Monika Fritz-Scheuplein

Verena Sauer. 2018. Dialektgrenzen – Grenzdialekte. Die Struktur der itzgründischen Dialektlandschaft an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze (Linguistik – Impulse & Tendenzen 78). Berlin/Boston: De Gruyter. 422 S.

De Gruyter | Published online: October 29, 2020

Mit ihrer Kieler Dissertation reiht sich Verena Sauer in eine junge und innovative Reihe von Untersuchungen ein, die Methoden aus der traditionellen Dialektologie mit modernen Methoden der Wahrnehmungsdialektologie kombinieren. Auch mit der Wahl ihres Untersuchungsgebietes behandelt sie ein noch junges Forschungsfeld: Studien zur Sprachdynamik in Grenzregionen sind zwar kein neues Thema in der Dialektologie, entlang der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze sind sie aber erst wieder seit der Wiedervereinigung möglich. Dennoch sind auch nach 30 Jahren die Untersuchungen hierzu noch sehr überschaubar.[1] Umso lobenswerter muss daher die Arbeit Sauers eingeschätzt werden, die detailliert und anhand einer breiten Datenbasis der Frage nachgeht, „ob sich die objektive Struktur der itzgründischen Sprachlandschaft infolge der politischen Teilung gewandelt hat und wie die Gewährspersonen (GPn) dies wahrnehmen“ (S. 2). Für die Darstellung der dialektgeographischen Struktur ihres Untersuchungsgebietes bedient sich die Autorin eines Real-Time-Vergleichs, für den sie ältere und neuere Dialektkorpora heranzieht. Anhand eines Apparent-Time-Vergleichs untersucht sie subjektive Daten, die sie durch eigene Fragebogenerhebungen und Hörerurteiltests gewonnen hat. Durch die Verknüpfung ihrer Erkenntnisse kommt sie zu dem Schluss, dass durch die ehemalige deutsch-deutsche Grenze im Itzgründischen keine neuen Dialektgrenzen entstanden sind und dieser Dialektraum, trotz jahrzehntelanger Isolation, homogen geblieben ist.

Mit gegensätzlichen Zitaten aus den themenverwandten Arbeiten von Harnisch (2015) und Fritz-Scheuplein (2001) weckt die Autorin gleich zu Beginn von Kapitel 1, mit dem sie in die Fragestellung ihrer Untersuchung einführt, die Neugier des Lesers. Ausführlich widmet sich Sauer zunächst dem Begriff Raum (Kap. 1.2), indem sie Raumvorstellungen aus verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen erläutert und überprüft, in welchen Aspekten sie auf den Sprachraum übertragbar sind. Die anspruchsvolle Lektüre der Raumkonzepte mündet in die Entwicklung eines eigenen Raummodells, in dem zwei verschiedene Räume gleichzeitig nebeneinander existieren:

„Der Operationsraum oder auch objektive Raum ist der Raum, in dem die Sprecher agieren bzw. kommunizieren und er besteht unabhängig von der Wahrnehmung des jeweiligen Individuums. Der Perzeptionsraum oder auch subjektive Raum ist die perspektivische, selektive und ggf. auch verzerrte Wahrnehmung des Operationsraums durch das Individuum. Seine Struktur ist direkt abhängig von der individuellen Wahrnehmung.“ (S. 16)

Innerhalb der Perzeptionsräume finden Synchronisierungsakte statt, die sich stabilisierend oder auch modifizierend auf das Sprechverhalten auswirken können und somit auch die Struktur des Operationsraumes beeinflussen. Selbstverständlich wird auch der Faktor Zeit berücksichtigt, ohne den Untersuchungen zu sprachdynamischen Entwicklungen nicht durchführbar sind. Welche Entwicklungen denkbar sind, wenn die Sprecher innerhalb eines Raumes über eine gewisse Zeitspanne nicht mehr miteinander (und vor allem im Osten auch nicht mit ihrem sprachlichen Hinterland) kommunizieren können, skizziert Sauer im Anschluss an ihre theoretischen Überlegungen. Wann löst also eine Grenze sprachdynamische Prozesse aus und wann nicht? Grenzen sich die Sprecher erst dann dialektal voneinander ab, „wenn die (künstliche) extralinguistische Grenze zu einer emotional-psychischen Grenze für die Betreffenden geworden ist“ (S. 21)? Auf dieser Fragestellung basiert die der Untersuchung zugrunde liegende Ausgangshypothese:

„Wenn sich neue dialektgeographische Isoglossen entlang der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze gebildet haben, müssen diese auch wahrnehmungsdialektologisch nachweisbar sein.“ (S. 33)

Kapitel 2 erläutert die Datenerhebung, hier geht die Autorin zunächst auf ihr Forschungsdesign (Real-Time- und Apparent-Time-Analyse) ein, das „den Vorteil einer multiperspektivischen Erschließung der sprachlichen Situation“ (S. 36) bietet. Nach der Beschreibung der vier älteren Korpora, die für den diatopisch-diachronen Vergleich genutzt wurden (siehe hierzu Tab. 2.1, S. 37), stellt sie die Erhebungsmethoden für ihr eigenes, dreiteiliges Korpus von 2014 vor, dessen Daten von insgesamt 67 GPn aus drei Altersgruppen das jüngste Korpus der Real-Time- sowie die Basis der Apparent-Time-Analyse bilden. Umfassende Informationen zu sprachraumkonstituierenden Faktoren im Untersuchungsgebiet (Kap. 2.3), zu seiner historischen Entwicklung sowie zu extra- und intralinguistischen Faktoren veranschaulichen, dass die itzgründische Sprachlandschaft nicht nur durch eine jahrhundertelange gemeinsame Geschichte, eine enge wirtschaftliche und kulturelle Verbundenheit geprägt ist, sondern dass sie auch „eine besonders markante sprachliche Interferenzzone innerhalb der ostfränkischen Sprachlandschaft“ (S. 69) ist. Aus ihrer kritischen Auseinandersetzung mit der Forschungsliteratur (Kap. 2.4) zieht Sauer den Schluss, dass es dringend notwendig sei, sich erneut mit dieser Dialektlandschaft zu beschäftigen, um „neue aussagekräftige Hypothesen zur sprachlichen Situation innerhalb der ehemaligen Grenzorte entlang der politischen Grenze zu generieren“ (S. 86).

Die in vielen Aspekten ergiebigen dialektsoziologischen Daten, die durch eine indirekte Fragebogenerhebung (A.2 im Anhang) ermittelt werden, spiegeln in Kapitel 3 den hohen Stellenwert wider, den die dialektale Varietät im untersuchten Sprachraum einnimmt. Vor dem Hintergrund, dass das Konzept Mauer in den Köpfen immer noch existiert (vgl. Palliwoda 2014: 93), überrascht es, dass der diatopische Vergleich in den meisten der zehn untersuchten Variablen keinen auffälligen Ost-West-Unterschied erkennen lässt. Erwartbare Ergebnisse zeigt dagegen der intergenerationelle Vergleich, wie bspw. die Abnahme der subjektiven Dialektkompetenz von der älteren über die mittlere zur jüngeren Sprechergruppe. Welch wichtige Rolle die sprachliche Herkunft „im Identitätsbildungsprozess der Grenzbewohner“ (S. 110) spielt, deutet sich in den hohen Werten zur assoziierten Salienz an, unter der Sauer nicht nur die Wahrnehmung von sprachlichen Auffälligkeiten versteht, „sondern die Assoziation von sprachlichen Auffälligkeiten in der eigenen Sprechweise“ (S. 108). Ein erstaunlich hohes Bewusstsein für die eigene (ost)fränkische Sprechweise belegen die Werte zur dialektalen Selbstzuordnung. Interessant ist in dieser Hinsicht auch das Ergebnis zur regionalen Selbstverortung hinsichtlich der Herkunftsbezeichnung Franke (vgl. S. 126). Mit einer abschließenden statistischen Rangkorrelationsanalyse untermauert die Autorin wechselseitige Zusammenhänge von sechs Variablen.

Sauers wahrnehmungsdialektologische Analyse in Kapitel 4 basiert auf Hörerurteiltests: Welche dialektalen Merkmale nehmen die GPn wahr und was sind saliente Marker für das Untersuchungsgebiet? Zahlreiche Tabellen geben hier einen guten Überblick über die Ergebnisse des intergenerationellen und diatopischen Vergleichs. Die perzipierten Dialektmerkmale klassifiziert die Autorin weitgehend nach dem Schema von Anders (2010) in vier Kategorien: Lautliche Besonderheiten, Wortassoziationen, Aussagen zur regionalen Varietät und morphologische Besonderheiten (vgl. S. 153). Es überrascht allerdings nicht, dass es vor allem anhand der Kategorie lautliche Besonderheiten gelingt, belegbare „Rückschlüsse auf die Struktur des Perzeptionsraumes der GPn“ (S. 169) zu ziehen. Da v. a. die lautlichen Merkmale im gesamten Itzgründischen existieren, nehmen die GPn ihre Heimatregion als einheitlichen Sprachraum ohne starke Isoglossenstruktur wahr.

Im umfangreichen Kapitel 5 stellt Sauer anhand eines Real-Time-Vergleichs die Entwicklung der dialektgeographischen Struktur des Itzgründischen dar. Anhand von fünf Korpora beschreibt sie den phonologischen Wandel über eine Zeitspanne von knapp 80 Jahren, wobei ihr Fokus – nachvollziehbar begründet (vgl. Fußnote 251) – auf dem Vokalismus liegt. Trotz der enormen Fülle des Datenmaterials findet sich der Leser in dem über 200 Seiten umfassenden Teil der Arbeit gut zurecht, da alle zehn Unterkapitel dem gleichen Aufbau folgen: Auf der Basis der Forschungsliteratur wird zunächst erläutert, welches Verteilungsbild die mundartlichen Entsprechungen für eine mhd. Lautreihe sowohl im uofrk. Itzgründischen (Coburger und Sonneberger Raum) als auch im oofrk. Kronacher Raum zeigen. Es schließt sich eine kurze Beschreibung des Datenkorpus mit einer Tabelle an, die einen Überblick zu den in den fünf Korpora behandelten Lexemen bietet. Wie sich die Variantenverteilung darstellt und welche Veränderungen hier zu beobachten sind, wird jeweils im Unterkapitel Wandelprozesse thematisiert und anhand von Karten visualisiert. Eine prägnante Zusammenfassung der Ergebnisse aus dem diachronen sowie dem intergenerationellen Vergleich rundet schließlich jedes Unterkapitel ab. Leider versäumt es die Autorin hier, auf ihre Kartierungsprinzipien einzugehen, denn es erschließt sich m. E. nicht, wieso sie weitgehend nur einen Signaturtyp verwendet. Die optische Differenzierung fällt bei manchen Karten etwas schwer, hier hätte sich durchaus eine Kartierung angeboten, die die areale Verteilung der Varianten besser sichtbar gemacht hätte. Etwas verwirrend ist zudem, dass teilweise von Karte zu Karte eine andere Signatur für die gleiche mundartliche Realisierung genommen wird (vgl. hierzu die Abb. 5.17–5.18 oder 5.90–5.91). Diese kritischen Anmerkungen schmälern jedoch nicht die Leistung dieser Feinanalyse: 1) Ermittelt werden sowohl horizontale (Aufgabe bzw. Abnahme dialektaler Reliktformen) als auch vertikale Wandelerscheinungen (Bildung lautlicher Kompromissformen, Zunahme regionalsprachlicher Varianten in den beiden jüngeren Korpora). 2) Die Isoglossen, die sowohl zwischen dem uofrk. und oofrk. Untersuchungsgebiet als auch innerhalb des Itzgründischen festgestellt werden, sind keine neuen Isoglossen, da sie bereits in den älteren Korpora „vor der politischen Grenzziehung und der Isolation der beiden Räume“ (S. 375) beschrieben werden. 3) Auf horizontaler Ebene ist demnach der itzgründische Dialektraum homogen geblieben.

Diese Feststellungen liefern zugleich die Antwort auf die Frage, mit der Sauer ihre abschließende Synthese (Kap. 6) einleitet. Auch in der Wahrnehmung ist das Itzgründische homogen, da die GPn nicht nur über einen gemeinsamen Identifikationsraum verfügen, sondern sich auch in ihrer Sprechweise nicht wahrnehmbar unterscheiden. Die Wandelerscheinungen auf der vertikalen Ebene gehen wohl einher mit der größeren Verbreitung der Massenmedien sowie mit veränderten Lebensformen in der jüngeren Generation.

Als Resümee lässt sich festhalten, dass es sich um eine äußerst gelungene wissenschaftliche Studie mit einer Fülle von detaillierten Erkenntnissen zum Dialekt im Itzgründischen handelt. Sie überzeugt durch ihre theoretische und methodische Reflexion, die sich durch alle Kapitel zieht, durch ihre philologische Genauigkeit, zu der auch die Transparenz ihrer Analysen zählt, sowie durch ihre Methodenvielfalt und den souveränen Umgang mit einer breiten Datenbasis. Sauer beweist mit ihrer Untersuchung, dass aussagekräftige Ergebnisse nur anhand von unterschiedlichen Perspektiven auf den Untersuchungsgegenstand zu erreichen sind. Dieses zielführende Verfahren hat somit Vorbildcharakter für zukünftige Forschungsarbeiten, die sich mit der Dialektentwicklung in Grenzräumen beschäftigen. Dass diese Vorgehensweise bereits auf ertragreichen Boden gefallen ist, belegt der 2019 von ihr mitherausgegebene Sammelband Politische Grenzen – Sprachliche Grenzen?. Zudem ist Verena Sauer die Preisträgerin des Peter von Polenz-Preises 2019 der Gesellschaft für germanistische Sprachgeschichte, die damit ihre Dissertation, die sich mit der jüngeren Sprachgeschichte befasst, als bedeutsamen und wichtigen „Beitrag zu der aktuellen Diskussion über die Entwicklung von Sprachen und Dialekten in Grenzräumen“[2] würdigt.

Literatur

Anders, Christina Ada. 2010. Wahrnehmungsdialektologie. Das Obersächsische im Alltagsverständnis von Laien. Berlin, New York: De Gruyter. Search in Google Scholar

Fritz-Scheuplein, Monika. 2001. Geteilter Dialekt? Untersuchungen zur gegenwärtigen Dialekt-situation im ehemaligen deutsch-deutschen Grenzgebiet. Heidelberg: Winter. Search in Google Scholar

Harnisch, Rüdiger. 2015. Untersuchungen zur Sprachsituation im thüringisch-bayerischen Grenzgebiet (SPRIG). In: Roland Kehrein, Alfred Lameli & Stefan Rabanus (Hg.). Regionale Variation des Deutschen. Projekte und Perspektiven. Berlin, Boston: De Gruyter, 219–240. Search in Google Scholar

Lösch, Wolfgang. 2000. Zur Dialektsituation im Grenzraum zwischen Südthüringen und Nordbayern. In: Dieter Stellmacher (Hg.). Dialektologie zwischen Tradition und Neuansätzen. Beiträge der Internationalen Dialektologentagung Göttingen 19.-21. Oktober 1998. Stuttgart: Steiner, 156–165. Search in Google Scholar

Palliwoda, Nicole. 2014. Sprachraum Grenze: ‚Das Ende der Ossis‘? Das Konzept Mauer in den Köpfen. In: Rudolf Bühler, Rebekka Bürkle & Nina Kim Leonhardt (Hg.). Sprachkultur – Regionalkultur. Neue Felder kulturwissenschaftlicher Forschung. Tübingen: Tübinger Vereinigung für Volkskunde, 71–95. Search in Google Scholar

Palliwoda, Nicole, Verena Sauer & Stephanie Sauermilch (Hg.). 2019. Politische Grenzen – Sprachliche Grenzen? Dialektgeographische und wahrnehmungsdialektologische Perspektiven im deutschsprachigen Raum. Berlin/Boston: De Gruyter. Search in Google Scholar

Sauermilch, Stephanie. 2016. Die gegenwärtige Sprachsituation an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze am Beispiel des Ostfälischen. In: Helmut Spiekermann et al. (Hg.). Niederdeutsch. Grenzen, Strukturen, Variation. Wien u. a.: Böhlau, 123–149. Search in Google Scholar

Online erschienen: 2020-10-29
Erschienen im Druck: 2020-12-01

© 2020 Monika Fritz-Scheuplein, publiziert von Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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