erliegen, dieses Buch einem Grammatikkurs für Studierende der Germanistik zu Grunde zu legen. Erneut möchte ich auf Hundsnurscher (1990: 233) zurückgreifen, der zu Welke (1988) bemerkte, dass hier eher „ein state-of-the-art-Bericht als ein einführendes Lehrbuch für den akademischen Unterricht, das in erster Linie ‚gesichertes Wissen‘ vermitteln will“ vorläge. Diese Charakterisierung trifft auch auf das neue Buch zu. Studierende im Bachelorstudium hätten also bestimmt zu wenig Hintergrundwissen, um die vielen Argumente und Vorschläge in diesem reichhaltigen Buch zu würdigen.

Masterstudenten vielleicht? Ja, aber nur, wenn sie ein Bachelorstudium hinter sich haben, das sich nicht auf nur ein Grammatikmodell beschränkt hat. Die primäre Zielgruppe besteht vielleicht doch eher aus Linguisten, die bereit sind oder das Bedürfnis haben, ihre eigenen theoretischen Annahmen kritisch zu überprüfen, z. B. weil bestimmte Probleme in dem eigenen Framework nicht befriedigend gelöst werden können. Welkes Arbeit lädt dazu ein, andere Perspektiven einzubeziehen, wobei das Wertvolle der eigenen Perspektive nicht aufgegeben werden muss.

Fazit

KxGdD ist das Resultat einer jahrzehntelangen Beschäftigung mit Grammatik, der deutschen und der allgemeinen. Es ist nicht eine Zusammenfassung des vorher Geleisteten, sondern das Ergebnis eines Denkprozesses, der sich in der Auseinandersetzung mit Sprachdaten und Grammatiktheorien immer weiter entwickelt hat. Die Lektüre des Buches regt zum Überdenken der eigenen Annahmen und der eigenen Forschungspraxis an.

Es wäre zu wünschen, dass KxGdD bald eine 2. Auflage erlebt, bei welcher Gelegenheit auch die (leider) zahlreichen Druckfehler beseitigt werden sollten. Außerdem wäre ein zusammenfassendes Lehrbuch auf der Grundlage von Welkes Ausgangspunkten und den in seinem Buch besprochenen Konstruktionen einen Versuch wert. Drittens ist natürlich zu hoffen, dass Welkes „gebrauchsbezogener Ansatz“ Inspiration bietet für weitere grammatische Forschung.

Literatur

Fillmore, Charles J. 1968. The case for case. In: Emmon Bach & Robert Harms (Hg.). Universals in linguistic theory. New York: Holt, Rinehart, and Winston, 1–88. Search in Google Scholar

Foolen, Ad. 2008. Verbale Flexibilität: Zwischen Valenz und Konstruktion. In: Ad Foolen & Guillaume van Gemert (Hg.). Deutsch und Niederländisch in Sprache und Kultur. Nijmegen: Tandem Felix, 1–11, siehe auch https://www.ru.nl/grammarandcognition/people/vm/people/ad_foolen/publications/. Search in Google Scholar

Goldberg, Adele. 1995. A Construction Grammar approach to argument structure. Chicago, London: The University of Chicago Press. Search in Google Scholar

Hundsnurscher, Franz. 1990. Besprechung von Welke (1988). In: Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik 57(2), 233–234. Search in Google Scholar

Maienborn, Claudia. 1996. Situation und Lokation. Die Bedeutung lokaler Adjunkte von Verbalprojektionen. Tübingen: Stauffenburg. Search in Google Scholar

Welke, Klaus. 1988. Einführung in die Valenz- und Kasustheorie. Leipzig: Bibliographisches Institut. Search in Google Scholar

Welke, Klaus. 2011. Valenzgrammatik des Deutschen. Eine Einführung. Berlin, Boston: De Gruyter. Search in Google Scholar

Online erschienen: 2020-10-29
Erschienen im Druck: 2020-12-01

© 2020 Ad Foolen, publiziert von Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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